Blass

„Ekel blakt in mein Gestiere“ – Ernst Blass – ein vergessener Expressionist

„Dichter, die mit uns gleichzeitig am Leben sind, haben der Lyrik einen Besitz meisterlicher Schönheit und aufgerichteter Herrschaft gegeben. Es müßte die Leistung der Jüngeren sein, daß die ernstlich hüten, was ihre Kräfte zu mehren nicht fähig sind. Aber an allen Wegen, wo man erwartungsvoll der Zukunft entgegenkommt, um von ihr mitgenommen und in die Höhe gebracht zu werden, wird das Würdelose, Leichtsinn und Verfall begrüßt. Die „fortgeschrittene“ Lyrik der Zeitschriften ist fast immer die gleiche zwiefache Afterlyrik: Aufrichtigkeit und Natur sind hohe Worte, aber Sich-Nicht-Waschen noch kein Dichten, und Naturalismen aus der Schule des Herrn Holz* verlieren nicht ihren Mangel an Kunst und Höhe, weil sie heut in gefälschten Platen’schen Reihen** vorgetragen werden, tägliche Impressionen nicht dadurch ihre ärmliche Unreine, weil ihnen Schamlosigkeit das heilige Kleid asklepiadischer, hölderlinhafter Strophen anlegt..“

(*) Arno Holz (1863-1929) war einer der bedeutendsten Dichter des Naturalismus, er verfasste auch mehrere dramatische Bühnenwerke und Komödien, außerdem war er ein bekannter Literaturverständiger und Literaturkritiker seiner Zeit.
(**) In den Platen’schen Reihen wurden regelmäßig Werke von Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde (1796-1835) veröffentlicht, die erste im Jahr 1925, die letzte im Jahr 1931. „Graf Platen“, wie man ihn auch kurzgefasst nannte, war ein zu seinen Lebzeiten sehr bekannter, heute allerdings völlig vergessener Dichter des frühen 19. Jahrhunderts – er und Heinrich Heine bekriegten sich, sowohl literarisch auch als auch persönlich, sie machten sich gegenseitig ihren schriftstellerischen Rang streitig.

Der oben angeführte Textausschnitt stammt von dem Lyriker Ernst Blass, geboren 1890 in Berlin, ebenda 1939 verstorben, in Armut und erblindet, er hatte sein ganzes Leben lang mit seiner kränklichen Natur zu kämpfen. Ernst Blass war Jude, sein früher Tod ersparte ihm wenigstens das KZ, nicht jedoch seiner Schwester, die dort umkam – er war Herausgeber der berühmten Literaturzeitschrift „Die Argonauten“, und in einer Ausgabe dieser Monatszeitschrift erschien der Text, in dessen Verlauf sich Blass kritisch mit den Werken von Franz Werfel auseinandersetzt – ich habe den Text ausgewählt, weil er eindrücklich die Hin und Hergerissenheit eines typischen Früh-Expressionisten veranschaulicht: einerseits dem „großen“ deutschen Dichtertum Lessings, Goethes und Schillers verpflichtet, beziehungsweise in seinem Bann stehend, sich aber andererseits entschieden von ihm abwendend, schroff und sogar zuweilen verächtlich, immer auf der Suche nach einer gemäßen Ausdrucksform für die gefühlte existenzielle Disparität in der damaligen Moderne.

Bei den Früh-Expressionisten denkt man an Jakob van Hoddis („Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“), an Ernst Stadler, Georg Heym, Herwarth Walden oder an Alfred Lichtenstein – aber nicht an Ernst Blass, obwohl er einer der wichtigsten Früh-Expressionisten war, er wird zwar immer in den Autorenlisten aufgeführt, ist aber dem literarischen Kollektivgedächtnis nicht mehr präsent, im Vergleich etwa zu Gottfried Benn, dem alles überragenden Poeta major des Expressionismus… dagegen hat die Geschichte Ernst Blass in den Schatten eines Poeta minor verbannt – was ihm angesichts seines Œu­v­res sicher nicht zukommt, sein mit erst 22 Jahren veröffentlichter Gedichtband „Die Straßen komme ich entlang geweht“ zählt zu den packendsten Werken des literarischen Expressionismus.

Der Textausschnitt geht noch weiter, und zwar so:

„Die Ohnmacht ist in dem heut Neuen, weil ein bequemer Umstürzlergeist die Kunst wieder einem Existieren in der Außenwelt unterwerfen wollte. Der klassische Geist, den Stefan George mit neuem Bewußstein lehrte, blieb eines Kreises Gut. Die anderen traf Zersplitterung und Entinnerlichung. Sie assimilierten den Dämon dem alten Alltag, um aufrichtig zu sein, und waren es auch, aber im Sinne der Außenweltlichkeit, während es für den Dichter Aufgabe, Moral, sogar Prophylaxis ist, neue Tage seines Dämons zu leben, um in Sinn der Kunst aufrichtig, das ist seinem Werk und der Welt des Schönen treu, zu sein. So hoben die Neuen das Außen nicht in die Höhe der Kunst, die Poesie wurde durch Sentiment verweicht, man sprach für brüderlich gestimmte Menschen von seinen Seelenzuständen unter musikalischer Begleitung…“

Ja, das muss man mindestens zwei Mal lesen, ich gebe es zu – und selbst danach bleibt noch etwas kryptisch, was Ernst Blass da eigentlich zum Ausdruck bringen wollte. Der Text gleicht fast einem Gedicht, er bietet einen skurril-intimen Einblick in die Gemütsverfassung nicht nur dieses Lyrikers, sondern auch vieler nachfolgender Lyriker bis zum heutigen Tag. Man darf den Dämonen in sich nicht mit naheliegenden Verrichtungen bezähmen, man darf sich nicht einfach mit ihm arrangieren, wenn man nicht Gefahr laufen will, sich des Schöpferischen zu begeben – sehr schwülstig formuliert, aber egal, es bleibt nun so stehen. Der wahre Dichter muss immer wieder „neue Tage seines Dämons leben“, das ist sein Los… und sowieso das Schicksal eines großen Expressionisten, der Ernst Blass zweifellos war.

