Es gibt mehrere Öko-Päpste, sogar der echte Papst Franziskus wird Öko-Papst genannt. Einer der ersten, dem dieses Etikett angehängt wurde, war der alternative Journalist Franz Alt, der vor ein paar Tagen 76 Jahre alt geworden ist. Danach kamen weitere Öko-Päpste, darunter auch, man sollte es nicht glauben, Terminator Arnold Schwarzenegger, der Kalifornien umweltgerecht umwälzen will – seine Liebe zur Natur und damit zu den Menschen schloss übrigens nicht aus, dass er den Hinrichtungsbeschluss für einen Mörder unterschrieb, nachdem dieser 24 Jahre im Zuchthaus gesessen und dort Kinderbücher verfasst hatte. Als Öko-Papst wird auch Professor Michael Braungart gehandelt, der das „Cradle-to-Cradle-Konzept“ entwickelte, was „Von der Wiege zur Wiege“ bedeutet und dessen Ziel darin besteht, einen die Natur schonenden Kreislauf bei der Produktion von möglichst vielen Gütern zu erreichen.

Der letzte Öko-Papst im Angebot heißt Dirk C. Fleck, ein Mann mit Geheimnissen, denn über das „C.“ in seinem Namen kann man nur spekulieren, ich tippe auf Casimir oder Chlodwig, aber ich werde es nie erfahren, und auch nicht sein genaues Geburtsdatum, immerhin kann man davon ausgehen, dass er keinen Leistungssport mehr betreibt. Dirk C. Fleck ist ein gelernter Journalist, der lange in seinem Beruf gearbeitet hat, er gehört mit Sicherheit zu denen, die den Titel „Öko-Papst“ verdient haben – kein übermäßig bekannter, doch ein erfolgreicher Autor, nicht im klassischen Science-Fiction-Bereich, sondern in einem ziemlich neuen Literaturbereich, den ich einfach einmal „Practical World Fiction“ nenne. Die beiden zentralen Werke von Dirk C. Fleck sind die Romane „Das Tahiti-Projekt“ und „Mavea!“ – Mavea ist eine mehr politisch ausgerichtete Fortsetzung des Tahiti-Projektes, wo auf faszinierende Art beschrieben wird, wie sich auf dieser Südsee-Insel gegen alle äußeren Widerstände eine ganz neue Zivilisation im Einklang mit der Natur etablieren kann, eine im besten Sinne revolutionär andersartige Zivilisation, eine die nicht im Wolkenkuckucksheim angesiedelt ist.

„Das Tahiti Projekt“ wurde mit dem Deutschen-Science-Fiction-Preis ausgezeichnet, und nach „Mavea!“ will Dirk C. Fleck mit einer abschließenden Fortsetzung eine Trilogie daraus machen – man darf gespannt sein, wie es ausgeht. Die beiden vorliegenden Romane haben gemeinsam, dass sie in ihrem Charakter gleichzeitig visionär und seriös sind, seriös vor allem deshalb, weil immer der Realiätsbezug erhalten bleibt. Insofern handelt es sich tatsächlich nicht um Science Fiction, es handelt sich um einen greifbaren Traum für die Welt – Dirk C. Fleck ist ein eifrig fabulierender Träumer, der trotzdem immer auf dem Teppich bleibt, er erschafft keine Phantasmagorie, sondern er bietet eine phantastische Alternative an, die nach Umsetzung in die Realität lechzt. Aber wer seiner Phantasie freien Lauf lässt, der konfrontiert sie automatisch mit der Wirklichkeit. Man wird auch bei noch so weit ausholenden Gedankenflügen ständig wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen, und der Aufschlag ist meistens so hart, dass man sich irgendwann alle Phantasien verkneift – zeigen die beiden Romane von Dirk C. Fleck einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Ich bin mir da nicht sicher. Vor vielen, vielen Jahren, also einst, bewegte ich mich in einem Freundeskreis, der über eine Art Ersatzbibel verfügte: „Das neue Buch vom Leben auf dem Lande“ von John Seymour. Wir alle waren begeistert von dem schön bebilderten Werk, ich schritt entschlossen zur Tat und pachtete von einer alten Dame für wenig Geld ein Riesengrundstück. Auf dem weitläufigen Gelände standen auch zwei ziemlich baufällige Wochenendhäuser, von denen eines für mehrere Jahre mein Zuhause werden sollte – und so begab es sich dann, dass dieser Ort noch in Reichweite zur großen Stadt eine Kultstätte für einige frühe Öko-Freaks wurde.

