Fürnberg

21. Oktober 2013:

Das Lied der Partei

Bei der Ansage „Nur mal eben kurz gucken!“ werde ich immer hellhörig – wenn sie in einer Fußgängerzone nebenbei eingestreut wird, dann werde ich misstrauisch – wenn sie aber im Ausland vor einem großen Kaufhaus erfolgt, dann verfalle ich prompt in einen tranceartigen Fatalismus. Ungefähr so gestimmt flegelte ich mich neulich in Karlsbad auf eine Bank vor einem Kaufhaus, das den phantasievollen Namen „Kaufland“ trug. „Kaufland“ in Tschechien, Europa wächst zusammen, aber ausgerechnet so? Na ja, jedenfalls wartete ich auf dieser Bank und überlegte noch, ob mir Karlsbad oder Karlovy Vary wirklich gefiel, als sich sich auf der anderen Seite der Bank ein älterer Herr niederließ, nicht ohne höflich auf Deutsch zu fragen, ob dort noch frei sei. Besetzt war nicht, wir beide saßen schweigend auf der Bank, bis mir plötzlich zwei volle Einkaufstüten zugetragen wurden, die ich von nun an zu bewachen hatte, danach kam noch ein kurzes Lächeln und schon wieder die schon bekannte Ansage.

Wir waren wieder allein. Der ältere Herr schaute auf die beiden Plastiktüten zwischen uns auf der Bank und fragte: „Sie kaufen nicht gern ein?“
„Nicht besonders.“
„Ich bin Witwer.“
„Aha.“ Um nicht schroff zu wirken, fügte ich schnell hinzu: „Nette Stadt, Karlsbad, ich bin zum ersten Mal hier.“
„Ich bin hier geboren.“ Der ältere Herr schien zu überlegen, ob er weiterreden sollte, dann entschloss er sich dazu: „Wir haben lange in Österreich gelebt, die Kinder sind geblieben. Ich bin wiedergekommen… auf meine alten Tage.“
„Verstehe. Und, gefällt es Ihnen, wieder in der alten Heimat zu sein?“
„Es ist nicht mehr das alte Karlsbad, nicht mehr mein Karlsbad. Zu viel Kommerz, Karlsbad war einmal ein Kurort von Rang, ein Kurort mit gediegender Atmosphäre, mit Flair, ohne Busladungen voller Touristen. Trotzdem, ich will hier sterben. Wissen Sie, wo wir hier gerade sitzen?“
„Nein.“ Ich verschwieg, dass ich Karlsbad ziemlich langweilig fand.
„Hier an der Sokolovská standen früher Bürgerhäuser, es war ein eigenes kleines Stadtviertel, alles weg, für dieses hässlichen Kaufhaus. Sehen Sie, genau dort!“ Er zeigte auf einen imaginären Punkt auf dem Parkplatz. „Genau dort stand das Denkmal für Lubomir Fynberg.“
„Den Herrn kenne ich nicht.“
„Tschechisch für Louis Fürnberg – „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“ – das Lied hat er verfasst, kennen Sie das Lied?“
„Ja natürlich, die Nationalhymne der DDR… ich stamme aus dem Westen.“
„Offiziell für ein paar Jahre, so eine Art Nationalhymne. Das Denkmal vermisse ich nicht, das bestimmt nicht. Nach der dunkelsten Zeit kam eine zweite dunkle Zeit.“

Wir unterhielten uns noch weiter, bis zum Eintreffen der finalen drei Einkaufstüten, es war ein anregendes Gespräch, ich hörte vor allem zu, vor mir wurde ein interessantes Leben ausgebreitet, doch auch ein von schweren Schicksalsschlägen begleitetes – mir fällt gerade ein, dass ich ein sehr reicher Mann sein müsste, wenn man fürs Zuhören Geld bekommen würde. Später dachte ich wieder an den älteren Herrn und an Louis Fürnberg, von dem behauptet wird, dass er das Lied „Die Partei“ nur aus der Furcht heraus geschrieben hatte, in die sogenannten Slánský-Prozesse als Angeklagter hineingezogen zu werden, das Lied „Die Partei“ als persönlicher Schutzschild. Die Slánský-Prozesse waren rechtlich eine Farce, mit zwölf vollzogenen Todesurteilen, sie gehörten zur stalinistischen Säuberungswelle jener Zeit, die Angeklagten hatten häufig einen jüdischen Hintergrund.

