Li Ai-Bao wollte ihrem Mann im Tode beistehen, doch die Reise nach Süden in die Provinz Guangdong war lang. Li war elf Tage unterwegs – sie fuhr mit der Bahn, sie musste sich in überfüllte Busse quetschen, sie klammerte sich auf den Eingangsstufen an irgendetwas fest, um nicht hinausgestoßen zu werden. Auch per Anhalter versuchte sie es. Sie winkte, schrie den Autos hinterher, wurde von Dieselwolken und von dichtem Staub eingehüllt, bis endlich ein Lastwagen anhielt. In der Fahrerkabine war kein Platz mehr, Li musste auf die Ladefläche steigen, wo sie bis über den Kopf in Zuckerrohr-Stangen versank. Je näher sie dem Ziel kam desto wärmer wurde es. Die Hitze setzte ihr zu. Was man auch anfasste, fühlte sich feucht und schmierig an. In Guangdong war alles anders, selbst die Sprache. Sie sehnte sich nach ihrem kleinen Dorf Yomen zurück, das an der Grenze zur Inneren Mongolei lag. Dort freute man sich gerade über die ersten Strahlen der Frühlingssonne.

Ihr Ehemann Wu war zum Tode verurteilt worden, weil er eine Wagenladung Heizkörper von einer öffentlichen Bausstelle geraubt hatte. Auch ein Wachmann wurde niedergeschlagen. Das Gericht befand, dass die Schwere des Vergehens kein anderes Urteil zuließe. Die Mittäter erhielten Zuchthausstrafen, Herrn Wu dagegen würde man erschießen. Alle wussten, warum – aber niemand wagte darüber zu sprechen. Es war still geworden im Dorf Yomen. Auf der Straße drückten sich die Leute stumm aneinander vorbei, denn man konnte nie wissen. Herr Wu stand der Falun-Gong-Sekte nah.

Tagelang hatte Li Ai-Bao geweint. Irgendwann kamen keine Tränen mehr. Ihre Gesichtszüge wurden hart, die Augen fast unsichtbar – nur manchmal blitzte ein Feuer im Spalt zwischen den Lidern auf. Sie blickte auf ihren Sohn, der bald ein Jahr alt werden würde und den sie nur in zerschlissene Decken wickeln konnte. Ihr Entschluss stand plötzlich fest – tatsächlich hatte sie sich längst entschieden, es war ihr bloß noch nicht bewusst geworden. In nicht einmal einer Stunde hatte sie ihre paar Sachen zusammengepackt, dann machte sie sich auf, um den Kleinen zu ihrer Schwester Liang zu bringen. Vor dem Todesurteil wurde es ein sehr trauriger Besuch, verdunkelt von tiefer Verzweiflung und Hilflosigkeit. Die Schwester war kinderlos geblieben. Sie schloss den Jungen in ihre Arme und lächelte. Dann die unglaubliche Bitte: Liang sollte von diesem Tag an die Mutterrolle für das Kind übernehmen, endgültig. Sie verstand nicht, sie weinte, sie weinte auch vor Freude. Li Ai-Bao, die Mutter, saß da wie zu Stein erstarrt. Ihren Sohn sah sie nie wieder.

Kong Ang-Lan handelte erfolgreich mit Ausrüstungsgegenständen für Expeditionen. Die unendlich weite Innere Mongolei lag praktisch vor der Tür – nur ihm war die geniale Idee gekommen, aus diesem Umstand Geld zu machen. Er erhielt regelmäßig Regierungsaufträge, und er verbarg nicht, wie stolz er darauf war. Seine Angestellten arbeiteten fleißig, sie ahnten nichts vom Doppelleben ihres Chefs. Von ihm erwarteten sie noch einiges für ihre Zukunft, denn Herr Kong erwies sich als ein zielstrebiger junger Mann, dem der Geschäftssinn in die Wiege gelegt worden war.

Niemand hätte vermutet, dass Herr Kong im Morgengrauen einen ärmlichen Außenbezirk von Taiyuan durchstreifte. Er hatte diese Gegend ausgewählt, weil sein eigenes Firmengebäude in Huairou lag, auch ein Außenbezirk von Taiyuan, allerdings auf der anderen Seite der Stadt. Sich als Wanderarbeiter zu verkleiden, fiel ihm nicht schwer – Kong brauchte dafür nur eine Arbeitshose, eine Jacke mit grob aufgenähten Flicken und eine Schirmmütze. Er schob sie sich tiefer in die Stirn, als er an einer Straßenecke unauffällig nach Li Ai-Bao Ausschau hielt. Ein Bauer kam auf ihn zu. Er zog schwer an seinem zweirädrigen Handkarren, der mit Rüben vom Vorjahr vollgeladen war. Sie rochen süßlich und faulig. Dahinter, etwas weiter entfernt, sah Kong im Dunst des anbrechenden Tages eine Person gehen. Sie blieb stehen – es schien, als schaute sie in seine Richtung. Im nächsten Moment war sie verschwunden. Kong lächelte.

