In meinem bisherigen Leben sah ich keinen Anlass, mich für Deutschland einzusetzen – ich blieb eher unbeteiligt, ich hatte unter Kopfschütteln die neuere Geschichte meiner Nation zur Kenntnis genommen und beobachte seit 20 Jahren mit Sorge den Verfall dieser Gesellschaft zu einer ökonomisch überbestimmten Zweckgemeinschaft, die andere Komponenten der Gemeinschaftlichkeit immer rigoroser verdrängt.

Die massenhafte, häufig sogar aggressive Abkehr der jüngeren Deutschen von Kollektivsymbolik ist ein Grund dafür, dass die Zuwanderungsgegner bei den Befürwortern einen anti-nationalen Hype auslösten, der sie paradox erscheinen lässt und der die Mehrheit weitgehend sprachlos macht. Selbst Soziologen und Psychologen können das Phänomen bisher nicht erklären, sie flüchten sich in seltsame Begriffsblähungen wie sozio-kognitiver Paradigmenwechsel. Ich wage zu behaupten, dass es noch nie zuvor in der Geschichte einen derartigen Hass in der Bevölkerung auf die eigene Bevölkerung gab, zumindest nicht in dieser rätselhaften Form.

Hier dominiert nicht, obwohl es mit einbezogen wird, der Hass auf das Establishment. Die Abneigung geht tiefer, sie ist auch nicht allein historisch begründet, sie ist umfassender, sie mäandert durch das gesamte Spektrum der als deutsch ausgemachten Eigenschaften, bis hin zu Gewohnheiten, die hierzulande in einem alltäglichen Sinne typisch wirken, wie etwa die Esskultur, die Einrichtungskultur oder das Freizeitverhalten. Inzwischen kann man sich nicht mehr sicher sein, was noch in und was schon out ist. Auf irgendeine Art deutsch zu sein, wird zu einem Spießrutenlauf, und bezeichnend daran ist, dass die Deutschland-Hasser gleichzeitig auf beiden Seiten vertreten sind, sie laufen bedenkenlos mit, wie moderne Derwische, die sich über unterbewusste Selbstkasteiung von der Erbsünde ihrer Herkunft befreien wollen – Derwische sind Sufis, sie gehören einer relativ kleinen islamischen Gemeinschaft an, die ihre Religionsausübung eng mit Elementen von Ekstase und Meditation verbindet. Doch bei uns machen sich bloß wenige Menschen Gedanken darüber, dass dieses Verhalten mindestens genau so irrational ist wie übertriebene Deutschtümelei.

Die Sünde wurde von den Kirchen in das christliche Selbstverständnis einbetoniert, unsere Sündhaftigkeit hat sich in der abendländischen Kultur verkrallt als quasi-anthropologisches Datum, das der Religion nicht mehr bedarf, es durchzieht die westliche Zivilisation. Wenn den Westmenschen jedoch ein unterschwelliges Gefühl von Schuld mit prägt und er sie keinem Gott mehr beichten kann, dann kommt er in ein Dauer-Dilemma, er wird in einen Spannnungszustand versetzt. Diese im Grunde dem Jenseits entstammende Spannung wird verstärkt durch die immer deutlicheren Widersprüche im Diesseits der Gegenwart, und damit verstärkt sich das Entlastungsbedürfnis. Die Gebrechen der modernen Welt sind Umweltzerstörung, Menschenüberfluss, ständige Kriege und falsch strukturierte Gesellschaften – zusammengefasst nehmen die Gefahren apokalyptische Ausmaße an. Das fühlen auch die Deutschland-Hasser, sie wollen, ohne es zu ahnen, diesen Bedrohungen etwas Handfestes entgegensetzen, indem sie die Erde in einem hysterischen Aktivismus von den Nationen befreien, worin sie eine der Wurzeln allen Übels zu erkennen glauben – und den Anfang soll natürlich die übelste aller Nationen machen: Deutschland, das Land, das ihnen ein düsteres Schicksal als Geburtsort zuwies.

Oben hatte ich eine Abkehr vieler jüngerer Deutscher von übergreifender Kollektivsymbolik als Grund für ihre Abneigung gegen das Heimatland angeführt – nun werden ansatzweise die tieferen Motive sichtbar: Nicht allein Wiedergutmachungsreflexe bestimmen hier das Verhalten, sondern vornehmlich der Wunsch, etwas heil zu machen, das erschreckend kaputt ist. Ein von Heil- und Erlösungsvorstellungen aufgestauter Druck bricht sich Bahn in Ersatzhandlungen. Hier rumort eine abwegige Variante von Sublimierung in den Köpfen. Bei der Sublimierung wird ein immanentes psychisches Problem, wie etwa dauerhaft unbefriedigtes Sexualverlangen oder Identitätsstörungen, dadurch erträglich gemacht, dass man es durch geistige Aktivitäten überdeckt und so scheinbar kompensiert – die Betonung liegt aber auf „scheinbar“ – denn diese von der Psychologie zumeist als konstruktiv eingestufte Art der Problembewältigung auf einer höhereren Ebene ist niemals ohne einen Realitätsverlust zu haben, so wie man ihn auch bei den erklärten der Feinden der Nation antrifft.

