Ein Datum markiert das Ende der transatlantischen Idee

Jesus Christus ist in erster Linie ein Glaubensbekenntnis – die Frage ob Jesus tatsächlich lebte, stellt sich erst danach, man kann an seine Existenz glauben oder auch nicht. Die abendländische Zeit rechnet sich jedenfalls in Jahren nach Christus. Immer wieder wird, wohl eher provokativ als ernsthaft gefordert, dass der 11. September 2001 die Grundlage für eine neue Zeitrechnung bilden sollte, weil die Anschläge angeblich ein historisch einschneidendes Ereignis waren… mir fallen da wesentlich bedeutsamere geschichtliche Daten ein, doch darum geht es hier nicht. Der 11. September 2001 wurde zu einem zentralen Datum der Gegenwart.

Die offizielle Darstellung der Anschläge vom 11. September 2001 ist jedoch eine große Lüge – es gibt daran leider keine Zweifel mehr, und diese einfache Feststellung lässt sich treffen, ohne dass man einer der Verschwörungstheorien über 9/11 anhängt. Was immer an diesem Tag geschah, es war in Wirklichkeit ganz anders. Vor allem waren die Gründe für die Anschläge andere: Es fand an diesem Herbsttag des Jahres 2001 kein terroristisch ultrabrutal komprimierter Angriff islamischer Extremisten gegen den Westen statt.

Wochenlang, sogar monatelang könnte man sich mit den verschiedenen Deutungen zu 9/11 befassen. Es entstanden ernst zu nehmende Film-Dokumentationen, zum Beispiel von Gerhard Wisnewski, es wurden seriöse Bücher zu dem Thema geschrieben, von Eric Laurent, Mathias Bröckers, Andreas Hauß, Michael Moore, Jesse Ventura & Co, Paul Schreyer, Bernd Greiner usw. – meistens werden dort sensationsheischende und marktschreierische Töne vermieden, man ergeht sich nicht in wilden Spekulationen, sondern bleibt vorwiegend sachlich. Das ist das Gute, und das ist gleichzeitig das Schlimme. Denn je mehr man liest, je tiefer man in die Details einsteigt, je mehr Informationen sich im Kopf ansammeln, je mehr man sorgfältig abwägt – desto unerbittlicher tritt die Wahrheit zu Tage.

Wie aber lautet diese Wahrheit, selbst wenn man sie vorsichtig ausdrückt? Die USA waren in die Terroranschläge vom 11. September 2001 irgendwie tätig involviert. Die Vereinigten Staaten steckten zumindest teilverantwortlich und deshalb schuldhaft mit hinter diesem ungeheuerlichen Verbrechen in ihrem eigenen Land. Das ist für mich ein deprimierender Befund, ich habe mir gewiss nicht gewünscht, dass er sich ergibt. Bei mir stellt sich gar keine Genugtuung ein und auch keine Abscheu… doch eine maßlose Enttäuschung, ein Gefühl von umfassender Hilflosigkeit. Denn mir wurde anerzogen, Amerika zu bewundern. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in meiner späten Jugend habe ich diese Bewunderung auch gelebt und erlebt – eine meiner ersten längeren Reisen führte mich als junger Mensch in dieses großartige Land, ich werde sie nicht vergessen, ich war baff, ich war fasziniert, von den Leuten, von der Landschaft, von den scheinbar unkomplizierten Lebensumständen dort. Mit der Zeit litten diese ersten Eindrücke allerdings, und an ihre Stelle traten weniger positive Beobachtungen.

Inzwischen haben sich schlagwortartig drei Haupttheorien zu den Ereignissen am 11. September 2001 herausgebildet, die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen: Erstens die „Surprise-Theorie“ („Die amerikanische Regierung wurde von Anschlägen Bin Ladens überrascht“), zweitens die „LIHOP-Theorie („Let it happen on purpose“ – in etwa: „Es ist für uns ok, wenn es passiert“ oder „Wir lassen es wissend passieren“) und drittens die „MIHOP-Theorie“ („Make it happen on purpose“ – in etwa: „Wir haben die Anschläge absichtlich herbeigeführt“). Die dritte Theorie kommt einem monströsen Vorwurf gleich – wenn sie sich irgendwann bewahrheiten sollte, wenn es, wie übrigens sogar viele Amerikaner befürchten, ein reiner Inside-Job war, dann wäre das der moralische Ruin für die USA, es wäre eine irreparable Katastrophe.

Doch bereits der anhaltende, tief suspekte Status quo fast 13 Jahre nach 9/11 ist unerträglich. Die Amerikaner sollen sich nicht täuschen, man registriert diesen Status quo gerade in Europa nicht nur sehr genau, sondern zusätzlich beginnt sich auch eine Eigendynamik zu entwickeln, die auf Dauer nicht unterdrückt werden kann – und seien auch die Medien noch so gleichgeschaltet. Die Europäer wollen wissen, was am 11. September 2001 tatsächlich geschah. Eine seriöse und umfassende Untersuchung der Anschläge steht bis heute aus – der 9/11-Commission-Report von 2004 kam nicht unabhängig zustande, er ist nicht viel mehr als eine Farce, er wirkt streckenweise wie eine Ansammlung mehr oder weniger plumper Ausreden. Mit diesem Papierwust kann Amerika die Welt nicht von seiner Ehrbarkeit überzeugen, das kann nur eine vollkommen unabhängige Untersuchungskommission leisten, der alle wichtigen Dokumente zur Verfügung gestellt werden.

Ein suspekter 9/11-Status-quo also… bloß wie geht eigentlich das offzielle Europa damit um und konkret, wie verhalten sich das politische und das mediale Deutschland dazu? Deutschland wäre mit der Beteiligung am Afghanistan-Krieg von den Vereinigten Staaten böse hinters Licht geführt worden, wenn die Anschläge nicht von Al-Qaida ausgeführt und geplant wurden. Wäre das nicht ein schlimmer Vertrauensbruch gewesen, einen engen Verbündeten durch Lügen in diesen fernen Krieg am Ende der Welt hinein zu ziehen? Ja, es hätte den Vertrauensbruch bewiesen, sogar Verrat in dem Wissen, dass für militärische Aktivitäten Deutschlands besondere Hürden bestehen – und deshalb wäre es ein Grund, diese Freundschaft zumindest auf Eis zu legen. So kann es zwischen Nordamerika und Europa nicht weitergehen, das wissen alle, aber nur wenige wagen es auszusprechen. Man mache sich nichts vor: Im Grunde ist seit 9/11 die transatlantische Idee gestorben.

