Würstchen zu Weihnachten

Dass Weihnachten nicht weiß werden würde, war zu erwarten, aber nicht das Gefühl des nahenden Frühlings, nicht diese ungewohnte Wärme, nicht 14 Grad im Schatten ohne Sonne. Auf dem Weg zum Auto wurde ich stutzig, mir fiel auf, dass ich gar keinen Mantel anhatte… wozu auch, es war nicht einmal nasskalt, es regnete nicht, es feuchtete nur so vor sich hin, alles irgendwie schmierig, alles klamm und trist, eine graugrünliche Landschaft im Nebeldunst, das Rot der Häuser sah schmutzig aus, unschön, ein trauriger Anblick, so gar nicht weihnachtlich.

Mit dem Auto los musste ich wegen der Würstchen, die ich vorbestellt hatte. Innerlich war ich schon längst auf die Schlange eingestellt, in die ich mich beim Schlachter würde einreihen müssen, vielleicht reichte sie dieses Mal sogar bis vor die Tür… eben weil die meisten Leute am Heiligabend Würstchen mit Kartoffelsalat essen, bis auf die mir tief suspekten Exoten, die Grünkohl oder Karpfen bevorzugen. Würstchen mit Kartoffelsalat bekommt man zu jeder Jahreszeit an jeder Ecke, vor dem Bahnhof, vor dem Kaufhaus und hinter dem Fußgängertunnel. Es gibt neben Currywurst/Salat (bitte hier auf keinen Fall Kartoffelsalat sagen) kaum eine nichtssagendere Abspeisung, kaum eine weniger attraktive Art, sich fett- und kohlenhydratlastig zu ernähren. Mit einem Festmahl haben Würstchen und Kartoffelsalat nichts gemein, was aber keineswegs ausschließt, dass diese einfache Zusammenstellung am Heiligen Abend zu einem wahren Festschmaus wird.

Denn Kartoffelsalat ist nicht gleich Kartoffelsalat, und Würstchen ist nicht gleich Würstchen… dabei ergibt sich die etwas unangenehme Schwierigkeit, ein wenig weihnachtlich anmutendes Thema anzusprechen, nämlich den Darm als solchen: ohne guten Darm kein gutes Würstchen. Die essbare Hülle ist davon abgesehen sowieso schrecklich, eine angeblich essbare Kunststoffhülle, die das Wurstbrät umschließt, ist mit dem Heiligen Abend nicht zu vereinbaren, weder atmosphärisch noch kulinarisch. Ein klassisches weihnachtskonformes Würstchen formt sich in einem Schafdarm, dem Saitling, der dem Kranzdarm oder dem engen Darm entspricht – der enge Darm des Schweines dagegen ist für Bratwurst und Knacker einfach bestimmt, bei Bockwurst scheiden sich darmmäßig die Geister. Ich will dieses Thema nicht weiter ausführen, wirklich nicht, doch ich sollte wenigstens noch darauf hinweisen, dass die Subserosa beim Würstchensaitling wesentlich sorgfältiger entschleimt ist als die Schweinesubserosa bei der Bratwurst und dass die Länge des engen Schafdarms ein Qualitätsmerkmal darstellt, weil ein langer Schafdarm nicht so viele Darmwechsel notwendig macht.

