George

26. September 2013:


Das geheime Deutschland

„Das geheime Deutschland“… der drohende Überwachungsstaat? Nein, den meine ich nicht, ich meine den stehenden Begriff, den heute kaum noch jemand kennt. „Das geheime Deutschland“ war vor hundert Jahren bei den Intellektuellen der Ausdruck für eine nationale Erneuerungssehnsucht zurück zu antiker Größe, die allerdings immer nebulös blieb. Aus diesem Wabern stach eine zentrale Figur hervor, der Dichter Stefan George, nebenbei bemerkt nicht verwandt mit Heinrich und Götz George. Stefan George war für mich, ich schreibe es hier unumwunden, eine geradezu monströse Persönlichkeit, ein hochfahrend überheblicher Mensch, ein Unsymphat par excellence – und doch galt er damals vielen als eine Art Gott.

Stefan George lebte von 1868 bis 1933, in einer Zeit, die bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs auch vom Gefühl des „Fin de siècle“ bestimmt war, vom Gefühl des kulturellen Niedergangs im ausgehenden 19. Jahrhundert. Besonders in Künstlerkreisen breitete sich damals eine Art Trauer aus über die industrielle Revolution aus, über das Vordringen der Maschinenwelt, über die Proletarisierung der zuvor bürgerlichen und bäuerlichen Menschen – sie wurden nun als Massen wahrgenommen, als Sklaven eines Zeitalters allgegenwärtiger niederschmetternder Versachlichung. Mich erinnert das Fin de siècle manchmal an die Portugiesen, die sich bis heute mit ihrem Fado in der Trauer über die vergangene große Seefahrer-Nation ergehen. Einer der Unterschiede zum Fin de siècle liegt aber darin, dass die Deutschen auf eine ähnlich große Vergangenheit gar nicht zurückblicken konnten, weshalb sie sich hilfsweise bei der Antike bedienten.

Hölderlin, Hegel und schließlich der fatale Nietzsche stellten die Vorbilder für deutsche Sehnsucht nach Höherem – Stefan George sah sich als ihr vornehmster Botschafter, und die einzig angemessene Form seiner Botschaft schien ihm das Gedicht zu sein, er sah auf die Prosa herab, er hielt wenig vom Drama, obwohl er doch so ein dramatisch emotionalisierter, von seinem Ego besessener Mensch war, der sich im Laufe seines Lebens sogar epiphanische Qualitäten zubilligte, er machte sich selbst zu einem quasigöttlichen Wesen, was auf ein psychophatisches Persönlichkeitsbild schließen lässt. Mit George verbindet sich eine ganze Reihe von Begriffen, die ich hier nicht alle im einzelnen aufdröseln will, ich nenne sie nur stichwortartig: Der hochmögende George-Kreis, in dem er wie ein Wesen vom anderen Stern seinen Jüngern vorsaß, die Kosmiker, das geheime Deutschland, das L’art pour l’art und der Maximin-Mythos. George war homosexuell, verschwiegen wird dabei meistens seine Knabenliebe, er war vulgo ein Kinderficker, der diese Eigenschaft aber verschleiernd überhöhte, vor allem in seinem Gedicht-Zyklus „Stern des Bundes“ und durch sein lyrisches Gewese um den Maximin-Mythos, mit dem er den frühen Tod eines seiner Lustknaben auf groteske Weise verklärte. Zu den aufkommenden Nazis hatte George ein gespaltenes Verhältnis, er war kein Judenfeind, die Nazis waren ihm nicht kultiviert genug, er fand sie zu gewöhnlich und zu plump in ihrem rassistisch verengten Weltbild, er ließ sich nicht von ihnen vereinnahmen – trotzdem war er ihrem nationalen Kult durchaus zugetan, was nicht weiter verwundern kann.

Unten stelle ich vier Gedichte von Stefan George vor – obwohl ich mich mit seiner Lyrik nur schlecht anfreunden kann, sie ist mir zu überzogen, zu schicksalhaft, zu pathetisch, eine sich immer wieder voluminös aufblähende Hefekuchen-Lyrik mit epochaler Glasur. Problematisch erscheint mir deshalb auch, dass die Brüder Stauffenberg Stefan George anhimmelten, er war für sie ein charismatischer Übermensch, ein Idol. Claus und Berthold von Stauffenberg hielten die Totenwache an Georges Sarg, Claus rezitierte vor dem Anschlag auf Hitler wiederholt das Gedicht „Der Widerchrist“ – es war eine Art Offenbarung für ihn. Am 21. Juli 1944, nur eine Sekunde vor seiner Erschießung im Innenhof des Berlinder Bendler-Blocks rief Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg diese letzten Worte aus: „Es lebe das geheime Deutschland!“

Geheimes Deutschland

Reiss mich an deinen rand
Abgrund – doch wirre mich nicht!