Der Fluch des Sizilianers

– eine kleine Schach-Story

Was bilden sich manche Menschen ein? Sie können etwas, sie beherrschen ein Teilgebiet einigermaßen, meistens nur den Teil eines Teilgebietes, und sie halten sich für großartig. In José rumort Wut, er ist zornig… weniger darüber dass er schon wieder die Abfahrt verpasst hat. Der Bentley rollt ungehindert aus, er wird nicht gebremst, José schaut interessiert voraus auf die leere Straße, die sich schnurgerade durch den Dschungel schneidet, er fragt sich, wo der Wagen zum Stehen kommen wird. Hier also schon, er hat sich verschätzt, ein schwerer Bentley rollt nicht weit, nicht auf diesem groben Asphalt. Plötzlich erscheint ihm alles zu grob auf dieser Insel, auch die Menschen, sie haben zwar Lebensart, eine schlichte, sie leben unbeschwert in den Tag, doch ihnen fehlt die Empfindsamkeit, sie kennen keine Rücksichtnahme – und Donatus Sarmand, den er gerade besuchen will, ist besonders rücksichtslos, ein Ignorant von der schlimmsten Sorte.

Stille, nichts, nicht einmal Vogelgezwitscher. José hat das Seitenfenster heruntergefahren, die Hitze schlägt ihm in einem Schwall entgegen, das grelle Sonnenlicht wird nicht mehr von der getönten Scheibe abgehalten. Zu heiß, zu hell – mit einem Knopfdruck verabschiedet sich die Außenwelt, die Klimaanlage arbeitet effektiv. Er wendet. Unglaublich, es gibt nur ein paar Straßen auf der Insel, aber er fährt fast jedes Mal an dieser Abfahrt vorbei. Die Abfahrt kommt nun wieder in Sicht, vorne links wird das verrostete Schild erkennbar, es steht schräg, ein Auto muss es irgendwann gerammt haben – „Verdura Biológica“ – lachhaft. Bei Donatus kann man nicht einmal eine Gurke kaufen, die Tomaten sind verwildert, die Mangos lässt er einfach an den Bäumen hängen. Mit Donatus ist nichts anzufangen, man kann ihn vergessen. Beim Einbiegen auf den Schotterweg wird José zum ersten Mal bewusst, warum er so oft diese Abfahrt verpasst: Es ist ein merkwürdiges Unbehagen, wenn nicht sogar Angst.

Donatus Sarmand ist Anfang fünfzig, sie sind ungefähr im gleichen Alter, er sitzt draußen, er sitzt meistens draußen, wie gewöhnlich vom Meer abgewendet, doch nur so weit, dass er es mit einem Seitenblick erfassen kann. Er bildet sich ein, krank zu werden, wenn er zu lange auf das Meer schaut.
„Na, was machst du?“
„Ich sitze hier.“ José nickt ergeben, er hat keine andere Antwort erwartet, es ist jedes Mal die gleiche, sie begrüßen sich immer so. Er setzt sich auch hin, auf den klapprigen Stuhl, vor den klapprigen Holztisch.
„Ohne mich würdest du verhungern, Don.“
Señor José Enrique de Manon, Besitzer mehrerer Plantagen und reichster Mann der Insel, fördert aus einer Plastiktüte Esswaren zutage – salzige Kekse, schwarze Bohnen in Dosen, Möhren und eine Räucherwurst, die verschrumpelt aussieht. Er packt alles auf den Tisch.
„Auf dieser Insel muss niemand hungern“, erklärt Donatus feierlich, „sie ist reich gesegnet, mit Früchten auf dem Land und mit Fischen im Meer.“
„Dann geh angeln.“
„Du kannst mich nicht beeindrucken mit deinen Salzkeksen.“

Sie sitzen eine Zeitlang da und schweigen. José redet gern, nur hier nicht. Donatus lähmt sein Bedürfnis, sich über die Sprache auszutauschen. Auch ihre Blicke treffen sich nicht. Trotzdem, etwas geht vor zwischen ihnen, fühlbar, eindringlich. Jeder laute Satz würde ihre stumme Zwiesprache über das nicht Greifbare zunichte machen. Manchmal möchte José wissen, was ihn mehr hierher zieht, diese besondere Stille oder das Spiel.

Die Ruhe findet jäh ihr Ende, Donatus fängt an zu essen. Der hagere Mann mit dem fast hüftlangen grauen Haarschopf vertilgt mechanisch eine ganze Packung dieser billigen Kekse, sie zerkrachen zwischen seinen Zähnen, er zerstört sie regelrecht, und in den Pausen spuckt er aus, er prustet, unzählige Krümel werden durch die Luft katapultiert. José ist mit seinem Stuhl weiter weg gerückt, er weiß, dass gleich die Beschwerden über die Kekse kommen werden – doch wenn er ohne sie erscheint, dann ist Donatus beleidigt.
„Diese Kekse sind eine Strafe“, krächzt Donatus, „sie bringen mich um, man erstickt an dem Zeug.“
„Trink Wasser dazu.“ Sinnlos, José hat ihm diesen Ratschlag schon so oft gegeben.

