Lewi

Ein kleines Kuss-Gedicht

Der Menschheit größter Hochgenuss
ist ohne Zweifel wohl der Kuss.
Er ist beliebt, er macht vergnügt,
ob man ihn gibt, ob man ihn kriegt.

Er kostet nichts, ist unverbindlich
und vollzieht sich immer mündlich.
Hat man die Absicht, dass man küsst,
so muss man erst mit Macht und List
den Abstand zu verringern trachten
und dann mit Blicken zärtlich schmachten.

Die Blicke werden tief und tiefer,
es nähern sich die Unterkiefer.
Man pflegt dann mit geschlossenen Augen
sich aneinander festzusaugen.

Jedoch nicht nur der Mund allein
braucht eines Kusses Ziel zu sein.
Man küsst die Wange und die Hände
und auch noch and’re Gegenstände,
die ringsherum mit Vorbedacht
sämtlich am Körper angebracht.

Auch wie man küsst, das ist verschieden,
im Norden, Osten, Westen, Süden.
So mit Bedacht und mit Gefühl,
der eine heiß, der and’re kühl.
Der eine haucht, der and’re schmatzt,
als ob ein alter Reifen platzt.
Hingegen wiederum der Keusche
vermeidet jegliche Geräusche.
Der eine kurz, der and’re länger,
den längsten nennt man Dauerbrenner.

Ein Kuss ist, wenn zwei Lippenlappen
in Liebe aufeinander klappen
und dabei ein Geräusch entsteht,
als wenn die Kuh durch Matsche geht.

von „Lewi“ – das Gedicht erschien am 30.3.2006 im Lyrik-Forum von SPON.

Plateau

Es fahren schon lang keine Züge mehr,
die Heimkehr steht endgültig still,
dich sehe ich noch verdämmert
und schräg angeschnitten,
vom tief liegenden Horizont,
den Effekten bist du ausgeliefert,
hilflos.

Dein schwarzes Profil im Abendrot,
deine Haare leicht zaudernd im Wind,
es schreien noch Kinder und Vögel,
versteckt, und was flüsterst du mir,
über jeden Donner von unten,
die Pfade und Wege seh ich nicht mehr,
aus der Stadt wird eine Ebene,
grenzenlos.

Die Gräser unter uns
sind schon längst trocken,
die Lüfte versprechen nicht viel,
was klingt, wird nicht mehr vernommen,
um Gedanken wird nicht mehr gebeten,
nun gib mir also eine Hand,
denn diese Nacht wird
wolkenlos.

von „Lewi“ – das Gedicht erschien am 2.4.2006 im Lyrik-Forum von SPON.

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1 Gedanke zu “Lewi”

  1. Max Raabe: „Küssen kann man nicht alleine …“

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