Hebbel

20. September 2013:

Ich und Du – und die Nibelungen

Deutscher bin ich per Zufall, alles ist Zufall: Frau oder Mann, reich oder arm, bürgerlich oder adlig, schön oder hässlich, schlau oder weniger schlau, klein oder groß, kränklich oder kerngesund, gut oder schlecht. Wenn ich kein Deutscher wäre, dann, so habe ich mir überlegt, hätte mir stattdessen ein Peruaner zugesagt. Ich weiß eigentlich auch nicht warum, aber ich bleibe dabei – vielleicht weil mir ein Peruaner unverfänglich erscheint, unverfänglicher als ein Franzose, ein Russe oder ein Amerikaner. Über Peru besitze ich Kenntnisse, darunter nicht nur dass die Hauptstadt Lima heißt und dass dort acht Millionen Menschen leben, nein, ich weiß noch mehr… allerdings, ich muss es hier einräumen, nicht viel mehr. Um Ihnen gegenüber den Eindruck zu erwecken, dass ich über Peru genau Bescheid wüsste, hätte ich vorher recherchieren müssen, etwa mit dem Ergebnis, dass ich Sie nun darüber hätte aufklären können, welche Bodenschätze in Peru vorkommen oder wie hoch die allgemeine Lebenserwartung ist. Doch dieser Täuschung bedarf es nicht, denke ich, schon weil meine Spekulation, ein Peruaner zu sein, eine vollkommen unverbindliche ist – gerade fällt mir noch ein, dass ein Peruaner vor einigen Jahren den Literatur-Nobelpreis erhielt, leider habe ich seinen Namen vergessen.

Im Durchschnitt ist ein Peruaner ärmer als ein Deutscher, doch dafür unterstelle ich ihm weniger Sorgen mit seiner Volkszugehörigkeit, was vorteilhaft ist. In Peru blickt man bestimmt voller Stolz auf die Vorfahren zurück, auf die Inkas – und die Deutschen, auf was blicken die zurück, und dann noch auch voller Stolz? Sehen Sie, und schon ist die Frage, ob man lieber ein Deutscher oder ein Peruaner wäre, nicht mehr so leicht zu beantworten. Immerhin sind die Deutschen ein Kulturvolk, das habe ich jedenfalls irgendwo gelesen… aber die Peruaner, sind die Peruaner etwa kein Kulturvolk? Selbstverständlich, sogar ein sehr altes. Es kommt immer darauf an, was man unter einem Kulturvolk versteht, und wenn damit seine Taten gemeint sind, dann gerät man bei Deutschland schnell auf die schiefe Bahn. Außerdem habe ich dabei ein tückisches Phänomen vor Augen, das nicht unbedingt ein nationalistisches, doch zumindest das nationale Selbstverständnis der Deutschen unbewusst prägt – das Nibelungenlied. Die Peruaner haben kein Nibelungenlied, vielleicht haben sie einen Inka-Mythos, aber das Nibelungenlied ist ein gar gewaltiges Epos, das deutsche Ur-Epos… nur mit einem kleinen Schönheitsfehler: Seine Ursprünge liegen nicht in Deutschland, sondern in Skandinavien.

Keine Angst, ich werde Sie jetzt nicht mit dem Nibelungenlied malträtieren – sie müssen alle draußen bleiben: die Walküren, Siegfried der Drachentöter, Kriemhild, Ute, Hagen von Tronje und der Hunnenkönig Etzel sowieso. Obwohl es seine Gefühlswelt mitbestimmt, interessiert sich der landläufige Deutsche nicht für das Nibelungenlied, im Gegensatz zu dem kulturbeflissenen konservativen Deutschen, der ein solches Interesse nicht nur vorschützt, sondern auch darauf besteht, es jedes Jahr aufs Neue aktiv auszuleben, vor allem im bayrischen Bayreuth. Wenn bloß die Eintrittskarten für die Festspiele nicht so rar und teuer wären – denn mit einem Hörplatz für acht Euro will man sich auf keinen Fall begnügen, denn weder sieht man dort etwas noch wird man gesehen, man will auf einem Hörplatz auch gar nicht gesehen werden, es wäre eine Schande.

Bayreuth kann sich neben einem eindrucksvoll ausladenden Schloß mit gleich fünf Eiscafés rühmen: San Remo, Venezia, Capri, Gelato und das „il Gelato“ – dann wären da noch die berühmt-berüchtigten Wagner-Festspiele, die alle Jahre wieder als oper-naives kulturelles Hochamt ganz Deutschland heimsuchen, man kennt das schon, es hängt einem zum Hals heraus: Gewittrig aufgedonnerte Damen in Abendkleidern, zähnebleckende Frackträger, erlauchte Gäste, die sich im Understatement des Unbeeindrucktseins vor den Kameras ergehen. Bayreuth, dieses ansonsten langweilige Städtchen, entblödet sich nicht, mit dem Titel „Wagner-Stadt“ hausieren zu gehen, mit dem angeblich so genialen Komponisten, mit dem Judenhasser und Früh-Faschisten Richard Wagner, der für die Deutschen seine unerträglich schwülstige Karacho-Musik erschuf. Je kleinkarierter das deutsche Wesen desto berauschender und höher auffahrend die Gefühle, eine mehr als befremdliche nationale Konstante, die sich in Bayreuth hochmütig selbst entlarvt, mit peinlicher optischer Opulenz, mit kakophonischen Überflutungen von Großartigkeit. Durch dieses Affentheater schimmert der Rassismus allzu deutlich hervor, die deutsche Überheblichkeit, die Unkultur.

