Zustandsbeschreibung

Da leben wir
wo die Schreie unter den Geldscheinen ersticken
wo mit unschuldigen Kinderaugen kalkuliert wird
wo die Big Macs nach Leiche schmecken
wo das Blut aus den Doppel-Whoppern sickert
wo abgerissene Finger aus den Wraps ragen

Da vegetieren wir
wo wir uns selbst zum Geschmeiß machen
wo wir uns gleichzeitig vergöttern und vernichten
wo wir schulterzuckend Menschen foltern lassen
wo die Quäler mit einem Lächeln begrüßt werden
wo wir alle die wunderbaren Geschöpfe verachten

Da trauern wir
wo uns nichts mehr vor der Stille rettet
wo der Lärm in unseren Sehnsüchten erstirbt
wo wir in der kalten Wahrheit frieren
wo uns nur noch die eigenen Tränen wärmen
wo nichts mehr ist außer unserer nackten Seele

Da hoffen wir
wo der Trost nicht eingeübt klingt
wo man uns Würde gibt und nicht verabreicht
wo uns Güte nicht als Schwäche vergällt wird
wo wir wieder zärtlich sein dürfen
wo uns unverhofft Liebe begegnet

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So schön ist Deutschland

Deutschland, das sagten mir schon viele Deutsche, müsse entdeckt werden, es sei ein so schönes Land, dass man nicht ans Mittelmeer oder gar in die weite Welt reisen müsse, um einen wunderbaren Urlaub zu genießen. Obwohl ich mehr in die Ferne orientiert war, hatte mich die Häufung derartig gut gemeinter Ratschläge nachdenklich gemacht, ich nahm mir vor, zumindest gelegentlich tiefer in mein Land einzutauchen. Die ersten Wanderschuhe meines Lebens trugen mich durch den bayrischen Wald, doch stapfte ich eher ratlos durchs Gehölz, abends im Wirtshaus starrte ich ungläubig auf mächtige kalte Platten: Preßsack, Leberwurstkanten, Schinken, Mettwurst, Kopfsülze, Landjäger, gekrönt von finderdicken Käsescheiben – ich lustwandelte durch die mecklenburgische Seenplatte, sogar auf einem angemieteten Wohnschiff, Höchstgeschwindigkeit fünf Kilometer pro Stunde, ich angelte ebenso beharrlich wie erfolglos, ich gab mich der Beschaulichkeit hin, der Ruhe, und ich unterdrückte die Langeweile – nach Zahlung der Kurtaxe schlenderte ich auf der Deichkrone an den Nordseewellen entlang, dachte an den Blanken Hans, an Sturmfluten, an die Wikinger, an Seeräuber, während sich um mich herum das Ferienfamilienleben abspielte, man stritt sich um das Badehandtuch, die Frau hielt das Töchterchen ab und den durstigen Mann in Schach – ich unternahm eine Fahrt mit der Barkasse über den Königsee, was wegen der vielen begeisterten Fahrgäste aus Übersee zu einer Geduldsprobe ausartete – auf einen Geheimtipp hin erschnupperte ich die echte Ruhrpott-Atmosphäre in Essen, dort schließlich in einer Kneipe, wo mich freundliche Ruhrpöttler mit Altbier vollpumpten, so dass ich bis heute nicht weiß, wo ich die Nacht verbrachte.

Ja, dieses unentdeckte Deutschland lieben wir, diese Vielfalt, die Herzlichkeit der Menschen, sofern sie denn zum Vorschein kommt, die geordneten Kleinode der Natur, die aufgeräumten Räume, die Romantik gegen Gebühr, die Ruh über den Wipfeln, die Gemütlichkeit auf den Holzbänken. Doch dazwischen erstreckt sich das andere Deutschland, die Ödnis, die Hässlichkeit, die verschandelten, zumeist vermaisten und verwaisten Landschaften.

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Dieses Land hat in weiten Teilen auch den Charakter einer Tristesse, zumal optisch. Das Auge isst mit, sagt man, und das Auge inhaliert auch die Umgebung des Menschen. Wie stark die Umgebung das menschliche Wohlbefinden beeinflusst, darüber schweigt man sich in Deutschland lieber aus, das ist kein Thema, ich wüsste nicht, dass diese Problematik überhaupt schon einmal öffentlich diskutiert wurde. Die meisten Leute müssen in einer baulich und verkehrsmäßig fatal überstrukturierten Umwelt leben, in einer Welt, die ihre natürlichen Sinnesbedürfnisse verkümmern lässt. Der Urlaub im Engadin, die Ferien an einem einsamen schwedischen See, ein Strand einmal ganz für sich allein – das sind auch Fluchten vor der Betonwüste, vor den Agrarwüsten und vor massiv überstrapazierten Landschaften.

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Es gibt zu viele Menschen, und das Geld macht alles kaputt, das sind nicht nur abgedroschene Sprüche – in unseren verdichteten, durchökonomisierten Lebensräumen verfallen die ästhetischen Grundansprüche. Das Gefühl für Schönheit, so individuell verschieden es auch sein mag, wird von vermeintlichen Highlights aus zweiter Hand verzerrt und überlagert. Im Ergebnis provozieren wir Schönheit immer fiebriger, doch wir produzieren dabei hauptsächlich Abstoßendes.

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Friedhof

Besonders die Deutschen neigen dazu, Ästhetik bedenkenlos mit Ordnung zu vergewaltigen. Was in Deutschland als ansehnlich gilt, das sieht häufig öde und funktional aus. Ordnung ist das halbe Leben, meinetwegen, aber mehr auch auf keinen Fall. Und was das schöner Wohnen anbelangt – ich habe nur wenige Villen von innen gesehen, doch keine von ihnen hat mich ästhetisch überzeugt, ich fand die Bauweise übertrieben, nicht stilsicher, zu plump um den großartigen Eindruck bemüht, die Inneneinrichtung viel zu überladen, Ansammlungen von Erlesenem, nur ohne Preisschild, fast geschmacksverirrt. Ich hätte in keiner von diesen edlen Behausungen meinen Alltag verbringen wollen, und wer nun meint, dass durch diese Einschätzungen der reine Neid hindurchscheint, der mag mit dieser Ansicht glücklich werden.

Es geht um die optische Gesamtanmutung des öffentlichen Raumes und der sogenannten deutschen Kulturlandschaft – hier muss ein neues Bewusstsein geschaffen werden, das sich den allgegenwärtigen wirtschaftlichen Notwendigkeiten entgegenstellt. Die Landschaft ist zu einer Art Desktop geworden, bis auf Neuschwanstein und das Elbsandsteingebirge, die Landschaft wird zu einer Arbeitsfläche, zur wenn auch einzigen, so doch irgendwie nichtigen Existenzgrundlage, wir beuten sie aus, wir bauen sie voll, wir versiegeln sie mit Pflastersteinen und Asphalt, wir malträtieren sie, wir jagen besinnungslos durch sie hindurch, manchmal mit tödlichen Folgen:

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Krieg in dieser Zeit

Der Erste und der Zweite Weltkrieg waren in erster Linie europäische Kriege – obwohl beide weltweite Folgen hatten, waren es keine weltumfassenden Kriege, auch nicht angesichts des Krieges zwischen den USA und Japan, der 1941 mit Pearl Harbour begann. Aber man kann es wohl als Weltkrieg begreifen, wenn gleichzeitig mehrere mächtige Staaten militärisch aufeinander prallen. Während des langen Kalten Krieges hing der mögliche Dritte Weltkrieg wie ein Damoklesschwert über den Völkern, vor allem über den europäischen.

Ein dritter großer Krieg hätte unweigerlich einen wirklichen Weltkrieg bedeutet, weil durch gegenseitige Atomschläge die Existenzbedingungen aller Menschen auf der Erde schwer beschädigt worden wären. Nachdem sich die akute Bedrohung durch den Kalten Krieg in eine relative durch die verbliebenen Atomwaffen verwandelt hatte, konnte man immerhin erwarten, dass die Welt viel friedlicher werden würde. Diese Einschätzung erwies sich schon bald als falsch.

Besonders die Vereinigten Staaten von Amerika weigerten sich, die Konsequenz des Friedens zu ziehen – zwar reduzierten die beiden ehemaligen Kontrahenten die Zahl ihrer Atomsprengköpfe beträchtlich, und die Start-Verhandlungen (Strategic Arms Reduction Talks bzw. Treaty) werden bis heute weiter geführt, aber Tatsache ist, dass die USA seit 1989 enorm aufgerüstet haben, nur mit „moderneren“ Schwerpunkten, hin zu kleineren, dafür flexibler einsetzbaren Waffensystemen. Außerdem wurden die amerikanischen Truppen nicht aus Deutschland abgezogen, das die imaginäre Frontlinie des Kalten Krieges durchzogen hatte. Bis heute bleibt man auf Vermutungen angewiesen bei der Frage, warum die Deutschen nach der Wiedervereinigung niemals den Truppenabzug verlangten, wo doch die russischen Soldaten aus Ostdeutschland restlos verschwunden waren. Die Friedensdividende, die so viele Menschen herbeisehnten, wurde von den Vereinigten Staaten krass ignoriert, sie wurde nicht für eine bessere Welt ausgezahlt, allerdings von den anderen Nationen auch nicht in angemessener Weise, auch das muss festgestellt werden.