Heute ist es nicht wie sonst, heute ist es anders… auf sein Gespür kann sich José verlassen. Donatus war kurz im Haus, nun kehrt er zurück, ein Tablett in den Händen, mit zwei Gläsern, mit einem Krug Eiswasser und mit der Flasche Rum. Er gießt ein, er serviert, ein großzügiges Zeichen seiner Gastfreundschaft. Nur wenige Besucher kommen in diesen Genuss, wozu aus Josés Sicht anzumerken wäre, dass sich sowieso nur sehr wenige Menschen hierher verirren – wenn man es genau nimmt, eigentlich gar keine außer ihm. Die Flasche Rum gehört dazu, obwohl sie zumeist unberührt bleibt.
„Du sieht schlecht aus, José.“
„Ich weiß.“
„Laufen die Geschäfte nicht?“
„Seit wann interessieren dich meine Geschäfte? Wollen wir eine Zigarre rauchen?“
„Ja.“
„Es sind klasse Zigarren, eine neue Entdeckung, ein Schatz. Ich hab dir sechs Stück mitgebracht, damit du etwas Vernünftiges zu rauchen hast.“
Donatus bedankt sich nie, aber er kann, so wie er es eben getan hat, seine Augenbrauen auf diese unnachahmliche Weise hochziehen, die man als Dank deuten kann.
„Du bist blass“, sagt Donatus. „Du brauchst Farbe, wir trinken einen Rum, ausnahmsweise. Ich hole noch zwei Gläser.“
„Und du solltest dich rasieren. Du siehst aus wie ein Penner.“
José blickt ihm auf dem Weg ins Haus hinterher – ein kümmerliches Häuschen, einsam über dem Meer gelegen, es gibt Strom, doch keinen Wasseranschluss, eine massive Hütte, drei kleine Räume und ein Miniaturbad, das von einer Zisterne mit Wasser versorgt wird. Im Verhältnis dazu ist die Terrasse geradezu weitläufig, hier hält sich Donatus die meiste Zeit auf, hier lebt er vor sich hin, hier träumt er vor sich hin, im Schatten der Bäume, in seinem geliebten Halbschatten unter den aufgespannten Tuchbahnen, die ihm der Wind in den Nächten immer wieder zerfetzt.

Sie trinken bedächtig ein gut gefülltes Glas Rum ohne alles, wieder wortlos, es ist ein exklusiver Rum, auch pur mild und aromatisch, er stammt von einer Nachbarinsel, und natürlich hat ihn José spendiert.
„Wirklich, dein Rum und diese Zigarre, das schmeckt mir“, sagt Donatus unerwartet, dann, noch unerwarteter, lächelt er plötzlich. „Ich hörte, dass dir ein besonderer Gast abhanden gekommen ist.“
José muss erst den Schock verarbeiten, fast hätte er sein Glas fallengelassen. „Von wem hast du das gehört, Don?“
„Ich war vor ein paar Tagen in der Stadt, um neues Tuch zu kaufen, weißt du. Miguel hat mich im Lastwagen mitgenommen… aber ich habe es nicht von Miguel, eine alte Marktfrau hat mir davon erzählt, ich kenne sie nicht.“
Die Insel ist klein. José hat viele Bedienstete, es hat keinen Zweck, weiter nachzuforschen. „Du hast das Geld für den Tuchballen anschreiben lassen.“
„Woher weißt du das?“
„Die Rechnung ist bei mir gelandet.“
Donatus Sarmand schweigt. Es wird Zeit, wieder zu schweigen.

Nach etwa zehn Minuten Stille möchte José noch ein Glas Rum. Er will sich den Rum nicht selbst einschenken, er fordert seinen Gastgeber auf, ihm diesen Dienst zu erweisen, in seiner Stimme schwingt ein gewisser Unterton mit, nicht drohend, aber befremdlich. Donatus Sarmand ist alles andere als ein furchtsamer Mensch, er hat sich das Fürchten abgewöhnt, sonst wäre er niemals zur Ruhe gekommen – er weiß, dass die Furcht überall grassiert, weil sich das Böse von ihr ernährt. José wird seinen Rum von ihm bekommen, er greift gelassen zur Flasche, gießt beide Gläser wieder voll, dann betrachtet er nachdenklich die Flasche – vielleicht noch ein Drittel übrig.
„Wir trinken sonst nicht“, sagt Donatus, etwas betroffen.
„Wir spielen gewöhnlich Schach.“
„Ja.“
José hat einen Schluck Rum genommen, er kommt wie aus heiterem Himmel in Rage und schnauzt Donatus an: „Seit Jahren quälst du mich mit dem Sizilianer! Dabei weißt du genau, dass mir diese Eröffnung nicht liegt.“
„Dann fang doch mit d4 an – mit d4 kriegst du nie den Sizilianer aufs Brett, das hab ich dir schon tausend Mal gesagt.“
„Ich bin eben ein e4-Spieler, seit meiner Kindheit, von Jugend auf.“ Josés Miene hat sich verdüstert, in seinem Blick widerspiegelt sich eine Mischung aus Entschlossenheit und Verzweiflung.

Das Schweigen hält nicht mehr, es liegt zu viel Spannung in der Luft, und der Rum lässt sie noch ansteigen. Donatus Sarmand wird sich zurückhalten, das steht fest. José darf auf keinen Fall auch nur eine Ahnung davon bekommen, wie er über die Veränderungen bei ihm denkt, das wäre gefährlich. Geld macht nicht glücklich, da sieht man es wieder: Señor José Enrique de Manon hat herumtelefoniert und sich einfach einen Spezialisten für Sizilianisch auf die Insel bestellt, wahrscheinlich gegen ein Honorar von zigtausenden Dollars.
„Wer ist es? Sag schon, Jose! – ist es Harry Kaspovitch oder Markus Claussen? Ich tippe auf Kaspovitch, der passt vom Alter her besser zu dir.“
„Don, du hast keine Ahnung, wieviel ein Coaching von Spitzenspielern heutzutage kostet. Ich behalte das besser für mich… stimmt, das würde dich nur unnötig irritieren. Aber ich verrate dir, wer es ist – Vlastomil Krumnich! Was sagst du nun?“
„Vlastomil Krumnich? Donnerwetter! Mein lieber Mann, da hast du ja voll zugeschlagen, Krumnich gehört zur absoluten Weltspitze.“
Josés Augen leuchten, er kann seinen Stolz nicht verbergen, er will es auch gar nicht.

