01 neu – Good bye K.

Ein Freund starb. Ich war nur einer von vielen Freunden aus seiner Perspektive, die nun für immer erloschen ist. Einnehmende Menschen haben nicht selten eine Menge Freunde, so dass ihnen leicht der Überblick verlorengeht. Zu der Sorte gehörte er nicht, er behielt den Überblick, er nahm auch flüchtige Bekannte ernst, er bezog sie gleich in sich ein, mit Zuspruch, mit Zuwendung, mit einem Lächeln, mit einer einladenden Geste. Menschlichkeit lässt sich nicht erlernen – entweder man hat sie, oder man hat ständig damit zu tun, sie vorzuschützen. Man kann Herzenswärme nicht anschalten und nicht abschalten.

Eine Verwandte, die tot ist, sagte mir einmal, dass sie unter dieser bestimmten Birke zu liegen kommen wolle – sie kam unter der Birke zu liegen, doch inzwischen lebt auch die Birke nicht mehr. Birken werden nur unwesentlich älter als Menschen, etwa hundert Jahre alt. An die Situation, als die Verwandte den Wunsch äußerte, kann ich mich noch gut erinnern, weil ich kurz davor war, darauf hinzuweisen dass sie sich für ihre Grabstätte eine ziemlich alte Birke ausgesucht hatte… ich unterdrückte aber die Bemerkung, sie wäre unangebracht gewesen.

Wenn man nicht mehr der Jüngste ist, verändert sich manche Sichtweise: Der Tod wird nicht, wie jemand behauptete, mit dreißig Jahren geboren, er wird überhaupt nicht geboren, er schleicht sich ein wie ein Dieb in der Nacht, und er geht nicht wieder. Der Dieb bleibt. Im Interieur verkriecht er sich, er verschanzt sich im Uhrwerk, er macht das Bett von Monat zu Monat niedriger, er versteift langsam das Kreuz, er belästigt das Gehirn mit diesen immer gleichen Gedanken, die man schon kennt, die man nicht mehr wissen und die man nicht mehr denken will. Man kann sich des Todes schon zu Lebzeiten nicht erfolgreich erwehren, man verliert sich in seinem Nahen.

Ein Freund starb. Ich habe ihn mit einem Blatt beerdigt, das ich im Vorbeigehen von einem Busch pflückte, ich sah zu, wie das Blatt leicht, gleichsam unbeschwert in einen Graben hinab glitt, wo es auf dem Wasser lag und in der Sonne glänzte, ein schöner Anblick. Der Busch gehört zu einem Anwesen, einsam gelegen, mit einem Reetdach-Haus, ein großes Grundstück, Bäume, ausladende Rasenflächen, an der einen Seite von einem breiten Kanal begrenzt, auf dem ich noch nie ein Schiff entdeckt habe.

Etwa fünfzig Leute hatten sich eingefunden, um den Toten zu ehren und um einen Tod zu begehen – Leute, keine streng trauernden Gäste wie bei einer Beisetzung, nur teilweise formelle Kleidung, keine Ohnmachtsgefühle, keine Verzweiflung, nur wenige rangen um Fassung. Eine seltsame, jedoch keineswegs merkwürdige Trauerfeier, schon gar kein Leichenschmaus, eine besondere Zusammenkunft in einer unaufdringlich feierlichen Atmosphäre, dem Freund angemessen, eine einfühlsame Hommage an den geliebten Lebensgefährten, der gegangen ist.

Das Wetter an diesem Junitag war wechselhaft, immerhin hielt es, mal kam Wind auf, die Bäume rauschten vernehmlich, mal tröpfelte es hart auf die Zeltplanen, aber meistens schien die Sonne. Die überschminkte Bestatterin gab sich routiniert distinguiert – alle Bestatter sind irgendwie unmöglich, ich weiß das deshalb, weil ich mich vor langer Zeit einmal für einige Wochen als Leichenwäscher betätigte, um schließlich wieder von den Toten abzulassen. Zurück zum Freund, zurück in das parkartige Gelände – der Verwandte, der eine Rede hielt, beeindruckte mich, in mir stieg plötzlich Trauer auf, für eine Zeitlang unerwartet intensiv, sie stieg auf aus dem respektvollen, fast sachlichen Rückblick auf den Verstorbenen.

Ich verabschiedete mich früh und unauffällig, denn die meisten Anwesenden bewegten sich in einer mir fremden Welt. Doch war ich froh, gekommen zu sein, ich hatte ein gutes Gefühl für uns beide. Etwas störend fand ich nur, dass jemand schier endlos getragene Stücke auf einem Key-Board gespielt hatte, die sanfte Beschallung drohte mich zu sedieren, ich schreckte ein Mal auf und fragte mich, was wohl mein Freund über das hartnäckige Geklimper gedacht hätte – wahrscheinlich hätte er sich selbst darüber gefreut, er war ein bescheidener Mensch.

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4 Gedanken zu “01 neu – Good bye K.”

  1. spatz sagte:

    Ein feinfühlender Abschied von Ihnen, leicht traurig, wie es sich wahrscheinlich Ihrem Freund gehört. Ihren Text lesend dachte ich:. So wollte ich eines Tages gehen, wie dieses Blatt, „das leicht, gleichsam unbeschwert in einen Graben hinab glitt, wo es auf dem Wasser lag und in der Sonne glänzte“. So eine Beerdigung wünschte ich mir, ohne Verzweiflung, ohne übertriebene Trauergefühle.
    Anwesend bin ich bei vielen Bestattungen gewesen, geweint habe ich selten, nicht einmal bei der Beerdigung meines Vaters. Ohne an ein Leben nach dem Tod zu glauben, zumindest nicht dem Sinn der Religion gemäß, trösten mich immer die Worte, die während der orthodoxen Liturgie gesprochen werden: „… im hellen Ort, im grünen Ort, wo jede Krux und Traurigkeit, jeder Seufzer entflohen ist“(eine schlechte Übersetzung von mir).

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  2. Hat fast etwas hellseherisches im nachhinein, W.

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  3. So sage ich auch dir genau an dieser Stelle noch einmal Good Bye

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