Für die Bedrohung spielt es keine Rolle, dass die Zahl der Atomsprengköpfe halbiert wurde, man kann damit immer noch den ganzen Globus in die Luft jagen – die nukleare Katastrophe ist nur in den Hintergrund gerückt, sie existiert als realistisches Schreckensbild nach wie vor. Man gebe sich hier keinen Illusionen hin, denn auf die letalen Knöpfe kann weiterhin gedrückt werden. Die generelle Kriegsgefahr hat im Vergleich zum Ende des vorigen Jahrhunderts sogar zugenommen, unter diesen veränderten Gesichtspunkten:

1. Zuspitzung der sozialen Gesamtlage: Die Lebensbedingungen der meisten Menschen auf der Welt verschlechtern sich rapide – damit steigt die Wahrscheinlichkeit militärischer Konflikte.

2. Verschwimmende Definition von Krieg: Kriege sind immer schwieriger als solche zu identifizieren, die Kriterien vernebeln sich zusehends. Häufig liegen kriegsähnliche oder bürgerkriegsartige Zustände vor, zum Beispiel im Irak, in Afghanistan, in Syrien, eigentlich an der ganzen Levante mit dem Libanon, mit Isreal und Palästina, in Libyen, im Süd-Sudan, siehe Dafur, im chaotischen Somalia, in Mali, und neuerdings besonders bedrängend in der Ukraine. Selbst in Ländern wie Kolumbien – Stichwort 50 Jahre Bürgerkrieg – in Nigeria, in der Demokratischen Republik Kongo oder in Pakistan herrscht kein Frieden.

3. Waffentechnisch anonymisierter Krieg: Je weniger er greifbar wird, desto niedriger wird auch die Schwelle zum Krieg. Vornehmlich Drohnen, aber auch andere ferngelenkte Waffen machen es heute möglich, Länder in einen dauernden Quasikriegszustand hinein zu zwingen, dem sie wehrlos ausgesetzt sind.

4. Von außen induzierter Krieg: Lokale Kriege, gerade zwischen Volksgruppen, werden von einer fremden Macht durch verdeckte Aktivitäten provoziert, um ökonomische oder geostrategische Interessen zu verfolgen, die durchgehend verschleiert bleiben. Solche Kriege werden immer bedenkenloser angezettelt, sie werden zunehmend zu einem Mittel der internationalen Politik, wobei Menschlichkeit und Moral unter den Tisch fallen.

5. Krieg als Instrument für die Implementierung der Weltgesellschaft: Egal wo, ob in Thinktanks, ob in mysteriösen Geheimbünden oder ob schlichter in den Spitzenrängen der Politik und der Wirtschaft – man ist sich hinter den Kulissen der Macht stillschweigend darüber einig, dass es nur über Kriege möglich sein wird, eine stabile Globalgesellschaft nach eigenen Vorstellungen zu etablieren. Den größten Teil der Menschheit haben die Weltverunstaltungsgestalter in ihren Köpfen bereits als Kollateralschaden abgehakt: weg damit, eliminieren, es sind sowieso zu viele. Der Westen wird seine militärische Übermacht weiterhin aufrechterhalten, nicht allein weil er sich vor Überfällen eines Rivalen schützen will, und schon gar nicht, weil er sich vor Terroristen schützen will… der Westen hat inzwischen nicht mehr nur gegen das Böse aufgerüstet, sondern gegen die Menschen selbst, deren Massenhaftigkeit als bösartig betrachtet wird.

6. Krieg als existenzieller Selbstzweck: Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Zivilisation den Krieg als normale Variante des Daseins akzeptiert und zu einem gewissen Maße verinnerlicht hat – dieser Befund wird zurückgehalten, weil er die Menschheit kläglich dastehen lassen würde. Wenn sich im Kriegführen ein kollektives Durchsetzungsvermögen manifestiert, das positiv besetzt ist, dann vernichtet das Kollektiv damit den Wert des Individuums: Der Mensch als Person und als großartige Persönlichkeit hat sein Lebensrecht oft schon mit der Geburt verwirkt – der Mensch, die Krone der Schöpfung, wird in seiner Bedeutung wie durch eine entsetzliche Obsession nachrangig, sein Leben verkümmert zu einer grotesken Gnade, die willkürlich gewährt oder entzogen wird.

Mit Dirk C. Fleck in die Zukunft

Es gibt mehrere Öko-Päpste, sogar der echte Papst Franziskus wird Öko-Papst genannt. Einer der ersten, dem dieses Etikett angehängt wurde, war der alternative Journalist Franz Alt, der vor ein paar Tagen 76 Jahre alt geworden ist. Danach kamen weitere Öko-Päpste, darunter auch, man sollte es nicht glauben, Terminator Arnold Schwarzenegger Weiterlesen

Lügen bis zum Exzess

Es gibt ein Buch „Die Wahrheit über das Lügen“ und einen Film „Die Wahrheit der Lüge“ – dass ich Ihnen diese Werke empfehlen könnte, wäre gelogen.  Vor vielen Jahren kam es zu einem Vorfall bei einem Gebrauchtwagenhändler, den ich nie vergessen habe, es war eigentlich kein Vorfall, es waren nur zwei Sätze, er sagte sie nebenbei, während er auf einen knallroten alten Opel Kadett zeigte: „Die Karre können Sie vergessen, die verreckt Ihnen nach 100 Kilometern.“ Mir fiel keine Antwort ein, ich fragte mich, ob der Mann den falschen Beruf gewählt hatte. Den Kadett nahm ich trotzdem, natürlich mit Preisnachlass, weil mich sein Schiebedach faszinierte, er verreckte auch erst nach über 1.000 Kilometern in den Vogesen, ich hätte ihm in seinem Alter keine hügeligen Regionen mehr zumuten dürfen.

Der moderne Mensch, besonders in seiner Eigenschaft als Konsument, ist auf die Lüge angewiesen. Die Wahrheit würde ihn völlig durcheinander bringen. „Das Jackett steht Ihnen ausgezeichnet, mein Herr!“ Danke, nichts anderes wollte ich hören, selbst angesichts des sackartigen Kleidungsstückes. Das Schnellgericht schmeckt so wie auf dem bunten Foto suggeriert, man muss es nur wollen. Ohne fortwährende Autosuggestionen funktioniert das Leben nicht, sie sind alltäglich, deshalb nennen wir sie Kompromisse – es geht schon morgens vorm Spiegel los, schon mit der ebenso hartnäckigen wie naiven Erwartung, dass man nach ein paar Händen voll Wasser im Gesicht besser aussehen würde. Bevor die Lüge in den Blickpunkt kommt, muss erst einmal der Selbstbetrug als lebenserhaltende Gewohnheitslüge von ihr abgesetzt werden.

Diese Art der Gewohnheitslüge ist nicht nur für das eigene Ich wichtig, sie hat auch im Umgang mit anderen Menschen einen großen Stellenwert – es gleicht einem Selbstmord-Kommando, seinen Mitmenschen ständig die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, das hat noch keiner dauerhaft geschafft. So werden die den sozialen Umgang stabilisierenden Kleinlügen insgesamt zu einem Phänomen, das zwischen Lüge und Wahrheit angesiedelt ist, in einer Zwischensphäre, die jedoch mehr als Wahrheit empfunden wird denn als Lüge. Das freundlich-verlogene Weglassen vollzieht sich reibungslos jeden Tag aufs Neue, es ist eine biologisch angelegte Verformungsroutine der Wirklichkeit, eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren der Gemeinschaft. Die Routine läuft unbewusst und automatisch ab, sie imaginiert Personen, sie schafft Bilder, von denen wir ahnen, dass sie nicht die Realität darstellen – wir wissen es nur nicht, wir kümmern uns nicht weiter darum, weil wir es nicht wissen wollen. Im Ergebnis leben wir in einer sekundären, doch keineswegs nachrangigen Bilderwelt, die auf unserer primären Bilderwelt aufbaut. Alle Leute im Alltag, vom Partner bis zum Postboten, sind zu einem Teil Phantasiewesen, so konkret sie auch auftreten, wir können ihnen niemals so begegnen wie wir es täten, wenn wir sie wahrheitsgemäß wahrnehmen würden.

Wir müssen uns unsere überschaubare Welt zurechtflunkern, es geht nichts anders. Das führt zu der Frage, ob wir solche Relativierungen auch auf die für uns weniger einsehbaren Bereiche übertragen. Selbstverständlich tun wir das, es ist eine unserer leichtesten Übungen – erst eine Distanz zu den schwerer zugänglichen und fremden Welten vermittelt uns die Sicherheit im eigenen Lebensumkreis. Zu vielfältige externe Probleme sind unbeliebt, weil die persönlichen schon groß genug sind. In diesen inneren Abstand schleicht sich oft unbemerkt die Lüge, und dann wird sie tückisch, weil sie den kritischen Blick auf die Wahrheit aus Verunsicherung heraus abwehrt. Für die meisten Menschen bewährt sich die Methode, lieber nicht näher hinzuschauen – wer immer darauf achtet, um alle scheinbaren Überforderungen gleich einen Bogen zu machen, der wird am ehesten ein glücklicher Mensch, auch wenn es ein teuer erkauftes Glück ist, das auf den tönernen Füßen der Ignoranz ruht. Wo ich nichts verstehe, da muss ich auch nicht lügen, nicht spekulieren und mich schon gar nicht für irgendetwas rechtfertigen – alles wichtige Gesichtspunkte bei der Lebensbewältigung. Das eigene, sich selbst souverän attestierte Unverständnis bietet gerade dann, wenn es im Grunde nur ein vermeintliches ist, dem Individuum entscheidende Rückzugsräume, als letzte Bastion gegen den Fluch einer Realität, die von Tag zu Tag unbegreifbarer wird. Dieser Schutzmechanismus hat sein Gutes, er hat allerdings auch eine dunkle Schattenseite: Man kann sich nicht end- und grenzenlos von allem anwenden, ohne letzten Endes ein teilnahmsloser Inselbewohner zu werden – womit man wieder bei der Lüge angekommen wäre.

