Es gibt ein Buch „Die Wahrheit über das Lügen“ und einen Film „Die Wahrheit der Lüge“ – dass ich Ihnen diese Werke empfehlen könnte, wäre gelogen.  Vor vielen Jahren kam es zu einem Vorfall bei einem Gebrauchtwagenhändler, den ich nie vergessen habe, es war eigentlich kein Vorfall, es waren nur zwei Sätze, er sagte sie nebenbei, während er auf einen knallroten alten Opel Kadett zeigte: „Die Karre können Sie vergessen, die verreckt Ihnen nach 100 Kilometern.“ Mir fiel keine Antwort ein, ich fragte mich, ob der Mann den falschen Beruf gewählt hatte. Den Kadett nahm ich trotzdem, natürlich mit Preisnachlass, weil mich sein Schiebedach faszinierte, er verreckte auch erst nach über 1.000 Kilometern in den Vogesen, ich hätte ihm in seinem Alter keine hügeligen Regionen mehr zumuten dürfen.

Der moderne Mensch, besonders in seiner Eigenschaft als Konsument, ist auf die Lüge angewiesen. Die Wahrheit würde ihn völlig durcheinander bringen. „Das Jackett steht Ihnen ausgezeichnet, mein Herr!“ Danke, nichts anderes wollte ich hören, selbst angesichts des sackartigen Kleidungsstückes. Das Schnellgericht schmeckt so wie auf dem bunten Foto suggeriert, man muss es nur wollen. Ohne fortwährende Autosuggestionen funktioniert das Leben nicht, sie sind alltäglich, deshalb nennen wir sie Kompromisse – es geht schon morgens vorm Spiegel los, schon mit der ebenso hartnäckigen wie naiven Erwartung, dass man nach ein paar Händen voll Wasser im Gesicht besser aussehen würde. Bevor die Lüge in den Blickpunkt kommt, muss erst einmal der Selbstbetrug als lebenserhaltende Gewohnheitslüge von ihr abgesetzt werden.

Diese Art der Gewohnheitslüge ist nicht nur für das eigene Ich wichtig, sie hat auch im Umgang mit anderen Menschen einen großen Stellenwert – es gleicht einem Selbstmord-Kommando, seinen Mitmenschen ständig die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, das hat noch keiner dauerhaft geschafft. So werden die den sozialen Umgang stabilisierenden Kleinlügen insgesamt zu einem Phänomen, das zwischen Lüge und Wahrheit angesiedelt ist, in einer Zwischensphäre, die jedoch mehr als Wahrheit empfunden wird denn als Lüge. Das freundlich-verlogene Weglassen vollzieht sich reibungslos jeden Tag aufs Neue, es ist eine biologisch angelegte Verformungsroutine der Wirklichkeit, eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren der Gemeinschaft. Die Routine läuft unbewusst und automatisch ab, sie imaginiert Personen, sie schafft Bilder, von denen wir ahnen, dass sie nicht die Realität darstellen – wir wissen es nur nicht, wir kümmern uns nicht weiter darum, weil wir es nicht wissen wollen. Im Ergebnis leben wir in einer sekundären, doch keineswegs nachrangigen Bilderwelt, die auf unserer primären Bilderwelt aufbaut. Alle Leute im Alltag, vom Partner bis zum Postboten, sind zu einem Teil Phantasiewesen, so konkret sie auch auftreten, wir können ihnen niemals so begegnen wie wir es täten, wenn wir sie wahrheitsgemäß wahrnehmen würden.

Wir müssen uns unsere überschaubare Welt zurechtflunkern, es geht nichts anders. Das führt zu der Frage, ob wir solche Relativierungen auch auf die für uns weniger einsehbaren Bereiche übertragen. Selbstverständlich tun wir das, es ist eine unserer leichtesten Übungen – erst eine Distanz zu den schwerer zugänglichen und fremden Welten vermittelt uns die Sicherheit im eigenen Lebensumkreis. Zu vielfältige externe Probleme sind unbeliebt, weil die persönlichen schon groß genug sind. In diesen inneren Abstand schleicht sich oft unbemerkt die Lüge, und dann wird sie tückisch, weil sie den kritischen Blick auf die Wahrheit aus Verunsicherung heraus abwehrt. Für die meisten Menschen bewährt sich die Methode, lieber nicht näher hinzuschauen – wer immer darauf achtet, um alle scheinbaren Überforderungen gleich einen Bogen zu machen, der wird am ehesten ein glücklicher Mensch, auch wenn es ein teuer erkauftes Glück ist, das auf den tönernen Füßen der Ignoranz ruht. Wo ich nichts verstehe, da muss ich auch nicht lügen, nicht spekulieren und mich schon gar nicht für irgendetwas rechtfertigen – alles wichtige Gesichtspunkte bei der Lebensbewältigung. Das eigene, sich selbst souverän attestierte Unverständnis bietet gerade dann, wenn es im Grunde nur ein vermeintliches ist, dem Individuum entscheidende Rückzugsräume, als letzte Bastion gegen den Fluch einer Realität, die von Tag zu Tag unbegreifbarer wird. Dieser Schutzmechanismus hat sein Gutes, er hat allerdings auch eine dunkle Schattenseite: Man kann sich nicht end- und grenzenlos von allem anwenden, ohne letzten Endes ein teilnahmsloser Inselbewohner zu werden – womit man wieder bei der Lüge angekommen wäre.