Der Rum hat sich verflüchtigt. José musste das opulent bestückte Barfach in seinem Bentley aufsuchen, um für Nachschub zu sorgen. Nun steht eine neue, fast volle Flasche Rum auf dem Tisch, natürlich ebenfalls vom Feinsten.
„Und wo ist Krumnich jetzt?“, fragt Donatus. „Ich würde ihn, äh… auch gern kennenlernen, eine Sensation. Ist er schon wieder abgereist?“
„Nein, er ist weg, das ist es ja, einfach weg, vier Tage schon, wie vom Erdboden verschluckt – und das auf dieser kleinen Insel.“ José mustert Donatus kritisch, und der bemerkt es.
„Bist du dir da sicher, ich meine als Schachspieler? Wahrscheinlich hatte er keine Lust mehr und hat sich heimlich aus dem Staub gemacht.“
„Als Schachspieler, Don? Bilde dir besser nichts Falsches ein. Alle seine Sachen liegen noch im Gästehaus, seine Papiere sind noch da, Pass, Kreditkarten, alles – kannst du mir das erklären?“
„Nein. Was sagt denn die Polizei?“
„Die Polizei? Eine Handvoll Beamte mit Bauchansatz plus Sekretärin, die Polizei hat keinen blassen Schimmer.“
„Wie lange ist Krumnich überhaupt schon auf der Insel?“
„Seit neun Tagen. Normalerweise wäre er übermorgen geflogen. Meine beiden Piloten wussten über den Termin Bescheid.“
„Vielleicht hat er sich verliebt“, spekuliert Donatus. „Hier gibt es sehr schöne Frauen.“
„Unsinn, da ist etwas faul, da ist… etwas passiert.“ José stockt beim Sprechen, seine Stimme wird langsam immer schwerer. „Etwas Schlimmes ist passiert… vielleicht.“

Sie belauern sich. Der Rum in ihren Köpfen hat eine unangenehme Stimmung entstehen lassen. José fragt sich, warum er nicht schon lange angerufen hat, damit ihn jemand abholt und nach Hause fährt – er ahnt, dass ihm Donatus Sarmand etwas vorenthält, das er unbedingt wissen muss.
„Der findet sich wieder an, José – da kannst du ganz beruhigt sein. Ein Schachgroßmeister verschwindet nicht einfach so, das widerspricht diametral seinen Eigenschaften. Sag mal, wie lief das überhaupt so mit dem Coachen?“
„c3“, sagt José tonlos.
„Alapin, klar – ist doch nicht schlecht als Gegenmittel, wenn man sich nicht auf den Sizilianer einlassen will.“
„c3.“ José wiederholt sich. Plötzlich steht er mit einem Ruck auf und wird laut, sehr laut. „Immer wieder zweiter Zug c3, ich kann es nicht mehr hören! Dieser Vlastomil Krumnich wollte mich nicht coachen, er wollte mich fertigmachen, dieser komische Kerl. Und den Namen Alapin kann ich auch nicht mehr hören – jetzt kommst selbst du mir noch damit an. Simon Sinowjewitsch Alapin, Simon Sinowjewitsch Alapin, Simon Sinowjewitsch Alapin… ah, ich halte das alles nicht mehr aus!“
„Was ist denn los mit dir, José? Willst du dich nicht ein bisschen hinlegen?“

José läuft auf der Terrasse auf und ab, mit großen, weit ausholenden Schritten – dass sein Freund einen gehetzten Eindruck macht, wäre glatt untertrieben, konstatiert Donatus und richtet sich innerlich auf den nächsten Anfall ein.
„Nein, ich will mich nicht hinlegen, schon gar nicht in deiner verkommenen Bruchbude, wo die fetten Kakerlaken ihre Parties feiern. Wollen doch mal sehen, was du so drauf hast… die Rozentalis-Empfehlung? Also bitte!“
„Die was?“
„Die Rozentalis-Empfehlung!“, schreit José, „sechstens c4, schwarze Dame d8, dann siebtens Bauer d5, schwarzer Springer h6 – das Nevednichy-Konzept, verstanden?“
„Nein“, antwortet Donatus wahrheitsgemäß, „keine Ahnung, nie davon gehört, aber… aber reg dich doch nicht so auf José, das ist nicht gut für deine Gesundheit.“
„Der Sizilianer ist nicht gut für meine Gesundheit, er macht mich fertig, seit Jahren. Und wer wüsste das schon besser als du? Du hast die Schuld… und Sweschnikow, Kalaschnikow, Taimanow, und wie diese Banditen alle heißen.“
„Du hast das niederländische Seebad Scheveningen vergessen…“
„Wieso Seebad?“, unterbricht ihn José, „Scheveningen – d6, e6 – der Ur-Sizilianer.“
„Scheveningen ist ein Seebad an der Nordsee, mit einem monumentalen Kurhaus, eine Augenweide, es steht unter Denkmalschutz, du solltest es dir mal ansehen – abgesehen davon hast du auch noch die Drachen vergessen, Najdorf und noch einige andere. Allein Najdorf stellt ein Universum für sich dar, das sagt man jedenfalls.“

„Ach, Don – man sagt vieles, wenn der Tag lang ist.“ José hat sich hingesetzt, er beruhigt sich allmählich wieder. „Meine geschiedene Frau hat mir früher einmal ein Werk über die französische Verteidigung geschenkt, zum Geburtstag. Solche maliziösen Geschenke waren typisch für sie, drei Bände, zweitausend Seiten… wer soll das lesen, frage ich dich, wer soll alles das in seinem Kopf behalten, was allein in diesen drei Büchern steht? Die Maschinen sind dabei, die Menschen im Schach endgültig zu überholen. Die Menschen gehen unter im Daten-Tsunami. Noch mokieren sich die Großmeister über Fritz und Houdini, aber das sind die wahren Zauberer der Zukunft. Die Großmeister haben ihre Meister im Cyber-Nirwana gefunden, sie wollen es bloß noch nicht zugeben. Wo bleibt dann das Selbstwertgefühl, wo bleibt der Stolz? Kann man sich auf Dauer damit rühmen, fast so perfekt wie eine Maschine zu funktionieren?“