Mit den komplexeren Lebensverhältnissen wird die Lüge immer mehr zu einem Wahrheitsersatz, sie wird gleichsam zu einer Droge, deren Substanz eine unheilvolle Mischung aus Pragmatismus und Utilitarismus ist: Die Lüge droht unabdingbar zu werden, die Gesellschaft braucht sie, wir brauchen sie, weil wir ohne sie einfach nicht mehr auskommen, weil uns ohne durchgehende Lebenslügen keine positive Selbsteinordnung mehr gelingt. Doch Durchschnittsmenschen sind keine Diktatoren, die über ihre brutalen Lebenslügen schulterzuckend hinweggehen, sie sogar noch böse belächeln, Durchnittsmenschen sind, entgegen ihrem Ruf, sehr empfindsame Wesen, die mit sich und mit ihren Lebensumständen im Reinen sein möchten, ob mit oder ohne Gott, Durchschnittsmenschen sind auch nicht die dumpfen Konsumentenmassen, als die sie gerne hingestellt und verachtet werden. Die Durchschnittsmenschen machen die Existenz des Menschen aus, kollektiv und überhaupt, sie stellen die Menschheit in ihrem Ganzen dar, sie verkörpern damit die über allem stehende Instanz – ausschlaggebend sind eben nicht die verlogenen Manipulateure, nicht die sendungsbewussten Verschlimmbesserer der Welt, nicht die Konditionierer des menschlichen Wesens und ganz sicher nicht die Anhänger von Elite-Ideen in Bezug auf die Menschen. Deshalb ist es entscheidend, dass die Lüge nicht unbemerkt institutionalisiert wird, der Durchschnittsmenschen darf nicht noch tiefer in ein Lügengewebe eingesponnen werden, man darf ihn nicht über Gleichschaltung und rücksichtslose Realitätsverdrehungen auch noch seiner Restautonomie berauben.

Was ist das für ein Bildungssystem, das nur noch Knechte hervorbringt, egal ob sehr intelligente oder weniger intelligente? Es ist eine sanktionierte Verunstaltung der Möglichkeiten, die in den meisten Menschen schlummern, und das sind tatsächlich großartige Möglichkeiten. Schon im Bildungssystem manifestiert sich eine gigantische Lüge, ein Missbrauch des Menschen. Letztlich aber ist es das Geld, das die Menschen bis ins Mark ruiniert, auch die Wissenschaften prostituieren sich, wofür: für Geld. Aus diesem stinkenden Sumpf sprießen die Lügen wie Lianen, wie Schlinggewächse, die alle und alles einschnüren wollen.

Ich komme noch einmal, was vielleicht der eine oder andere Leser erwartet hat, auf die Anschläge vom 11. September 2001 zurück: Allein das Geld ist für diese ungeheuerlichen Verbrechen verantwortlich, die Geldgier in der Mimikry von Machtansprüchen – nicht die jämmerlichen Figuren aus der US-Aministration, nicht der CIA inklusive all seiner Wucherungen, nicht eine Reihe von blind gehorsamen Patrioten mit der rechten Hand auf der linken Brust, und schon gar nicht ein flüchtig zusammengesuchter Haufen von arabischen Terroristen-Trotteln… nein, es war das Kapital, das diese Katastrophe ausgelöst hat. 9/11 ist mehr als eine Lüge, das macht dieses Datum fast epochal, 9/11 ist das bluttriefende Entree in eine sich perfektionierende Lügenwelt, in eine Welt außer Kontrolle, weil sie wenigen anonymen Menschen in die Hände gefallen ist, die sich wie Berserker an ihrer eigenen Spezies vergreifen – ich will diese Menschen nicht mit aller Macht bestraft sehen, sie sind mit dem, was sie bereits an Unheil angerichtet haben, bestraft genug, es geht darum, die Lügen zu beenden, den Einfluss bestialischer Machtzusammenrottungen energisch zurück zu drängen und damit auch die Übermacht des Kapitals.

Der Verschwörungswahn

Nein, noch immer ist nicht Schluss mit 9/11, ich bin noch auf dem Trip. Wenn Ihnen das nicht gefallen sollte, dann können Sie den Sermon ja wegklicken, das raubt mir nicht den Schlaf. Aha, Sie lesen weiter… darauf habe ich natürlich spekuliert, nicht grundlos, denn die Natur hat den Menschen, was oft als störend empfunden wird, auch mit einer Art von interesseloser Neugier ausgestattet, und dieser Umstand gibt mir nun die Gelegenheit, Ihnen mitzuteilen, dass ich einen Brief geschrieben habe, in Form einer E-Mail. Der Empfänger ist ein ebenso seriöser wie erfahrener Journalist, seinen Namen behalte ich aber für mich, denn es würde sich nicht gehören, ihn ohne Erlaubnis zu nennen. Als ich den Brief zur Kontrolle noch einmal überflog, da fiel mir ein, dass ich sowieso einen kleinen Text zu dem dort angesprochenen Thema schreiben wollte und dass ich stattdessen einfach den Brief verwenden könnte – hier ist er also:

Sehr geehrter geehrter Herr …,

Sie gehörigen zu den wenigen wirklich investigativen Journalisten in Deutschland, dafür meine Anerkennung. An der Wahrheit über 9/11 gibt es auch für mich nichts mehr herumzudeuten, die Analyse ist weitgehend abgeschlossen, es war zweifellos ein Inside-Job. Als Folge der Entlarvung bleibt den Anhängern der offiziellen Version und damit auch den Mainstream-Medien nur noch der Ausweg, die Zeit für sich arbeiten zu lassen – weil ihre Argumente nicht nur entkräftet sind, sondern weil sie sich als so konstruiert erweisen, dass bereits die gebetsmühlenhafte Wiederholung kontraproduktiv wirkt. Dieses Dauerdilemma macht es notwendig, jede Form der öffentlichen Diskussion über die Ursachen von 9/11 unbedingt zu unterdrücken.

Es geht mir eigentlich um die Anschläge vom 11. September 2001, ihnen gilt mein Hauptinteresse, und im Zusammenhang damit bin auf Ihre Person gestoßen – ich schreibe bewusst „eigentlich“, denn je mehr Bücher ich dazu gelesen hatte, je länger und ausführlicher ich mich im Internet über 9/11 informierte, desto mehr schoben sich zusätzlich andere Gesichtspunkte ins Blickfeld, die mich anfangs überraschten. Auf einen dieser Gesichtspunkte will ich näher eingehen:

Sobald in den Medien 9/11 zur Sprache kommt, wird sofort die Verschwörungskeule geschwungen, das gleicht schon fast einer kollektiven Zwangsneurose. Mich ärgert, dass es dem Mainstream dabei zu leicht gemacht wird, doch weshalb? Weil die engagierten Betreiber des Aufdeckens, oder sagen wir mal die „Truther“, oft semiprofessionelle Verschwörungsspezialisten sind, so wie es zum Beispiel auch bei Ihnen in gewissem Maße der Fall zu sein scheint. Es geht mir hier aber wohlgemerkt nicht darum, Vorwürfe an Sie zu richten, sondern es geht mir nur darum, auf eine Schwäche hinzuweisen: auf die weiche Flanke, die man auf diese Weise den Gegnern darbietet.

Man muss nicht jeden Verschwörungstopf mit auslecken. Im Internet gewinne ich zunehmend den Eindruck, dass es kaum ein historisch oder politisch bedeutendes Ereignis gibt, bei dem keine Verschwörung unterstellt wird, das nervt… um alle diese Fiesitäten und Ränkespiele kann ich mich nicht kümmern. Waren die Menschen auf dem Mond? Selbstverständlich waren sie vermutlich auf dem Mond, ich gehe davon aus. Wer hat Pearl Harbour angezettelt, wer den Zwischenfall im Golf von Tonkin? Haben sich Mundlos und Bönhardt tatsächlich selbst weggepustet, mit einer langen Pumpgun durch die Schläfe und dabei auch noch durch das Dach des Wohnmobils geschossen? Sie werden es wissen, das ist immerhin tröstlich. Ich aber gebe mich geschlagen, ich passe, weil ich mich nicht verrückt machen lassen will. Zu viele Verschwörungen überall relativieren die tatsächlichen, die ungeheuerlichen. 9/11 darf nicht einfach im Verschwörungssumpf untergehen – dazu war dieses Datum zu folgenreich für die Gegenwart und für die Zukunft. Es muss gelingen, die einmalige Sonderstellung dieses wahnsinnigen Verbrechens in der öffentlichen Wahrnehmung hervorzuheben.

