Jörn Bünning VI

Zum anderen Ufer

Wie viele Nächte sollt ich bange wachen,
bis dann dein Schlaf dem Todesgriff entkam?
Erleichtert hör ich dich schon wieder lachen,

doch mir verschnürt den Hals noch immer Gram.
Wo du, gezeichnet schwer, so blass und mager
die ersten Schritte planst, fühl ich nun Scham.

Noch liegst du schwach auf deinem Krankenlager
und träumst dein Leben bis zum Quell der Spiele.
Ich fand dich einst verzweifelt, als Versager,

der täglich neue Kränze band, zu viele,
aus Sorgen, Angst, mit Schmerz und stillem Kummer,
nun siehst du stündlich immer neue Ziele.

Ich mein, sie rauben ebenso den Schlummer,
den du erflehtest als Verzweiflungstat,
Entkommen suchtest bis zur letzten Nummer.

Und wusstest weder ein noch aus. Kein Rat
ward dir zuteil. Nun planst du Wanderungen,
um die ein treuer Mensch dich damals bat,

und jetzt ist dir noch nicht ein Schritt gelungen.
Wie fremd erscheint mir dort des Menschen Art,
wo er befreit sich glaubt und ungezwungen.

Und bleibt doch in die Ferne so vernarrt,
dass er, zum letzten tiefen Fluss gelangt,
stets hoffnungsvoll aufs andre Ufer starrt.

von Jörn Bünning – das Gedicht erschien am 4.2.2014 im Lyrik-Forum von SPON.

Der alte Markt

Früher
war noch Leben gewesen
auf dem alten Markt.
Ja früher,
als es das Einkaufszentrum nebenan
mit seinen zahllosen Ladenpassagen
noch nicht gab.

Nun fristet er sein Dasein,
als Relikt einer verlorenen Zeit,
denn die meisten
haben heutzutage keine Zeit mehr
zu verlieren.
Geblieben
ist ein Häuflein Wartender,
denen die Zeit
längst abhanden gekommen ist.

Auch die meisten Händler
sind inzwischen verschwunden.
Lohnte sich nicht mehr,
sagen sie:
Zuviel Arbeit
für zuwenig Kundschaft.
Geblieben sind
ein paar Hartnäckige:

Ein Händler
mit Schallplatten und CDs
aus Haushaltsauflösungen,
einer
mit bunten Tüchern,
Gürteln und Hausschuhen,
ein Hobbyimker
mit selbstgeschleudertem Honig,
stets die gleiche Sorte
sauber zur Pyramide gestapelt.

Und ein Stand mit
zahllosen Gewürzen aus
aller Herren Länder.
„Selbst gesammelt“,
wird der Verkäufer
nicht müde zu betonen,
allerdings
im Laufe der Jahre
völlig ausgeblichen und fad.

Aber hier kauft sowieso
keiner etwas.
Das verbliebene Publikum
drängelt sich
um die letzte Würstchenbude,
in der es warmen Kaffee, Fritten
und Currywurst gibt.

Bald soll der alte Markt
einem Parkhaus weichen.
Man ist dagegen.

von Jörn Bünning – das Gedicht erschien am 3.2.2014 im Lyrik-Forum von SPON.

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