„Ja, damit kann man sich rühmen“, bemerkt Donatus trocken, „und die Großmeister tun es auch, zu Recht. Was fasziniert dich übrigens so an Französisch? – es ist für mich fast wie ein kompliziertes Ritual, eine Art Umkreisungssystem, alles kreist um d4, der f6-Vorstoß steht im Raum, Schwarz werkelt am Damenflügel, und Weiß lauert ständig auf einen Überfall am Königsflügel, irgendwie immer wieder ähnlich.“
„So einfach ist das nicht, das weißt du selbst am besten… oder auch nicht, denn du vergötterst ja den Sizilianer.“
Donatus nickt, dann sagt er: „Vergessen wir mal die Eröffnungen. Überragende Schachspieler sind keine Rechenmaschinen, keine Gedächtnismeister, keine wandelnden Festplatten und Fotoapparate, sie sind auch nicht alles das zusammen, obwohl es in dieser Kombination schon sehr, sehr viel wäre – überragende Spieler fühlen, sie haben Intuition, zum Beispiel intuitives Stellungsverständnis, also ein im Kern irrationales, das kein Schachcomputer jemals haben wird.“
„Und daran glaubst du, Don?“
„Was glaubst du denn, José? Dass Houdini bald Gefühl für einen Tempo-Zug entwickelt?“
„Ich weiß es wirklich nicht, aber vorstellbar wäre es. Mit Algorithmen kenne ich mich nicht aus, vieleicht schlummern wunderbare Eigenschaften in ihnen, die man noch nicht kennt. Houdini und Fritz sind mächtige Computerprogramme, keine Zauberer – es sind Ungeheuer. Für mich ist eines klar: Die Menschen können erst wieder befreit gegeneinander Schach spielen, wenn sie sich wieder auf sich selbst konzentrieren und wenn sie diese Ungeheuer aus dem Schach verjagen, sonst werden sie zu Schach-Kastraten. Dann hat dieses schöne Spiel keine Zukunft.“

Das Schweigen ist wieder harmonisch geworden.
„Wir trinken gar keinen Rum mehr“, sagt Donatus. „Magst du nicht mehr?“
„Hmh… doch.“ José schaut Donatus lange prüfend an. „Ich möchte weiter Rum trinken, aber nur, wenn du mir eine Frage ehrlich beantwortest.“
„Mach ich, José – welche Frage?“
„Warum hast du kein drittes Glas mitgebracht?“
Donatus Sarmand ist rot geworden, das hat José bei ihm noch nie erlebt.
„Weil er unten am Meer angelt – er angelt, er macht das, was du mir vorhin vorgeschlagen hast. Er angelt ununterbrochen, seit drei Tagen, stundenlang, von morgens bis abends.“
„Ich hätte dich nicht erwähnen sollen, Don, ich hätte ihm deinen Namen nicht sagen dürfen… schenk uns noch einen ordentlichen Rum ein.“
„Ok. Weißt du, warum er verschwunden ist?“
„Lass das, ich kann es mir denken.“ Josè nimmt das Glas entgegen und trinkt es in einem Zug leer.
„Nein, ich lasse es nicht. Er ist vor dir geflohen, José.“
„Das ganze Geld kann er behalten, er hat es sich verdient.“

„Komm mal mit!“
José wankt benebelt hinter Donatus her.
Schon nach kurzer Zeit erreichen sie die Abbruchkante des Felsgesteins – sie haben Glück, die Farben am Himmeln beginnen zu wuchern, vor ihnen sinkt die Sonne majestätisch ins Meer, nur für Schachspieler hebt sich der Horizont. Donatus zeigt mit dem Finger nach unten, auf eine bestimmte Stelle: „Siehst du das Strichmännchen da?“
„Ja“, bestätigt José. „Es ist Vlastomil Krumnich, nicht wahr?“
„Richtig.“
„Sag mal, Don… hab ihr überhaupt schon gegeneinander gespielt?“
„Nein, noch nicht ein einziges Mal. Ich hätte sowieso keine Chance gegen ihn, es wäre ein Mismatch. Wir haben uns unterhalten, auch über Schach, aber nicht nur über Schach – auch über dich zum Beispiel. Danach hat er sich gleich hingelegt, in dem kleinen Zimmer, wo nur die eine Matraze liegt, ich hab ja nur das als Besucherzimmer. Am nächsten Morgen hat er sich die beiden Angeln geschnappt und war weg.“
„Fängt er denn auch etwas?“
„Er sagt, dass er schon 14 große Fische gefangen hat – er wirft sie ins Meer zurück.“
„Vlastomil Krumnich muss ein glücklicher Mann sein.“ José Enrique de Manon schaut weit hinaus, er wird hier warten, bis die Sonne im Meer versunken ist. Vielleicht möchte er dann noch mit dem Schachgroßmeister einen Rum trinken.

Gedankenlos

Ich habe mich ausgedacht, meine Gedanken verweigern sich, sie wollen nicht krank werden an mir, sie fliehen aus meinen Höhlen, streben ans Licht, wo sie sich von den dunklen Farben reinwaschen und nach Außenwelt duften, wo sie auf den Wind warten, der sie zu Leichtigkeit aufhebt, der sie mit sich nimmt auf seine Reise durch alle Fernen, der Flüchtigste der Flüchtigen wird sie zu einem Rauschen verwehen, wird mit ihnen vorwärts stürmen durch Wonnen und Wahn, sie werden Festes ins Wanken bringen, die Luft vibrieren lassen, das Unglaubliche wahr werden lassen. Doch ich misstraue dem Wind, er ist unstet, mal ein Wilder, mal ein Zauderer, aber immer ein Zauberer, der aus dem Nichts auftaucht, der nirgendwo wohnt, ein Heimatloser, rastlos, ziellos, ich habe ihm meine Gedanken nicht freiwillig anvertraut – wenn sie einfach verschwinden, dann gehören sie nicht zu mir, dann hat sie irgendwann der Wind des Lebens geschickt, ohne zu fragen, ohne dass ich es bemerkt hätte. Mein Inneres ist eine Besatzungszone, fremde Gedanken haben sich in mir eingenistet, ich kann sie nicht mehr von meinen eigenen unterscheiden – sobald sie mich wieder verlassen, reißen sie Stücke mit aus meiner Bewehrung gegen den Abgrund in mir, sie vergreifen sich an den Resten meiner Substanz, sie zerspellen meine Hirnhaut, sie durchlöchern meinen Schutzmantel, den ich mir vor der Welt übergeworfen habe. Ich bleibe zurück, atemlos, gedankenlos, bar jeder Überlegung, ich muss mich mit Reflexen begnügen, mit öden Regungen, die wie Schwaden im Kopf lasten und die sich doch nicht zu Gedanken formen wollen. Das ist meine Existenz, das ist mein Dasein, mit dem letzten Aufgebot an Ich, mit Persönlichkeitsfetzen und Bewusstseinskrücken versuche ich bei mir zu bleiben… doch es fällt mir so unendlich schwer, ich fühle, dass etwas mich holen will, zu sich holen.