Ich ahne, was in Madrid und in London geschah, ich habe eine, zugegebenermaßen nur ungefähre Vorstellung vom internationalen Staatsterrorismus, ich habe auch Osama bin Laden nie mausetot gesehen – doch über all dem schwebt der fürchterliche Drache von 9/11, der mit seinem Feuerspeien seit diesem Tag die Welt unterjochen will… oha, reichlich dramatisch formuliert, ist aber nun egal. Die feige Bande um Bush, Cheney, Rumsfeld, Rice & Co. muss jedenfalls gestellt werden, das hat Vorrang, und diese Vordringlichkeit sollten sich auch die, sagen wir 15 bis 20 deutschen „Frontkämpfer“ gegen die 9/11-Lüge bewusst machen. Stattdessen beschäftigen sich bemerkenswert viele von ihnen parallel dazu mit Engelserscheinungen, mit freier Energie, mit Kornkreisen, mit düsteren Prophezeiungen, mit außerirdischen Präsenzen unterm Sofa oder, die wird besonders gern genommen, mit der ewigen jüdischen Weltverschwörung – so disqualifiziert man sich in der eigenen Empörung über ein akutes Weltproblem, man setzt sich sogar der Lächerlichkeit aus und schadet einem außerordentlich wichtigen Anliegen.

Mir fällt auf, dass offenbar keine bekannte deutsche Organisation existiert, die sich ausschließlich der Aufklärung von 9/11 verschrieben hat… vielleicht weiß ich es auch bloß nicht. Wenn das aber zutreffen sollte, dann fehlt eine solche Gruppe, dann sollte man überlegen, ob es sinnvoll wäre, sie zu gründen. Nur nebenbei: Ich sicher nicht, ich wäre für soetwas ganz ungeeignet. Wie könnte die Gruppe aussehen? In welcher Form sollte sie sich organisieren? Wie müssten die Persönlichkeiten aussehen, die sie repräsentieren? Professoren und Wissenschaftler sind immer gut, denkt man spontan, denn sie genießen hohes Ansehen – allerdings käme es mehr darauf an, Persönlichkeiten zu finden, die unabhängig sind, die nicht gleich in eine Schublade gesteckt werden. Natürlich würde man die Gruppe prompt mit Antiamerikanismus konnotieren, deshalb wären keine Leute dafür prädestiniert, die dem linken Lager zugeordnet werden, die also in dieser Schublade landen. Ich will das hier jetzt aber nicht weiter ausspinnen… es ist überhaupt fraglich, ob sich mehrere geeignete Menschen für diese Aufgabe zur Verfügung stellen würden. So, Schluss, ich bin sowieso schon zu lang geworden.

Mit freundlichen Grüßen

Die Stümper und die Schweiger

Vor einiger Zeit schrieb ich einen kurzen Beitrag im Forum von Spiegel-Online, unter anderem mit der Bemerkung, dass meiner Meinung nach die Twin-Towers kontrolliert gesprengt worden seien – ich hatte nach Erfahrungen mit Spiegel-Online eigentlich nicht mit der Veröffentlichung des Beitrages gerechnet, doch zu meiner Überraschung erschien er. Daraufhin entgegnete jemand im Forum, dass ich mir wahrscheinlich zu viele dieser „schrägen Videos“ über 9/11 im Internet angesehen hätte. Das war’s, meine Antwort darauf kam nicht durch. Für mich war diese Reaktion aufschlussreich. Es gibt in den Mainstream-Medien offenbar einen stillen Konsens, die Aufklärungsbewegung zu den Anschlägen vom 11. September 2001 möglichst zu ignorieren.

Um diesen stillen Konsens geht es mir. Ich werde versuchen, ansatzweise Antworten auf die Frage finden, warum das gemeinsame Schweigen funktioniert. Dazu kommt noch etwas anderes: Ich möchte dem Leser mein Unverständnis unterbreiten, mein anhaltendes Unverständnis darüber, dass dieser Konsens nicht zu der Stümperhaftigkeit passt, mit der die Anschläge getarnt wurden, nämlich als Terror-Aktion einiger arabischer Wirrköpfe, die praktisch unbewaffnet vier Verkehrsflugzeuge in ihre Gewalt brachten.

Die Argumente gegen die Version eines Al-Qaida-Killerkommandos sind inzwischen so zahlreich und so stichhaltig geworden, dass es rätselhaft erscheint, wie der wahre Täterkreis davon ausgehen konnte, dass sein Vorgehen unentdeckt bleiben würde. Wenn – als ein Beispiel von vielen möglichen – die Entführung von gleich vier Verkehrsflugzeugen in in einem nahtlos überwachten Luftraum eineinhalb Stunden lang angeblich unbemerkt blieb, dann erübrigen sich weitere Diskussionen, dann bleiben nur noch Kopfschütteln und Empörung. Denn wer soll den Unsinn glauben? Das Kopfschütteln über die offizielle Darstellung der Geschehnisse setzt sich fort, es will gar nicht mehr aufhören: Zu plump sind die zahlreichen Lügen, zu frappant sind die Widersprüche zwischen dem, was man mit eigenen Augen sehen kann und dem was an Deutungen von den Behörden angeboten wird. Nachdem das Grauen abgeklungen ist, erzeugen die Anschläge heute die Atmosphäre von einem absurden Theater, bei dem die Weltbühne zum Abgrund wird.

To get away with it – ungeschoren davonkommen – oder vielleicht angebrachter: Augen zu und durch. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten, ich hoffe es nicht. Der Mantel der Geschichte ist kein Trenchcoat, er ist schwer und träge, er deckt nicht alles so schnell zu wie manche Menschen hoffen. Es wird bei 9/11 nicht zu dem finalen fatalistischen Schulterzucken kommen wie bei den neuen Erkenntnissen zum Kennedy-Mord 50 Jahre später. Der 11. September 2001 liegt erst knapp 13 Jahre zurück, die Erinnerungen daran haben sich in Millionen Köpfen eingebrannt. Und auch die Dimensionen der Anschläge übersteigen die des Attentats auf den renitenten John F. Kennedy – 9/11 war mehr als ein Dressurakt an den kriegsmüden Amerikanern, 9/11 war eine Botschaft des erzkonservativen Amerikas an die Welt.

Also hallte der Ausruf eines wieder erstarkenden Bellizismus um die Erde… doch kam ein Echo? Nein, kein Echo, da war nur ein Murmeln, ein Raunen, in dem eine vage Trauer mitschwang. Heute ahnen die Menschen, dass seit 9/11 eine grundsätzlich falsche Richtung eingeschlagen wurde, doch sie wollen sich ihrer Ohnmacht nicht stellen – stattdessen gehen sie zur Tagesordnung über. Die Geschäftigkeit wird zu einer Art Trance, in die besonders Journalisten verfallen, weil sie das Weltgeschehen verfolgen müssen, weil sie jeden Tag damit beschäftigt sind, es konsumentengerecht umzudeuten und zu moderieren. Das ist eine erschöpfende Arbeit, sie zehrt die Persönlichkeit aus, sie nagt an der Würde, sie verzerrt irgendwann die eigene Wahrnehmung. Das ständige Verleugnen der Tatsachen weicht auf Dauer die Gehirne auf. In dieser Situation kommt es darauf an, das eigene Weltbild den veränderten Gegebenheiten so anzupassen, dass man von allzu nagenden inneren Konflikten verschont bleibt, und das wird nur möglich, wenn Realitätsverdrängung zu Realitätsverdichtung umgewidmet wird – man überholt in Gedanken die Wirklichkeit, indem man ihre gefühlte Unerbittichkeit vor die Fakten schiebt, oder kurz gesagt: Es ist eben so wie es ist, alles andere ist gelogen. Die Summe aus dem Harmoniebedürfnis des Menschen und aus seiner potentiellen Korrumpierbarkeit ergibt sein für ihn plausibles Existenzverständnis, und dieses Verständnis kommt, egal wie einfach oder kompliziert es auch beschaffen sein mag, einem Grundbedürfnis gleich. Der Mensch ist prinzipiell unfähig, eine problematische Distanz zu sich selbst aufzubauen und diese über längere Zeit durchzuhalten.

Was verlangen die wahren Täter des 11. September von den Medien? Dass sie den Deckel über den brodelnden Gerüchten geschlossen halten, dass sie immerzu das Wichtigste weglassen, dass sie den siechenden Terror-Popanz sorgsam pflegen, dass sie ihre Berichterstattung bis zur Unkenntlichkeit verbiegen… unter dem ständigen Druck dieser Forderungen verspielen die Medien ihre Glaubwürdigkeit gänzlich. Damit wird neben der Front zwischen Politik und Bevölkerung eine zweite aufgebaut, die Front zwischen der Bevölkerung und dem medialen Mainstream – die Diskrepanz ist nicht neu, aber sie war noch nie so ausgeprägt wie in der Gegenwart. Wenn sich die meisten Menschen vorher noch einigermaßen gut bedient fühlten, so fühlen sie sich nun von den fortlaufenden Falschdarstellungen provoziert, die Leute verlieren das Vertrauen in Presse und Fernsehen. Immer mehr Frustrierte wechseln in die Nebenöffentlichkeit des Internet über, das sich bisher noch flächendeckenden Kontrollversuchen erfolgreich entziehen kann. Die Alternativöffentlichkeit Internet hat die Mächtigen nicht nur in den USA kalt erwischt, sie müssen bisher noch fast hilflos registrieren, wie ihnen das für Manipulationen unersetzliche Meinungsmonopol abhanden zu kommen droht.

