– die zweite kleine Schach-Story

Der weiße Königsturm Tarraschor hat schon unter drei Herrschern gedient. Man fürchtet ihn, selbst der amtierende König Morphy IV beweist vor seinem rechten Turm einen Respekt, den nicht wenige Schachaner als Autoritätsverlust empfinden, und das bedeutet Gefahr. Tarraschor blickt mit kaum verhohlenem Missmut auf die Delegation von halben Greisen, die nun sogar bis zu ihm vordringen konnte, um ein Mindestalter von 40 Jahren für den König festzusetzen, ein perfider Versuch, der schon ein Mal fehlgeschlagen ist. Diese Frechlinge, diese vertatterten Kreaturen, was bilden sie sich ein? Dass sie die schachische Republik in ihren Grundfesten erschüttern können? Ein unglaublicher Affront, er wird sie zurechtweisen.

„Verehrter Capablancor II, ich kenne die Beweggründe für dein Anliegen, sie alle überzeugen mich nicht – im Gegenteil, ich erkenne vor allem staatsfeindliche Machenschaften. Dieser Staat ist Schach, Schach ist dieser Staat, Schach ist alles. Das wird immer so bleiben, auf ewig. Keine Macht der Welt kann daran etwas ändern. An der Spitze dieses großartigen Staatsgefüges steht immer der beste Schachspieler, so hat es die Göttin Caissa bestimmt. Und jetzt höre mir genau zu, Capablancor II: Wenn das zunehmende Lebensalter die schachlichen Fähigkeiten schwinden lässt, dann hat auch das Caissa in ihrer unendlichen göttlichen Weisheit so beschlossen, dann haben wir Menschen es so zu akzeptieren, hast du das verstanden? Nimm dich in Acht, noch habe ich unserer Hoheit, König Morphy IV, nicht vorgeschlagen, deinen Fall dem Gremium für Schach-Moral vorzulegen – ich habe es bisher unterlassen, weil ich nicht mit deinem Leben spielen will. Das solltest du mir hoch anrechnen. Doch was machst du? Du wagst es, mich mit geradezu unglaublichen Vorschlägen weiter zu provozieren. Hinaus – alle raus, sofort!“

Der weiße Damenturm Rubin Steinor wirkt sanft, fast unscheinbar – das täuscht, er ist der eiskalte Vollstrecker des Königs, vor zwei Wochen hat er sechs Computerschach-Terroristen öffentlich hinrichten lassen, sechs von neun lange gesuchten Terroristen. Die drei Haupttäter werden als Attraktion zu Beginn des Großen Turnieres sterben, bei dem sich König Morphy IV gegen einen erst fünfzehnjährigen Herausforderer durchsetzen muss.

„Tarraschor, du bist zu weich,“ beschwert sich Rubin Steinor leise. „Warum lässt du diesen alten Quälgeist mitsamt seiner Mischpoke nicht einfach über die Klinge springen? Eine Unterschrift, und die Untersuchung wird unausweichlich eingeleitet – auf unsere Schach-Agenten mit ihren Drohnen ist Verlass, niemand wird Capablancor II je wiedersehen.“
„Und du bist zu brutal, Rubin, du bist ein Transgender, dessen Rüschenkleider von Blut getränkt sind, ein weißer Schwan mit pinkfarbenen Fallbeilen als Flügel – wir haben schließlich Gesetze, die unser zivilisatorisches Niveau aufrechterhalten.“
„Pah – du bist nicht nur zu weich, du bist auch ein zu gutmütiger Schwätzer. Was sind schon Gesetze, jede Bananenrepublik hat Gesetze, wie albern überhaupt. Schach ist unser Gesetz, und dieses Gesetz ist uns heilig. Oder siehst du das anders, Tarraschor?“