Louis Fürnberg, Pseudonym „Nuntius“, sah auch voraus, dass ihm das Parteilied wie Blei anhängen würde, er selbst und seine Werke als Lyriker gingen praktisch darin unter – sein Leben lang war er ein überzeugter Kommunist, von den Nazis verfolgt floh er mit seiner Frau nach Palästina, wo er nicht sehr willkommen war, später geriet er in seiner Heimat CSSR zwischen alle Stühle, er erhielt schließlich nur mit Mühe einen deutschen Pass von den DDR-Behörden, wo er als Walter Victor lebte und praktisch kaltgestellt wurde. Später wurden seine Werke von seiner Tochter Alena neu aufgelegt, es sind, von Ausnahmen wie der folgenden abgesehen, für mich eher unauffällige Gedichte von mäßigem Niveau, aber das mag man auch anders beurteilen. Obwohl Louis Fürnberg Kommunist war, zeigt seine Lyrik, wie tief er gleichzeitig in einer romantisch-bürgerlichen Gefühlswelt gefangen war.

Café Continental

Könnte dein Dichter dich sehn,
bei der Witwe Weiß, Masná 10, –
stündest du heut noch vor seiner Tür.
Dein Mantel und deine Haut
riechen nach gestrigem Kraut.
Damit geht man durch kein Rosenspalier.

Ach, keine blaue Blume wächst
in der Stube, wo ihr zu sechst
auf knarrenden Holzbetten haust.
Aber dafür Schimmel und Schwamm.
Nur dein Traum bleibt ein Lamm,
dem du zärtlich die seidne Wolle kraust.

Und dies Prag ist so häßlich und schön,
voller Stille und voll Gedröhn, –
wonach du begehrst.
Dreihundert Jahr sind wie nichts
und verklärten Gesichts
steigst du zur Burg empor, als ob du ein Salus wärst.

Zeit, die kein Uhrwerk maß!!
Wer nie im „Conti“ saß,
kennt euch nicht, ihr himmlische Mächte! …
Antroposophie und Hellerau,
„Neue Rundschau“ und „Dirne und Frau“
und Rausch und Selbstmordnächte …

Golem mit watschelndem Gang
ging den Graben entlang,
Bondy und Fürth und Hirsch als Beschwörer zur Seit’.
Alle waren sie
Meister der Alchimie,
zauberten Gold zu Dreck bei jeder Gelegenheit.

von Louis Fürnberg (1909-1957)

Das Lied der Partei

Sie hat uns alles gegeben.
Sonne und Wind und sie geizte nie.
Wo sie war, war das Leben.
Was wir sind, sind wir durch sie.
Sie hat uns niemals verlassen.
Fror auch die Welt, uns war warm.
Uns schützt die Mutter der Massen.
Uns trägt ihr mächtiger Arm.

Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Wer das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt,
Hat immer recht.
So, aus Leninschem Geist,
Wächst, von Stalin geschweißt,
Die Partei – die Partei – die Partei.

Sie hat uns niemals geschmeichelt.
Sank uns im Kampfe auch mal der Mut,
Hat sie uns leis nur gestreichelt,
zagt nicht und gleich war uns gut.
Zählt denn noch Schmerz und Beschwerde,
wenn uns das Gute gelingt.
Wenn man den Ärmsten der Erde,
Freiheit und Frieden erzwingt.

Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Der das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt,
Hat immer recht.
So, aus Leninschem Geist,
Wächst, von Stalin geschweißt,
Die Partei – die Partei – die Partei.

Sie hat uns alles gegeben,
Ziegel zum Bau und den großen Plan.
Sie sprach: Meistert das Leben,
Vorwärts Genossen packt an.
Hetzen Hyänen zum Kriege,
Bricht euer Bau ihre Macht,
Zimmert das Haus und die Wiege,
Bauleute seid auf der Wacht.

Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer Recht.
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Der das Leben beleidigt,
ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt,
Hat immer recht.
So, aus Leninschem Geist,
Wächst, von Stalin geschweißt,
Die Partei – die Partei – die Partei.

Text und Musik von Louis Fürnberg (1950)

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1 Gedanke zu “Fürnberg”

  1. Wieder eine wissenswerte Wissenslücke zugeschaufelt !

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