Diejenigen die für 9/11 verantwortlich sind, hätten diese Gefahr vorher erkennen können, zumindest im Prinzip – aber wahrscheinlich haben sie bei dem geringeren Ausbau des Internet vor 13 Jahren noch unterschätzt, wie akut sie dieser globale Kommunikationsraum später gefährden würde. Es war damals noch nicht abzusehen, mit welcher Wucht und Stringenz sich im Internet ein massenhaftes Aufklärungsbegehren hinsichtlich der Anschläge entwickeln kann. Wenn es tatsächlich zu einer neuen, dieses Mal unabhängigen Untersuchung des Massakers von 9/11 kommt, wenn also eine Grand Jury eingesetzt wird, dann wäre das der Super-Gau für die angestammten Machtverhältnisse, nicht allein für die in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich wage sogar die Behauptung, dass eine solche Untersuchung die Geschichte in dem Ausmaß verändern könnte wie es 9/11 getan hat, dann jedoch in positivem Sinne.

Ab welch einer Schwelle beleidigen Fehlinformationen die menschliche Intelligenz so sehr, dass die Menschen den Zustand als unerträglich empfinden? Diese Schwelle ist längst überschritten, trotzdem werden die Lügen immer unzumutbarer. Da wäre zum Beispiel Satam al-Suqami, einer der vermeintlichen Entführer des Flugzeugs, das in den ersten Twin-Tower gerast sein soll: Als dieses Flugzeug beim Aufprall in einem Feuerball explodierte, soll der Pass von Satam al-Suqami herausgeflogen sein und unversehrt in der Nähe auf den Boden gefallen sein, wo ihn das FBI fand, um ihn später als Beweisstück zu präsentieren… was soll man dazu sagen? Wieviel Chuzpe muss jemand haben, wie dumm, wie rotzfrech muss er sein, dass er es wagt, vernünftigen Menschen einen derartigen Schwachsinn anzudienen? Es ist unverständlich, und doch durchzieht diese Attitüde des Scheißegal nahezu alle offiziellen Erklärungen zu den Anschlägen am 11. September 2001: Flugzeuge, wo keine Flugzeuge sind, basta – ein Hochaus in massiver Stahlbauweise, das von selbst zusammenfällt, basta – Telefonanrufe, die unmöglich stattgefunden haben können, basta – und so weiter. Die Anschläge mögen professionell ausgeführt worden sein, aber sie wurden so dilettantisch getarnt, dass es trotz der grausamen Geschehnisse geradezu lachhaft wirkt. Alles andere als lachhaft ist es, dass eine Gesellschaft nicht mehr die Kraft aufbringt, solche pervertierten Formen der Kommunikation zu verhindern.

Wie inkompetent die Medien als vierte Gewalt werden, das pfeifen die Spatzen von den Dächern, allerdings: Hier geht das Versagen an die Wurzeln der Zivilisation, sie wird in ihrer Substanz angegriffen und verkümmert. Die bis auf wenige Reste zu feinem Staub pulverisierten Wolkenkratzer von Manhattan markierten nicht nur einen mafiös verbrecherischen Zusammenbruch, sondern auch einen soziokulturellen Zusammenbruch der Gesellschaft. Dabei spielten die Medien eine verheerende Rolle, ihr wichtiger strukturierender und vor allem ihr korrigierender Einfluss wurden auf dem Altar des Kommerzes geopfert. Nun hat die Gesellschaft nichts mehr vorzuweisen außer Geld und Macht, sie ist zu einem ethischen Niemandsland geworden, zu einer lokalen Gemeinschaft von moralischen Habenichtsen, von Menschenähnlichen, die sich am Kriegführen in seinen vielfältigen Erscheinungsformen delektieren, das heißt auch am alltäglichen Krieg der Individuen untereinander. Aber vielleicht sind die dreitausend Menschen am 11. September 2001 ja doch nicht umsonst gestorben, auch nicht die hunderttausende Iraker, Afghanen und Soldaten der NATO als Folge der Anschläge – vielleicht setzt ihr Tod mehr als zehn Jahre später doch noch ein hoffnungsvolles Zeichen, zu wünschen wäre es.

Vom Elend des Mitleids

Der Brahmane Aggika-Bhāradvāja hatte einmal ein Problem, er wusste nicht recht, wer gut und wer schlecht ist – da fügte es sich, dass gerade Siddhartha Gautama, besser bekannt als Buddha, bei ihm vorbeischaute, um wie gewöhnlich einen kleinen Imbiss zu erbitten. Buddha antwortete dem Brahmanen in Versen, die man zusammen als Savala-Sutta bezeichnet und die einen Teil des Sutta-Nipāta darstellen, einer umfangreichen Lehr-Dichtung aus den frühen Werken des Erleuchteten. Unter anderem verkündete ihm Buddha diese Weisheiten:

– Ob es Getier der Erde oder auch der Luft, wer Lebewesen hier verletzt, wer für Lebendiges kein Mitleid hat, ihn als Verworfenen kenne man. (117)
– Wer Dörfer, Städte einkreist, angreift und sie dann zerstört, berüchtigt ist als Landesplage, ihn als Verworfenen kenne man. (118)
– Nicht durch Geburt ist man Verworfener, nicht durch Geburt ist Priester man!
Durch seine Tat ist man Verworfener, durch seine Tat ist Priester man! (136/142)

Für Buddha war das Mitleid eine Tugend, die Verworfenheit eine Untugend durch Fehlverhalten im Leben – der Buddhismus kennt im Gegensatz zum Hinduismus keine Götter und kein Kastenwesen, der Erleuchtete lehnte also eine Schicksalszuweisung per Geburt ab, sein Menschenbild beruhte auf Ausgleich, ohne die Vorherbestimmung auszuschließen. Eine ähnliche Auffassung vom Mitleid als soziales Movens findet sich auch im Christentum, sie hielt sich sogar während der langen und dunklen Phase des Mittelalters, mit der Inquisition und den diktatorischen Anforderungen an die Glaubensreinheit.

In den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung bildeten sich zwei Mitleidsbegriffe nebeneinander aus, die Misericordia und die Compassio – ein berühmter Religionsgelehrter des frühen Mittelalters war Augustinus von Hippo (354-430), er beschrieb in seiner Abhandlung „De civitate Dei“ eine modern anmutende Vorstellung vom Mitleid, Zitat:

– „Was aber ist Mitleid anderes als das Mitempfinden fremden Elends in unserem Herzen, durch das wir jedenfalls angetrieben werden zu helfen, soweit wir können?“

Während das Mitleid als Compassio mehr auf die Leidensgeschichte Christi abhob, kam in dem Begriff Misericordia der Anspruch auf das konstruktive Mitleid zum Ausdruck, das heißt auf die Notwendigkeit, praktisch zu helfen und menschliches Leid zu mildern. Es ist aber nicht so, dass sich im Laufe der folgenden Jahrhundete ein stabiler karitativer Konsens in der Gesellschaft etablieren konnte – das tätige Mitleid führte als vage christliche Barmherzigkeit weiterhin ein Schattendasein, zumeist in Form kirchlicher Armenhäuser, und selbst dieses Schattendasein wurde – man sollte es nicht erwarten – ausgerechnet im Zuge der Aufklärung von manchen Philosophen in Frage gestellt.

Zu dieser Sorte Philosophen gehörte jedoch nicht Arthur Schopenhauer (1788-1860), der sich des Mitleids als Phänomen in besonderer Weise annahm, ein heute leider viel zu wenig beachteter Denker, für mich einer der bedeutendsten Philosophen der Aufklärung. Er schuf nicht nur eine Mitleidsethik, er rückte den suchenden Menschen mit seinem Schicksal in den Mittelpunkt, er war Idealist und tiefer Pessimist zugleich. Für Schopenhauer wurde die Welt zu einer gegebenen Existenzsphäre, die er zumindest potentiell nach seinen Vorstellungen gestalten kann – die „Welt als Wille“ – der „Primat des Willens“ als Grundprinzip des Lebens. Hier ein weiteres Zitat:

– „Die Welt ist meine Vorstellung. Was uns als Welt erscheint, ist nur für uns, nicht an sich.“

Eine Welt nur für uns… wie wunderbar formuliert, wie menschengerecht, wie zeitgemäß, wie dringlich, wie richtungweisend auch für die desolate Gegenwart. Der heute fast durchgehend verspottete Gutmensch war Schopenhauers visionärer Mensch, der seinem grundlegenden Wesen am nahesten kommt – im Gutmenschen, der Schopenhauer als Wort nicht geläufig war, zeigte sich für ihn der natürliche Mensch, nicht im blanken Egoisten, nicht im Verächter seiner eigenen Spezies, nicht im Barbaren, nicht im Zerstörer und im blinden Kriegstreiber. Schopenhauer orientierte sich auch am Buddhismus und am Sanskrit, er war weise, vielen galt er als Philanthrop, seine Schriften bilden einen beeindruckenden Fundus an Weisheiten und wirken teilweise wie eine Sammlung von Aphorismen, hier einige Beispiele im Zitat:

– „Empirisch betrachtet stellt sich das Mitleid dar als das wirksamste Mittel zur Linderung der menschlichen Leiden und zugleich als das Gegengewicht des Egoismus.“
– „Das Mitleid ist die alleinige echte moralische Triebfeder.“
– „Die Erklärung für das Phänomen des Mitleids ist auf psychologischem Wege nicht zu erreichen, sondern kann nur metaphysisch ausfallen.“
– „Grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für sittliches Wohlverhalten.“
– „Das Mitleid ist das ethische Urphänomen.“

Mitleid das ethische Urphänomen – diese fundamentale Erkenntnis sollte man der sogenannten modernen Zivilisation ins Stammbuch schreiben. Und man sollte nicht den Hinweis vergessen, dass Mitleid kein bloßes Sentiment ist, dass tätige Solidarität auch bei sieben Milliarden Mitmenschen Priorität haben muss, unabhängig von der schwierigsten Aufgabe der Zukunft, nämlich den globalen Bevölkerungsüberhang allmählich und in einer für alle möglichst erträglichen Form wieder abzubauen. Trotz seines Pessimismus ähnelte Arthur Schopenhauers Denken in vielen Aspekten dem Denken von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Schopenhauer wurde erst zehn Jahre nach Rousseaus Tod geboren, er lebte in einem späteren Stadium der Aufklärung.

