hans-werner degen

Sprache

Der Baum / größer als die Nacht / mit dem Atem der Talseen / mit dem Geflüster über / der Stille

Die Steine / unter dem Fuß / die leuchtenden Adern / lange im Staub / für ewig

Sprache / abgehetzt / mit dem müden Mund / auf dem endlosen Weg / zum Hause des Nachbarn

von hans-werner degen – das Gedicht erschien am 24.3.2009 im Lyrik-Forum von SPON.

Dorfmusik

Letztes Boot darin ich fahr
keinen Hut mehr auf dem Haar
in vier Eichenbrettern weiß
mit der Handvoll Rautenreis
meine Freunde gehn umher
einer bläst auf der Trompete
einer bläst auf der Posaune
Boot werd mir nicht überschwer
hör die andern reden laut:
dieser hat auf Sand gebaut
Ruft vom Brunnenbaum die Krähe
von dem ästelosen: wehe
von dem kahlen ohne Rinde:
nehmt ihm ab das Angebinde
nehmt ihm fort den Rautenast
doch es schallet die Trompete
doch es schallet die Posaune
keiner hat mich angefaßt
alle sagen: aus der Zeit
Fährt er und er hat’s nicht weit
Also weiß ichs und ich fahr
keinen Hut mehr auf dem Haar
Mondenlicht um Brau und Bart
abgelebt zuendgenarrt
lausch auch einmal in die Höhe
denn es tönet die Trompete
denn es tönet die Posaune
und von weitem ruft die Krähe
ich bin wo ich bin: im Sand
mit der Raute in der Hand

von hans-werner degen – das Gedicht erschien am 24.3.2009 im Lyrik-Forum von SPON.

In den Mittag gesprochen

Schläfriger Garten. Gedankenlos
wie der Daume über dem Daume.
Sage, wer trägt die Birne im Schoß,
den Apfel, die Eierpflaume.

Breit auseinander setzt Schenkel und Knie’,
weil schon Spilling und Mirabelle
höher sich wölben voll Saft und Magie,
die Natur auf der Sommerschwelle.

Bis an den Umkreis der Schale erfüllt
sind die Früchte nur mit sich selber,
und in die flimmernden Lüfte gehüllt,
überläuft es sie blauer und gelber.

Pochender Aufschlag. Was trägt und enthält,
ist das Ganze von allen geboren.
Innen ward außen. Was ungepflückt fällt,
geht wie Traum an das Ganze verloren.

Scharren im Laube. Ein brütendes Huhn
sitzt getrost auf zerbrochenem Rade.
Zeit, wohin fließest du? Nach Avalun …
Süßes, wie heißest du? Kern in den Schuhn
purpurblaun, gelben? Du wirkendes Ruhn?
Und ein jegliches antwortet: Gnade!

von hans-werner degen – das Gedicht erschien am 31.3.2009 im Lyrik-Forum von SPON.

Mein Ursprung…

Begreift ihr nun? Mein Ursprung ist der Hauch.
Ein Hauch ist nichts. Und ist der Name auch.

Erfühlt es tief. Mein Ende ist der Duft.
Sehr sanft entläßt ihn meines Namens Gruft.

Die Gruft ist leer. O neu gehauchtes Glück:
Die Welt strömt ein. Ich atme sie zurück.

von hans-werner degen – das Gedicht erschien am 31.3.2009 im Lyrik-Forum von SPON.

Der Antichrist

Er wird sich kleiden in des Herrn Gestalt,
Und seine heilige Sprache wird er sprechen
Und seines Richteramtes sich erfrechen
Und übers Volk erlangen die Gewalt.

Und Priester werden, wenn sein Ruf erschallt,
zu seinen Füßen ihr Gerät zerbrechen,
Die Künstler und die Weisen mit ihm zechen,
Um den sein Lob aus Künstlermunde hallt.

Und niemand ahnt, daß Satan aus ihm spricht
Und seines Tempels Wunderbau zum Preis
Die Seelen fordert, die er eingefangen;

Erst wenn er aufwärts fahren will ins Licht,
Wird ihn der Blitzstahl aus dem höchsten Kreis
Ins Dunkel schleudern, wo er ausgegangen.

von hans-werner degen – das Gedicht erschien am 31.3.2009 im Lyrik-Forum von SPON.

Schlafe wohl, geliebtes Kind,
so viel tapfrer Helden sterben,
ganze Völker gar verderben,
und die Zeit verstiebt wie Wind;
wie soll da ein Mensch bestehn ?
Muß dies Ganze doch vergehn.

Schlafe wohl! Wir Armen, wir
bleiben, was wir immer waren:
jung von Weisheit, alt von Jahren,
unverständig für und für,
stumm an Mund, an Augen blind,
Kinder, wie wir kommen sind.

von hans-werner degen – das Gedicht ohne Titel erschien am 3.4.2009 im Lyrik-Forum von SPON.

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