Goll

Yvan Goll – und die Frauen

Mit Pseudonymen ist das so eine Sache, die meisten sind nachvollziehbar, zum Beispiel dass sich der Wetterbericht-Verkünder Benedikt Vogel in Ben Wettervogel umbennen ließ – das kann man verstehen, da muss man nicht lange herumrätseln. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so offensichtlich, verhält es sich bei vielen Berühmtheiten: Bob Dylan gleich Robert Zimmermann, Andy Warhol gleich Andrej Warhola, Vangelis gleich Evangelos Odysseas Papathanassiou, Tina Turner gleich Annie Mae Bullock, Ulrich Tukur gleich Ulrich Scheurlen, Cat Stevens gleich Steven Demetre Georgiou (heute Yusuf Islam), Anna Seghers gleich Netty Radványi, DJ Ötzi gleich Gerhard Friedle, Roberto Blanco gleich Roberto Zerquera oder Bushido gleich Anis Mohamed Youssef Ferchichi und so weiter – eine zwar lange Aufzählung, die ich aber aufschlussreich finde, weil sie so schön das Spannungsfeld veranschaulicht zwischen besserer Verwertbarkeit und positiv besetzten Klangmustern einerseits und andererseits von geheimen Sehnsüchten und phantasierter Hochstufung der eigenen Person.

Pseudonyme und Künstlernamen haben auch immer etwas mit dem Selbstwertgefühl zu tun, negativ ausgedrückt mit dem Gefühl von Unzufriedenheit, mit der Frustration darüber, dass man schon namensmäßig im Leben zu schlecht weggekommen ist, nur… was sollen dazu alle die Müllers und Meiers sagen oder gar die Menschen mit merkwürdig anmutenden Nachnamen wie Bratengeier, Leichenberg, Bierdümpfl oder Durchdenwald? Sie müssen sich bescheiden, sie müssen ihren Namen Schall und Rauch sein lassen. Es gibt Persönlichkeiten, die sich durch gleich mehrere Pseudonyme mit einer geheimnisvollen Aura umgeben – die bekannteste war B. Traven, quasi-amtlich Bernhard Traven Torsvan, ein Schriftsteller, der niemals fotografiert werden wollte, Autor des berühmten Romans „Das Totenschiff“, er brachte es auf bis zu zehn Pseudonymen, darunter Adolf Feige, Hal Croves und Ret Marut, wahrscheinlich hieß B. Traven tatsächlich, also bürgerlich, Fred Maruth, er stammte aus einem Dorf in Bayern, lebte lange in Mexiko und starb dort im Jahr 1969 – B. Traven sagte einmal:
„Mein Lebenslauf würde nicht enttäuschen. Aber mein Lebenslauf ist meine Privatangelegenheit, die ich für mich behalten möchte. Nicht aus Egoismus. In meiner eigenen Sache möchte ich mein eigener Richter sein.“

Auch der Schriftsteller Yvan Goll, bürgerlich Isaac Lang, hatte es mit den Pseudonymen, er nannte sich Iwan Lassang, Tristan Torsi und Tristan Thor – das sind Namen, die mir als Entlehnungen aus der wagnerisch-germanischen Götterwelt sofort suspekt erschienen. Aber dass Yvan Goll, der von 1891 bis 1950 lebte, auch ansonsten suspekt gewesen wäre, das kann man nicht ohne weiteres behaupten, denn er war ein respektabler Lyriker des Expressionismus und ein geschätzter Literatur-Theoretiker. In Deutschland wurde der jüdischstämmige Yvan Goll jedoch immer nur beschränkt wahrgenommen, er kam nie richtig in den Blickpunkt, weil er von Anfang an ein Wanderer zwischen den Kulturen war, nämlich zwischen der deutschen und der französischen. Geboren in den Vogesen wuchs er zweisprachig auf, er schrieb zuerst deutsch, später fast ausschließlich französisch.

Zu einer etwas schillernden Figur machte Yvan Goll sein inniges Verhältnis zu den Frauen, vor allem seine schier unendlich bedichtete Liebe zu seiner Ehefrau Claire, zu der sich allerdings jahrelang eine zweite große Liebe gesellte, die Lyrikerin Paula Ludwig, was natürlich Claire erboste, was aber trotzdem in ein andauerndes, fast groteskes Dreiecksverhältnis einmündete, offenbar in eine literarisch-erotische Parallel-Liaison mit Yvan im Zentrum. Der Göttinger Wallstein-Verlag hat sich besonders der Werke von Yvan und Claire Goll, die auch schriftstellerisch tätig war, angenommen – es gibt in dem Verlag eine Dame namens Barbara Glauert-Hesse, die auf sage und schreibe 1.500 Seiten den Briefwechsel zwischen Yvan Goll, Claire Goll und Paula Ludwig herausgegeben hat… wie können Briefwechsel überhaupt so voluminös werden? Ich bin tatsächlich sehr neugierig, frage mich aber, ob ich für die Befriedigung meiner Neugier 80 Euro in den dicken Wälzer investieren sollte, wahrscheinlich eher nicht.