Doch Weihnachten ist das Fest der Liebe, nicht das der Gedärme. Denken Sie sich das Gekröse weg, stellen Sie sich in Gedanken mit mir hinten an der Schlange an, die sich aus würstchenhungrigen Mitbürgern gebildet hatte und die tatsächlich bis auf die Straße hinausreichte. Den Leuten schien das Warten im Freien sogar zu gefallen – es kommt ja auch einem besonderen Ritual gleich, am Morgen des Heiligen Abend für die heißgeliebten Schlachterwürstchen anzustehen und sich dabei mit Gleichgesinnten zu unterhalten. Und es ging, kein Wunder, dabei hauptsächlich um das Wetter: Ja, es war viel zu warm für die Jahreszeit, alle hatten es bemerkt, die Diagnosen fielen durchgehend eindeutig aus, man schüttelte beim langsamen Vorrücken in der Schlange die Köpfe, Augenbrauen wurden hochgezogen, die Mienen wurden angestrengt, das düstere Wort vom Klimawandel machte die Runde. Nur ich machte mir darüber keine Sorgen, weil ich mir für die Weihnachtszeit vornahm, dass der Temperaturanstieg nicht auf den Klimawandel zurückzuführen sei, das stand für mich in den nächsten Tagen fest – die ungewohnte Wärme war die Strafe der heidnischen Göttin Hel, in Grimms Märchen taucht sie als Frau Holle auf, sie verbündete sich in diesem Jahr mit dem Väterchen Frost gegen die Menschen, es wurde nicht kalt, sie schüttelte die Betten nicht und sie schüttete damit auch keinen Schnee über uns aus – weil wir sie vergessen haben, deshalb.

Die Nazis wollten das Weihnachtsfest zum Julfest der Wintersonnenwende rückgermanisieren, mit dem Gott Wodan und Ruprecht als Diener der Göttin Hel… aber Coca-Cola hatte ihnen ein paar Jahre vorher einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem Santa Claus der Welt erschien, der knallrot gewandete Weihnachtsmann mit dem weißem Rauschebart und einem Faible für die braune Brause – der Weihnachtsmann ist der Coca-Cola-Mann, finden wir uns einfach damit ab. Finden wir uns auch damit ab, dass Weihnachten erst ab dem Jahr 325 nach Christi Geburt als christliches Fest eingeführt wurde. Papst Julius legte damals die Geburt von Jesus einfach auf den 25. Dezember fest, dieses Datum passte perfekt in die Zeit zwischen den Jahren, also in die astronomisch bedingte Sonderzeit der zwölf Rauhnächte, siehe verzögerter Mondumlauf. In dieser Zeit wurde das römische Licht- oder Mithrasfest gefeiert. Der Mithras-Kult war zuvor als große heilige Zeremonie für den Sol Invictus, für den unbesiegten Sonnengott, über Jahrhunderte in Rom Staatsreligion gewesen – nur wenige wissen heute, dass dem Mithras-Kult die Dreifaltigkeit entsprang, auch das Zeichen des Kreuzes, die Hostien, die Sakramente, das Weihwasser und möglicherweise sogar die Taufe. Den Urchristen mögen diese religiösen Elemente zwar bekannt gewesen sein, doch sie praktizierten diese nicht als Bestandteile ihrer Religion, sie pflegten kaum Rituale… aber was macht das schon, die Würstchen im engen Schweinedarm schmecken trotzdem, und selbst der erschreckend frugale Papst Franziskus wird der Menschheit auch an diesem Weihnachtsfest wieder den Segen Urbi et Orbi zukommen lassen.

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7 Gedanken zu “Würstchen zu Weihnachten”

  1. Barde sagte:

    Guter Ausflug in die Religions- und Ritualgeschichte.

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  2. wally sagte:

    Heilig Abend gibts vor der Bescherung Würstchen und Kartoffelsalat. Schon seit ewigen Zeiten.

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  3. bunnie sagte:

    Santa Claus, Rudynoose, Halloween etc.- Vorlagen europäisch, Konsumentenorientierung amerikanisch.

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  4. Lennie sagte:

    Eine dreifältige göttliche Triade ist wirklich Murks aus menschlichen Gedankenwelten, auch die hinduistische „Trimurti“.

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  5. Wiesenhof, K. sagte:

    Wenn man kurz vor Weihnachten all diese Berge von Schlaraffenzeugs in den Fresstempeln sieht, könnte man auf den Gedanken kommen, dein Satz gelte doch in seiner Umkehrung.

    „Doch Weihnachten ist das Fest der Liebe, nicht das der Gedärme….“

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  6. Ist der kapitalistische Weihnachtsmann eigentlich mit dem kommunistischen Väterchen Frost verwandt ???

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