Der Brahmane Aggika-Bhāradvāja hatte einmal ein Problem, er wusste nicht recht, wer gut und wer schlecht ist – da fügte es sich, dass gerade Siddhartha Gautama, besser bekannt als Buddha, bei ihm vorbeischaute, um wie gewöhnlich einen kleinen Imbiss zu erbitten. Buddha antwortete dem Brahmanen in Versen, die man zusammen als Savala-Sutta bezeichnet und die einen Teil des Sutta-Nipāta darstellen, einer umfangreichen Lehr-Dichtung aus den frühen Werken des Erleuchteten. Unter anderem verkündete ihm Buddha diese Weisheiten:

– Ob es Getier der Erde oder auch der Luft, wer Lebewesen hier verletzt, wer für Lebendiges kein Mitleid hat, ihn als Verworfenen kenne man. (117)
– Wer Dörfer, Städte einkreist, angreift und sie dann zerstört, berüchtigt ist als Landesplage, ihn als Verworfenen kenne man. (118)
– Nicht durch Geburt ist man Verworfener, nicht durch Geburt ist Priester man!
Durch seine Tat ist man Verworfener, durch seine Tat ist Priester man! (136/142)

Für Buddha war das Mitleid eine Tugend, die Verworfenheit eine Untugend durch Fehlverhalten im Leben – der Buddhismus kennt im Gegensatz zum Hinduismus keine Götter und kein Kastenwesen, der Erleuchtete lehnte also eine Schicksalszuweisung per Geburt ab, sein Menschenbild beruhte auf Ausgleich, ohne die Vorherbestimmung auszuschließen. Eine ähnliche Auffassung vom Mitleid als soziales Movens findet sich auch im Christentum, sie hielt sich sogar während der langen und dunklen Phase des Mittelalters, mit der Inquisition und den diktatorischen Anforderungen an die Glaubensreinheit.

In den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung bildeten sich zwei Mitleidsbegriffe nebeneinander aus, die Misericordia und die Compassio – ein berühmter Religionsgelehrter des frühen Mittelalters war Augustinus von Hippo (354-430), er beschrieb in seiner Abhandlung „De civitate Dei“ eine modern anmutende Vorstellung vom Mitleid, Zitat:

– „Was aber ist Mitleid anderes als das Mitempfinden fremden Elends in unserem Herzen, durch das wir jedenfalls angetrieben werden zu helfen, soweit wir können?“

Während das Mitleid als Compassio mehr auf die Leidensgeschichte Christi abhob, kam in dem Begriff Misericordia der Anspruch auf das konstruktive Mitleid zum Ausdruck, das heißt auf die Notwendigkeit, praktisch zu helfen und menschliches Leid zu mildern. Es ist aber nicht so, dass sich im Laufe der folgenden Jahrhundete ein stabiler karitativer Konsens in der Gesellschaft etablieren konnte – das tätige Mitleid führte als vage christliche Barmherzigkeit weiterhin ein Schattendasein, zumeist in Form kirchlicher Armenhäuser, und selbst dieses Schattendasein wurde – man sollte es nicht erwarten – ausgerechnet im Zuge der Aufklärung von manchen Philosophen in Frage gestellt.

Zu dieser Sorte Philosophen gehörte jedoch nicht Arthur Schopenhauer (1788-1860), der sich des Mitleids als Phänomen in besonderer Weise annahm, ein heute leider viel zu wenig beachteter Denker, für mich einer der bedeutendsten Philosophen der Aufklärung. Er schuf nicht nur eine Mitleidsethik, er rückte den suchenden Menschen mit seinem Schicksal in den Mittelpunkt, er war Idealist und tiefer Pessimist zugleich. Für Schopenhauer wurde die Welt zu einer gegebenen Existenzsphäre, die er zumindest potentiell nach seinen Vorstellungen gestalten kann – die „Welt als Wille“ – der „Primat des Willens“ als Grundprinzip des Lebens. Hier ein weiteres Zitat:

– „Die Welt ist meine Vorstellung. Was uns als Welt erscheint, ist nur für uns, nicht an sich.“