Apropos schillernd: Zu einer tief schillernden Figur machte sich Claire Goll nach dem Tod ihres Gatten Yvan dadurch, dass sie den gemeinsamen Freund von früher, Paul Celan, schwer beschädigte – sie warf ihm Plagiate vor, sie warf ihm vor, Texte von Yvan Goll einfach übernommen zu haben, ein ungeheuerlicher Vorwurf, der sich als falsch und vollkommen haltlos erwies. Der „Goll-Skandal“ erreichte 1960, also zehn Jahre nach dem Tod von Yvan Goll, seinen Höhepunkt, als Claire den inzwischen hoch anerkannten Paul Celan diffamierte, in anonymen Briefen und in einem Beitrag von ihr, der in der Münchner Literaturzeitschrift „Baubudenpoet“ erschien – Quelle: „Auslöschung auf Raten“ von Wolfgang Emmerich, im „Cicero“ vom 12.07.2010. Wolfgang Emmerich zufolge hat sich Paul Celan nie wieder von den Vorwürfen gegen ihn erholt – Claire Goll hat wirklich Schlimmes angerichtet – Paul Celan nahm sich 1970 das Leben. Auch ansonsten hinterlässt Claire Goll einen zwiespältigen Eindruck, mehr den einer Xanthippe, die sich erst nach dem Tod von Yvan Goll in ihre Bösartigkeit und in einen bedrückenden Realitätsverlust hineinsteigerte. Noch im Jahre 1973 hielt sie ihre Plagiatsvorwürfe hartnäckig aufrecht, ein Tonband-Protokoll eines Journalisten der Münchner Abendzeitig enhält diese Aussage von ihr: „Paul Celan hat von Yvan, der ihn adoptieren wollte, abgeschrieben, endlich kommt es heraus. Er hat einen Toten besudelt.“ Das Protokoll wurde anlässlich eines Interviews erstellt, hier:

Interview mit Claire Goll 1973
(anläßlich der Münchner Premiere der Oper „Melusine“ von Aribert Reimann nach dem gleichnamigen Theaterstück von Claires Ehemann Yvan Goll)

Erzählen Sie aus Ihrer Vergangenheit!

CLAIRE GOLL: Wo soll ich anfangen? Ich war mit Romain Rolland, Rainer Maria Rilke, André Malraux, Louis Jouvet und Jacques Audiberti befreundet. Kokoschka hat mich gemalt, auch Marc Chagall, mit dem das Verhältnis aber jetzt ein wenig zerrüttet ist, seit ihm seine Geliebte, eine Engländerin, vierzig Jahre jünger als er, die aussieht wie die Beatrice von Dante, davonlief und zu mir flüchtete. Auch Picasso wollte mich malen, aber seine eifersüchtige Frau hat es verhindert. Mit Rilke war ich liiert, obwohl ich seinen Schnauzbart über den Negerlippen nicht ausstehen konnte. Als ich von ihm schwanger wurde, habe ich abgetrieben. Das Kind wäre sowieso idiotisch geworden wie seine Tochter, die dauernd Schlagsahne aß. Audiberti habe ich einen Korb gegeben. James Joyce, dieser pedantische Egoist, war mir zuwider. Nora, seine Frau, seufzte immer: Er schreibt und schreibt und schreibt. Darauf sagte ich: Sie haben halt ein Genie zu Hause. Ja, antwortete sie, das sagen alle, ich merke bloß nichts davon. Er brachte sein ganzes Geschlecht auf’s Papier. Ein cerebraler Liebender, eigentlich gar kein Mensch. Mit Denkern habe ich nie viel anfangen können. Mich interessieren die einfachen Leute, Menschen aus Fleisch und Blut. Mit einem Elektriker bin ich sofort Bruder und Schwester. Da sage ich: Danke für Ihre Arbeit. Die Arbeiter sind meine Lieblinge. Taxifahrer chauffieren mich heute noch gratis. Klempner und Schuster arbeiten für mich ohne Lohn. Meine Putzfrau ist mir mit Haut und Haaren ergeben. Ich habe halt dieses gewisse Fluidum, diese unbewußte Lust an der Verführung. Ich kann nichts dafür.

1950 starb Ihr Mann, Yvan Goll…

GOLL: Ja, Ich wollte ihm folgen. Ich hatte ihm versprochen, ich würde mich umbringen nach seinem Tod. Aber er war dagegen. Er sagte: Bring Dich nicht um! Verwalte mein Werk! Es war nicht einfach. Denn die Männer haben mich auch im Alter nicht in Ruhe gelassen. Ich war noch sehr schön mit siebzig. Einer wollte mich sogar aus Liebe ermorden…

Nein!

GOLL: Doch! Er war Scherenschleifer, ein bildhübscher Junge. Er ging in die Küche, um meine Messer und Scheren zu schleifen. Dabei lächelte er schon so komisch. Ich hatte gerade noch die Geistesgegenwart, Michel, meinen Sohn, zu rufen. Da ist er geflüchtet. So was passiert mir andauernd.

Wann haben Sie sich zuletzt verliebt?

