Manchmal hege ich den Verdacht gegenüber mir selbst, dass ich mich aus abwegigen Gründen immer wieder mit 9/11 beschäftige: Habe ich denn nichts Besseres zu tun? Sollte ich mich nicht um naheliegendere Dinge kümmern? Bin ich einem skurrilen Aufdeckungswahn verfallen, der fast kindliche Züge trägt? Mache ich mich verrückt mit Sachen, die mich nichts angehen und die ich sowieso nicht ändern kann? Das sind Fragen, die man nicht einfach abtun darf. Ich tue sie nicht ab und komme trotzdem zu dem Schluss, dass die Selbstzweifel in diesem Fall unangebracht sind. Ich bin mir sicher, dass es auch für mich wichtig ist, die Hintergründe der Anschläge gründlich, das heißt für mein eigenes Bewusstsein restlos aufzuklären, warum? Weil 9/11 den Gang der Welt stark beeinflusst und beeinflussen wird – wenn nicht sogar entscheidend.

Es gibt da aber einen durchaus problematischen Automatismus: Mit 9/11 wird man zwangsweise zur „Neuen Weltordnung“ geführt, zu einem Schlagwort, das überstrapaziert wirkt – doch wer die Anschläge allein mit seinen eigenen beschränkten Mitteln untersucht, der erkennt bald, dass die wahren Motive der Anschläge möglicherweise auch in diffusen Vorstellungen und Konzeptionen von einer neu gelenkten Welt zu suchen sein könnten. Der Blick ins Internet hierzu eröffnet einem ein „Verschwörungsuniversum“, ein Sammelsurium von Hypothesen, Theorien, Spekulationen und teils wahnwitzigen Geheimnissen, die zum Wohl der Menschheit dringend gelüftet werden müssen, angeblich. Es ist schwierig, den Unsinn von den seriösen Schlussfolgerungen zu trennen – mir wird bewusst, dass selbst bei aller Vorsicht auch ich Gefahr laufe, mich von faszinierenden Ausmalungen einer Welt voller anonymer Bösewichter und Fieslinge mitreißen zu lassen, also aufpassen.

Ich werde hier nicht tiefer in diese famose Geheimwelt eintauchen – wer sich dafür interessiert, dem steht das Netz zur Verfügung, dort findet er vieles: die Illuminaten, die Freimaurer-Logen, Scull & Bones, Bohemian Club, Phi Beta Kappa, Pax americana, die FED-Privatisierung oder, wer möchte, die FED-Verschwörung seit 1913 (FED: „Federal Reserve Bank“, amerikanische Zentralbank), die berühmt-berüchtigten „Bilderberger“, eher transatlantisch orientiert, dann das „CFR“ („Council on Foreign Relations“), dann die „Trilaterale Kommission“ (ein bedeutender Ableger der Bilderberger-Gruppe, gegründet von David Rockefeller im Jahr 1973), dann das Konzept „RAD“ („Rebuilding America’s Defenses“), dann „PNAC“ („Project for the New American Century“ – „Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert“), und schließlich wären da auch noch die eher peinlichen „Georgia-Guidestones“ irgendwo auf einer amerikanischen Wiese, einige im Stil von Stonehenge zusammengestellte Felsquader mit gleich mehrsprachig eingemeißeltem Offenbarungsgesülze, so weit ich weiß, aber nicht auf Deutsch, ein erfreulicher Umstand. Außerdem existieren Theorien wie die „Chemtrails“ (Wetterbeeinflussung durch chemische Stoffe) und „HAARP“ („High Frequency Active Auroral Research Program“ – Beeinflussung des Wettergeschehens durch Aussenden von Hochfrequenzen) und so weiter. Wie man sieht, ist es nicht einfach, sich einen Überblick zu verschaffen.

Scheinbar sind es immer dieselben Apologeten, die von geheimen neuen Weltordnungen umgetrieben werden – ich wähle bewusst nicht den Begriff Verschwörungstheoretiker, weil ernst zu nehmende Persönlichkeiten und Wissenschaftler darunter sind, wie etwa Jürgen Elsässer, Andreas von Bülow oder der zwar ausgeprägt redselige, aber intellektuell ebenso präzise Ken Jebsen. Dahinter schließen sich, jedenfalls nach meinen Eindrücken, eine Reihe von „Forschern“ an, bei denen ein gewisser Seriositätsschwund zu verzeichnen ist, oder anders ausgedrückt, ihre Interpretationen des Weltgeschehens werden mir tendenziell zu abenteuerlich, genannt seien Andreas Popp, Dirk Müller, Alexander Benesch und Andreas von Rétyi – sie spekulieren teilweise zu leichtfertig, zu düster, zu routiniert und zu professionell, man merkt irgendwie, dass sie mit dem Metier ihr Geld verdienen. Auch in den USA sind natürlich eine ganze Menge solcher selbsternannter „Neue-Weltordnung-Spezialisten“ aktiv, doch das ist eine andere Baustelle.