Als Schopenhauer 56 Jahre alt war, wurde Friedrich Nietzsche (1844-1900) geboren, einer der schillerndsten deutschen Philosophen überhaupt. Anfangs konnte sich Nietzsche für Schopenhauers Schriften begeistern, unter anderem weil er auch ein Pessimist war – im Laufe seiner geistigen Ent- bzw. Verwicklung wendete er sich dann zunehmend gegen Schopenhauer, er wurde gleichsam zu einem Menschenhasser, der einen wahnwitzigen „Übermenschen“ erkor und sich damit zu einem Wegbereiter des Faschismus im 20. Jahrhundert machte. Friedrich Nietzsche polarisiert bis heute, an seinem Werk erhitzen sich immer noch die Gemüter – er war außerordentlich intelligent, er dachte sehr phantasievoll und ausgreifend – trotzdem konnte ich mich nie mit ihm anfreunden, weil das ungeheuerliche Ausmaß seiner Menschenverachtung alles Positive und möglicherweise auch Geniale in seinem Werk diskreditiert.

Für Nietzsche war Mitleid Schwäche, eine verdammenswerte Ausbildung menschlicher Erbärmlichkeit ohne jeden Anspruch auf Erbarmen, ein anthropologischer Grunddefekt, eine jämmerliche Eigenschaft – er bezeichnete das Christentum abwertend als „die Religion des Mitleids“, nicht umsonst trägt sein zentrales Spätwerk den Titel „Der Antichrist“. In diesen weitschweifigen und teilweise faseligen Betrachtungen zieht Nietzsche gnadenlos über fast alles her, was man mit einem humanen Miteinander verbindet: über den Glauben, über die Gottesfürchtigkeit, über das Gute, über die Liebe, über die Güte, über die Barmherzigkeit, über die Zivilisation und generell über die Werte der Aufklärung. Zu Schopenhauer schreibt er im Antichrist, Zitat:

„Schopenhauer war lebensfeindlich: deshalb wurde ihm das Mitleid zur Tugend…“

Hier einige weitere Zitate aus dem Antichrist:

– „Die Schwachen und Mißrathnen sollen zu Grunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.
– „Was ist schädlicher, als irgend ein Laster? – Das Mitleiden der That mit allen Mißrathnen und Schwachen – das Christenthum…“
– „Durch das Mitleid wird das Leben verneint, verneinungswürdiger gemacht, – Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus.“

Ich nenne diese Aussagen Nietzsches unumwunden pervers, es sind Dokumente eines kranken Individuums, Zeugnisse eines Verwirrten – dieser Zustand musste bei ihm schon lange vor seinem Verfall in die geistige Umnachtung vorgelegen haben, damit auch lange vor dem Jahr 1889, als er in Turin ein Pferd umarmte und sogenannte „Wahnsinnsbriefe“ an Bekannte geschickt hatte, von denen er einen mit „Der Gekreuzigte“ unterzeichnete. Allerdings… in Deutschland umgibt ihn nach wie vor die merkwürdige Aura eines philosophischen Überfliegers, er bleibt präsent in der Fama eines Genies. Friedrich Nietzsche ist der teutonische Ja-aber-Philosoph, Kritik an ihm wird zumeist prompt relativiert, wobei argumentative Verrenkungen kaum eine Rolle spielen. Für mich erhärtet sich der Verdacht, dass die Gründe für die hartnäckige Affinität auch im deutschen Wesen zu finden sind.

Mitleid hat keine Konjunktur – ihm ist in der öffentlichen Wahrnehmung nur ein nachrangiger Stellenwert beschieden. Ungleich populärer sind das Durchsetzungsvermögen und das forsch zielgerichtete Handeln. Man könnte meinen, dass eine Art von netter, fast aufgeräumter Rücksichtslosigkeit Mode geworden ist, das freundliche Schulterklopfen, kurz bevor einem ein Bein gestellt wird. Nur in der Familie, sofern vorhanden, wird das Mitleid noch handfest praktiziert, ansonsten wird es den Menschen gern im Fernsehen tränengerecht serviert, wenn etwa in der Tiefe eingeschlossene Bergleute gerettet werden oder wenn die Krankenkasse nach Protesten schließlich doch den neuen Elektro-Rollstuhl für den verarmten Greis bezahlt. Anrührung zeichnet sich heute dadurch aus, dass sie gleichzeitig intensiv und flüchtig erlebt wird, die Kombination macht es – es sind regelmäßige Dosen persönlicher Anteilnahme, die löffelweise verabreicht werden, die man schlucken muss, die man gleichsam konsumieren muss. Das soll uns helfen, das soll uns Gelassenheit vermitteln und konstruktive Indolenz. Deshalb hat auch das Mitleiden etwas Geplantes, man inszeniert es immer wieder in ausgesuchten Kurzbelichtungen des Weltgeschehens. Grausamkeiten werden so auf merkwürdige Weise „verartigt“, die gefühlsmäßige Spontanabwehr wird überwunden, indem das mannigfaltige Angesicht des Schrecklichen als zwar eruptiv-abstoßend, aber als eine alltägliche Erfahrung auftritt, die schnell verweht und mit der man sich deshalb arrangieren kann. Es ist ein Kunstgriff der Medien, ein routinierter Zugriff auf die menschliche Psyche – das Nacherleben wird vor einer knallbunten, oft bluttriefenden Peripherie möglich gemacht, es wird veranstaltet, um den modernen Menschen für die Aussichtslosigkeit zu konditionieren.

Doch wäre die Behauptung, unsere Gesellschaft sei schon mitleidlos, tatsächlich falsch, denn der soziale Ausgleich funktioniert noch einigermaßen. Es gibt ein institutionalisiertes, ein delegiertes Mitleid, eine verwaltete Verantwortlichkeit, ein auf typisch deutsche Art differenziert umgesetztes Mitleid, nämlich die staatliche Fürsorge – niemand hungert, alle kommen noch irgendwie zurecht, wenigstens die gelben Engel stehen nach wie vor parat, und der Rettungshubschrauber fliegt ohne Zuzahlung sofort los. Trotzdem täuscht der pauschale Blick, die Gesellschaft wird in ihrer Substanz mitleidsloser, nicht nur nach außen hin gegenüber anderen Ländern, sondern auch innerhalb ihres Gefüges, Hauptgründe: die Vereinzelung des Menschen, seine zunehmende soziale Entwurzelung und seine Herabwürdigung in der Arbeitswelt, seine gefühlte Entwertung, die ihn sukzessive seiner Zuversicht beraubt, die ihn nicht selten über seine Existenz verzweifeln lässt, obwohl sie materiell gar nicht akut gefährdet erscheint. Es ist die Multiplikation von Ohnmachtgefühlen, die sich des Lebensgefühls bemächtigen will, es ist die Ahnung, dass der systematisierte und induzierte Emphatieverlust auch das Zentrum der eigenen Persönlichkeit unerbittlich angreift.

Erschwerend hinzu kommt die Reichweitenverschiebung der Empathie-Objekte – das Verhältnis hat sich auf groteske Art fast umgekehrt: Das Mitleid für Schicksale und schlimme Geschehnisse in der Nähe wird unterdrückt, weil es allzu schnell verbindlichen Charakter annehmen könnte, man baut lieber Distanz zum Naheliegenden auf, um nicht von ihm in Anspruch genommen zu werden. Im Grunde manifestiert sich darin ein asoziales Verhalten. Spenden und Kinderpatenschaften sind nicht per se ein persönlicher Ablasshandel, sie können durchaus von Herzen kommen – problematischer erscheint mir die unbewusste kompensatorische Funktion, die zu wirken beginnt, wenn das Individuum unablässig mit einer unheilen Welt konfrontiert wird. Es kommt zu einer inneren Abkehr vom Mitleid, zu einem Schulterzucken, das insofern abwegig ist als es sich regelmäßig auf sowieso weit entfernte Geschehnisse bezieht – die Menschen sind ständig damit beschäftigt, mit fürchterlichen Anblicken und mit auf sie übertragenen Ängsten umzugehen, die sie überhaupt nicht betreffen. Jeder Versuch, selbst zu helfen oder einzugreifen, erweist sich dabei von vornherein als illusorisch, das natürliche Bedürfnis, sich zu engagieren, läuft immer wieder ins Leere und muss sich in der Konsequenz darauf beschränken, einen Geldbetrag an irgendeine Organisation zu überweisen.