Mit den komplexeren Lebensverhältnissen wird die Lüge immer mehr zu einem Wahrheitsersatz, sie wird gleichsam zu einer Droge, deren Substanz eine unheilvolle Mischung aus Pragmatismus und Utilitarismus ist: Die Lüge droht unabdingbar zu werden, die Gesellschaft braucht sie, wir brauchen sie, weil wir ohne sie einfach nicht mehr auskommen, weil uns ohne durchgehende Lebenslügen keine positive Selbsteinordnung mehr gelingt. Doch Durchschnittsmenschen sind keine Diktatoren, die über ihre brutalen Lebenslügen schulterzuckend hinweggehen, sie sogar noch böse belächeln, Durchnittsmenschen sind, entgegen ihrem Ruf, sehr empfindsame Wesen, die mit sich und mit ihren Lebensumständen im Reinen sein möchten, ob mit oder ohne Gott, Durchschnittsmenschen sind auch nicht die dumpfen Konsumentenmassen, als die sie gerne hingestellt und verachtet werden. Die Durchschnittsmenschen machen die Existenz des Menschen aus, kollektiv und überhaupt, sie stellen die Menschheit in ihrem Ganzen dar, sie verkörpern damit die über allem stehende Instanz – ausschlaggebend sind eben nicht die verlogenen Manipulateure, nicht die sendungsbewussten Verschlimmbesserer der Welt, nicht die Konditionierer des menschlichen Wesens und ganz sicher nicht die Anhänger von Elite-Ideen in Bezug auf die Menschen. Deshalb ist es entscheidend, dass die Lüge nicht unbemerkt institutionalisiert wird, der Durchschnittsmenschen darf nicht noch tiefer in ein Lügengewebe eingesponnen werden, man darf ihn nicht über Gleichschaltung und rücksichtslose Realitätsverdrehungen auch noch seiner Restautonomie berauben.

Was ist das für ein Bildungssystem, das nur noch Knechte hervorbringt, egal ob sehr intelligente oder weniger intelligente? Es ist eine sanktionierte Verunstaltung der Möglichkeiten, die in den meisten Menschen schlummern, und das sind tatsächlich großartige Möglichkeiten. Schon im Bildungssystem manifestiert sich eine gigantische Lüge, ein Missbrauch des Menschen. Letztlich aber ist es das Geld, das die Menschen bis ins Mark ruiniert, auch die Wissenschaften prostituieren sich, wofür: für Geld. Aus diesem stinkenden Sumpf sprießen die Lügen wie Lianen, wie Schlinggewächse, die alle und alles einschnüren wollen.

Ich komme noch einmal, was vielleicht der eine oder andere Leser erwartet hat, auf die Anschläge vom 11. September 2001 zurück: Allein das Geld ist für diese ungeheuerlichen Verbrechen verantwortlich, die Geldgier in der Mimikry von Machtansprüchen – nicht die jämmerlichen Figuren aus der US-Aministration, nicht der CIA inklusive all seiner Wucherungen, nicht eine Reihe von blind gehorsamen Patrioten mit der rechten Hand auf der linken Brust, und schon gar nicht ein flüchtig zusammengesuchter Haufen von arabischen Terroristen-Trotteln… nein, es war das Kapital, das diese Katastrophe ausgelöst hat. 9/11 ist mehr als eine Lüge, das macht dieses Datum fast epochal, 9/11 ist das bluttriefende Entree in eine sich perfektionierende Lügenwelt, in eine Welt außer Kontrolle, weil sie wenigen anonymen Menschen in die Hände gefallen ist, die sich wie Berserker an ihrer eigenen Spezies vergreifen – ich will diese Menschen nicht mit aller Macht bestraft sehen, sie sind mit dem, was sie bereits an Unheil angerichtet haben, bestraft genug, es geht darum, die Lügen zu beenden, den Einfluss bestialischer Machtzusammenrottungen energisch zurück zu drängen und damit auch die Übermacht des Kapitals.

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