Sie trafen sich auf einem verwilderten Grundstück hinter den Häuserreihen. Li Ai-Bao zog Kong zwischen zwei Mauerreste in Deckung. Sie umarmten sich.
„Wie geht es dir, Kong?“
„Egal. Du bist es, die ein schweres Schicksal tragen muss. Aber du wirst das durchstehen.“
„Hast du Neuigkeiten?“
„Nein.“ Kong verschwieg, dass der Hinrichtungstermin für die einundzwanzig Verurteilten in Guangdong bereits im Radio bekanntgegeben wurde. „Nein, leider nicht Neues. Wie kann ich dir bloß helfen? Nimm wenigstens Geld von mir an.“
„Wollen wir uns hinsetzen?“ Sie zeigte auf einen Betonträger, der mit vertrocknetem Unkraut überwuchert war.
Li sagte: „Ja, hilf mir, Kong. Du bist der einzige, der es kann. Ich verlange viel von dir. Ich mache mir nichts mehr vor: Wu wird sterben, nichts kann ihn mehr retten. Mein Mann war dein Mentor in der heiligen Gemeinschaft. Du bist ihm etwas schuldig. Du musst möglich machen, dass ich ihn räche. Wenn es vorbei ist, bleibt mir nur die Rache als Sinn des Lebens. Verstehst du, Kong? Mein Sohn wächst bei Liang auf. Du weißt ja, dass meine Schwester keine Kinder hat. Der Junge bringt ihr das Glück zurück. Ihm wird es an nichts fehlen.“

Kong Ang-Lan suchte nach Worten. Eine ungewisse Angst stieg in ihm auf – Angst um sich selbst, und zum ersten Mal fürchtete er sich vor Li Ai-Bao. Vor zwei Wochen erst hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. Inzwischen waren ihre Gesichtszüge zu einer Maske geworden, hinter der er blanken Hass spürte. Li war sehr schön, doch sie hatte sich verändert. Ihre ganze Leichtigkeit, alles Unbeschwerte hatte sie verloren. Diese Frau wurde für ihn immer mehr zu einem Dämon. Er bemerkte, wie mühsam sie sich ein Lächeln abzwingen musste – sie knipste es aus wie das elektrische Licht, als er den Kopf hob.

Kong kannte noch Li’s Vater. Von ihm hatte sie den Charakter geerbt, aber keinerlei Besitz. Zu Lebzeiten war ihr Vater eine geheimnisvolle Persönlichkeit gewesen, nicht nur in Yomen, sondern weit darüber hinaus. Weil ihm ein Sohn fehlte, hatte er dafür gesorgt, dass seine Lieblingstochter Englisch lernte. Auch in den Naturwissenschaften wurde sie unterwiesen. Privatlehrer gingen ständig ein und aus, obwohl die Familie als arm galt. Selbst die Lehrer änderten nichts daran, dass sich Li hauptsächlich für Sport interessierte. Sie tauchte so lange unter Wasser, dass alle schon dachten, sie wäre ertrunken, Li konnte auf die höchsten Bäume bis in die Wipfel klettern, sie konnte die Unterschenkel hinter ihrem Kopf verschränken und dabei lachen. Wenn sie durch die Dorfstraße hüpfte, riefen die Leute: „Hallo – da kommt ja unser Kätzchen!“

„Was willst du?“, fragte Kong, als er aus seinen Gedanken aufschreckte. „Wir kennen uns gut, Li. Ich mag dich… ich mag dich sehr. Trotzdem darfst du mich nicht überschätzen.“
„Ich fahre nach Xinhui – zu den Leuten, die meinem Mann das Genick zerschießen werden. Vielleicht kann er seine Frau noch einmal sehen, bevor er stirbt.“
„Li, das ist unmöglich! Die Angehörigen werden zur Hinrichtung nicht zugelassen. Allein den Antrag zu stellen, könnte lebensgefährlich sein, glaub’ mir. Wie willst du nach Guangdong kommen? Das sind tausende von Kilometern. Und es bleiben nur noch fünfzehn Tage.“
„Ich werde dort sein“, erklärte Li ruhig. „Versuch’ gar nicht erst, mir das auszureden. Für die Reise brauche ich 400 Yuan – viel Geld, ich weiß. Ich gebe es zurück, das verspreche ich. Kannst du mir das Geld leihen? Sonst stehle ich es.“