Mich erinnert das Kesseltreiben gegen die Deutschlandbewahrer an die gnadenlose Verteufelung des Rauchens – nur dass dieses Mal ein ganzes Volk zum Raucher erklärt wird, die Nation wird zum Nikotin, zu einem historisch und ethnisch verseuchten Gift-Cocktail. Mein Land hat sich innerhalb von wenigen Monaten in ein Laboratorium verwandelt. Vor meinen Augen vollzieht sich ein Großexperiment in vivo mit dem Ziel, eine Gemeinschaft von über 80 Millionen Menschen grundlegend umzugestalten. Doch selbst wenn nun alle Gutmenschen empört aufschreien, trägt ein solches Vorhaben deutliche Züge von Rassismus, warum? Weil dahinter die Phantasie einer Globalrasse mit nivellierten Eigenschaften steht, die in ihrer Gesamtheit gegenüber den Eigenschaften der vorliegenden Rassen zu bevorzugen seien – ich nenne das Zukunftseugenik über die systematische Angleichung des Menschen an eine milliardenfache Standard-Version. Vergessen wird dabei nicht nur, dass eine solche Vereinheitlichung in weiter Ferne liegen würde, sondern auch, dass diese Vereinheitlichung ein brachialer Prozess umgekehrter Selektion hin zu einer Pauschal-Menschheit wäre, die sich niemand ernsthaft wünschen kann. Es stellt sich die Frage, was hinter diesen Absichten steckt – ich gehe hier aber nicht weiter auf die Frage ein, weil die Antworten schon gegeben wurden und nachzulesen sind. Bei allem bleibt nach wie vor der böse Verdacht, dass mit Deutschland auch deshalb ein Sonderexperiment durchgeführt werden soll, um ungünstige ethnische Voraussetzungen durch Massenzufluss anderer Ethnien zu neutralisieren.

Es geht noch weiter nach unten, noch sind wir nicht bei der wahren Ursache für den Deutschland-Hass vieler Deutscher angekommen: Die Ursache des Heilungswahns ist letzten Endes Existenzangst. Die Furcht vor einer Welt aus den Fugen geht um, eine existenzielle Verzweiflung diktiert unerkannt das Geschehen. Alle die Fiebernden, die den Deutschen Angst vor Veränderungen vorwerfen, haben mehr Angst als die von ihnen Gescholtenen. Es gibt neben dem materiell-sozialen Hedonismus auch einen ideellen, der sich als sozial-romantisches Sendungsbewusstsein erdumfassend manifestiert – die narzisstische Umarmung der Schöpfung aus der Not heraus, und das Ergebnis ist fatal. Diese Pseudo-Linken mit ihren losgelassenen Schwachsinnsantifanten, die Gutmenschen, diese Claqueure der nationalen Extermination, sie sind zwar mehrheitlich nicht satt, sie sind auch nicht in der von ihnen verachteten Weise saturiert, aber sie haben es alles satt, sie haben vor allem sich selbst satt, ihr von jedem erdenklichen Konsumquatsch eutrophiertes Dasein. Die Linken wissen um ihre Nutzlosigkeit, sie erahnen beim Anschauen der Nachrichten ihre Bedeutungslosigkeit, sie hadern mit ihrer Marginalisierung unter dem Einfluss anonymer Mächte, und sie ärgern sich über ihre Feigheit, gegen die anzugehen sie in ihrem mickrigen Duckmäuser-Wohlstand nicht in der Lage sind. Durch die schier maßlose Aggressivität ihrer Parolen schimmert Entsetzen vor den Realitäten auf der Erde, anders lassen sich für mich Flüche dieser Art nicht deuten: „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ – „Nie wieder Deutschland“ – „Ich hasse Deutschland“ – „Deutschland verrecke“- „We love Volkstod“.

Von „America, you lousy piece of shit“ ist mir noch nichts zu Ohren gekommen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass man mit solchen Sprüchen in den USA schlechte Karten hätte. Ich kann mir in dieser Hinsicht auch kein anderes Land vorstellen, zum Beispiel wäre man in Frankreich über „La France, vous moche piece de merde“ bestimmt nicht begeistert. Wer als Deutscher Deutschland nicht mag, der darf das selbstverständlich offen sagen, und er darf sogar öffentlich verkünden, dass er Deutschland für ein Stück Scheiße hält – doch er darf sich nicht darüber wundern, dass die meisten Deutschen dann ihn selbst für ein Stück Scheiße halten, das ist ja nur konsequent. Einfühlungsvermögen in Bezug auf seine Bezeichnung kann sich eine Nation nicht per Dekret ausbedingen, es ist da, oder es ist nicht da. Der Landtag von Brandenburg hat als Antwort auf die Anfrage einer Abgeordneten mitgeteilt, dass der Fäkalspruch den Tatbestand der Volksverhetzung nicht erfülle – das war zwar weise, aber es wirkt unsäglich. Der Landtag hätte die Beantwortung dieser Frage aus Gründen der nationalen Ehre verweigern sollen.

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