Kontrolliertes Leben außer Kontrolle

– oder die Furcht vor einem überfälligen Anspruch

Wir leben ohne Ziel. Jeder einzelne darf in einer freizügigen Gesellschaft ohne Ziel leben – die Gemeinschaft darf es nicht. Von welcher Gemeinschaft ist die Rede? Von der Weltgemeinschaft. Am Beginn des 20. Jahrhundert war die Welt noch groß, zu groß, um als Einheit betrachtet zu werden, am Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Welt klein geworden, zu klein, um nicht als Einheit betrachtet zu werden. Im vorigen Jahrhundert haben sich nebeneinander gewaltige Entwicklungen und Fehlentwicklungen der Menschheit vollzogen, die in ihren Dimensionen bis heute noch nicht richtig wahrgenommen werden – es wird Zeit, die Perspektive den Realitäten anzupassen.

Wir leben ohne Ziel in einem Weltkollektiv, das diese Bezeichnung noch lange nicht verdient. In der Organisation der Vereinten Nationen multipliziert sich nicht die Kraft der 200 Staaten auf der Erde, weder repräsentativ noch operativ – die UN vermittelt jedoch vielen Menschen den Eindruck, dass ein kompetentes Welt-Leitgremium existieren würde, was in Wahrheit ein fataler Fehlschluss ist. Die Erde taumelt führungslos vor sich hin, und damit steigen die Gefahren für die Kollektivexistenz enorm an. Ohne ihre Auswirkungen zu untersuchen, wird die Globalisierung mit der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche nicht nur fortgesetzt, sondern sie wird sogar noch rücksichtslos ausgeweitet. Die eklatanten Widerspüche, die sich aus dem Durchpeitschen ergeben, ignoriert man einfach. Das alles ist hinreichend bekannt, wir wissen Bescheid über den gegebenen Handlungsdruck, wir sehen alles kommen: Deshalb bleibt in dieser Lage nichts anderes, als energisch eine Neuausrichtung unserer Lebensweise anzustreben, um die Menschheitsentwicklung auf der Erde für die nächsten Jahrhunderte zu stabilisieren.

Zwischen dem Erkenntnisstand zur Welt und der Bereitschaft, die Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen, klafft eine ungeheure Lücke – sie tut sich überall auf, bei der Überbevölkerung, bei der Klima-Problematik, bei der Umweltzerstörung, bei der Überbeanspruchung der Rohstoffreserven, beim Artensterben, bei der Zerstörung der Sozialsysteme und so auch jeden Tag bei der millionenfachen Entwürdigung des Menschen. Welches Ausmaß hat unsere Selbstverleugnung erreicht, dass wir diese unerträglichen Verhältnisse als normal akzeptieren? Ein erschreckendes Ausmaß, es ist eine Bankrotterklärung vor unseren tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten, korrigierend Einfluss zu nehmen.

Wo bleiben in dieser Bedrängnis die Wissenschaften? Was erforschen sie eigentlich, was bringen sie an Gutem für die Menschen hervor? Noch raffiniertere Tablets, noch effektiver genmanipulierte Pflanzen, noch intelligentere Drohnen, die die Menschen ausspionieren oder ihnen sogar den Tod bringen, noch bessere Möglichkeiten, das Lebensalter auf 100 Jahre hochzuschrauben bei Menschen, die sich dann meistens kaum noch als solche wahrnehmen können. Das sind trügerische Erfolge und fragliche Zielsetzungen, sofern man überhaupt noch von Zielen sprechen kann – alle Orientierung ist verlorengegangen, keiner weiß, wo es langgehen soll, niemand fragt mehr nach dem Sinn von Forschung. Die Unabhängigkeit, auf der die Wissenschaften immer so großtuerisch insistieren, ist zu einer traurigen Farce geworden, die Wissenschaften haben sich in eine emsige Ohmacht vor den vermeintlichen ökonomischen Sachzwängen verrannt oder sie pflegen in Nischen ihren Narzissmus – ausgerechnet die Wissenschaften, die viele Menschen mit Zukunftshoffnung und Fortschritt verknüpfen.

