Danke, kein Interesse

AM 14. OKTOBER 2013DANKE, KEIN INTERESSE

Bei einer Talkshow erwartet man nichts anderes, doch auch im Alltag begegnet einem der Zusammenbruch der Kommunikation regelmäßig: Die Menschen reden nur noch von sich selbst, von dem was sie tun, von dem was sie bewegt, von ihrer persönlichen Sicht der Dinge – was andere Menschen dazu sagen, stört nur in der eigenen Selbstdarstellung. So werden viele Gespräche zu einem penetranten Schlagabtausch, es macht keinen Spaß mehr sich zu unterhalten, es ist häufig nur noch anstrengend. Der fruchtbare Dialog stirbt, der Meinungsaustausch wird windschief, die Meinungen treffen sich nicht mehr, egal ob kontrovers oder konsensual, von einem erbaulichen Diskurs und Dialektik gar nicht erst zu reden. Kaum jemand will noch neue Perspektiven aus einem Gespräch gewinnen, keiner will mehr etwas wissen, weil alle angeblich schon alles wissen.

Entsprechend verhält es sich mit dem Interesse – ich habe den Eindruck, dass es den Leuten zunehmend schwerfällt, sich für Bereiche zu öffnen, die nicht direkt in ihrem Gesichtskreis liegen und die auf den ersten Blick unnütz erscheinen. Man kreist in engen konzentrischen Bahnen um sich selbst, man richtet alles nach möglichen Wirkungen auf sich selbst aus. Wir leben in der Zeit der Tunnelperspektive. Die Tunnelperspektive ist das massenhaft praktizierte Weltbild der Moderne, ein selektiv verengter und zumeist verdunkelter Abklatsch von Existenzwahrnehmung, eine Art Vexierspiegel, der die Welt zu einer Eigenwelt verzerrt. Durch einen Tunnel muss man durch, und jeder phantasiert in das Licht an seinem Ende sein wunderbares Leben hinein, gewöhnlich ein Leben vollgestellt mit allerlei Glücksvehikeln wie Reichtum, Anerkennung, Macht, aber manchmal auch Liebe – das sind dann die Bescheideneren.

Das egozentrische Tunnel-Weltbild beeinflusst unsere Gesellschaft nachhaltig negativ, denn es ist ubiquitär, es findet sich überall: in der Politik, im Bildungswesen, sehr ausgeprägt in der Arbeitswelt, doch auch im Freizeitverhalten und sogar in der Familie. Fälschlicherweise wird diese gefährliche Tendenz meisten als Individualismus verklärt. Aber Individualismus kann nicht die Abkehr von der sozialen Gemeinschaftlichkeit bedeuten, sondern er bietet nur die Möglichkeit, seine persönlichkeitsspezifischen Freiräume ungehindert auszuleben. Die Gesellschaft leidet schwer darunter, dass ein Leben in der Vereinzelung als leitende Konzeption die Massengesellschaft dominiert.

Interesse aufbringen heißt immer auch Engagement beweisen. Viele Menschen betätigen sich ehrenamtlich – dieses Engagement wird zwar öffentlich als vorbildlich gelobt, aber es geht in der Konkurrenz-Gesellschaft unter, es wird nicht weiter beachtet, es gilt bei den Ehrgeizigen und Ambitionierten höchstens als rührend naiv. Inneres Engagement über diese Ebene hinaus gilt bei diesen Leuten sogar als verstiegen, als deplaziert, soetwas macht man nicht als moderner Erfolgsmensch. Die Scheuklappen bleiben starr nach vorne ausgerichtet, man lässt sich nicht irritieren auf seinem Weg in die totale Verwirrung über sich selbst.

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3 Gedanken zu “Danke, kein Interesse”

  1. Aber Empathie ist ein schönes Modewort geworden 🙂

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  2. Viele Menschen sind völlig außerstand einen Dialog zu führen. Sie merken es nicht einmal selbst. Lieblingsthema: eigene -meist eingebildete – Krankheiten.

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  3. Luther sagte:

    Stichwort Ehrenamt und Flüchtlinge:
    Beeindruckend wie viel gute Leute es gibt, in allen Altersklassen.

    Sie beschämen diese hirnbefreiten Neonazis oder was immer diese Pegida-Spacken sind.

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