Bei Rubin Steinor ist Vorsicht geboten, er hat das Ohr des Königs, und niemand kann ahnen, was er dem wankelmütigen Staatsoberhaupt einflüstert.
„Du hast ja Recht,“ lenkt Tarraschor widerwillig ein, „aber denke auch an die Verhältnismäßigkeit, man darf nicht zu leichtfertig an die Grenzen gehen. Der neue Königsanwärter hat bereits einen Adelstitel beantragt – den kann ich bei einer Elo-Zahl von 3.750 schlecht ablehnen.“
„Warum auch? Er wird in neun Tagen 15 Jahre alt, dann kann er in den Adelsstand eintreten, das ist doch Gesetz, nicht wahr?“
Tarraschor bleibt kritisch. „Vieleicht bekommen wir einen fünfzehnjährigen König, willst du das? So einen jungen König hatte die schachische Republik noch nie.“
„Na und?“ Rubin Steinor macht eine wegwerfende Handbewegung. „Wozu gibt es uns, die Türme, besonders die weißen? Wir haben zusammen mit der Dame die eigentliche Macht, der König ist ein genialer Schachspieler – diese Eigenschaft erhöht ihn zwar zum König, doch sie sagt wenig über seine sonstigen Fähigkeiten aus, das nur unter uns – wir beide wissen, dass seine Majestät Morphy IV im Grunde ein Trottel ist.“
„Das ist Majestätsbeleidigung!“, entfährt es Tarraschor.
„Sag ich doch, reg dich bloß nicht auf. Welchen Adelsstitel hat denn der Jüngling für sich ausgewählt, etwa wieder Fischor?“
„Natürlich, der Name Fischor genießt nach wie vor einen unvergleichlichen Rang, er wird Bob Fischor XI heißen, und wenn er Morphy IV besiegt, dann wird er der neue König Fischer III.“
„Das klingt gut.“ Rubin Steinor lacht. „Denn Morphy hört sich ein bisschen nach Drogen an.“

Ganz Schachanien hat dem Großereignis entgegengefiebert, die Eintrittskarten für das Stadion sind seit Monaten ausverkauft, mehrere Schwarzmarkthändler wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt, die Eröffnungswetten laufen auf Hochtouren, die schlechtesten Quoten hat erwartungsgemäß die Caro-Kann-Eröffnung mit dem Panow-Angriff, weil König Morphy IV dafür als Spezialist gilt und weil der nachziehende Herausforderer sich schon vor dem eigentlichen Kampf dadurch auszeichnen kann, dem König ehrenvoll diese Eröffnung als Möglichkeit anzubieten – doch nicht alle ambitionierten Anwärter auf den Thron erweisen dem Herrscher diese Ehre, einfach deshalb nicht, weil sie gewinnen wollen. Morphy IV wurde mit 24 Jahren König, indem er König Aljechin I mit dessen favorisierter Ruy-Lopez-Eröffnung in Grund und Boden spielte… noch heute wird diese Partei auf Hochzeitsfeiern vor den begeisterten Gästen nachgespielt.

Die drei Hinrichtungen sind schon vorbei. Unter dem Gejohle der Zuschauer wurden den drei Schach-Terroristen mit dem mächtigen Königsschwert die Köpfe abgeschlagen, traditionell auf dem Feld e4, danach wurde die Köpfe auf goldenen Schachbrettern dem König entgegengebracht und zur Begutachtung dargeboten. Aber der König hatte kaum einen Blick dafür, weil er sich auf den kommenden entscheidenden Kampf konzentrieren musste. Morphy IV geht nicht davon aus, dass dieser milchgesichtige Emporkömmling ihm Caro-Kann anbieten wird. Die junge Leute sind zunehmend Kleingeister, sie haben keine Lebensart mehr, sie hecheln nach dem Erfolg wie Hunde nach der Wurst. Innerlich hat er sogar schon Nimzo-Indisch oder Grünfeld in Erwägung gezogen, aber er ist sich nicht sicher, obwohl er sich heimlich darauf vorbereitet hat… es wäre zu schön, diesen jungen Kerl mit einer seiner eigenen Mode-Eröffnungen unerbittlich in die Knie zwingen. Es wird Zeit, sich auf die 30 Meter hohe Empore zu begeben, von wo aus die Spieler ihre Züge bekanntgeben. Die zwei Emporen liegen sich gegenüber, sie sind gegen jede Art von Strahlung abgeschirmt, und die Ziehenden werden jeweils von zwei unbestechlichen Sicherheitsbeamten aus dem Schach-Adel mit Argusaugen bewacht.

