Plotz

Kreisverkehr

Ich kämpf mich durch urbanes Gewühle
zu einem Hügel im Kreisverkehr.
Rings um seine Kuppe steh’n der Leute viele
Und oben mit hoher Stirn ein Herr
– ich will und muss wissen wer.

Auf dem Hügel steht alles stille,
Scheint so als wär’s des Herrn besonderer Wille.
Schon bin ich Teil der schweigenden Menge,
Steh mitten drin im stillen Gedränge.

Dann, leise und gewinnend
spricht der Herr, im Tonfall bestimmend:
—“Im Schweigen strömt das Sein,
—Alles fließt und ist der Zeiten Kind,
—Verweilen, Dauer ist nur Schein,
—Veränderung ist alles, was wir sind.”
Und die Menge, diese Worte im Ohr,
Ruft zurück im Chor.
“Es fließt unser Tanz, dem Sein zum Gruß,
Sein und Tanzen sind aus einem Guss.”
Und langsam erhebt sich der Reigen
aus dem zuvor obwaltenden Schweigen.

Und vom Fuße des Hügels her
dröhnt, rauscht und grollt der Kreisverkehr.

—„Alles Fließen ist Gestaltung
—eines Weltgeists im Streben nach Entfaltung.
—Und noch in der Bewegung kleinstem Element
—Ist dieser Geist, ist das Universum als Ganzes präsent.“
Und es erwidert der Menge unbeirrtes Rufen:
„Die Geister der Welten mögen uns ferne liegen,
Im Gesang sind wir eins auf tieferen Stufen:
Im Klang der Refrains und im rhythmischen Wiegen.“

—„Ferne unserem Denken liegen die Geister der Welt,
—Was wir sehen, sind nur Schatten
—Unnahbarer Ideen am Himmelszelt.“
Da singt der Chor in resigniertem Ermatten:
„‘Ein Stern, der Deinen Namen trägt…‘
von uns‘rem vergeblichen Sehnen Zeugnis legt.“

—„Doch Ich&Ich sind subjektiv transzendental,
—die nämlichen Schatten prägen uns allemal,
—die Raumzeitkoordinaten sind uns gemein,
—sie umsäumen der Dingwelt dunkles Sein.“
Und der Chor tanzt fröhlich im Rund.
„Wir sind vom selben Stern,
Ich kann Deinen Herzschlag hör‘n“
Ist in aller Mund.

Und vom Fuße des Hügels her
dröhnt, rauscht und grollt der Kreisverkehr.

—“Das Ding an sich ist von einem anderen Stern.
—Unvollständigkeit ist unseres Denkens Kern,
—Wir sind gefangen in Selbstreferenz,
—bedroht von fundamentaler Inkonsistenz.”
Da singt der Chor widersprüchlich und tief:
“You may check out but you can never leave.”

—“Vorlaufende Entschlossenheit zum Tod,
—das ist des Seins ehernes Gebot.
—Diese finale Inkonsistenz befreit uns aus unserer Not.”
Es bekräftigt der Chor im Reim:
“Wir tanzen, als wär’s der Letzte, jeden Schritt;
der Tod tanzt immer mit.”

—“Groß ist die himmlische Gnadengewähr,
—Tod und Sünd’ werden von ihr übertroffen”
Und die Menge, diese Worte im Ohr,
ruft zurück im Chor:
„Wir danken für die Gnade der Sünde davor.“
Es klingt ein wenig besoffen.

Und vom Fuße des Hügels her
dröhnt, rauscht und grollt der Kreisverkehr.

—“Die Wahrheit ist eine Quelle, wie ein Reigen,
—sie verschließt sich selbst, sie ist so rein.
—Den Seinsruf vernehmen im Schweigen
—muss unser tiefstes Bestreben sein.”
Und die Menge, diese Worte im Ohr,
….schweigt im Chor.

Nur vom Fuße des Hügels her
dröhnt, rauscht und grollt der Kreisverkehr.

Und auch ich lasse mich treiben
im ewigen Reigen
von Tanz und Schweigen.
Muss nicht mehr wissen wer
der Herr ist im Kreisverkehr.

von “Plotz” – das Gedicht erschien am 24.3.2008 im Lyrik-Forum von SPON.

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3 Gedanken zu “Plotz”

  1. Ein Herr und ein Heer im Kreisverkehr. Zum Nachdenken.

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  2. Ziemlich gute Theologie.

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