Vischer

V-Vischer – und die Tücke des Objekts

„Die Sterne durchziehen harfend deine Brust“ – wie reagiert man auf so einen Vers? Mit „Huch!“ vielleicht oder mit „Das geht gar nicht.“ Aber wenn in dem Gedicht fast gleichzeitig andere seltsame Verse auftauchen, darunter seltsam faszinierende, dann wird, zumindest bei mir die Reaktion diffus, sie wird unentschlossener, und fragende Bewunderung mischt sich hinein: „Wo Lüste grünen, angerührt von Wahnsinn“ oder „Ich sah dich weiß von Schlaf“ – das sind Sätze, die sich festsetzen, sie wirken expressionistisch. Als der Verfasser des dazugehörigen Gedichtes starb, im Jahr 1887, da wurde der Expressionismus als Kunstgattung erst geboren, Europa ging noch mit ihm schwanger. Ein Pseudonym des Dichters war „Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky“ – als ich ein Foto von ihm sah, fühlte ich mich spontan an Karl Valentin erinnert, möglicherweise eine passende Assoziation.

Denn Humor hatte Friedrich Theodor Vischer (1807-1887), den man zur Unterscheidung von dem Namen Fischer auch „V-Vischer“ nannte – das vorgesetzte „V“ erscheint schon deshalb sinnvoll, weil ohne das „V“ auch die Aussprache Wischer infrage käme, wozu mir unausweichlich Daniel Wischer einfällt, der in Hamburg seit langem zwei Fischbratküchen betreibt, in denen neben dem gebackenen Rotbarschfilet besonders die, wie glaubhaft versichert wird hausgemachte Fassbrause zu empfehlen ist… aber ich komme vom Thema ab, zurück zu Friedrich Theodor Vischer: Er war ein außerordentlich produktiver und weltoffener Intellektueller seiner Zeit, er war praktisch alles: Theologe, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Professor für Ästhetik, Philosoph, Politiker – aber bei all diesen ehrwürdigen Professionen war er vor allem ein Humorist, ein verschmitzter Typ, der mit ätzend-lustigen Bemerkungen brillierte. Vischer eckte immer wieder an, besonders mit seiner Satire auf Goethes Faust II: „Faust. Der Tragödie dritter Teil“ – man warf Vischer vor, Goethe in den Schmutz zu ziehen, was, obwohl es nicht seine Absicht gewesen sein mag, trotzdem nicht auszuschließen ist, denn sein Respekt für „den größten Deutschen“ hielt sich in Grenzen, er nannte den Faust II einmal das „halbkindische Altersprodukt eines Allegorientrödlers und Geheimnisdüftlers“. So wird nachvollziehbar, dass Friedrich Theodor Vischer keineswegs nur Freunde hatte, auch politisch nicht, denn er verstand sich als Linkshegelianer – Hegels Werke waren zu seinen Lebzeiten nicht sehr bekannt, dafür wurden sie posthum umso populärer, sie wurden in ganz Europa bis zur Revolution von 1848 kontrovers bis erbittert diskutiert, und dabei ging es nicht nur um den Gegensatz zwischen Pantheismus und Monotheismus, nein, am Hegel-Kult wurde schlicht der damalige politische Rechts-Links-Gegensatz abgearbeitet, Marx war übrigens auch eine Zeitlang Linkshegelianer. Hegel ist aber zu umfassend, um hier weiter auf ihn einzugehen, er bedürfte einer eigenen Abteilung – Vischer jedenfalls dachte fortschrittlich und sozial, als Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung zog er zum Beispiel leidenschaftlich über Bismarck her.

„Die Tücke des Objekts“ ist eine Vischer-Erfindung, er war ein außerordentlich produktiver Mensch, er schrieb unzählige Gedichte und Abhandlungen – es lohnt sich, einmal näher in seine Lyrik hineinzuschauen, auch auf die Gefahr hin, dass gewiss nicht jedes seiner Werke begeistern kann. Aber wie feinsinnig und tiefgründig er über die Dichtung nachdachte, mögen diese beiden Zitate verdeutlichen:

„Das lyrische Subject ist factisch Welt-Einheit, Brennpunct der Welt, aber die Welt ist in ihm nur Herz, Gemüth geworden; es vollstreckt thatsächlich an den Dingen die Wahrheit, daß sie nichts an sich sind…“

„Die bestimmte Art des Zusammenfühlens der Individualität und der Welt verleiht dem Gedichte seinen Duft.“

Andererseits, oder vielleicht besser zusätzlich scheint immer wieder sein tückischer Humor durch, der mich manchmal an Robert Gernhardt erinnert, etwa hier:

Empor nun, ganzes Auditorium!
Aufschwingt euch zum Emporium,
Allwo unbeschnipfelt
Die Idee sich gipfelt,
Wo das I sich tüpfelt,
Wo der Weltbaum wipfelt,
Wo die Weltwurst zipfelt!

von Friedrich Theodor Vischer

In gelben Buchten

In gelben Buchten sogen wir der Fernen
Verspülte Lüfte, die von Städten wissen,
Wo Lüste grünen, angerührt von Wahnsinn.
Wir schwammen auf dem Fieberschiff stromauf
Und sonnten unsre Leiber an dem Buhlen
Waldheißer Panther, die der Sommer quält.
Der Klapperschlange nacktes Schlammgeringel
Wand sich verstört, als wir vorüberkamen,
Und in verschlafnen Dörfern gurgelte die Lust.
Ein warmer, satter Wind strich durch die Palmen. –
Ich sah dich weiß von Schlaf.
Und als ich von dir ebbte, hoch erhoben
Von meinem stolzen, satt gestürmten Blut:
O Sturm der Nächte, der mich Blutwärts zog
Zu kühnen, die entdeckten Ländergürteln:
O schwül Geliebte! Strom der Geheimnisse!
Verschlafenes Land! Im Süden!O Sommer-Qual!
Und schöne Raubtierflecken …
Bist du es denn?
Groß aus dem Weltraum nachts, der Spiegel ist,
Tönt dein zerwehtes Bildnis in meine Seele.
Die Sterne durchziehen harfend deine Brust.
Du aber …
Du glänzt vielleicht versehnt im weißen Federbett,
Traum liegt dir hart im Schoß. –
Oder ein junger Liebling
Zieht fühlsam mit zeichnendem Finger
Die festen Runden deiner Brüste nach.
Ihr seid sehr heiß.
Und schöne Raubtierflecken zieren eure Rücken.

von Friedrich Theodor Vischer

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3 Gedanken zu “Vischer”

  1. Man wundert sich, von wie vielen guten LyrikerInnen man nie niemals etwas gehört hat.

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  2. Baumeister sagte:

    Im Web kann man seine Gedichte kostenlos lesen unter:

    https://www.zgedichte.de/gedichte/friedrich-theodor-vischer.html

    Lohnt sich absolut.

    Gefällt mir

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