01 neu… Erdbeermund

Und schon wieder, wie bei B. Traven und Yvan Goll, gleich mehrere Pseudonyme: Rhenanus, Timm Borah, Paul Robert, Karl Herb. Wer war das, wie hieß dieser Mann tatsächlich? Sie werden es gleich erfahren – der Mann war angeblich Sohn einer Mutter mit 22 leiblichen Kindern, von denen nur sechs überlebt haben sollen – der Mann war einer der produktivsten deutschen Schriftsteller überhaupt, sein Werk besteht aus mehr als 30 Gedichtbänden, über 20 Prosawerken, aus nahezu 30 Dramen und Unmengen an weiteren Schriften – der Mann war, sagen wir, etwas suspekt, er log sein Leben lang das Blaue vom Himmel herunter, er ernannte sich selbst zum Doktor und fälschte seinen Lebenslauf nach Belieben – der Mann war ein begnadeter Lyriker, er wird heute noch als Arbeiterdichter verehrt, nicht zu Unrecht – aber was war dieser Mann noch? Er war der Erfinder des „Erdbeermundes“.

Wenn Sie sich, worüber ich mir nicht nachzudenken erlaube, für raffinierte Sex-Accessoires interessieren sollten, dann könnten Sie zum Beispiel den Begriff „Erdbeermund“ googeln, nur mal so, meine ich… Erbeermund ist ein Codewort, die meisten Deutschen kennen es, es löst automatisch Assoziationen aus, man denkt an ungezügelte Erotik, an Grenzüberschreitungen, an hemmungslose Gier, an Sex as Sex can, an Obszönität. Dafür verantwortlich ist hauptsächlich Klaus Kinski, der skurrile, unbeherrschte Schauspieler, das Monstrum, das sich selbst an seinen eigenen Töchtern Pola und Nastassja verging. Kinski war ein Garant für Eklats, er suchte sie – ein Großmaul, in gewissem Sinne vielleicht ein Genie, jedenfalls ein Provokateur, ein Rücksichtsloser, der sekundenschnell unkontrolliert aufbrauste und der laut Werner Herzog sogar auf Komparsen scharf geschossen haben soll, bei den Dreharbeiten für den Film „Aguirre, der Zorn Gottes“ – Regisseur Werner Herzog bewunderte Kinski trotz solcher lebensgefährlichen Ausbrüche, er setzte ihm später mit dem Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“ ein schillerndes Denkmal. Selbst andere Hardcore-Fans des Schauspielers wissen zumeist nicht, dass es auch einen Gedichtband von Klaus Kinski gibt, mit dem Titel: „Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen“ – man munkelt allerdings, dass es sich um Fälschungen handelt. Die Gedichte wurden wahrscheinlich von Kinskis frühem Freund Thomas Harlan verfasst oder zumindest intensiv „nachbehandelt“, Thomas Harlan war der lebenslang verbitterte Sohn des NS-Regisseurs Veit Harlan.

Immerhin schrieb Klaus Kinski das literarisch zwar keineswegs erhebende, doch aufsehenerregende Buch „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, und dazu sprach er „Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau“ auf Schallplatte – dieses Gedicht stammt angeblich von der Kultfigur Francois Villon, die im 15. Jahrhundert lebte, nur… das ist nicht die Wahrheit, denn das Gedicht stammt in Wirklichkeit von dem Schriftsteller Paul Zech (1881-1946), und damit wissen Sie nun auch, wie der geheimnisvolle Mann aus dem ersten Absatz heißt. Paul Zech behauptete, dass es seine persönliche Nachdichtung eines Textes von Villon wäre, aber das hat sich als geflunkert herausgestellt. Der „Erbeermund“ ist ein eigenständiges Werk des Arbeiterdichters mit der flexiblen Biographie, er schrieb es ganz allein – nachfolgend zuerst der Text, dann ein Link, wo das Gedicht von Kinski vorgetragen wird… nein, leider nicht mehr, denn wie ich gerade eben festgestellt habe, funktioniert der Link nicht mehr, wahrscheinlich wegen der GEMA, ich musste ihn also entfernen, aber immerhin können Sie sich noch zwei wagemutige Musik-Varianten zu Gemüte führen:

Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Das will ich sein im tiefen Tal
dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.
Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar,
da schlief ich manches Sommerjahr
bei dir und schlief doch nie zuviel.
Ich habe jetzt ein rotes Tier im Blut,
das macht mir wieder frohen Mut.
Komm her, ich weiß ein schönes Spiel
im dunklen Tal, im Muschelgrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!
Die graue Welt macht keine Freude mehr,
ich gab den schönsten Sommer her,
und dir hats auch kein Glück gebracht;
hast nur den roten Mund noch aufgespart,
für mich so tief im Haar verwahrt…
Ich such ihn schon die lange Nacht
Im Wintertal, im Aschengrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.
Im Wintertal, im schwarzen Beerenkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei,
Und habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
…ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!