Wo unersättliche gierde
Von dem pol bis zum gleicher
Schon jeden zoll breit bestapft hat
Mit unerbittlicher grelle
Ohne scham überblitzend
Alle poren der welt:

Wo hinter maassloser wände
Hässlichen zellen ein irrsinn
Grad erfand was schon morgen
Weitste weite vergiftet
Bis in wüsten die reitschar
Bis in jurten den senn:

Wo nicht mehr · rauher obhut ·
Säugt in steiniger waldschlucht
Zwillingsbrüder die wölfin
Wo nicht · den riesen ernährend ·
Wilde inseln mehr grünen
Noch ein jungfrauen-land:

Da in den äussersten nöten
Sannen die Untern voll sorge ·
Holten die Himmlischen gnädig
Ihr lezt geheimnis. . sie wandten
Stoffes gesetze und schufen
Neuen raum in den raum . . .

Einst lag ich am südmeer
Tief-vergrämt wie der Vorfahr
Auf geplattetem fels
Als mich der Mittagschreck
Vorbrechend durchs ölgebüsch
Anstiess mit dem tierfuss:

>Kehr in die heilige heimat
Findst ursprünglichen boden
Mit dem geschärfteren aug
Schlummernder fülle schooss
Und so unbetretnes gebiet
Wie den finstersten urwald
Hier fass ich nicht mehr und verstumme
Ist ähnliches je dir begegnet?
Alles – doch solches noch niemals<

Heb mich auf deine höh
Gipfel – doch stürze mich nicht!
Wer denn · wer von euch brüdern
Zweifelt · schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:

Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher erde noch ruht –
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.

von Stefan George

Der Widerchrist

Dort kommt er vom berge · dort steht er im hain!
Wir sahen es selber · er wandelt in wein
Das wasser und spricht mit den toten.“

O könntet ihr hören mein lachen bei nacht:
Nun schlug meine stunde · nun füllt sich das garn.
Nun strömen die fische zum hamen.

Die weisen die toten – toll wälzt sich das volk ·
Entwurzelt die bäume · zerklittert das korn ·
Macht bahn für den zug des Erstandnen.

Kein werk ist des himmels das ich euch nicht tu.
Ein haarbreit nur fehlt – und ihr merkt nicht den trug
Mit euren geschlagenen sinnen.

Ich schaff euch für alles was selten und schwer
Das Leichte · ein ding das wie gold ist aus lehm ·
Wie duft ist und saft ist und würze –

Und was sich der grosse profet nicht getraut:
Die kunst ohne roden und säen und baun
Zu saugen gespeicherte kräfte.

Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich ·
Kein schatz der ihm mangelt · kein glück das ihm weicht..
Zu grund mit dem rest der empörer!

Ihr jauchzet · entzückt von dem teuflischen schein ·
Verprasset was blieb von dem früheren seim
Und fühlt erst die not vor dem ende.

Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog·
Irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof.
Und schrecklich erschallt die posaune.

Von Stefan George

Nova Apocalypsis

Endchrist endchrist du wurdest zum spott
Statt deiner kommt der Fliegengott.
Larven aus faulenden hirnen gekrochen
Sind nun ins leben hereingebrochen
Breiten sich dreist über alle gassen:
Das reich ist unser: wir kommen in massen.
Der geht noch aufrecht – reisset ihn um
Der hat noch ein antlitz – zerret es krumm!
Der schreitet noch – er schleiche und hinke
Der schaut noch – macht dass er schiele und zwinke!
Kein arm: wir brauchen nur taster und greifer
Kein blut: wir brauchen nur gallert und geifer.
Hinweg mit seelen mit höhen und himmeln
Wir brauchen nur staub: wir die kriechen und wimmeln.

von Stefan George

Komm in den totgesagten park und schau…

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade –
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau
Von birken und von buchs – der wind ist lau –
Die späten rosen welkten noch nicht ganz –
Erlese küsse sie und flicht den kranz –
Vergiss auch diese letzten astern nicht-
Den purpur um die ranken wilder reben –
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

von Stefan George

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2 Gedanken zu “George”

  1. spatz sagte:

    Ich weine, Deeplooker, kann es nicht glauben. Hier in dieser kleinen Ecke deines Blogs, die niemand besucht, sage ich dir, ich weine, kann nicht glauben, dass alles schon Vergangenheit ist.

    Gefällt 1 Person

  2. Baumeister sagte:

    Wir alle sind oder werden Vergangenheit, nur in unserem Herzen nicht. Ich denke gern und oft an ihn.

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