Wenn aber die Politik total versagt, wenn die Wissenschaften versagen, wenn sich das weltweit regierende Unternehmertum nicht endlich neue Standards und Kriterien ihres Wirtschaftens setzt – wie kann sich unter diesen Umständen dann überhaupt ein globales Gemeinschaftsbewusstsein herausbilden? Wie kann ein Führungskollektiv für die Erde entstehen, das wir so notwendig brauchen? Die Antwort ist eine düstere: Es gibt keine realistischen Chancen, man kann nur das herannahende Chaos erwarten und es in Gedanken zum Schlüssel für eine bessere Zukunft machen: Die große Destruktion wird zum brachialen Regulator des Weltgeschehens, die Auflösung der Ordnung wird zur Lösung, je stärker die Massenverlendung fortschreitet, je großflächiger sie um sich greift, desto näher rückt der Punkt, an dem schließlich die Katharsis einsetzen kann – und in diesem Prozess der Neufindung, der Neu-Erfindung einer menschengerechten Lebensgemeinschaft wird sich eine in ihren Intentionen gründlich revidierte Idee der Kontrolle als humanes Universalinstrumentarium durchsetzen. Doch bis dieses konstruktive Stadium erreicht ist, werden mindestens noch zwei, wenn nicht mehr Jahrhunderte vergehen. Ich denke, dass mit einer nachhaltigen Stabilisierung der Welt-Zivilisation erst gerechnet werden kann, wenn sich die zweite Hälfte des dritten Jahrtausends schon so langsam in den Blick schiebt, dann möglicherweise mit einer Weltbevölkerung, die wieder unter dem gegenwärtigen Niveau liegt, vielleicht bei fünf bis sechs Milliarden Menschen… aber es bleibt ein Rätselraten mit mehr oder minder großen Wahrscheinlichkeiten – denn zu verfahren ist die Lage, zu übermächtig erscheinen alle die Probleme, zu blind und zu unentschlossen die Entscheidungsträger in ihrer internationalen Desorganisiertheit.

Wie es nach dem massiven Einbruch in der Menschheitsgeschichte auf der Erde aussehen wird, darüber lässt sich nur spekulieren: Wahrscheinlich muss man mit einer kargen und in vieler Hinsicht verarmten Erde vorlieb nehmen, man wird mit allen Mitteln versuchen, zu retten, was noch retten ist, man wird die Luft atmen müssen, die geblieben ist, und man wird die Atmosphäre sich langsam wieder selbst regenerieren lassen durch Schonung der Natur – man wird sich von einer abgeklärten Sicht auf die Erde mit ihren Menschen leiten lassen, die uns heute exotisch vorkommt, ein ganz neues, ein jetzt noch utopisch anmutendes Weltbild wird sich durchsetzen und den Alltag wie selbstverständlich bestimmen. Das Leben wird im Vergleich zur Gegenwart fundamental anders aussehen. Unsere Vorstellungskraft reicht nicht aus, um uns heute ein Bild von dieser Existenz in der gar nicht allzu fernen Zukunft zu machen. Ich gehe davon aus, dass dann die tückische Faszination der Technik und der Naturwissenschaften zwar nicht ganz aus den Köpfen verschwunden sein wird, aber kaum noch eine Rolle spielt – die Technik und die heutzutage grotesk überbewertete elektronische Kommunikation wird man in Zukunft viel pragmatischer betrachten, beide werden strikt in den Dienst des Menschen gestellt, weil man mit ihren dämonischen Verselbständigungen bittere Erfahrungen gemacht hat, Ähnliches gilt für die Freiräume des Kapitals und des Marktes in der Zukunftsgesellschaft. Vorstellbar wäre auch, dass der Religiosität wieder mehr Bedeutung zukommt – der Glauben wird sich in anderen als den heute gängigen Ritualen erneuern, man wird sich dem für den Menschen schicksalhaften Phänomen der Transzendenz wieder bereitwillig öffnen und es nicht länger aus der Hilflosigkeit des materialistischen Denkens heraus verdrängen, der Glauben wird mit von der Historie entrümpelten Inhalten wieder zu den Menschen zurückkehren, die Menschen werden wieder glauben, möglicherweise intensiver als je zuvor, vielleicht bricht ein phantastisches Zeitalter der modernen Priester an.

Mit Kontrolle verbindet sich gegenwärtig fast automatisch das Gefühl von Gefahr, von Bedrohung, von Überwachung, von Fremdbestimmung und von deformierenden anonymen Zwängen, denen man nicht ausgesetzt sein will – doch dieses negative Bild von der Kontrolle wird sich allmählich in ein positives verwandeln, nämlich in dem Maße, in dem sie der Mensch wieder selbst übernimmt, um seine ureigenen Interessen zu wahren. Wir leben in einem Zustand weitgehend sinnloser und zielloser Kontrolle, uns kontrollieren technisch-paramenschlich organisierte Gebilde: die Regierungen, die Gesamtheit der großen Unternehmen sowie eine Vielzahl von halbstaatlichen und überstaatlichen Organisationen, die fast alle in ihren Zielsetzungen sehr undurchsichtig sind – hier wütet eine pervertierte Form von Kontrolle, von der sich die Menschheit befreien muss. Es ist der Ausfluss eines Ultilitarismus, der zu einem auf das vordergründig Sachdienliche reduzierten Zerrbild seiner selbst geworden ist, die Funktionalität des Seins hat sich vor seine Sinnhaftigkeit geschoben und beharrt auf ihrem Vorrang. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ja, tatsächlich, denn das Vertrauen in die Machtkonstellationen, in denen wir heute gefangen sind, ist erschüttert, wir müssen feststellen, dass sich diese Machtkonstellationen gegen uns richten – um diese Angriffe zu beenden, hilft nur eines: mehr Kontrolle, Gegenkontrolle.

Mit dem Klima sind wir durch

Ein Zusammenbruch muss nicht so spektakulär aussehen wie der des World Trade Centers in New York am 11. September 2001, ein Zusammenbruch kann auch schleichend erfolgen. Was waren das für Vorsätze vor 17 Jahren, als das berühmte Kyoto-Protokoll beschlossen wurde, als zum ersten Mal in der Geschichte eine Welt-Solidarität spürbar wurde Weiterlesen

Highway To Hell

„Wohin gehst du, Schocker?“
„In den Tod.“
„Dann bleibst du ja länger weg.“
Er presst die Lippen zusammen, er weiß was er von seiner Mutter geerbt hat, den Überbiss und das kalte Herz. Die Schlampe dreht nicht mal den Fernseher leiser.
„Ich komm nicht wieder, Ma, hast du das kapiert?“
„Mach keinen Ärger, Schocker!“, ruft sie laut, um das Gedudel aus dem Fernseher zu übertönen. „Willst du dich ausknipsen, oder was? Dann aber nicht hier – such dir dafür ’ne ruhige Gegend, fahr in die Mojave, da freuen sich die Geier.“
„Du wirst dich noch wundern, Ma.“
„Mach mir bloß keinen Ärger! Mit dir hatte ich immer nur Scherereien.“
„Ich werd ein paar Schweine mitnehmen.“ Schocker streichelt die Segeltuchtasche mit dem Sprengstoff-Gürtel, die Panzerfaust liegt im Pickup, abgedeckt hinter den Sitzen, die Pumpgun und die MP wird er gleich abholen.