von Paul Zech

Wie wär’s mit „Culture Beat & Jo Van Nelsen“:

oder wie wär’s mit „Franz Ferdinand“ (aber Achtung – gewöhnungsbedürftig):

Paul Zech hatte ein wahrlich bewegtes Leben – seine Biographie liest sich so, als ob er ständig in irgendwelchen Schwierigkeiten gesteckt hätte, entweder mit dem Geld, mit den Frauen, mit seiner Literatur oder mit seinem Status. Es war übrigens Else Lasker-Schüler, die ihm Zugang zu Literaturkreisen verschaffte, wo er auch Anerkennung fand. Nach dem Ersten Weltkrieg musste auch Paul Zech Deutschland verlassen, aber nicht nur wegen seiner Werke und wegen seiner linken politischen Einstellung, es kamen noch andere private Gründe hinzu. Er landete in Argentinien, wo er bei seinem Bruder unterkommen konnte, er starb dort schließlich, also auch im Exil, wie so viele deutsche Künstler. Ein vergessener Dichter ist Paul Zech sicher nicht, trotzdem kennen ihn heute nur noch wenige Menschen, als Expressionist ist er kaum bekannt, wenn dann eher als Autor der Novellensammlung „Der schwarze Baal“ – auf jeden Fall kennen so manche genervte Gymnasiasten auch heute noch sein Gedicht „Fabrikstraße Tags“, denn das wird immer wieder im Deutschunterricht durchgenudelt, das behaupteten jedenfalls einmal einige Lehrer in angeheitertem Zustand, hier also dieses Gedicht, und darunter noch zwei weitere:

Fabrikstraße Tags

Nichts als Mauern. Ohne Gras und Glas
zieht die Straße den gescheckten Gurt
der Fassaden. Keine Bahnspur surrt.
Immer glänzt das Pflaster wassernass.
Streift ein Mensch dich, trifft sein Blick dich kalt
bis ins Mark; die harten Schritte haun
Feuer aus dem turmhoch steilen Zaun,
noch sein kurzer Atem wolkt geballt.
Keine Zuchthauszelle klemmt
so in Eis das Denken wie dies Gehn
zwischen Mauern, die nur sich besehn.
Trägst Du Purpur oder Büßerhemd -:
immer drückt mit riesigem Gewicht
Gottes Bannfluch: uhrenlose Schicht.

von Paul Zech

Wupperstadt

Schwarze Stadt an schwarzem Gewässer steilaufgebaut — Grünbeliderte Fenster funkeln; aus dem gespenstischen Schieferdachdunkeln schnelln Schornsteine von Dampf und Dunst umbraut.
Hellwild rattert und knattert die Pendelbahn
über Brücken und hagre Alleen.
Fabrik dort unten, wo Spindeln sich kreischend drehen,
ist grau wie ein müder vermorschter Kahn.
Schweiß kittet die Fugen fest, Schweiß aus vielerlei Blutsaft gegoren Frommsein enteitert dem greisen Gebrest.
Mancher hat hier sein Herz verludert, verloren;
Kinder gezeugt mit schwachen Fraun…
Doch die Kirchen und Krämer stehn hart, wie aus Erz gehaun.

von Paul Zech

Fräser

Gebietend blecken weiße Hartstahl-Zähne
aus dem Gewirr der Räder. Mühlen gehen profund,
sie schütten auf den Ziegelgrund
die Wolkenbrüche krauser Kupferspäne.
Die Gletscherkühle riesenhafter Birnen
beglänzt Fleischnackte, die von Öl umtropft
die Kämme rühren; während automatenhaft gestopft
die Scheren die Gestänge dünn zerzwirnen.
Ein Fäusteballen hin und wieder und ein Fluch,
Werkmeisterpfiffe, widerlicher Brandgeruch
An Muskeln jäh emporgeleckt: zu töten!
Und es geschieht, dass sich die bärtigen Gesichter röten,
daß Augen wie geschliffene Gläser stehn
und scharf, gespannt nach innen sehn.

von Paul Zech

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5 Gedanken zu “01 neu… Erdbeermund”

  1. Wally sagte:

    Absolut lesens- und wissenswert.

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  2. Feine Einführung in einen lyrischen Klassiker.

    Kinski, der kleine Irre aus Sopot, hat es mal in Hannover als junger Mann vorgetragen und dabei vor Wut einen Kerzenleuchter in Richtung eines hüstelnden Zuschauers geschleudert.

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  3. aparton sagte:

    Sehr überzeugend. Ich rede in diesem Zusammenhang niemals wieder über Francois Villon. Merci.

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