Moscherosch

25. September 2013:

Ihr bösen Teutschen

Ihr bösen Teutschen,
Man soll euch peitschen,
Daß ihr die Muttersprach
So wenig acht!

von Johann Michael Moscherosch (1601-1669), Pseudonym Philander von Sittewald

Schon vor weit über 300 Jahren machte sich da jemand ernsthaft Sorgen, die bis heute nicht verschwunden sind und die von eierköpfigen Philologen kämpferisch in die Gegenwart weitergetragen werden. Es gibt sogar eine Gesellschaft für deutsche Sprache, das sind die unermüdlichen Rechtschreibverformer, die einer genialen Eingebung folgend auf die Schiffahrt mit drei „f“ verfallen sind und diese so zu schreiben mir vorschreiben zu wollen sich erdreisten, was ich, wie hier zu sehen, ebenso strikt verweigere wie den faulen Kompromiss „Schiffsverkehr“ – es gibt zwar, zum Beispiel wenn viele Schiffe gleichzeitig auf der Alster fahren, einen regen Schiffsverkehr, doch rege Schiffahrt… wie klingt das denn? Grauenhaft, eine Schiffahrt kann höchstens lustig sein, aber nicht rege.

Zurück zu Johann Micheal Moscherosch, der mitten im schrecklichen Dreißigjährigen Krieg lebte, der drei Mal verheiratet war und der 14 Kinder hatte, von denen leider viele starben – seinem scharfen Auge entging nichts, er hatte einen Ruf als Satiriker, Populär-Philosoph und Verfasser von klugen Aphorismen, er steht in der historischen Rückschau im Schatten von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und dem „Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch“. Moscherosch wurde zwar weniger, aber auch bekannt, vor allem mit seinem Werk: „Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte“. Dieser umfangreichen Prosa-Dokumentation entnehme ich zwei Textabschnitte aus dem „Ersten Gesicht“ mit dem Titel „Schergenteufel“… übrigens ist nicht nur im Dunkeln gut Munkeln, sondern selbiges ist auch von Johann Michael Moscherosch.

Erstes Gesicht – Schergenteufel:

Hat es auch Poeten in der Hölle? fragte ich.
»Ja freilich, antwortete der Teufel, es wimmelt und wibbelt darin; darum hat man vor einigen Jahren ihr Quartier erweitern müssen…“

Weil mich das ein wenig verdroß, fragte ich, was denn die Poeten in der Hölle zu gewärtigen hätten?

Da antwortete der Geist: »Was darfst du viel fragen, wie es in der Hölle zugeht? Du wirst es schon erfahren, wenn du hineinkommst.«

Darauf sagte ich, davor wird mich mein Herr und Heiland Jesus Christus, der den Teufel überwunden hat, wohl behüten.

Darüber tobte der Geist und sprach: »Ich meinte, ihr Menschen hättet bei und an euch selbst Hölle genug, denn ihr lebt so auf der Welt, als ob kein Gott im Himmel wäre und ihr mit aller Macht in unsere Hölle wolltet. Ich will dir eure höllischen Handlungen, die ihr auf Erden verübt, sein nacheinander herzählen. Du hörst die Poeten so gern loben, weil du auch einmal einer hast sein sollen: ist es nicht so, daß ein Poet soviel Pein und Marter in seinem Herzen leidet, sovielerlei Einfälle er im Kopfe hat? Etliche werden in der Hölle zur Belohnung gepeinigt, wenn sie ihrer Mitmeister und Mitgesellen Werke und Gedichte, Grillen und Possen lesen hören…

Ich hatte gelesen, daß die Staatsmänner heutiges Tages solche Leute wären, welche durch große Erfahrung, durch Studium, durch Reisen, durch an den Höfen erworbene, sanftmüthige Beredtsamkeit und anmuthige Leutseligkeit alle Städte und Stände in erwünschtem Wohlstande regieren könnten.

Ich fand aber in Wahrheit, daß sie meist heimtückische, falsche, eigensinnige, eigennützige, theils auch unchristliche Leute und Tyrannen waren, die durch erlernte, welsche Künsteleien alles Wasser allein auf ihre Mühle zu leiten wußten, die allen gelehrten, redlichen Leuten spinnefeind, allen gerechten, gottliebenden Menschen gehässig und hinderlich waren; die ihre vertrautesten Freunde und Brüder mit den allerzierlichsten Worten und höflichsten Erbietungen, auch mit besonderen Liebeserweisungen über ein Bein zu Boden warfen; die durch gleißnerische Sanftmuth die Einfältigen zu hintergehen, die Aufrichtigen durch scharfsinnige Arglist umzuwerfen und zu verderben, die Städte und Stände, Herrschaften und Unterthanen mit erdichteten Auflagen in Mißtrauen zu setzen, gegen einander zu hetzen, zu trennen und zu plagen, mit großen Versprechungen zu gewinnen, durch kostspielige Aufzüge in Zerrüttung und gänzlichen Untergang zu stürzen gelehrt waren.

Ich hatte gelesen, daß die Philosophen die weisesten Leute sein sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie oft die größten Narren waren.

Ich hatte gelesen, daß die Aerzte die Kranken heilen und gesund machen sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie, ebenso gut wie andere, an denselben Krankheiten selber sterben mußten.

Ich hatte gelesen, daß die Juristen die Gerechtigkeit lehren und befördern sollten: befand aber in Wahrheit, daß niemand dem Recht mehr hinderlich und schädlich war als eben die Juristen.

Ich hatte gelesen, daß die Theologen heilige, unsträfliche Leute sein und das heilige Wort Gottes getreulich lehren sollten: befand aber in Wahrheit, daß grade viele derselben in unversöhnlichem Haß und Neid, in Ehrgeiz und Geldgier und andern Sünden und heimlichen Lastern lebten, ja daß sie das hochheilige Wort Gottes durch selbstausersonnene Beredtsamkeit und durch verdammliche philosophische Erklärungen schändeten und kraftlos machten.

Demnach schloß ich: es ist wahrlich unsere Welt ein lauteres Spiel und all unser Wesen eine Spiegelfechterei.

von Johann Michael Moscherosch

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3 Gedanken zu “Moscherosch”

  1. Wirklich lohnenswertes Lesevergnügen !

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  2. Moscherosch, merke ich mir ab jetzt.

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  3. Baumeister sagte:

    Nie gehört. Gut, dass sich das hiermit geändert hat.

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