Das tätige Mitleid eines einzelnen stößt heute sehr schnell auf unüberbrückbare Hürden, weil es bewusst kontingentiert in Erscheinung tritt – man kann zwar für die Opfer einer Naturkatastrophe spenden, aber nicht gegen Ungerechtigkeit, nicht gegen Kriege und provoziertes Elend. Wenn sich aktives Mitleid mit Forderungen nach Korrekturen verbindet, wenn sich im Engagement vieler einzelner Menschen der Wille nach Veränderung zu deutlich konkretisiert, dann wird Mitleid plötzlich zu Renitenz umgewidmet, sogar zu Defätismus, dann wird es gänzlich unerwünscht, dann werden die Mitleidenden mit allen Mitteln kompromittiert, zumeist als gefährliche Spinner, Gutmenschen oder realitätsferne Eskapisten. Die Masche ist zwar bekannt, doch sie funktioniert noch nahezu reibungslos. Eine der vornehmsten Eigenschaften des Menschen, die natürliche Bereitschaft, sich mit Leidenden zu solidarisieren, wird hintertrieben, sie wird verunglimpft und ins Lächerliche gezogen.

Aus diesen Gründen ist es notwendig, das Mitleid zu rehabilitieren. Die Sorge um das Ergehen aller Menschen, die Idee der Fürsorge für alle muss zu einer gesellschaftlichen Maxime werden, zu einer ethischen Grundposition, die selbstverständlich immer stark idealistische Züge tragen wird, die aber ein verbindliches Leitbild darstellt, das nicht in unerreichbaren Sphären schwebt. Einsatz für Benachteiligte ist Ausdruck von enormer Stärke, die wahren Helden sind die, die ihre Nächstenliebe in die Tat umsetzen, man muss ihnen endlich umfassend Gelegenheit dazu geben, man darf sie nicht länger mit Placebos abspeisen, man darf sie nicht verachten, sondern soll sie gesellschaftlich hochachten. Die wirklichen Eliten sind diejenigen, für die das Wohl der Menschen vorgeht. Wer, so wie es Nietzsche tat, das Mitleid als Schwäche verkennt, der ist selber unsäglich schwach, der ist im Grunde ein Totalversager, auch wenn er in seinem Leben noch so viel Erfolg haben mag.

Im Himmel ist Jahrmarkt

Noch lässt mich 9/11 nicht los – das wird sich hoffentlich in Zukunft gründlich ändern, denn ich bin es jetzt schon irgendwie leid. Eigentlich möchte ich von diesen verdammten Anschlägen nichts mehr sehen und nichts mehr hören, sie gehen mir auf die Nerven, ich träume schon davon. Egal, der Mensch soll ja an seinen inneren Widersprüchen wachsen, sagt man, und deshalb schiebe ich hiermit gnadenlos einen letzten Text dazu nach:

Über das heldenhafte Verhalten der Passagiere von Flug 93 ist ein Spielfilm gedreht worden – aber die Rätsel über den vermeintlichen Absturz des riesigen Boeing-757-Flugzeugs bei Shanksville sind bis heute vollkommen ungelöst. Es stellen sich nach wie vor Fragen:

– Warum war die Absturzstelle nur ein wenige Meter breites Loch, ohne die zu erwartenden Trümmerteile in der unmittelbaren Umgebung? Wie kann die Stelle, an der ein großes Verkehrsflugzeug abgestürzt ist, so „leer“ sein?

– Mehrere Einwohner von Shanksville, dem Ort wo das Flugzeug angeblich abstürzte, waren als erste an der Absturzstelle, sie beteuerten übereinstimmend, kein Flugzeug bzw. keine Reste eines Flugzeugs entdeckt zu haben. Auch Journalisten, die am 11. September und in den Tagen danach das Gelände absuchten, fanden keine Flugzeugtrümmer, nicht ein einziges überzeugendes – wie konnte das sein?

– Es sollen jedoch Trümmerteile des 757-Jets gefunden worden sein, so etwa am idyllischen Indian Lake in 5 Kilometern Entfernung – in 8 Kilometern Entfernung entdeckte man angeblich ein ganzes Trümmerfeld mit vielen Leichenteilen – im Ort New Baltimore, 12 Kilometer von Shanksville entfernt fanden sich angeblich mehrere große Teile des Flugzeugs – und eines der mächtigen Triebwerke soll in 2 Kilometern Entfernung vom vermeintlichen Absturzort zu Boden gekracht sein. Woher kommen solche Behauptungen? Warum lassen sich diese Aussagen nicht eindeutig falsifizieren?

– Es gibt mehrere Zeugenaussagen über eine große Explosion in der Luft, die Häuser sollen wie bei einem Erdbeben gewackelt haben. Es existieren detailierte Verschwörungstheorien über einen vermeintlichen Abschuss von Flug 93 durch eine Rakete oder irgendein anderes militärisches Fluggerät. Außerdem kursiert die Theorie, dass Flug 93 um 10.45 Uhr auf dem Hopkins-Flughafen in Cleveland sicher gelandet sein soll, angeblich wurde die Landung von United Airlines bestätigt. Wenn das so war, dann frage ich mich allerdings, warum nicht ein einziger der Passagiere diesen Sachverhalt bestätigt und damit so ganz nebenbei die Tatsache, dass er noch lebt.

– Zwei Zeuginnen aus New Baltimore behaupten, dass der Ort und die nähere Umgebung in den Tagen nach dem 9. September gesperrt waren, man habe nur Einwohner durchgelassen mit der Auflage, über alles zu schweigen. Und es tauchen noch viele weitere Aussagen von Einzelpersonen auf, die spekulativ sind, möglicherweise auch nur aus Sensationslust geäußert… trotzdem ergibt sich abschließend ein sehr nebulöses Gesamtbild zu Flug 93.

Hier ein Auszug aus einem SPIEGEL-Artikel vom 7. September 2006, Zitat:

„Der Krater an der Absturzstelle bei Shanksville ist erstaunlich klein, größere Trümmer und Leichen sind auf Fotos praktisch nicht erkennbar. Noch heute wird der Bürgermeister des Ortes mit dem Satz zitiert, er habe an der Absturzstelle kein Flugzeug gesehen.

Alles falsch: Tatsächlich hat sich UA 93 beim Aufprall in kleinste Teile zerlegt. Einige größere Trümmerstücke fanden die Einsatzkräfte dennoch, beispielsweise Teile der Außenverkleidung. Fotos davon waren Beweismittel im Moussaoui-Prozess. Auch Leichenteile waren vorhanden, sie konnten per DNA-Analyse identifiziert werden. Acht Monate nach dem Absturz durchsuchten 125 Freiwillige noch einmal die Umgebung – selbst zu diesem Zeitpunkt fanden sie immer noch Trümmerstücke, Metall und Draht. Außerdem sammelten sie eimerweise menschliche Überreste.

Der Bürgermeister hatte übrigens nur gesagt, von dem Flugzeug sei praktisch nichts übrig, aber nicht, dass es gar kein Flugzeug gegeben habe.“

Hier noch ein kurzes YouTube-Video als mögliche Orientierungshilfe:

Ich zucke nicht oft zusammen, aber bei diesem Satz passierte es mir:

„Alles falsch: Tatsächlich hat sich UA 93 beim Aufprall in kleinste Teile zerlegt.“

Das schrieb der SPIEGEL, ein seriöses Nachrichtenmagazin, im Jahr 2006, also fünf Jahre nach 9/11/2001 – wer solch einen hanebüchenen Blödsinn seinen erwachsenen Lesern ernsthaft als „die Wahrheit“ verkaufen will, der entlarvt sich selbst als Auftragslügner.

„…eimerweise menschliche Überreste“

Was ist denn mit den Leichenteilen geschehen? Die Vereinigten Staaten sind ein christlich geprägtes Land mit tief verwurzelten Bestattungstraditionen, jeder Angehörige hätte auf einer würdigen Beerdigung bestanden… hat man die Eimer einfach ausgeleert und damit die Schweine gefüttert? Und was ist mit den DNA-Analysen – warum liegen sie nicht öffentlich zugänglich vor?

Wie kann das 100 Tonnen schwere, 55 Meter lange, 38 Meter breite und fast 14 Meter hohe Flugzeug in einem 5 Meter breiten Loch spurlos verschwunden sein? Wenn mir das jemand plausibel erklären kann, dann glaube ich auch, dass im Himmel Jahrmarkt ist.

Spekulationen

Manchmal hege ich den Verdacht gegenüber mir selbst, dass ich mich aus abwegigen Gründen immer wieder mit 9/11 beschäftige: Habe ich denn nichts Besseres zu tun? Sollte ich mich nicht um naheliegendere Dinge kümmern? Bin ich einem skurrilen Aufdeckungswahn verfallen, der fast kindliche Züge trägt? Mache ich mich verrückt mit Sachen, die mich nichts angehen und die ich sowieso nicht ändern kann? Das sind Fragen, die man nicht einfach abtun darf. Ich tue sie nicht ab und komme trotzdem zu dem Schluss, dass die Selbstzweifel in diesem Fall unangebracht sind. Ich bin mir sicher, dass es auch für mich wichtig ist, die Hintergründe der Anschläge gründlich, das heißt für mein eigenes Bewusstsein restlos aufzuklären, warum? Weil 9/11 den Gang der Welt stark beeinflusst und beeinflussen wird – wenn nicht sogar entscheidend.

