Ein Zusammenbruch muss nicht so spektakulär aussehen wie der des World Trade Centers in New York am 11. September 2001, ein Zusammenbruch kann auch schleichend erfolgen. Was waren das für Vorsätze vor 17 Jahren, als das berühmte Kyoto-Protokoll beschlossen wurde, als zum ersten Mal in der Geschichte eine Welt-Solidarität spürbar wurde, als endlich ein Gemeinschaftssinn aufzukommen schien, sogar ein überraschender Optimismus, die Zukunftsbedrohungen doch noch abzuwenden: Wir stabilisieren die Klimaentwicklung auf der Erde, wir stemmen uns mit Macht gegen die reale Gefahr, dass sich die Lufthülle der Erde für die Menschen existenzbedrohlich stark erwärmen könnte und dass sich die Lebensbedingungen für alle dramatisch verschlechtern – wir haben uns fest vorgenommen, den einzigen Lebensraum, den wir haben, unbedingt zu erhalten… dieses historisch einmalige Projekt ist in sich zusammengebrochen, schleichend, unaufhaltsam, es wurde von divergierenden Kräften zerfleddert. Nun steht die internationale Politik vor einem Scheitern von tatsächlich globalem Ausmaß. Aber das Scheitern wird öffentlich nicht eingeräumt.

Das Desaster ist total, das Fazit niederschmetternd – hier die Reihenfolge der letzten gescheiterten Klimakonferenzen der Vereinten Nationen in den letzten 10 Jahren, angefangen mit der Konferenz von Buenos Aires von 2004, dann Montreal, Nairobi, Bali, Posen, Kopenhagen, Cancún, Durban, Doha und voriges Jahr der gefühlte letzte Sargnagel, die Konferenz-Katastrophe von Warschau. In Montreal hatte man 2005 wenigstens noch das Kyoto-Protokoll formell bis ins Jahr 2012 verlängert, das brachte wie erwartet jedoch gar nichts, in Bali wurde 2007 wenigstens noch die „Bali-Roadmap“ (Fahrplan von Bali) verabschiedet, von der allerdings jeder wusste, dass sie illusorisch war, in Kopenhagen wurde wenigstens noch der „Copenhagen Accord“ (Übereinkunft von Kopenhagen) beschlossen, der überhaupt nichts bewirkte – doch Warschau bedeutete das Ende aller Hoffnungen, die selbsternannten Guten im Klimakrieg schwenkten die weiße Fahne, die Botschaft: Es ist aus, Ende aus, der Kampf gegen eine lebensbedrohliche Fehlentwicklung auf der Erde ist verloren.

Schon vor 35 Jahren, im Februar 1979, fand die erste internationale Klimakonferenz in Genf statt, denn die Anzeichen für eine menschengemachte Überwärmung der Erdatmosphäre verwandelten sich zunehmend in Beweise. Die erste offizielle UN-Klimakonferenz kam dann aber erst im Jahr 1995 zustande, und wo? Ausgerechnet in Berlin. Und wer leitete diese Konferenz? Ausgerechnet Angela Merkel als Umweltministerin. Man erkennt daran, wie schwer es entscheidend wichtigen Politikern immer noch fällt, ein Menschheitsheitsproblem in seiner Dimension zu erfassen. Sie schaffen es nicht, weil der natürliche Instinkt für die tückische Gefahr fehlt und weil das Problem offenbar ihr Vorstellungsvermögen übersteigt. Doch gegenüber einem realen Klima-Kollaps wirkt der Terrorismus als Bedrohung fast lächerlich, so menschenverachtend er auch auftritt.

Auch die seriösen Medien weisen hier eine auffällige Gemeinsamkeit auf: Sie drücken sich um eine Analyse des Problems herum – so als ob die öffentliche Denkfähigkeit an einem bestimmten Punkt absprachegemäß aussetzen würde. Dieser Punkt lässt sich unschwer benennen: Unser stillschweigend an die Politiker und Journalisten delegierter Egoismus markiert die Grenze, hinter der es sich verbietet, die Wahrheit auszusprechen. Die wenigen Hauptverantwortlichen wissen Bescheid, sie ignorieren den Ernst der Lage und sind damit beschäftigt, ihr Versagen in der Vergangenheit als Erfolg zu verkaufen – ein groteskes, geradezu jämmerliches Unterfangen, denn nicht einmal auf nationaler Ebene ist es ihnen gelungen, die Treibhausgase so weit zu reduzieren, wie sie es vorher versprachen. Überall, auch in Deutschland, nicht eingehaltene Versprechen und leere Rhetorik.

