Derrida – Da Da

26. Oktober 2013: Derrida – Da Da

Der Sinn der Philosophie liegt für mich darin, mein Menschsein zu begreifen, ein größeres Weltverständnis zu gewinnen, mehr Transparenz zu schaffen, und vielleicht bedeutet mir Philosophie sogar ein persönlicher Akt der Befreiung im Denken. Weniger prosaisch ausgedrückt kann mehr Durchblick nicht schaden, habe ich mir immer überlegt, aber nun kommt die Frustration: Was ist bloß heutzutage mit der Philosophie los? Wenn er überhaupt noch angestrebt wird, dann wird der Durchblick erschwert, die Philosophie schottet sich in einem Terminologie-Treibhaus ab, sie verweigert den Zugang, sie wird exklusiv, gruppengetragen, sie beschäftigt sich in einer fast beschäftigungstherapeutischen Manie mit sich selbst.

Es wimmelt vor ziemlich verschwommenen Begriffen wie Poststrukturalismus, Dekonstruktion, Postmoderne oder die Theorie des kommunikativen Handelns, Titel des Hauptwerkes von Jürgen Habermas, der damit in aller Stille Abschied genommen hat von der wuchtigen und handfesteren Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Doch hauptsächlich die französischen Philosophen wie Derrida, Levinas und Foucault haben in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die anhaltende Verwirrung hervorgebracht, indem sie die Philosophie zunehmend aus ihrer angestammten Mittlerrolle herausklaubten und ihr ihre dialektisch-kreative Potenz abzusprechen begannen – die Philosophie vermittelte bisher „klassisch“ zwischen den Naturwissenschaften und der Metaphysik, sie begriff sich als Überbau, als die „Philosophie des Geistes“, das heißt des überlegenen Geistes, so wie er sich in der Lehre von diesem Gedankengebäude wiederfindet.

Die Kritik des technischen Zeitalters muss eine philosophische sein, sie kann keine ethische, keine politische oder gar soziologische sein, mit Blick auf Marcuse und Adorno – nur die Philosophie wird den Menschen in die Lage versetzen, sich des technischen Zeitalters mit einem Gegenentwurf zu bemächtigen, um es endlich zu überwinden. Doch anstatt einen solchen humanistisch-emanzipatorischen Gegenentwurf zu entwickeln, verliert sich die zeitgenössische Philosophie in, despektierlich formuliert, Rabulismus und in Spitzfindigkeiten. Denn was bringen Jaques Derridas Spuren, seine rätselhaften Zeichen und Signifikanten, was bringen seine Erkenntnisse, die alle, und besonders die gesellschaftlichen Realitäten auf die Sprache zurückführen, auf ein wundersames linguistisch interpretierbares Fundamental-Movens? Wenig bis nichts bringen solche Erkenntnisse, sie führen nicht weiter, genauso wenig wie etwa Michel Foucaults Betrachtungen zur Subjektivierung. Ich glaube, dass sich diese, dann auch noch zerstrittene französische Philosophen-Schule eine distanzierte Sicht auf sich selbst mit zu kleinteiligem Aktivismus verstellt hat, sie hat vor lauter Untertheorien nicht realisiert, dass sie vor allem die Philosophie faktisch politisiert, es sind salon-revolutionäre Gedankenspielereien auf hohem intellektuellen Niveau, die sich gleichwohl durch Unverbindlichkeit auszeichnen.

Die Postmoderne ist heute eine paraphilosophisch formulierte politische Kampfansage gegen den technokratischen Totalitarismus – man muss die Sachen nicht immer so kompliziert darstellen – was einen guten Eindruck macht, vernebelt oft nur die Tatsachen. Der Begriff Postmoderne stammt übrigens schon aus dem frühen 19. Jahrhundert, inzwischen haben wir schon mehrere Postmodernen hinter uns gebracht, die Postmoderne ist sozusagen eine chronische geisteswissenschaftliche Befindlichkeit, ein offenbar unheilbarer Morbus postmodernis. Und bei dem Postrukturalismus inklusive der philosophischen Moderscheinung Dekonstruktion verhält es sich ähnlich: Mit beiden kann man erkenntnistheoretisch keinen Blumentopf gewinnen, beide Begriffe lassen sich kaum richtig definieren, in ihnen artikulieren sich allenfalls vage Tendenzen.

Schon lange vor Jaques Derrida und noch länger vor Jürgen Habermas beschäftigte sich Martin Heidegger mit der Sprache, auf eine sehr moderne Weise, was man nachlesen kann – Heidegger führte die Begriffe Strukturalismus und Poststrukturalismus ein, deren Gegensätzlichkeit sich einfach damit erklären lässt, dass der Strukturalismus das Subjekt beim Gang der Welt in den Hintergrund verschiebt, während der Poststrukturalismus das Subjekt wieder suchend in seine historischen Zusammenhänge stellt. Eine Zeitlang dominierten Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre die europäische Philosophie, der eine in Deutschland, der andere ein Frankreich. Auch Heidegger war in gewissem Sinne Existenzialist, er dachte vergleichsweise in weiter gefassten Zusammenhängen und weniger pragmatisch orientiert als der Politphilosoph Sartre… doch beide hatte auf ihre eigene Weise Zukunftsvisonen von einer menschlich fortschrittlicheren Gesellschaft – diese Visionen fehlen mir in der Philosophie der Gegenwart, es wird zu viel und zu ziellos gedacht, alle wissen Bescheid, aber kaum jemand weiß, worüber.

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8 Gedanken zu “Derrida – Da Da”

  1. Luther sagte:

    Gilt nicht nur für die Philosophie: Immer dann, wenn eine verschwurbelte Hyperterminologie in einer Disziplin alles andere beherrscht, bleibt die wissenschaftliche Essenz meistens auf der Strecke, womit ich nicht dein Essay sondern deinen Betrachtungsgegenstand meine.

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  2. Barde sagte:

    Der Einzige, der scheinbar in der Lage ist, einem unbelasteteten Menschen die Philosophie vorverdaut etwas näher zu bringen, ist Germanist und nicht Philosoph: R.D. Precht. Ein Armutszeugnis für die Philosophen.

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  3. „ein offenbar unheilbarer Morbus postmodernis“ …ins Scharze getroffen.

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  4. Um es mit „Mutti“ zu sagen.

    Es lebe das „postfaktische“ Zeitalter 🙂

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