Mehr berüchtigt als berühmt waren die Aktionspartys: Gemeinsam wurde der Boden umgegraben, es wurde selbstverständlich nur mit Natur-Mist gedüngt, bis zum Abwinken, denn ein Bauer hatte in seiner Menschenfreundlichkeit ganz umsonst einen gigantischen Misthaufen auf dem Grundstück abgeladen, der das allgemeine Odeur eher ungünstig, aber dafür nachhaltig beeinflusste. Die Beete und die Mini-Äcker wurden abgeteilt – wir säten praktisch alles, was zu bekommen war, sogar Dinkel und Hirse – wir pflanzten ausgiebig Rüben, Rettich, Rhabarber, Möhren, eine Reihe von Kartoffelsorten, Erdbeeren, Topinambur, Wirsingkohl, Grünkohl, Spitzkohl, Fenchel – wir besorgten Johannisbeer-Büsche, Stachelbeer-Büsche und setzten Himbeer-Stecklinge – dazu kamen die Obstbäume: Apfel, Birne, Kirsche, Pflaume, Zwetschge, Reneklode… wir hatten für alles vorgesorgt. Doch dann begannen so langsam die Schwierigkeiten, zu erwartende und auch viele ungeahnte – die Begeisterung für das Landleben schwand rapide, viele, vormals höchst engagierte Leute ließen sich nicht mehr blicken, die Aktionspartys wurden besonders bei den Mädchen immer unbeliebter, weil sie in Saufgelage auszuarten pflegten, die Fluktuation in der Gruppe wurde immer größer, wildfremde Gestalten tauchten plötzlich auf und fingen an zu politisieren, und die Ernte? Die Ernte, der Lohn der monatelangen Mühe, die Erfüllung unserer Sehnsüchte, das eigentliche alternative Erfolgserlebnis – sie wurde zu einem Flop, die Ernte war uninteressant, bis auf ein paar frische Erdbeeren, gleichgültig in den Mund geschoben, bis auf ein paar Äpfel, achtlos vom alten Apfelbaum gepflückt, bis auf ein paar Kräuter, gelandet in durchsichtigen Plastiktütchen, bis auf ein paar Rüben, mit denen die Kinder herumkullerten. Nach etwa einem Jahr hatte sich die Gruppe aufgelöst, ich war sogar froh darüber, der Misthaufen hatte sich verflüchtigt, und ich hatte meine Ruhe.

Alternative Lebensformen setzen anhaltende Begeisterung voraus, Zähigkeit, einen langen Atem, die Bereitschaft, auf vieles Gewohnte und Angenehme zu verzichten, vor allem aber den Mut und die Fähigkeit, unter Zurücknahme der eigenen Interessen auf andere Menschen zuzugehen. Das ist ein nicht unkomplizierter Prozess, den eine Gesellschaft in Angriff nehmen muss, bevor sie eine neuartige Gemeinschaft einführt. Es kann nicht par ordre du mufti funktionieren – was dabei herauskommen würde, wäre eine als solche empfundene Öko-Diktatur, unabhängig davon, ob ein ökologisches Dikat erforderlich erscheint, was gleichwohl der Fall ist. Die größte Aufgabe liegt darin, möglichst viele Menschen wirklich überzeugt in eine bessere Zukunft mitzunehmen, nur dann wird sie erreichbar, einmal ganz abgesehen von den bestehenden Machtkonstellationen, die nicht nur enorm träge sind, sondern auch von der Mehrheit noch gar nicht durchschaut werden.

Doch auch oder gerade vor diesem Hintergrund sind die beiden Romane von Dirk C. Fleck sehr wichtig – sie fassen die Zukunft präzise ins Auge und verlieren sie nicht über abwegige Selbstheilungs- und Zerstörungsphantasien aus dem Auge. Das ist der Unterschied, nämlich die Inangriffnahme, das ist die einzig richtige Methode. Ich habe mir in einem anderen Aufsatz hier im Blog über die Zukunft Gedanken gemacht:
https://deeplooker.com/2013/09/27/her-mit-der-zukunft/#more-2518
Sicherlich sind diese Betrachtungen nicht der Weisheit letzter Schluss, ich versuche dort eigentlich nicht viel mehr, als darauf hinzuweisen, dass wir noch gar nicht bereit sind, die Zukunft anzupacken – wir wenden uns einfach von der Zukunft ab, weil wir sie fürchten. Das ist kein gutes Konzept für uns alle.

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