Deutschland, das sagten mir schon viele Deutsche, müsse entdeckt werden, es sei ein so schönes Land, dass man nicht ans Mittelmeer oder gar in die weite Welt reisen müsse, um einen wunderbaren Urlaub zu genießen. Obwohl ich mehr in die Ferne orientiert war, hatte mich die Häufung derartig gut gemeinter Ratschläge nachdenklich gemacht, ich nahm mir vor, zumindest gelegentlich tiefer in mein Land einzutauchen. Die ersten Wanderschuhe meines Lebens trugen mich durch den bayrischen Wald, doch stapfte ich eher ratlos durchs Gehölz, abends im Wirtshaus starrte ich ungläubig auf mächtige kalte Platten: Preßsack, Leberwurstkanten, Schinken, Mettwurst, Kopfsülze, Landjäger, gekrönt von finderdicken Käsescheiben – ich lustwandelte durch die mecklenburgische Seenplatte, sogar auf einem angemieteten Wohnschiff, Höchstgeschwindigkeit fünf Kilometer pro Stunde, ich angelte ebenso beharrlich wie erfolglos, ich gab mich der Beschaulichkeit hin, der Ruhe, und ich unterdrückte die Langeweile – nach Zahlung der Kurtaxe schlenderte ich auf der Deichkrone an den Nordseewellen entlang, dachte an den Blanken Hans, an Sturmfluten, an die Wikinger, an Seeräuber, während sich um mich herum das Ferienfamilienleben abspielte, man stritt sich um das Badehandtuch, die Frau hielt das Töchterchen ab und den durstigen Mann in Schach – ich unternahm eine Fahrt mit der Barkasse über den Königsee, was wegen der vielen begeisterten Fahrgäste aus Übersee zu einer Geduldsprobe ausartete – auf einen Geheimtipp hin erschnupperte ich die echte Ruhrpott-Atmosphäre in Essen, dort schließlich in einer Kneipe, wo mich freundliche Ruhrpöttler mit Altbier vollpumpten, so dass ich bis heute nicht weiß, wo ich die Nacht verbrachte.

Ja, dieses unentdeckte Deutschland lieben wir, diese Vielfalt, die Herzlichkeit der Menschen, sofern sie denn zum Vorschein kommt, die geordneten Kleinode der Natur, die aufgeräumten Räume, die Romantik gegen Gebühr, die Ruh über den Wipfeln, die Gemütlichkeit auf den Holzbänken. Doch dazwischen erstreckt sich das andere Deutschland, die Ödnis, die Hässlichkeit, die verschandelten, zumeist vermaisten und verwaisten Landschaften.

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Dieses Land hat in weiten Teilen auch den Charakter einer Tristesse, zumal optisch. Das Auge isst mit, sagt man, und das Auge inhaliert auch die Umgebung des Menschen. Wie stark die Umgebung das menschliche Wohlbefinden beeinflusst, darüber schweigt man sich in Deutschland lieber aus, das ist kein Thema, ich wüsste nicht, dass diese Problematik überhaupt schon einmal öffentlich diskutiert wurde. Die meisten Leute müssen in einer baulich und verkehrsmäßig fatal überstrukturierten Umwelt leben, in einer Welt, die ihre natürlichen Sinnesbedürfnisse verkümmern lässt. Der Urlaub im Engadin, die Ferien an einem einsamen schwedischen See, ein Strand einmal ganz für sich allein – das sind auch Fluchten vor der Betonwüste, vor den Agrarwüsten und vor massiv überstrapazierten Landschaften.

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Es gibt zu viele Menschen, und das Geld macht alles kaputt, das sind nicht nur abgedroschene Sprüche – in unseren verdichteten, durchökonomisierten Lebensräumen verfallen die ästhetischen Grundansprüche. Das Gefühl für Schönheit, so individuell verschieden es auch sein mag, wird von vermeintlichen Highlights aus zweiter Hand verzerrt und überlagert. Im Ergebnis provozieren wir Schönheit immer fiebriger, doch wir produzieren dabei hauptsächlich Abstoßendes.

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Besonders die Deutschen neigen dazu, Ästhetik bedenkenlos mit Ordnung zu vergewaltigen. Was in Deutschland als ansehnlich gilt, das sieht häufig öde und funktional aus. Ordnung ist das halbe Leben, meinetwegen, aber mehr auch auf keinen Fall. Und was das schöner Wohnen anbelangt – ich habe nur wenige Villen von innen gesehen, doch keine von ihnen hat mich ästhetisch überzeugt, ich fand die Bauweise übertrieben, nicht stilsicher, zu plump um den großartigen Eindruck bemüht, die Inneneinrichtung viel zu überladen, Ansammlungen von Erlesenem, nur ohne Preisschild, fast geschmacksverirrt. Ich hätte in keiner von diesen edlen Behausungen meinen Alltag verbringen wollen, und wer nun meint, dass durch diese Einschätzungen der reine Neid hindurchscheint, der mag mit dieser Ansicht glücklich werden.

Es geht um die optische Gesamtanmutung des öffentlichen Raumes und der sogenannten deutschen Kulturlandschaft – hier muss ein neues Bewusstsein geschaffen werden, das sich den allgegenwärtigen wirtschaftlichen Notwendigkeiten entgegenstellt. Die Landschaft ist zu einer Art Desktop geworden, bis auf Neuschwanstein und das Elbsandsteingebirge, die Landschaft wird zu einer Arbeitsfläche, zur wenn auch einzigen, so doch irgendwie nichtigen Existenzgrundlage, wir beuten sie aus, wir bauen sie voll, wir versiegeln sie mit Pflastersteinen und Asphalt, wir malträtieren sie, wir jagen besinnungslos durch sie hindurch, manchmal mit tödlichen Folgen:

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