Was kann man realistisch konstatieren? Eine Art von Verschwörung liegt vor. Sie findet tatsächlich statt, das ist kein Märchen. Und die Verschwörung formt sich konkreter aus – die Betreiber der geheimen globalen Neuausrichtung beginnen gegenwärtig, sich entschlossener an dem roten Faden entlang zu hangeln, der ihnen vorher noch fehlte, der noch nicht richtig greifbar war. Roter Faden heißt: weltweite Übernahme der ökonomischen und finanziellen Macht nun auch mit Hilfe digitaler Kontrolle möglichst aller Individuen, also NSA exponentiell und weltumfassend. Wir befinden uns in einem Übergangsprozess von abnehmender politischer Kontrolle hin zu einer von Banken überwachten Weltwirtschaft als Ersatz für politische Willensbildungssysteme.

Das angelsächsische Konzept der sukzessiven Globalisierung unter einem rigiden Finanzsystem scheint sich erfolgreich durchzusetzen. Und die Annahme, dass es so ist, wäre auch mit einem okkulten messianistischen Hintergrund zu vereinbaren, der immer wieder gerne unterstellt wird – entsprechende Angebote gibt es reichlich: die Thora, die Bibel, der Kabbalismus, religiöse Erweckungslehren, düstere Prophetien, die verschiedenen Ausformungen des frömmelnden US-Primitivismus, bemerkenswert häufig vermischt mit manichäischen Motiven, Endzeit, oder besser die Endzeit, die bereits angebrochen ist, also das bevorstehende Armageddon, die Erlösung, der Erlöser – zusammengenommen die pseudoreligiöse Spökenkiekerei im unüberschaubaren Sektenwesen. Aber taugt eine Variante solcher Spinnereien wirklich dazu, auf ihr eine neue Weltordnung zu begründen? Nein, sicher nicht. Es mag zwar religiös mitbestimmende Faktoren geben, doch was sich aus meiner Perspektive an handfesten Versuchen herausschält, eine neue Weltordnung zu konturieren, ist psychologisch erklärbar. In diesen Versuchen spiegelt sich nicht mehr wieder als der notorisch sinnlose Machtanspruch von Eliten, so wie er sich historisch schon tausend Mal vollzog – es gibt nichts Neues unter der Sonne, nur ist die Erde für die Menschen kleiner geworden, so klein, dass sie sich nun zum ersten Mal in der Geschichte dem Zugriff einer zu allem entschlossenen Minderheit anbietet.

Aber was ist so schlimm an der neuen Weltordnung? Das müsste geklärt werden. Ich habe in einem anderen Aufsatz hier im Blog („Kontrolliertes Leben außer Kontrolle“) über die Notwendigkeit von mehr globaler Kontrolle geschrieben – allerdings dezidiert nicht von Kontrolle im Sinne einer ständigen Ausspähung von allen und allem. Die Erde braucht funktionierende Beschränkungen, sie braucht verbindliche Strukturen und Rahmen des Zusammenlebens, und sie braucht eine weise Leitung, die ihre zukünftige Existenz mit einem Minimum an notwendiger Beeinflussung grundlegend stabilisiert. Das muss so einfach kommen, es lässt sich nicht vermeiden, es wäre verantwortungslos, unumgängliche steuernde Eingriffe in das Weltgeschehen pauschal als diktatorisch zu diffamieren. Es kommt entscheidend darauf an, ein differenziertes und ein menschengerechtes Konzept für die neue Weltordnung vorzulegen, am besten könnte dieser vorläufige Master-Plan über eine offene globale Diskussion der nötigen Maßnahmen erarbeitet werden, denn er soll allen Menschen dienen.

Was die Erde jedoch definitiv nicht braucht, ist die Verwirklichung der orwell’schen Dystopie – und hier sehe ich sehr große Gefahren. Nicht nur in der westlichen Hemisphäre, sondern nahezu überall auf der Erde verschwimmen Politik, Wirtschaft und Kapital, sie verschwimmen zu einer unheimlichen Grauzone, diese Grauzone liegt wie dunkler Schatten auf der Gegenwart. Nur sehr wenige Personen kennen die Instanzen, bei denen die wirklich wichtigen, die epochalen Entscheidungen gefällt werden. Die Massen der Menschen haben nicht mehr den geringsten Einfluss auf ihr Geschick, sie haben keine Möglichkeiten mehr, ihre kollektive Existenz konstruktiv nach ihren Vorstellungen mit zu gestalten, sie stehen heute schon unter der Kuratel anonymer Mächte, sie sind fremdbestimmt, sie haben bereits zu Lebzeiten ihr Leben verloren. Eine neue Weltordnung, die solche Verhältnisse billigend antizipiert, wäre eine abgrundtief schlechte Weltordnung. Auch wenn ich mich wiederholen mag: Die Übermacht des Kapitals und die Übermacht der Wirtschaftswelt müssen gebrochen werden, die Befugnisse und die Handlungsspielräume für die beiden Bereiche sind auf ein vernünftiges, für die Menschheit vertretbares Maß zu reduzieren – das kann man ohne Kriege erreichen, wenn die Politik aus ihrer Ohnmacht erwacht, wenn sie sich aus ihren alles erstickenden Abhängigkeiten befreit, wenn sie wieder freier atmen und denken kann. Sonst kommen wir in Teufels Küche, in die Hexenküche der Teufel, die 9/11 zusammengebraut haben.

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