Christoph Schlingensief, das Enfant terrible des deutschen Kulturbetriebes, starb im Jahr 2010. Ich habe mich manchmal gefragt, was ausgerechnet diesen Mann zu den Wagner-Festspielen hinzog – er hat darüber auf seine Weise Auskunft gegeben, das ist nachzulesen, doch mein Unverständnis bleibt bestehen. Welch ein Spagat: In Bayreuth die krampfhaft modernisierte Walküre für eine Clique saturierter Schwachköpfe inszenieren – und auf der anderen Seite ein „Operndorf“ in Burkina Faso aufbauen, vormals Obervolta, in einem der ärmsten Länder der Welt. Was war das? Vielleicht war es ein Akt unbemerkter Kompensation, oder eine künstlerisch verbrämte Anlehnung an Werner Herzogs „Fitzcarraldo“, oder es war persönliche Attitüde… das klingt hässlich, doch wer weiß, oder hier trat nur eine mit Aktivismus getarnte Hilflosigkeit zu Tage angesichts der hoffnungslos disparaten Welt. Das Operndorf in der Nähe von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou wird nie Realität werden, es stehen dort heute einige Schulgebäude, in denen unterrichtet wird, immerhin. Die Witwe von Schlingensief, Aino Laberenz, versucht zusammen mit wenigen Getreuen vergeblich, das Projekt zu retten – voriges Jahr war Ex-Bundespräsident Köhler zu Besuch und soll leise den Kopf geschüttelt haben. Für mich hatte das Projekt sowieso nichts, aber auch gar nichts mit einer Pionierleistung zu tun, es war der Versuch einer postkolonialistischen Vergewaltigung, eine Verwirrung aus Arroganz heraus, einer auch typischen deutschen Arroganz, vor der Schlingensief keine Distanz bewahren konnte. Als Fazit werden die Walküren also nicht über Afrika herabschweben – die Einwohner von Burkina Faso bleiben vom Ring des Nibelungen und seinen bewegenden Wallungen verschont.

In der Burschenschaft „Normannia-Nibelungen“ zu Bielefeld sind noch Zimmer frei, jedenfalls für Studenten – nicht für Studentinnen wohlgemerkt, aber die dürfen gelegentlich zu Besuch kommen, besonders dann, wenn einmal nicht so ausgiebig gesoffen wird. Die Parole dieser Burschenschaft lautet:
„Vivat-Crescat-Floreat Normannia-Nibelungen!“
Das hat wohl etwas mit Leben, Wachsen und Blühen zu tun. Bei mir wächst allerdings vor allem der Argwohn, weil genau in solchen Burschenschaften die zukünftigen Bayreuth-Kandidaten herangezüchtet werden. Es gibt, man sollte es nicht für möglich halten, auch in der Gegenwart noch viele dieser akademisch-nationalen Zusammenrottungen, die in ihrer Selbstdarstellung regelmäßig betonen, wie ungemein weltoffen sie sind. Das mystifizierende und populär ideologisierte Deutschtum reüssiert wieder, die Burschenschaften verzeichnen sogar regen Zulauf… sie kamen dabei jedoch wiederholt in die Schlagzeilen, denn es wollen immer wieder Jungstudenten Mitglied werden, die aus der primitiven deutschen Postarier-Sicht irgendwie unangenehm ausländisch aussahen, selbst junge Molems sollen schon um Mitgliedschaft nachgesucht haben. Die christlich-nibelungische Kirche muss im Dorf bleiben, beschlossen da die vaterländische gesinnten Studenten heimlich, diese kümmerlichen Piefkes im Höherwertigkeitswahn, und nun wollen sie sich mit fadenscheinigen Argumenten aus ihrer Ausländerfeindlichkeit herauswinden. Bayreuth und nicht zu viele Neger – auch das ist Deutschland im Jahr 2013.

Die Hebbelstraße ist in Deutschland sicherlich über hundert Mal vertreten, ich schätze, sie kommt mindesten so häufig vor wie „Im Eichholz“. Friedrich Hebbel verschlug es in einem streckenweise sehr entbehrungsreichen Leben von Dithmarschen in Schleswig-Holstein nach Wien, wo er neben seiner Lyrik zu einem anerkannten Dramatiker wurde. Hebbel hatte eine ausgeprägt soziale Ader, er war aber ein tiefschürfend sehnender Deutscher seiner Zeit, obwohl er offiziell als Däne geboren wurde, denn Dithmarschen gehörte bis 1864 zu Dänemark. Mit seinem dreiteiligen Trauerspiel „Die Nibelungen“ erreichte er endgültig Ruhm, doch er wurde damit auch zu einem verhassten Rivalen von Richard Wagner, beide Jahrgang 1813, der fast gleichzeitig an seiner vierteiligen Oper „Der Ring des Nibelungen“ arbeitete – Wagner nannte Hebbel verächtlich einen Dilettanten, und Hebbel fragte sich nach dem Besuch eines Wagner-Konzertes öffentlich: „ob diese Musik mehr die Seele ergreift oder das Rückenmark schüttelt.“ Hier ein Gedicht von ihm:

Ich und Du

Wir träumten voneinander
Und sind davon erwacht.
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.
Du tratst aus meinem Traume
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich Eines
Im andern ganz verlor.
Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

Von Friedrich Hebbel (1813-1863)

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1 Gedanke zu “Hebbel”

  1. P-Correct sagte:

    Ich teile absolit die Meinung des großen Dithmarschers:

    Wagner-Musik macht Rückenmarksschäden !

    Gefällt mir

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