GOLL: 1967 während einer Vernissage in Paris. Der Junge sah aus wie Alain Delon, fünfzig Jahre jünger als ich, ein wilder, göttlicher Knabe. Er konnte Hölderlin auswendig. Da war es aus mit mir. Ich hatte schreckliche Gewissensbisse, weil ich meinen toten Yvan betrog, aber Michelangelo hat ja auch noch mit achtzig geliebt. Ich konnte nicht mehr ohne Liebe leben. Mein junger Freund blieb jede Nacht bis drei Uhr früh. Das war physisch nicht mehr ganz leicht für mich. Als er mich mit einem Homosexuellen hinterging, habe ich mich von ihm losgerissen. Es hat mich viele Tränen gekostet. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch und beging den dritten Selbstmordversuch meines Lebens. Jetzt ist es endgültig aus mit der Liebe. Der nächste steht zwar schon vor meiner Tür, schön wie ein florentinischer Jüngling, aber ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Schreiben Sie noch?

GOLL: Ich schreibe an einem Roman über meine letzte Liebe. Damit will ich den Frauen in meinem Alter beweisen, daß es für die Leidenschaft nie zu spät ist. Ich bin zweiundachtzig, aber ich stehe jeden Morgen Kopf und fahre Rad wie der Kaiser von Abessinien. Ich verehre Unkraut. Ich gehe zu Bett mit Rimbaud und singe täglich die Bach-Kantate „Ich freue mich auf den Tod“. Mein Lieblingsheiliger ist Franz von Assisi. Meine Lieblingsspeise ist Eis. Aber in Deutschland ist das Eis so schlecht. Die deutsche Seele liegt in der Wurst.

Ein Interview der Münchner Abendzeitung

So viel zur Femme fatale Claire Goll, die im Jahr 1977 mit 86 Jahren in Paris starb – mehr dazu in diesem Buch: „Paul Celan – die Goll-Affäre: Dokumente zu einer „Infamie“ – Suhrkamp, herausgegeben von Barbara Wiedemann. Was hätte wohl Yvan Goll zum Verhalten seiner von ihm einst so heiß geliebten Ehefrau gesagt? Besser nicht darüber spekulieren. Yvan Goll schrieb in seiner Frühzeit expressionistische Gedichte, er wandte sich aber später dem französischen Surrealismus zu, mit dem ich mich nicht auskenne, er schwenkte dann auch zur französischen Sprache über. Einige Kommentatoren behaupten, dass Goll als Literatur-Theoretiker den Expressionismus sogar beerdigt habe, dass ihn „das Pathos Mensch“ beim Expressionismus zunehmend abgestoßen habe – die Schriften sind mir nicht bekannt, ich kann das nur so stehenlassen. Aber ich kann mir einen Eindruck von seiner Lyrik machen, denn viele seiner Gedichte sind im Internet verfügbar, und ich will nicht verhehlen, dass ich nach dem Lesen dieser Gedichte seine Lyrik für eher durchschnittlich halte, sie ist mir zu naiv, zu schwülstig, einfach zu schwach für einen vermeintlich großen Poeten, außerdem kann ich sie kaum dem Expressionismus zuordnen – hier drei Gedichte von Yvan Goll:

Ich lebe nicht, ich liebe

Aus allen Poren strömt mir die Liebe.
Meine Muskeln sind gespeist von Deiner Liebe.
Ich habe nur rote Blutkörperchen vor lauter Liebe.
Mein Haar ist gelockt von der Liebe.
In allen Zungen singe ich, daß ich dich liebe.
Tanzen muß ich immer aus Liebe
Bin ich krank vor Liebe?
Oder gesund aus Liebe?
Ich lebe nicht, ich liebe.
Ich kann nicht sterben, weil ich dich liebe.

von Yvan Goll – an Claire Goll

Ich liebe

Aus beiden Augen strahlt meine goldene Liebe
In beiden Händen zittert die furchtsame Liebe
In meinen Schläfen klopft die gefangene Liebe
Mein Lied ist Liebe
Mein Schweigen ist Liebe
Mein Tanz ist Liebe
Meine Krankheit ist Liebe
Der Frühling ist Liebe
November ist Liebe
Ich lebe aus Liebe
Ich sterbe vor Liebe

von Yvan Goll

Stunden

Wasserträgerinnen
Hochgeschürzte Töchter
Schreiten schwer herab die Totenstraße
Auf den Köpfen wiegend
Einen Krug voll Zeit
Eine Ernte ungepflückter Tropfen
Die schon reifen auf dem Weg hinab
Wasserfälle Flüsse Tränen Nebel Dampf
Immer geheimere Tropfen immer kargere Zeit
Schattenträgerinnen
Schon vergangen schon verhangen
Ewigkeit

von Yvan Goll

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3 Gedanken zu “Goll”

  1. Ich finde Pseudonyme eigentlich nur erforderlich, wenn man Bodo Ballermann oder Bärbel Brathenne heißen sollte … 🙂

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  2. Leben und Sterben im vollem Programm. Tolle Frau.

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