Adlersfeld-Ballestrem

6. September 2013:

Das Vollglück in der Beschränkung

Manchmal lasse ich mich auf Sachen ein, zu denen ich eigentlich Distanz halte, zu diesem bürgerlich-romantischen Schwelgen etwa, und zu den Über-allen-Wipfeln-ist-Ruh-Gefühlen inklusive der entsetzlichen deutschen Wanderslust, zu den biedermeierischen Idyllen, zu dieser Spitzweg-Seligkeit, die bereits Jean Paul* als „das Vollglück in der Beschränkung“ entlarvte. Manchmal also erwischt es mich, vorgestern war es wieder soweit, ich stieß ich im Netz auf einen Namen, der mich faszinierte: Anna Eufemia Carolina von Adlersfeld-Ballestrem… na, ist das ein Name oder nicht? Nur kein Neid. Ich hatte von dieser Dame noch nie etwas gehört, und dann entdeckte ich, dass sie Anfang des 20. Jahrhunderts eine der populärsten deutschen Schriftstellerinnen war.

Deutschland hat Anna Eufemia Carolina von Adlersfeld-Ballestrem vergessen, sie aus seinem kollektiven Gedächtnis gestrichen – die bedauernswerte Eufemia ging als Kitsch-Autorin unter, ganz im Gegensatz zu ihrer in etwa zeitgleichen Schriftsteller-Kollegin Hedwig Courths-Mahler, die es bis heute zu Berühmtheit brachte, zu einer allerdings merkwürdig klebrigen. Anna Eufemia Carolina von Adlersfeld-Ballestrem führt mich in eine andere Welt, in eine vergangene Welt, deren Reiz man sich manchmal nur schwer entziehen kann – allein ihr Vater, wer war das? Es war Graf Alexander Karl Wolfgang von Ballestrem di Castellengo, Landschaftsdirektor in Ratibor… ja, da bleibt einem die Spucke weg, verständlich, denn wer würde nicht auch gern so ein wohlklingender gräflicher Landschaftsdirektor sein. Bis Eufemia den Rittmeister Joseph Fritz von Adlersfeld ehelichte, war sie Ehrenstiftsdame des königlichen kaiserlichen Stifts „Maria Schul“ – was ist denn eine Ehrenstiftsdame? Ich weiß es nicht, doch ich kann noch mitteilen, dass Anna Eufemia Carolina von Adlersfeld-Ballestrem unter anderem ein bis heute wichtiges Werk schuf, nämlich den „Katechismus des guten Tons und der feinen Sitte“ – und sie schrieb außerdem Gedichte, hier naht schon eines:

Botschaft

Frau Nachtigall, flieg‘ über Berg und Tal,
Und schmettre dein süßestes Lied,
Auf dass es mit Maiduft und Mondenstrahl
Wie seliger Gruß zu ihm zieht!

Und singe so lockend, und singe so leis,
So süß wie noch keine je sang,
Vom Liebestraum in dem Herzen so heiß
Mit köstlichem, herrlichem Klang.

Ich wollte, ich wäre an deiner Statt
Ein Vöglein so frei und so klein,
Da sänge ich laut unter Blüte und Blatt
In die wonnige Welt hinein!

von Anna Eufemia Carolina von Adlersfeld-Ballestrem

(*) Jean Paul, 1763-1825, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, Schriftsteller und Bewunderer von Jean-Jacques Rousseau – den Durchbruch zum Ruhm schaffte er mit dem Roman „Hesperus oder 45 Hundposttage“.

Findet ihr den Trost nicht in der Nähe:
so erhebet euch und sucht ihn immer höher;
der Paradiesvogel flieht aus dem hohen Sturm,
der sein Gefieder packt und überwältigt,
bloß höher hinauf, wo keiner ist.

von Jean Paul

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2 Gedanken zu “Adlersfeld-Ballestrem”

  1. Wieder und berechtigerweise aus dem Heer der Vergessenen zurück geholt.

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  2. Onion sagte:

    Stiftsdamen lebten mit einem festen Gehalt im Kloster, für Ehrenstiftsdamen dagegen bestand keine Präsenzpflicht. Oft hübsche Namen wie zum Beispiel Gräfin Charlotte Clementine Editha von Itzenplitz.

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