Eine Welt nur für uns… wie wunderbar formuliert, wie menschengerecht, wie zeitgemäß, wie dringlich, wie richtungweisend auch für die desolate Gegenwart. Der heute fast durchgehend verspottete Gutmensch war Schopenhauers visionärer Mensch, der seinem grundlegenden Wesen am nahesten kommt – im Gutmenschen, der Schopenhauer als Wort nicht geläufig war, zeigte sich für ihn der natürliche Mensch, nicht im blanken Egoisten, nicht im Verächter seiner eigenen Spezies, nicht im Barbaren, nicht im Zerstörer und im blinden Kriegstreiber. Schopenhauer orientierte sich auch am Buddhismus und am Sanskrit, er war weise, vielen galt er als Philanthrop, seine Schriften bilden einen beeindruckenden Fundus an Weisheiten und wirken teilweise wie eine Sammlung von Aphorismen, hier einige Beispiele im Zitat:

– „Empirisch betrachtet stellt sich das Mitleid dar als das wirksamste Mittel zur Linderung der menschlichen Leiden und zugleich als das Gegengewicht des Egoismus.“
– „Das Mitleid ist die alleinige echte moralische Triebfeder.“
– „Die Erklärung für das Phänomen des Mitleids ist auf psychologischem Wege nicht zu erreichen, sondern kann nur metaphysisch ausfallen.“
– „Grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für sittliches Wohlverhalten.“
– „Das Mitleid ist das ethische Urphänomen.“

Mitleid das ethische Urphänomen – diese fundamentale Erkenntnis sollte man der sogenannten modernen Zivilisation ins Stammbuch schreiben. Und man sollte nicht den Hinweis vergessen, dass Mitleid kein bloßes Sentiment ist, dass tätige Solidarität auch bei sieben Milliarden Mitmenschen Priorität haben muss, unabhängig von der schwierigsten Aufgabe der Zukunft, nämlich den globalen Bevölkerungsüberhang allmählich und in einer für alle möglichst erträglichen Form wieder abzubauen. Trotz seines Pessimismus ähnelte Arthur Schopenhauers Denken in vielen Aspekten dem Denken von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Schopenhauer wurde erst zehn Jahre nach Rousseaus Tod geboren, er lebte in einem späteren Stadium der Aufklärung.

Als Schopenhauer 56 Jahre alt war, wurde Friedrich Nietzsche (1844-1900) geboren, einer der schillerndsten deutschen Philosophen überhaupt. Anfangs konnte sich Nietzsche für Schopenhauers Schriften begeistern, unter anderem weil er auch ein Pessimist war – im Laufe seiner geistigen Ent- bzw. Verwicklung wendete er sich dann zunehmend gegen Schopenhauer, er wurde gleichsam zu einem Menschenhasser, der einen wahnwitzigen „Übermenschen“ erkor und sich damit zu einem Wegbereiter des Faschismus im 20. Jahrhundert machte. Friedrich Nietzsche polarisiert bis heute, an seinem Werk erhitzen sich immer noch die Gemüter – er war außerordentlich intelligent, er dachte sehr phantasievoll und ausgreifend – trotzdem konnte ich mich nie mit ihm anfreunden, weil das ungeheuerliche Ausmaß seiner Menschenverachtung alles Positive und möglicherweise auch Geniale in seinem Werk diskreditiert.

Für Nietzsche war Mitleid Schwäche, eine verdammenswerte Ausbildung menschlicher Erbärmlichkeit ohne jeden Anspruch auf Erbarmen, ein anthropologischer Grunddefekt, eine jämmerliche Eigenschaft – er bezeichnete das Christentum abwertend als „die Religion des Mitleids“, nicht umsonst trägt sein zentrales Spätwerk den Titel „Der Antichrist“. In diesen weitschweifigen und teilweise faseligen Betrachtungen zieht Nietzsche gnadenlos über fast alles her, was man mit einem humanen Miteinander verbindet: über den Glauben, über die Gottesfürchtigkeit, über das Gute, über die Liebe, über die Güte, über die Barmherzigkeit, über die Zivilisation und generell über die Werte der Aufklärung. Zu Schopenhauer schreibt er im Antichrist, Zitat:

„Schopenhauer war lebensfeindlich: deshalb wurde ihm das Mitleid zur Tugend…“

Hier einige weitere Zitate aus dem Antichrist:

– „Die Schwachen und Mißrathnen sollen zu Grunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.
– „Was ist schädlicher, als irgend ein Laster? – Das Mitleiden der That mit allen Mißrathnen und Schwachen – das Christenthum…“
– „Durch das Mitleid wird das Leben verneint, verneinungswürdiger gemacht, – Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus.“

Ich nenne diese Aussagen Nietzsches unumwunden pervers, es sind Dokumente eines kranken Individuums, Zeugnisse eines Verwirrten – dieser Zustand musste bei ihm schon lange vor seinem Verfall in die geistige Umnachtung vorgelegen haben, damit auch lange vor dem Jahr 1889, als er in Turin ein Pferd umarmte und sogenannte „Wahnsinnsbriefe“ an Bekannte geschickt hatte, von denen er einen mit „Der Gekreuzigte“ unterzeichnete. Allerdings… in Deutschland umgibt ihn nach wie vor die merkwürdige Aura eines philosophischen Überfliegers, er bleibt präsent in der Fama eines Genies. Friedrich Nietzsche ist der teutonische Ja-aber-Philosoph, Kritik an ihm wird zumeist prompt relativiert, wobei argumentative Verrenkungen kaum eine Rolle spielen. Für mich erhärtet sich der Verdacht, dass die Gründe für die hartnäckige Affinität auch im deutschen Wesen zu finden sind.

Mitleid hat keine Konjunktur – ihm ist in der öffentlichen Wahrnehmung nur ein nachrangiger Stellenwert beschieden. Ungleich populärer sind das Durchsetzungsvermögen und das forsch zielgerichtete Handeln. Man könnte meinen, dass eine Art von netter, fast aufgeräumter Rücksichtslosigkeit Mode geworden ist, das freundliche Schulterklopfen, kurz bevor einem ein Bein gestellt wird. Nur in der Familie, sofern vorhanden, wird das Mitleid noch handfest praktiziert, ansonsten wird es den Menschen gern im Fernsehen tränengerecht serviert, wenn etwa in der Tiefe eingeschlossene Bergleute gerettet werden oder wenn die Krankenkasse nach Protesten schließlich doch den neuen Elektro-Rollstuhl für den verarmten Greis bezahlt. Anrührung zeichnet sich heute dadurch aus, dass sie gleichzeitig intensiv und flüchtig erlebt wird, die Kombination macht es – es sind regelmäßige Dosen persönlicher Anteilnahme, die löffelweise verabreicht werden, die man schlucken muss, die man gleichsam konsumieren muss. Das soll uns helfen, das soll uns Gelassenheit vermitteln und konstruktive Indolenz. Deshalb hat auch das Mitleiden etwas Geplantes, man inszeniert es immer wieder in ausgesuchten Kurzbelichtungen des Weltgeschehens. Grausamkeiten werden so auf merkwürdige Weise „verartigt“, die gefühlsmäßige Spontanabwehr wird überwunden, indem das mannigfaltige Angesicht des Schrecklichen als zwar eruptiv-abstoßend, aber als eine alltägliche Erfahrung auftritt, die schnell verweht und mit der man sich deshalb arrangieren kann. Es ist ein Kunstgriff der Medien, ein routinierter Zugriff auf die menschliche Psyche – das Nacherleben wird vor einer knallbunten, oft bluttriefenden Peripherie möglich gemacht, es wird veranstaltet, um den modernen Menschen für die Aussichtslosigkeit zu konditionieren.

Doch wäre die Behauptung, unsere Gesellschaft sei schon mitleidlos, tatsächlich falsch, denn der soziale Ausgleich funktioniert noch einigermaßen. Es gibt ein institutionalisiertes, ein delegiertes Mitleid, eine verwaltete Verantwortlichkeit, ein auf typisch deutsche Art differenziert umgesetztes Mitleid, nämlich die staatliche Fürsorge – niemand hungert, alle kommen noch irgendwie zurecht, wenigstens die gelben Engel stehen nach wie vor parat, und der Rettungshubschrauber fliegt ohne Zuzahlung sofort los. Trotzdem täuscht der pauschale Blick, die Gesellschaft wird in ihrer Substanz mitleidsloser, nicht nur nach außen hin gegenüber anderen Ländern, sondern auch innerhalb ihres Gefüges, Hauptgründe: die Vereinzelung des Menschen, seine zunehmende soziale Entwurzelung und seine Herabwürdigung in der Arbeitswelt, seine gefühlte Entwertung, die ihn sukzessive seiner Zuversicht beraubt, die ihn nicht selten über seine Existenz verzweifeln lässt, obwohl sie materiell gar nicht akut gefährdet erscheint. Es ist die Multiplikation von Ohnmachtgefühlen, die sich des Lebensgefühls bemächtigen will, es ist die Ahnung, dass der systematisierte und induzierte Emphatieverlust auch das Zentrum der eigenen Persönlichkeit unerbittlich angreift.

