Benn

24. Oktober 2013:

Immer Ärger mit Benn

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich über Gottfried Benn ärgere – ich suchte nach einem bestimmten Dichter und verfranste mich dabei wieder in den schier allgegenwärtigen Aufsätzen über den deutschen Mega-Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts. Benn ist der bräsige Buddha der deutschen Lyrik, das passt auch zu seinem äußeren Erscheinungsbild. Wenn ein Dichter bis in sein Verhältnis zur Fußpflege hinein untersucht werden muss, dann offenbar dieser. Die Legendbildung um ihn nimmt kein Ende, sie vervollkommnet sich auf eine umheimliche Art mit jedem neu entdeckten Detail seines Lebens, mit jeder möglicherweise neuen Variante seiner Einstellung zu irgendetwas, sagen wir zur griechischen Götterwelt oder zum Verfall der Kultur, ein von Benn zeitlebens elegisch beschworener Niedergang.

Der Literaturwissenschaftler Bruno Hillebrand nennt Benn „den letzten Sänger im Untergangskonzert des Abendlandes“ – da haben wir es schon wieder, offensichtlich kann sich auch der gute Herr Hillebrand, Jahrgang 1935, nicht dem Gefühl des kollektiven inneren Verfaulens entziehen. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner konstatiert bei Gottfried Benn gar einen sozialen Minderwertigkeitskomplex, über den sie sich wortreich auslässt, sie unterstellt ihm „unverhohlenen Sozialneid“ und kommt zu diesem epochalen Ergebnis, Zitat: „Die Quelle des hassvoll überschwappenden Gefühls der Benachteiligung liegt, wie so oft, in der Kindheit.“ Aha, schlechte Kindheit, das musste ja so kommen. Ich kenne mich ein bisschen mit den Werken Benns aus, aber ein „hassvoll überschwappendes Gefühl der Benachteiligung“ ist mir dort nirgendwo begegnet – auch Benn musste es gestattet sein, sich kritisch über die Reichen und den Reichtum zu äußern, ohne dass man ihm posthum quasi-pathologische Verklemmungen attestiert. Außerdem vermag ich auch nicht zu erkennen, dass die bis zum Abwinken ergiebig diskutierte Kontroverse zwischen Gottfried Benn und Klaus Mann bei Benn dazu geführt hätte, dass er der Mann-Sippe ihren hohen sozialen Status übelnahm – das sind nichts als wilde Geschichten.

Gottfried Benn war ein Misanthrop, ein Melancholiker, sein Denken bewegte sich in einer gefährlichen Nähe zum nietzsche’schen Nihilismus, der sich vorwiegend aus einem an Idiotie grenzenden Größenwahn speiste – ohne Friedrich Nietzsche wäre Adolf Hitler niemals zum Führer geworden, bitte nicht vergessen. Deshalb muss man in der Rückschau auch nicht verklären, dass Gottfried Benn fast ein halbes Jahrzehnt lang offen als Rassist und damit auch als Faschist auftrat, sein Verhalten gegenüber Schriftstellerkollegen war beschämend, Ähnliches gilt für die meisten seiner frühen Bewunderer sowie für sein sonstiges Umfeld, das er bevorzugt in ausladenden Briefwechseln exerzierte. Seine spätere Läuterung, so ab dem Jahr 1937, konnte mich nie wirklich überzeugen, er bleibt für mich bis heute zwielichtig – und trotzdem: Gottfried Benn war ein genialer Lyriker so wie für andere Richard Wagner ein genialer Komponist war. Es macht nicht viel Sinn, das Wesen Gottfried Benns immer weiter spekulativ zu sezieren, das verstellt nur den freien Blick auf seine teilweise großartigen Gedichte, hier eines davon, ich habe es direkt dem Internet entnommen:

Teils-teils

In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs
wurde auch kein Chopin gespielt
ganz amusisches Gedankenleben
mein Vater war einmal im Theater gewesen
Anfang des Jahrhunderts
Wildenbruchs »Haubenlerche«
davon zehrten wir
das war alles.

Nun längst zu Ende
graue Herzen, graue Haare
der Garten in polnischem Besitz
die Gräber teils-teils
aber alle slawisch,
Oder-Neiße-Linie
für Sarginhalte ohne Belang
die Kinder denken an sie
die Gatten auch noch eine Weile
teils-teils
bis sie weitermüssen
Sela, Psalmenende.

Heute noch in einer Großstadtnacht
Caféterasse
Sommersterne,
vom Nebentisch
Hotelqualitäten in Frankfurt
Vergleiche,
die Damen unbefriedigt
wenn ihre Sehnsucht Gewicht hätte
wöge jede drei Zentner.

Aber ein Fluidum! Heiße Nacht
à la Reiseprospekt und
die Ladies treten aus ihren Bildern:
unwahrscheinliche Beauties
langbeinig, hoher Wasserfall
über ihre Hingabe kann man sich gar nicht
erlauben
nachzudenken.

Ehepaare fallen demgegenüber ab,
kommen nicht an, Bälle gehn ins Netz,
er raucht, sie dreht ihre Ringe,
überhaupt nachdenkenswert
Verhältnis von Ehe und Mannesschaffen
Lähmung oder Hochtrieb.

Fragen, Fragen! Erinnerungen in einer
Sommernacht
hingeblinzelt, hingestrichen,
in meinem Elternhaus hingen keine
Gainsboroughs
nun alles abgesunken
teils-teils das Ganze
Sela, Psalmenende.

von Gottfried Benn (1886-1956)

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3 Gedanken zu “Benn”

  1. Rüdiger sagte:

    Ein bräsiger Buddha namens Benn kannte noch viele Wörter und konnte sie höchst präzise zusammen fügen.

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  2. Einer der Lieblingslyriker dieser Website, immer gewesen, für immer.

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  3. Seleni sagte:

    Ich schmökere gerade mal wieder in zerfledderten Benn-Gedichten.
    Den Vater-Sohn-Konflikt wie bei Uranos und Kronos verarbeitet er so:

    „Verfluchter alter Abraham,
    zwölf schwere Plagen Isaake
    haun dir mit einer Nudelhacke
    den alten Zeugeschwengel lahm“ ….

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