Ich bin nicht ich. Dieser Sachverhalt erscheint nicht weiter tragisch, wenn da nicht der Verdacht, dass es so ist, schon jahrelang in mir rumort hätte. Das stört mich, ich gebe es zu und damit ein schwaches Bild ab – Verdrängung, was sonst, Schulterzucken, das passiert vielen Menschen ständig. Doch ich weiche chronisch von mir ab, das ist etwas ganz anderes als ständig. Der morgendliche Blick in den Spiegel könnte tückischer nicht sein, unabhängig von der Aussicht, die er eröffnet, er ist meine Momentaufnahme der Wirklichkeit, sie begleitet mich wie eine Gewissheit in den Tag, es muss keine traurige Gewissheit sein, nur fühlt sie sich meistens unangenehm nichtssagend an, nicht attraktiv, nicht stabil genug für die lange Zeit von morgens bis abends.

Von sich selbst abzuweichen, hat erst einmal nichts mit abweichendem Verhalten zu tun, wie etwa mit der Unart, alten Damen die Handtasche zu rauben, um darin nach ihren kostbaren Erinnerungen zu suchen. Nein, das Räuberische vollzieht sich im Kopf, bitter kann die Diskrepanz zu sich selbst werden, sie kann verwirrende Doppelerscheinungen erzeugen, in denen die eigene Persönlichkeit zu verschwinden droht. Dann weiß man nicht mehr, wer man ist, man wird um eine Antwort verlegen auf die Frage, wie es einem heute geht und antwortet vorsichtshalber, dass man es nicht wüsste. Allzu leicht erliegt der Mensch dem Trugschluss, er habe sich selbst bereits verortet, indem er sich die Schuhe zubindet oder seinen Kaffee immer mit zwei Stücken Zucker trinkt.

Um hier einem Missverständnis vorzubeugen: Wer in der Gewissheit zunehmender Entfernung von sich selbst durch sein Leben geht, der ist keine gespaltene Persönlichkeit, bei dem liegt keine dissoziative Identitätsstörung vor – an diesem Fremdwort leiden nur Menschen, die mehrere Persönlichkeiten nebeneinander ausbilden, welche in keiner Beziehung zueinander stehen, sie wissen nicht, wer sie eben noch waren und wer sie vielleicht im nächsten Moment sein werden. Immerhin hat diese Störung auch ihr Gutes, eine sehr interessante, gleichwohl exotische Form von Koexistenz.

Von sich selbst abzuweichen, hat, man ahnt es schon, viel mit unerfüllten Sehnsüchten zu tun. Die Frauenzeitschriften haben ein großes Herz, sie beherbergen gleich Scharen von Prinzessinnen, Königinnen, Hoheiten, Gräfinnen und euren Durchlauchten, zwischen denen fröhlich Kinder herumtollen – natürlich nicht die echten Königinnen und Prinzessinnen, die echten finden sich zwar gerne in den Frauenzeitschriften wieder, aber sie wollen keinesfalls darin wohnen, so wie etwa die grünen Witwen, die jeden Tag nach der Hausarbeit vom Wohnzimmer in das Schloss für einen Euro umziehen. Frauen sind hinsichtlich der Nähe zu ihrer eigenen Persönlichkeit gegenüber Männern tendenziell im Vorteil, ihre Bandbreite ist größer, ihr Spektrum ist breiter, wenn auch übersichtlicher – Frauen können sich schon fast aus dem Auge verloren haben und wähnen sich trotzdem noch ganz dicht in ihrer Nähe. Vielleicht hat das etwas mit dem Kinderkriegen zu tun, das wäre möglich, denn mit der Schwangerschaft entsteht ein biologisch angelegtes Mehrfachleben im Sinne von Parallelexistenz, dessen vordergründige Ausgestaltung nicht selten über das Befinden dominiert. Frauen sind unter anderem selbstloser als Männer, weil sie fühlen, dass sie nicht mit sich selbst allein bleiben werden, ihre Identität umfasst in einem vorausgreifenden Reflex mehrere Leben – bei einem Mann ist das anders, er muss sich mit seinem Leben begnügen.

Aus diesem Grund machen sich Männer viel mehr Sorgen um ihre Identität – sie sind grübelnd auf der Suche nach sich selbst, während die Frauen nach der zweiten Socke suchen, woraus gewisse Interessenkonflikte erwachsen können. Doch wie könnte Identität überhaupt geschlechtsspezifisch sein? Ist das nicht ein völlig falscher Ansatz? Nicht, wenn man die eigene Identität grundsätzlich zur Disposition stellt, dann wäre es nur eine Frage der Graduierung – nicht wenn man die Suche nach sich selbst als einen Prozess der Annäherung auffasst, der mit der Geburt beginnt und der mit dem Tod in einem vorläufigen Ergebnis endet. Man kann sich seiner selbst nie sicher sein, heißt es, heißt es zu recht.

Der Mensch hat sein Ganzes nie umfassend zu seiner Verfügung, weder praktisch noch im Denken, irgendetwas scheint immer zu fehlen – das Ich bleibt ein unfertiges Puzzle, und die Zeit stiehlt auch noch heimlich Teile. Manche behaupten fest, sich endgültig zu finden, wenn sie in sich selbst ruhen, vor allem in der Meditation oder in Formen von Ekstase… aber wer ruht da in wem? Wird, wenn zwei vermeintlich Identische in Ruhe zu sich finden, dann daraus die große Identität? Mag sein, mag auch sein, dass Dope der Schlüssel zu sich selbst ist, warum nicht… Rauschgiftverbote mögen Sinn haben, Offenbarungscharakter haben sie sicher nicht. Wahrscheinlicher erscheint mir, dass der Weg das Ziel ist. Mit der intensiven Suche nach der eigenen Identität wird die Schwelle zu seiner Entdeckung erreichbar, mehr nicht, und doch so viel. Aber was ergibt sich daraus? Dass die eigene Identität weder eine umfassende noch eine umfassend eigene sein kann, es bedeutet, dass dem Menschen absichtsvoll nur die bruchstückhafte Bewusstwerdung eines eindeutig nach überall hin abgrenzbaren Wesens eingeräumt wurde. Die eigenen Konturen bleiben ein Leben lang verschwommen, und niemand ist auch nur eine Sekunde lang ganz mit sich allein – eigentlich tröstlich, der Mensch ist schließlich ein soziales Wesen, er hat immer Gesellschaft, ob er will oder nicht.

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