Es gibt da aber einen durchaus problematischen Automatismus: Mit 9/11 wird man zwangsweise zur „Neuen Weltordnung“ geführt, zu einem Schlagwort, das überstrapaziert wirkt – doch wer die Anschläge allein mit seinen eigenen beschränkten Mitteln untersucht, der erkennt bald, dass die wahren Motive der Anschläge möglicherweise auch in diffusen Vorstellungen und Konzeptionen von einer neu gelenkten Welt zu suchen sein könnten. Der Blick ins Internet hierzu eröffnet einem ein „Verschwörungsuniversum“, ein Sammelsurium von Hypothesen, Theorien, Spekulationen und teils wahnwitzigen Geheimnissen, die zum Wohl der Menschheit dringend gelüftet werden müssen, angeblich. Es ist schwierig, den Unsinn von den seriösen Schlussfolgerungen zu trennen – mir wird bewusst, dass selbst bei aller Vorsicht auch ich Gefahr laufe, mich von faszinierenden Ausmalungen einer Welt voller anonymer Bösewichter und Fieslinge mitreißen zu lassen, also aufpassen.

Ich werde hier nicht tiefer in diese famose Geheimwelt eintauchen – wer sich dafür interessiert, dem steht das Netz zur Verfügung, dort findet er vieles: die Illuminaten, die Freimaurer-Logen, Scull & Bones, Bohemian Club, Phi Beta Kappa, Pax americana, die FED-Privatisierung oder, wer möchte, die FED-Verschwörung seit 1913 (FED: „Federal Reserve Bank“, amerikanische Zentralbank), die berühmt-berüchtigten „Bilderberger“, eher transatlantisch orientiert, dann das „CFR“ („Council on Foreign Relations“), dann die „Trilaterale Kommission“ (ein bedeutender Ableger der Bilderberger-Gruppe, gegründet von David Rockefeller im Jahr 1973), dann das Konzept „RAD“ („Rebuilding America’s Defenses“), dann „PNAC“ („Project for the New American Century“ – „Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert“), und schließlich wären da auch noch die eher peinlichen „Georgia-Guidestones“ irgendwo auf einer amerikanischen Wiese, einige im Stil von Stonehenge zusammengestellte Felsquader mit gleich mehrsprachig eingemeißeltem Offenbarungsgesülze, so weit ich weiß, aber nicht auf Deutsch, ein erfreulicher Umstand. Außerdem existieren Theorien wie die „Chemtrails“ (Wetterbeeinflussung durch chemische Stoffe) und „HAARP“ („High Frequency Active Auroral Research Program“ – Beeinflussung des Wettergeschehens durch Aussenden von Hochfrequenzen) und so weiter. Wie man sieht, ist es nicht einfach, sich einen Überblick zu verschaffen.

Scheinbar sind es immer dieselben Apologeten, die von geheimen neuen Weltordnungen umgetrieben werden – ich wähle bewusst nicht den Begriff Verschwörungstheoretiker, weil ernst zu nehmende Persönlichkeiten und Wissenschaftler darunter sind, wie etwa Jürgen Elsässer, Andreas von Bülow oder der zwar ausgeprägt redselige, aber intellektuell ebenso präzise Ken Jebsen. Dahinter schließen sich, jedenfalls nach meinen Eindrücken, eine Reihe von „Forschern“ an, bei denen ein gewisser Seriositätsschwund zu verzeichnen ist, oder anders ausgedrückt, ihre Interpretationen des Weltgeschehens werden mir tendenziell zu abenteuerlich, genannt seien Andreas Popp, Dirk Müller, Alexander Benesch und Andreas von Rétyi – sie spekulieren teilweise zu leichtfertig, zu düster, zu routiniert und zu professionell, man merkt irgendwie, dass sie mit dem Metier ihr Geld verdienen. Auch in den USA sind natürlich eine ganze Menge solcher selbsternannter „Neue-Weltordnung-Spezialisten“ aktiv, doch das ist eine andere Baustelle.

Was kann man realistisch konstatieren? Eine Art von Verschwörung liegt vor. Sie findet tatsächlich statt, das ist kein Märchen. Und die Verschwörung formt sich konkreter aus – die Betreiber der geheimen globalen Neuausrichtung beginnen gegenwärtig, sich entschlossener an dem roten Faden entlang zu hangeln, der ihnen vorher noch fehlte, der noch nicht richtig greifbar war. Roter Faden heißt: weltweite Übernahme der ökonomischen und finanziellen Macht nun auch mit Hilfe digitaler Kontrolle möglichst aller Individuen, also NSA exponentiell und weltumfassend. Wir befinden uns in einem Übergangsprozess von abnehmender politischer Kontrolle hin zu einer von Banken überwachten Weltwirtschaft als Ersatz für politische Willensbildungssysteme.

Das angelsächsische Konzept der sukzessiven Globalisierung unter einem rigiden Finanzsystem scheint sich erfolgreich durchzusetzen. Und die Annahme, dass es so ist, wäre auch mit einem okkulten messianistischen Hintergrund zu vereinbaren, der immer wieder gerne unterstellt wird – entsprechende Angebote gibt es reichlich: die Thora, die Bibel, der Kabbalismus, religiöse Erweckungslehren, düstere Prophetien, die verschiedenen Ausformungen des frömmelnden US-Primitivismus, bemerkenswert häufig vermischt mit manichäischen Motiven, Endzeit, oder besser die Endzeit, die bereits angebrochen ist, also das bevorstehende Armageddon, die Erlösung, der Erlöser – zusammengenommen die pseudoreligiöse Spökenkiekerei im unüberschaubaren Sektenwesen. Aber taugt eine Variante solcher Spinnereien wirklich dazu, auf ihr eine neue Weltordnung zu begründen? Nein, sicher nicht. Es mag zwar religiös mitbestimmende Faktoren geben, doch was sich aus meiner Perspektive an handfesten Versuchen herausschält, eine neue Weltordnung zu konturieren, ist psychologisch erklärbar. In diesen Versuchen spiegelt sich nicht mehr wieder als der notorisch sinnlose Machtanspruch von Eliten, so wie er sich historisch schon tausend Mal vollzog – es gibt nichts Neues unter der Sonne, nur ist die Erde für die Menschen kleiner geworden, so klein, dass sie sich nun zum ersten Mal in der Geschichte dem Zugriff einer zu allem entschlossenen Minderheit anbietet.

Aber was ist so schlimm an der neuen Weltordnung? Das müsste geklärt werden. Ich habe in einem anderen Aufsatz hier im Blog („Kontrolliertes Leben außer Kontrolle“) über die Notwendigkeit von mehr globaler Kontrolle geschrieben – allerdings dezidiert nicht von Kontrolle im Sinne einer ständigen Ausspähung von allen und allem. Die Erde braucht funktionierende Beschränkungen, sie braucht verbindliche Strukturen und Rahmen des Zusammenlebens, und sie braucht eine weise Leitung, die ihre zukünftige Existenz mit einem Minimum an notwendiger Beeinflussung grundlegend stabilisiert. Das muss so einfach kommen, es lässt sich nicht vermeiden, es wäre verantwortungslos, unumgängliche steuernde Eingriffe in das Weltgeschehen pauschal als diktatorisch zu diffamieren. Es kommt entscheidend darauf an, ein differenziertes und ein menschengerechtes Konzept für die neue Weltordnung vorzulegen, am besten könnte dieser vorläufige Master-Plan über eine offene globale Diskussion der nötigen Maßnahmen erarbeitet werden, denn er soll allen Menschen dienen.

Was die Erde jedoch definitiv nicht braucht, ist die Verwirklichung der orwell’schen Dystopie – und hier sehe ich sehr große Gefahren. Nicht nur in der westlichen Hemisphäre, sondern nahezu überall auf der Erde verschwimmen Politik, Wirtschaft und Kapital, sie verschwimmen zu einer unheimlichen Grauzone, diese Grauzone liegt wie dunkler Schatten auf der Gegenwart. Nur sehr wenige Personen kennen die Instanzen, bei denen die wirklich wichtigen, die epochalen Entscheidungen gefällt werden. Die Massen der Menschen haben nicht mehr den geringsten Einfluss auf ihr Geschick, sie haben keine Möglichkeiten mehr, ihre kollektive Existenz konstruktiv nach ihren Vorstellungen mit zu gestalten, sie stehen heute schon unter der Kuratel anonymer Mächte, sie sind fremdbestimmt, sie haben bereits zu Lebzeiten ihr Leben verloren. Eine neue Weltordnung, die solche Verhältnisse billigend antizipiert, wäre eine abgrundtief schlechte Weltordnung. Auch wenn ich mich wiederholen mag: Die Übermacht des Kapitals und die Übermacht der Wirtschaftswelt müssen gebrochen werden, die Befugnisse und die Handlungsspielräume für die beiden Bereiche sind auf ein vernünftiges, für die Menschheit vertretbares Maß zu reduzieren – das kann man ohne Kriege erreichen, wenn die Politik aus ihrer Ohnmacht erwacht, wenn sie sich aus ihren alles erstickenden Abhängigkeiten befreit, wenn sie wieder freier atmen und denken kann. Sonst kommen wir in Teufels Küche, in die Hexenküche der Teufel, die 9/11 zusammengebraut haben.