Jedes der 64 Schachfelder ist 12 mal 12 Meter groß, die Figuren sind große hohle Metallkörper, mehrere Meter hoch, schwarz und weiß lackiert. Immer wenn der nächste Zug erfolgt, kommt es wieder zu dem Spektakel, das die Zuschauer in Begeisterungsstürme ausbrechen lässt: Ein Hubschrauber kommt angeflogen, nimmt die Figur an den Haken und transportiert sie zum Zielfeld – besonders aufregend ist natürlich das Schlagen, weil dann gleich zwei Hubschrauber zu Werke gehen. In diesem Moment wird das Spiel um die neue Königswürde freigegeben, die Spannung der 60.000 Menschen ist mit Händen zu greifen. König Morphy IV hat noch einmal nachgedacht, er hat einen Entschluss gefasst und den Bauern unter lautem Geknatter doch auf e4 ziehen lassen. Nun warten alle auf den ersten Zug von Schwarz. Da kommt der Hubschrauber, er kreist noch, er korrigiert, er macht noch kleine Seitenschwünge, dann wird es endlich klar: Er geht eindeutig über dem Feld c7 in Position. Ein erstauntes Raunen geht durch die Menge, der Herausforderer zeigt gleich zu Anfang sein Format – wenn, dann will er ein König werden, der der schachischen Republik würdig ist, er wird nicht den Weg des geringsten Widerstandes wählen.

König Morphy IV registriert den Zug von c7 nach c6 wie versteinert. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit – zu seinem Schrecken bemerkt er, dass die Caro-Kann Eröffnung fast wie wegsackt ist, er kann sie vor seinem geistigen Auge nicht mehr richtig hervorbringen, die Stellungen erscheinen ihm nur nebulös, nicht exakt genug, um mit ihnen genau kalkulieren zu können. Zwar kann er seine Panik beherrschen, er bringt auch noch die logischen Routinezüge in der Eröffnung zustande, doch er fühlt, dass er er nicht mehr konstruktiv genug denken kann, er fühlt sich plötzlich nicht mehr zu Hause in seinem geliebten Caro-Kann-System, das ihn sein Leben lang begleitet hat. Dann kommt der zwölfte Zug, er wird ihn nie vergessen. Er wollte doch den Springer ziehen, er musste doch den Springer ziehen, es war doch in dieser Stellung der einzig logische Zug, jeder mittelmäßige Spieler hätte so gezogen… aber König Morphy IV sitzt wie erstarrt auf der hohen Empore, ganz oben auf diesem hohen Kran, der leicht im Wind schaukelt, höchst kritisch beobachtet von den beiden Wächtern. Die Spannung steigt, die Zuschauer warten und warten, jeder der beiden Spieler hat nur eine halbe Stunde Bedenkzeit, wobei Flugzeit keine Bedenkzeit ist, aber er muss jetzt ziehen, er nähert sich dem Mikrofon, dann drückt er auf den Knopf und sagt seinen Zug an, einen Bauernzug. Der Hubschrauber hat sich in Bewegung gesetzt, er sinkt nicht über dem Springer herab, aus der Menge ertönt erstes Kreischen, das Kreischen nimmt zu, der König hört aus der Tiefe derbe Schreie. Irgendetwas scheint sich auf den Piloten zu übertragen, eine Hemmung, eine Furcht, ein Grauen, der Hubschrauber fängt in der Luft an zu taumeln, der Pilot hat die Kontrolle verloren, der Hubschrauber stürzt ab, die Explosion ist gewaltig. König Morphy IV muss sich festhalten, er nimmt teilnahmslos zur Kenntnis, dass der Kran nicht mehr leicht im Wind schaukelt, sondern nun bedrohlich hin und her schwankt – er wünscht sich in diesem Moment, dass der Kran umfällt.

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