Seidel

9. Oktober 2013:

1984 – und Im Jahr 1984

Der Roman „1984“ („Nineteen Eighty-Four“) von George Orwell ist weltbekannt. Viele wissen auch, dass der Roman im Jahr 1948 von Orwell fertiggestellt wurde und dass der Autor mit Absicht das Jahr 1948 zu 1984 sozusagen verdrehte, um seine düsteren Zukunftsvisonen fiktiv dorthin zu plazieren – aber nur ganz wenige Menschen wissen, dass bereits im Jahr 1884 ein Zukunftsroman ausgerechnet mit dem Titel „Im Jahre 1984“ geschrieben wurde… wenn das nicht ein sehr merkwürdiger Zufall ist, dann glaube ich nicht mehr an Zufälle, sondern werde auf der Stelle abergläubisch. Wahrscheinlich war dieser Roman dem Engländer George Orwell nicht bekannt, denn er wurde von dem Deutschen Heinrich Seidel verfasst und wurde nicht ins Englische übersetzt.

Nun kommt schon wieder ein Zufall – ich stieß irgendwann auf ein Gedicht, das ich zunehmend befremdet las, und nachdem ich es durchgelesen hatte, beschloss ich spontan, dass dieses Gedicht mit zu den schlechtesten Gedichten gehörte, denen ich jemals begegnet war, wobei ich rein prophylaktisch betone, dass es sich dabei um eine sehr subjektive Einschätzung handelte. Dieses Gedicht also stammt genau von dem Heinrich Seidel, der auch den besagten Zukunftsroman geschrieben hat, was ich aber erst später herausfand – ich fand auch heraus, dass Heinrich Seidel eine interessante Persönlichkeit war, ein Ingenieur und Schriftsteller – doch hier erst einmal dieses adstringierende Gedicht:

Auf dem Anstand

Im goldnen Abendscheine
Ruht dämmernd das Gefild;
Am Waldrand ruh‘ ich, wartend
Auf gar ein lieblich Wild.

Von Ferne ruft der Kukuk
So heimlich rauscht der Wald,
Es schwebt vor meinen Gedanken
Eine wunderschöne Gestalt.

Die Büchse ruhet lässig
In Gras und weichem Klee –
Mich hat ins Herz getroffen
Selber ein schlankes Reh.

Da rauscht es in dem Laube
Von wunderleichtem Schritt: –
Mein Rehlein kommt gesprungen, –
Bringt neue Küsse mit.

Verstummet ist der Kukuk,
Schwarz ruht des Waldes Rund –
Vom Himmel senkt sich nieder
Eine wunderselige Stund‘.

Es schweigen alle Blätter,
Die Vöglein schweigen all,
Im Rosenbusch alleine
Singt noch die Nachtigall.

von Heinrich Seidel

So, nun kurz zum Prosawerk von Heinrich Seidel, das mir doch wesentlich attraktiver erscheint – er schrieb neben seinem frühen Sciencefiction-Roman auch noch andere Romane, darunter ist einer, der zu seiner Zeit sehr viele Leser fand und der bis heute unter Literaturfreunden ein Begriff ist, man kann ihn online bei SPIEGEL-Projekt-Gutenberg lesen, Titel: „Leberecht Hühnchen“ – es ist ein aufschlussreicher Episoden-Roman, bei dem es um einen einfachen, aber glücklichen Menschen geht, der ein schon fast im orwell’schen Sinne distanziertes Verhältnis zu den Errungenschaften der damals modernen Zivilisation hatte, durchaus unterhaltsam und lesenswert. Nicht nur aufgrund dieses Romans habe ich meine Einstellung zu den schriftstellerischen Qualitäten von Heinrich Seidel teilweise revidiert, hier 1984 á la Heinrich Seidel:

Auszug aus dem Roman „Im Jahre 1984“ von Heinrich Seidel, erschienen im Jahr 1884:

„Dieses nie gesehene Schauspiel zog Nothnagel so an, daß er ganz seine Badewanne vergaß, und als er zu ihr zurückkehrte, war sie bereits bis zum Rand gefüllt. Er stellte die Hähne ab, prüfte mit der Hand das Wasser und fand es recht kalt. Zugleich aber bemerkte er auch, daß das ganze Zimmer mit einem starken Weindunst erfüllt war. Er leckte prüfend seine Finger ab und siehe, es war lauter Wein in der Wanne, denn die Buchstaben der Hähne bedeuteten Weißwein und Kapwein. Er hätte entweder W. B. oder K. B. öffnen müssen, »Warmes Bad« oder »Kaltes Bad«. Was sollte er nun mit dieser ungeheuren Bowle anfangen? Er probierte die Mischung und fand sie nicht übel. Bezahlen mußte er diesen unendlichen Wein nun doch auf jeden Fall, denn er bemerkte, daß hinter jedem Hahn in der Wand ein mit starker Glasplatte bedecktes Meßinstrument angebracht war. Der Zeiger dieses zeigte für Weißwein 648 Liter und für Kapwein 493 Liter. Rechnet man das Liter auch nur zu zwei Mark, so ergab dies 648 + 493 x 2 = 2282 Mark — ihn schauderte. Er holte schnell ein Literglas herbei, das er auf dem Tische fand, denn er wollte wenigstens etwas von dieser Sache haben. Aber schon bei dem dritten Liter fand er, daß er es mit einem kräftigen Gegner zu tun hatte. Er fühlte das Feuer des Südens und die Kraft des Nordens in seinen Adern und aus beidem erwuchs der Drang zu ungewöhnlichen Taten. Um diesen zunächst in etwas zu befriedigen, drückte er an alle Knöpfe, die so reichlich in dem Zimmer vorhanden waren. Dieses hatte aber ungeahnte Folgen, denn die Hotels des Jahres 1984 waren so eingerichtet, daß man von jedem Zimmer aus die Feuerwehr, die Polizei, den Arzt, den Barbier und wer weiß was sonst noch durch einen einfachen Fingerdruck herbeizurufen vermochte. So geschah es denn, daß in kurzer Zeit ein furchtbarer Aufruhr in und vor dem Hotel entstand, denn er hatte, ohne es zu wissen, der Feuerwehr das Signal »Großfeuer«, der Polizei die Nachricht »Überfall durch Räuber«, dem Arzte »Akute Vergiftung«, der Hebamme »Zwillinge in Sicht« und dergleichen mehr gegeben, so daß in kurzer Zeit sein Zimmer von Leuten wimmelte, die weiter nichts fanden, als einen betrunkenen Herrn mit einem Literglas in der Hand, der sie aufforderte, mit ihm eine Badewanne voll Bowle auf das Wohl des 20. Jahrhunderts zu leeren.“

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2 Gedanken zu “Seidel”

  1. Universal sagte:

    Grottenschlecht und gruselig kitschig ist Seidel als Lyriker. Schönes abschreckendes Beispiel.

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  2. Die Vöglein schweigen all, sogar die Nachtigall. Reim dich oder verpiss dich 🙂

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