Wüten

Wozu soll das Sich-Ermahnen?
Ekel blakt in mein Gestiere.
Wie besoffne, dicke Tiere
Treffen sich zwei Straßenbahnen.
Und das läuft erfreut, Gewimmel.
Parkalleen lang will ich rennen,
Über mir der Abendhimmel
Soll, ein feurig Wüten, brennen.
Wenn der grauen Bäume Strunk
Schon zu Asche will zerfließen,
Werden meine Arme schießen,
Habichte, durch Dämmerung.

von Ernst Blass

Abendstimmung

Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe!
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe!

Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry-Brandy-Flip.

von Ernst Blass

Der Unglückliche

Er sieht befremdet in die Angesichter,
Die gleichmutvoll tötliche Worte tropfen.
Sein Auge sucht im gasigen Schlaf der Lichter,
„Warum paßt alles dies nicht zu dem Klopfen

Von meinem Herzen? Bin ich irr und wild?
Vielleicht ein Kind, verliebt, mit Recht verlacht …“
Und sein Gehirn, durch das die Umwelt schrillt,
Es wandelt blindverzweifelt durch die Nacht.

Seid still! es spielt Klavier! Mit wehem Hasten,
Mit wirren Armen schlägt es auf und ab,
Und in das Kreischen der verzerrten Tasten
Irrt taub der Mund, verschlossen wie ein Grab.

Die nächtgen Straßen, feucht und nebelhaft,
Ermüden ihn, so daß er schließlich weint.
Er sieht sich um, am Ende seiner Kraft:
Häuser bestehen, wachend und versteint.
__

Was waren deine Wangen? Kleine Zinnen,
Wo Erdbeer ruht, und sich ein Schwan bewegt,
Und wo ein Mohr aus scheinenden Gewinnen
Die Fülle ungemünzten Goldes trägt.

Was waren deine Lippen? Große Züge
Von Straßen weit von Feld zu Abendrot,
Der Küsse paradiesische Genüge,
Das weiße Krankenlager vor dem Tod.

Was waren deine Augen? Blaue Zeichen,
Dir eigen, wie in Erde deine Spur,
Die mächtig dich beweist vor dem Verstreichen,
Dich Glied, o dich Gebilde der Natur!
__

Wenn Tags auch über uns die Jahre brennen,
Ein Abend kommt, uns beiden zu verzeihn ..
Da wir erfahren, daß sich niemals trennen,
Die sich vermählten, ehe sie allein ..

Und da wir fast die alten Namen nennen ..
Warum bist du nicht mein, ich nicht mehr dein?
Wenn Tags auch über uns die Jahre brennen,
Ein Abend kommt, uns beiden zu verzeihn.

Der Himmel, eine große Glocke oben,
Tönt immer und unhörbar seinen Ruf.
Und wieder ist mir nah dein Angesicht.

Wir sind diesmal so weit herausgehoben,
Daß uns nicht findet, was uns Trennung schuf,
Und was uns damals traf, nicht zu uns spricht.
__

Seit ich zuviel an dich denke,
Bin ich nicht mehr frei und munter.
Such ich, wie ich es versenke,
Geht es doch mir nicht mehr unter.

Lockig Haare, klar die Wangen
Und der Augen Schelmerein,
Sie sind ferne, doch sie fangen
Mich mit bangen Schlingen ein.

Weiß nicht, wie das enden möge,
Bringt es Freude oder Schmerz?
In dem zierlichsten Gehege
Neu verfangen glüht mein Herz.
__

Der wilde Honig deiner beiden Lippen
Scheint deutlich mir in meine ferne Fahrt.
Mir ward von je durch erst verborgne Klippen
Gefahr und tiefer Schicksal aufbewahrt.
Ich spüre immer deine große Nähe,
Ob ich dir nahe oder dich nicht sehe.

Wesen mir noch umschleierter Regionen,
Wo ich durch dich einst leben könnte, fühlen,
Die Flamme wird mich sicher nicht verschonen,
Und brennt es auch, ich werde es nicht kühlen.
Führt es zum Rausche oder zum Verzicht:
Die Stunde weiß es, doch wir ahnens nicht.

Von Hoffen bin ich bis zum Schmerz erregt,
Wenn eine Türe aufgeht, und du kommst,
Und eh das Schwärmen sich noch hat gelegt,
Quält schon der Zweifel, ob du mir wohl frommst,
Ob Götter nicht, bevor wir uns noch kennen,
Bereit sind, uns Gelenkte schon zu trennen.

Du triffst mich, der, zu tiefem Ernst entschlossen,
Noch, Kind, gehindert ist, etwas zu tun.
Die leichte Neigung ist uns schon verflossen,
Und alles Schwere spannt und drückt uns nun,
Uns, die wir vor verlockendsten Gefahren
Nicht, eins vom andern, wissen, wer wir waren.

von Ernst Blass

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3 Gedanken zu “Blass”

  1. werwirwaren sagte:

    Was würde ich nicht geben, um noch ein Gedicht des Tages von Dir zu haben.

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  2. E. Blass kannte ich nicht. Eine Bereicherung.

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