„Wenn du es übertreibst, ruf ich die Cops an… man kann auch anständig in die Kiste springen.“
„Wie alt willst du werden, Ma? Im Himmel gibt’s kein Bier und kein Fernsehen.“
Gwenda Delaino stellt die Bierdose auf den Tisch und den Ton leiser, sie wirft die angerauchte Zigarette in den halbvollen Wassereimer, den sie gelegentlich auf der morschen Holzterrasse in den Garten ausschüttet, oder was sich so Garten nennt. Gwenda hat einen ausgeprägten Instinkt, in diesem Moment fühlt sie, dass sie sich in Acht nehmen muss. Schocker war eigentlich schon immer ein Idiot, genau wie sein Vater, doch seit dem Irak ist er unberechenbar geworden.
„Willst du deine eigene Mutter killen?“
„Du wirst uralt, Ma. Die Kippen werden dich killen, aber vorher verblödest du total, dann merkst du sowieso nichts mehr.“
Richtig beruhigt ist Gwenda nicht, dafür klingt ihre Stimme noch zu schrill. „Wen willst du denn mit hopsgehen lassen? Willst du das Veterans Department in die Luft jagen? Das ist ’ne Nummer zu groß für dich.“
„In die Luft jagen?“ Schocker wird hellhörig. „Wie kommst du denn darauf?“
„Was weiß ich… überleg dir das nochmal, du kriegst doch jetzt 61 Dollar mehr im Monat.“

61 Bucks mehr… und das Humpeln wird immer schlimmer. Granatsplitter, massive Einwirkungen, Ärztegelaber, fünf Mal haben sie Schocker am rechten Bein operiert, haben lange Nägel reingebohrt und die Knochenstücke verdrahtet – alles Krampf, es wird nicht wieder, ein Krüppel, er humpelt, er muss ständig Pillen einwerfen, sonst kommen die Schmerzen wie Faustschläge, manchmal braucht er sogar eine Spritze.

Auf dem Weg zu Louis denkt er wieder an das Dorf bei Fallūjah, jeden Tag muss er daran denken, an diese öde Gegend, an die Staubschwaden, an die Hitze, an das niedrige graue Haus, wo die Terroristen alle drin waren. Mochte ja keiner den Job machen, wegen der paar Kinder, da ist er eben allein hingerannt, hat alles was sich bewegte mit der MP abgeräumt, und als Ruhe war, da hat er noch zwei Handgranaten hinterher geschmissen, zur Sicherheit. Seitdem nannten sie ihn Schocker, den Spitznamen hat er weg, auch hier in der Heimat, auch seine versoffene Mutter hat ihn begeistert übernommen. Über acht Jahre ist das nun schon her. Doch die Bilder in seinem Kopf sind frisch, so als ob der Irak gestern gewesen wäre.

Louis ist nicht ganz dicht, dabei war er nur fünf Tage in Gefangenschaft, dann wurde er befreit, Schocker führte die Aktion an, und Schocker kam immer zur Sache, wenn’s hart auf hart ging. Das mit den Zigaretten, die sie auf seinen Oberschenkeln ausdrückten, hat Louis nicht richtig verkraftet, ein Finger ist auch weg – seitdem stottert er noch mehr als vorher, außerdem schreit er manchmal herum, ganz unerwartet, wie aus heiterem Himmel.
„D… di… dieses Mal machen wir’s aber, Scho… Schocker!“
„Wir fahren erstmal hin, die Lage peilen.“
„Is… is klar!“

Die MP haben sie eingeladen, die beiden Pumpguns sind griffbereit, die Revolver für den Notfall stecken im Gürtel. Ja, alles klar, wie immer, Schocker sieht im Rückspiegel wie Louis die Garagentür zumacht, er muss grinsen – er hat nicht mitgezählt, wie oft sie es schon versucht haben, sicher schon fünf oder sechs Mal oder sogar noch öfter. Sie werden wieder um den Block fahren, sie werden das Gebäude genau in Augenschein nehmen, und dann werden sie wieder einen neuen Grund finden, weshalb die Sache verschoben werden muss – letztes Mal wollte Louis plötzlich noch ins Kino, er wollte sich unbedingt vorher noch einen bestimmten Film angucken, Schocker hat den Titel vergessen.

Die Fahrt dauert eine Stunde, aber heute biegt Schocker nach etwa zehn Minuten rechts ab.
„W… was soll das?“, fragt Louis entgeistert. „Da geht’s nach Baker.“
„Ich weiß.“ Baker liegt in der Mojave-Wüste. Seine Mutter hat Recht, eine ruhige Gegend. Schocker fährte noch einige Meilen, bis sie mitten in der Wüste sind. Er hält er an. Es ist einsam hier, unendlich einsam, kein Auto zu sehen, ein leerer Highway, der im Nichts endet. Als er die Segeltuchtasche rausholt, treffen sich ihre Blicke. Keiner sagt etwas, auch Louis bleibt still, er würde sowieso keinen richtigen Satz herausbringen. Stattdessen hebt er nur kurz seine rechte Hand, wie zum Gruß, es ist die Hand ohne Ringfinger. Schocker grüßt zurück, dann dreht er sich abrupt um und geht los.

Louis wartet auf die Explosion, es dauert nicht lange.

Träum weiter, Baby

In Täschchen nach dem verlorenen Lächeln kramen
zwischen Eyelinern, Lipsticks, zwischen den Makeups
des Downgrades, Fältchen, trockne Haut, im Sinkflug
von Lockvögeln zu Lebensspenderinnen, Hangover
Spieglein, Spieglein an der Wand, wie gebannt auf die
Metamorphose starren, Marylin müde, Madonna murrt
You sexy thing, Göttinnendämmerung – Mamma mia!