Die oft zitierte Weltgemeinschaft führt vor, dass sie längst noch keine ist – auch nicht im Angesicht einer existenziellen Bedrohung, die alle Menschen direkt gefährdet. Aber ein echtes Gemeinschaftsgefühl wird auf der Erde niemals entstehen können, wenn die mächtigen Industrie-Staaten hinter der Fassade der Vereinten Nationen weiterhin alles tun, um ihre materielle Vorherrschaft zu verteidigen. Zusätzlich macht eine Weltbevölkerung, die jährlich um über 80 Millionen Menschen ansteigt, das Vermeiden selbst der gefährlichsten Klimaveränderungen zu einer fast unlösbaren Aufgabe – deshalb regieren Ignoranz und die Hilflosigkeit vor vermeintlichen Sachzwängen. Die Politiker denken immer noch, dass sie für das Gemeinwohl arbeiten, doch in Wirklichkeit vollziehen sie den schleichenden Zusammenbruch. Vor 35 Jahren schon warnte die berühmte Umweltstudie ‚Global 2000’ eindringlich vor den Gefahren unkontrollierten Wachstums – heute übrigens kaum zu glauben, dass diese Studie damals von der US-Regierung gefördert wurde. Man untersuchte zwei bedenkliche Erscheinungen: die Zunahme der Weltbevölkerung, aber vor allem das wirtschaftliche Wachstum und dessen zerstörerische Auswirkungen auf die Erde.

So sehr man sich auch argumentativ abmüht, so hektisch auch alle Warner mundtot gemacht werden sollen – wir kommen trotzdem nicht an der Tatsache vorbei, dass neben der Überbevölkerung die sogenannte freie Marktwirtschaft die Hauptursache für die drohende Klimaüberwärmung und globale Umweltzerstörung ist. Wir wirtschaften nicht frei, sondern zügellos, geradezu unverantwortlich gedankenlos. Massenhaft werden sinnlose Güter produziert, sie werden durch die ganze Welt transportiert, die Mobilität, auch unsere eigene Mobilität, hat idiotische Ausmaße angenommen – und das alles wird nur mit einem gewaltigen Energieverbrauch möglich, dessen ständiges Anwachsen traditionell als ökonomische Grundbedingung für den allgemeinen Wohlstand in unserer Gesellschaft beschworen wird. Nun reagiert die Natur, die lebensspendende Atmosphäre, unerbittlich auf die eklatanten Widersprüche unserer ach so schönen modernen Welt. Doch wir erweisen uns als unfähig, Konsequenzen daraus zu ziehen – wir laborieren ein bisschen an den Symptomen herum, freuen uns auf den nächsten Urlaub und hoffen, dass der liebe Gott es schon richten wird. Er wird es nicht tun.

Wir müssen uns von dem zwanghaften Reflex befreien, der den Kapitalismus allein durch den Zusammenbruch des realen Sozialismus universell zu rechtfertigen scheint – selbst wenn alle Parteien, Medien und Wirtschaftsverbände entsetzt aufschreien: Der Kapitalismus entzieht den Menschen die Herrschaft über notwendige kollektive Entscheidungsprozesse und überträgt sie auf betriebswirtschaftliche Ebenen, wo mechanisch Rendite-Interessen vertreten werden. Die Enteignung der lebensnotwendigen humanen Autonomie wird hauptsächlich von einem aufgeblähten globalen Finanzsystem geleistet, einem Horror-Gebilde mit anonymisierter Machtfülle. Es reicht nicht, die Staaten als Reparaturbetriebe des Kapitalismus zu stärken – es geht darum, dass der Kapitalismus effektiv reglementiert wird, bevor es zu spät ist. Die freie Marktwirtschaft bliebe dabei bestehen, allerdings kontrolliert und in einem festen, überschaubaren Rahmen. Dieser Rahmen müsste von vornherein ausschließen, dass grenzenlose Kapitalakkumulation und schädliche Konzentrationen unternehmerischer Macht zustande kommen können. Der Vorrang der Politik vor ökonomischer Willkür müsste unwiderruflich festgeschrieben werden, am besten als fester Bestandteil einer neuen Menschenrechts-Charta, die über der UN-Charta steht.

Statt der Wahnsinnsvorstellung, alle Märkte zu globalisieren, brauchen wir vor allem ein durchdachtes Konzept für die Regionalisierung der ökonomischen Praxis auf der Erde. Nur ein umfassender Paradigmenwechsel kann aus dieser Krise führen: Fortschritt bedeutet nun, zu stabilisieren und zu reduzieren, um so zu überleben. Wachstum wird zum Unwort. Das Wirtschaftsgeschehen ist weltweit krankhaft überhitzt, es muss dringend auf ein der Erde angemessenes, also auf ein menschliches Maß zurückgeführt werden. Das wird Arbeitsplätze kosten, unser Lebensstandard wird merklich sinken. Verteilungskämpfe, vielleicht sogar Kriege können die Folge sein. Trotzdem: Es bleibt keine andere Wahl.

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