Erschwerend hinzu kommt die Reichweitenverschiebung der Empathie-Objekte – das Verhältnis hat sich auf groteske Art fast umgekehrt: Das Mitleid für Schicksale und schlimme Geschehnisse in der Nähe wird unterdrückt, weil es allzu schnell verbindlichen Charakter annehmen könnte, man baut lieber Distanz zum Naheliegenden auf, um nicht von ihm in Anspruch genommen zu werden. Im Grunde manifestiert sich darin ein asoziales Verhalten. Spenden und Kinderpatenschaften sind nicht per se ein persönlicher Ablasshandel, sie können durchaus von Herzen kommen – problematischer erscheint mir die unbewusste kompensatorische Funktion, die zu wirken beginnt, wenn das Individuum unablässig mit einer unheilen Welt konfrontiert wird. Es kommt zu einer inneren Abkehr vom Mitleid, zu einem Schulterzucken, das insofern abwegig ist als es sich regelmäßig auf sowieso weit entfernte Geschehnisse bezieht – die Menschen sind ständig damit beschäftigt, mit fürchterlichen Anblicken und mit auf sie übertragenen Ängsten umzugehen, die sie überhaupt nicht betreffen. Jeder Versuch, selbst zu helfen oder einzugreifen, erweist sich dabei von vornherein als illusorisch, das natürliche Bedürfnis, sich zu engagieren, läuft immer wieder ins Leere und muss sich in der Konsequenz darauf beschränken, einen Geldbetrag an irgendeine Organisation zu überweisen.

Das tätige Mitleid eines einzelnen stößt heute sehr schnell auf unüberbrückbare Hürden, weil es bewusst kontingentiert in Erscheinung tritt – man kann zwar für die Opfer einer Naturkatastrophe spenden, aber nicht gegen Ungerechtigkeit, nicht gegen Kriege und provoziertes Elend. Wenn sich aktives Mitleid mit Forderungen nach Korrekturen verbindet, wenn sich im Engagement vieler einzelner Menschen der Wille nach Veränderung zu deutlich konkretisiert, dann wird Mitleid plötzlich zu Renitenz umgewidmet, sogar zu Defätismus, dann wird es gänzlich unerwünscht, dann werden die Mitleidenden mit allen Mitteln kompromittiert, zumeist als gefährliche Spinner, Gutmenschen oder realitätsferne Eskapisten. Die Masche ist zwar bekannt, doch sie funktioniert noch nahezu reibungslos. Eine der vornehmsten Eigenschaften des Menschen, die natürliche Bereitschaft, sich mit Leidenden zu solidarisieren, wird hintertrieben, sie wird verunglimpft und ins Lächerliche gezogen.

Aus diesen Gründen ist es notwendig, das Mitleid zu rehabilitieren. Die Sorge um das Ergehen aller Menschen, die Idee der Fürsorge für alle muss zu einer gesellschaftlichen Maxime werden, zu einer ethischen Grundposition, die selbstverständlich immer stark idealistische Züge tragen wird, die aber ein verbindliches Leitbild darstellt, das nicht in unerreichbaren Sphären schwebt. Einsatz für Benachteiligte ist Ausdruck von enormer Stärke, die wahren Helden sind die, die ihre Nächstenliebe in die Tat umsetzen, man muss ihnen endlich umfassend Gelegenheit dazu geben, man darf sie nicht länger mit Placebos abspeisen, man darf sie nicht verachten, sondern soll sie gesellschaftlich hochachten. Die wirklichen Eliten sind diejenigen, für die das Wohl der Menschen vorgeht. Wer, so wie es Nietzsche tat, das Mitleid als Schwäche verkennt, der ist selber unsäglich schwach, der ist im Grunde ein Totalversager, auch wenn er in seinem Leben noch so viel Erfolg haben mag.

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