Goldener Saal

AM 30. AUGUST 2013 – DER GOLDENE SAAL…

…war mir bisher egal. Vermutlich haben Sie haben es auch nicht so mit den goldenen Sälen, Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, welchen goldenen Saal ich meine. Ich meine nicht den prunkvollsten, der in der Nähe von Augsburg steht, nicht den größten in Wien und auch nicht den im Schweriner Zuckerbäcker-Schloss – es gibt da noch einen anderen goldenen Saal, einen „Saal fatal“ – der steht wo? In Nürnberg, auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Der Goldene Saal von Nürnberg war das bedeutendste Heiligtum der Nazis, dort huldigte man dem Gröfaz Adolf Hitler und sich selbst. Der Saal symbolisierte räumlich das Zentrum der imaginierten nationalsozialistischen Größe, jedenfalls solange Albert Speers wahnwitziger Germania-Tempel in Berlin noch nicht gebaut war – dazu kam es glücklicherweise nicht mehr.

Aktuell macht der Goldene Nazi-Saal wieder Schwierigkeiten, nicht nur der Nürnberger Stadtverwaltung, sondern dazu dem deutschen Geschichtsbewusstsein, das selbstverständlich viel schwerer wiegt – der verdammte Saal bröckelt vor sich hin, er droht früher oder später einzustürzen, weshalb er schon von innen abgestützt werden muss. Da zeichnet sich noch ein Zusammenbruch ab, ein finaler, der den Zusammenbruch von 1945 auf prekäre Weise wiederaufleben lassen würde. Das muss nicht sein, außerdem verweisen die Nürnberger darauf, dass der Goldene Saal und das riesige Reichsparteitagsgelände zu einer Touristenattraktion geworden sind, die jährlich Hunderttausende anzieht, darunter viele ausländische Touristen. Anders ausgedrückt: Die monumentalen Hinterlassenschaften der Nazis stellen ein wichtigen Wirtschaftsfaktor dar, zwar nicht zu vergleichen mit dem Nürnberger Christkindles-Markt oder mit den Nürnberger Bratwürstchen, aber immerhin.

Gerade für die Bayern ist klar, dass etwas passieren muss. Dem Verfall muss begegnet werden, schon aus Gründen der historischen Dokumentation… das behaupten jedenfalls einige verwegene Studienräte und Kommunalpolitiker. Ich habe da meine Zweifel. Den Deutschen ist alles Heruntergekommene ein Dorn im Auge, alles muss ansehnlich sein und wenigstens einigermaßen in Schuss, auch das Gelände des Reichsparteitags – wo kämen wir sonst hin? Vielleicht zu der Ansicht einer Minderheit von Nürnberger Bürgern, die vorschlagen, den Verfall zur Konzeption zu machen, anstatt 70 Millionen Euro für die Instandsetzung auszugeben: Man sollte das Gelände absichtlich verkommen lassen und so allen Besuchern die Vergänglichkeit von Gewaltregimen veranschaulichen… ein etwas merkwürdiger Vorschlag, der kaum Zustimmung finden wird.

Der Goldene Saal bildet den Eingangsbereich der mächtigen Zeppelintribüne, von der aus die Nazi-Führung ihre Massenaufmärsche abnahm – die Führerkanzel ist übrigens kein Flugzeug-Cockpit, sondern ein eigens für Adolf Hitler gebauter kleiner Balkon an der Zeppelintribüne, das nur nebenbei. Irgendwie hat die gesamte Diskussion über das Reichsparteitagsgelände und über den Goldenen Saal etwas Unsägliches, ungefähr so unsäglich wie der Ausspruch von Fernsehreporterin Katrin Müller-Hohenstein, die ausgerechnet dem Polen Miroslav Klose einen „inneren Reichsparteitag“ unterstellte, nachdem er ein wichtiges Tor geschossen hatte. Man sollte den Krampf endgültig beenden: Alles plattmachen, total platt – wir brauchen solche makabren Erinnerungsstätten nicht, sie sind nur historischer Ballast, weg damit.

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4 Gedanken zu “Goldener Saal”

  1. Anita sagte:

    Nicht allen ist historische und sprachliche Sensibilität gegeben. Lufthoheit über Stammtischen und innere Reichsparteitage kann man schlecht „ausmerzen“.

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  2. Thobaben sagte:

    Alles platt machen? So wie ISIS mit babylonischen Kulturstätten? Es gibt eben auch finstere Erinnerungen. Kann man am Eingangstor von Auschwitz „Arbeit macht frei“ löschen?

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