Kong suchte nach einem Ausweg. Li Ai-Bao konnte ihn und alle seine Freunde ins Verderben stürzen mit ihren Rachegelüsten, die sie zur Furie machten, noch bevor ihr Mann tot war. Er musste sie beruhigen, bloß wie? Er wusste nicht weiter. Wie sollte er eine Frau beruhigen, die so gelassen dasaß? Er musste ihr den Ernst der Lage klarmachen. Aber wie sollte er eine so intelligente Frau überzeugen? Sie wusste über alles Bescheid, sie kannte seine Geheimnisse. Kong stöhnte leise. 400 Yuan wollte Li von ihm haben – in seiner Brieftasche steckten 1700 Yuan. Geld könnte die Lösung sein. Auf Geld sprangen die Menschen an.
„Li, ich gebe dir das Doppelte: 800 Yuan. Es ist immer gut zu wissen, dass man mehr Geld bei sich hat, selbst wenn man es nicht braucht. Hör’ zu – du bekommst es nur, wenn wir deine Pläne vorher noch einmal durchsprechen.“
„Kong?“
„Ja?“
„Enttäusche mich nicht. Ich sollte dir böse sein. Bin ich ein Kind, das man mit mehr Bonbons locken kann? 400 Yuan! Wenn du mir das Geld nicht geben willst, gehe ich. Wir sehen uns vielleicht einmal wieder.“

Li Ai-Bao stand entschlossen auf. Auch Kong fuhr hoch und hielt sie an den Schultern fest. Trotz der morgendlichen Kühle begann er zu schwitzen. „Überleg’ doch! Wie willst du denn dort hinkommen? Auf den Platz, wo sie Wu…“
„Das ist allein mein Problem.“
Kong zuckte hilflos mit den Achseln. Er drehte sich von ihr weg, fummelte entnervt an der Innentasche seiner Lumpenjacke, bis er die Brieftasche mit einem Ruck ans Licht beförderte. Beinahe wären ihm die Scheine herausgefallen. Li musste sich das Lachen verkneifen – zum ersten Mal seit vielen Tagen.
„Hier!“ Er streckte ihr das Geld am langen Arm entgegen. Sie wich seinem Arm aus, zog ihm im Vorbeigehen die abgegriffenen Banknoten aus den Fingern und gab ihm einen Kuss.
„Danke. Das werde ich dir nie vergessen.“
„Mach’s gut“, flüsterte Kong. Er schaute sich um. Li Ai-Bao war verschwunden.

*

Schon nach den wenigen Tagen im Süden Chinas hatte die Hitze ihre Schrecken verloren. Hier könnte es einem sogar gefallen, dachte Li manches Mal. Ihre Heimatprovinz Shaanxi war eine viel rauhere Welt. Dagegen wirkte Guangdong wie ein Paradies: Mächtige Wälder, überall Flüsse, Plantagen, wo Lychees, Mangos, Papayas und exotische Früchte wuchsen, die sie noch nie gesehen hatte. Doch Li ließ sich von all der Schönheit nicht blenden: Guangdong bedeutete Tod, Guangdong war ihre Hölle.

Das graue Gebäude mochte 200 Meter lang sein. Der umgebende Wald war in einem breiten Streifen gerodet, und so stand es allein da. Es schien keinem ersichtlichen Zweck zu dienen. Für eine Festhalle wirkte es zu trist und zu heruntergekommen, vielleicht ein leergeräumtes Fabrikgebäude. Sonst war hier nichts, nur Landschaft. Die Stadt lag kilometerweit entfernt. Li war mit dem Bus von Xinhui hier hinaus gefahren. Draußen war alles abgesperrt. Der Kordon aus Soldaten in ihren Ausgehuniformen ließ auf ein wichtiges Ereignis schließen. Wem dieser große Auftrieb sinnlos vorkam, der begriff nicht, dass eine Machtdemonstration stattfinden würde. Das Militär hatte die Macht. Es gab zwar Gerichte, es gab Verhandlungen, Prozesse – aber das Militär war Herr über Leben und Tod. Alle sollten es sehen. Niemand würde es nach dem Erschießungs-Spektakel wagen, die heilige Ordnung in Frage zu stellen. Für Li Ai-Bao blieb es unfassbar, dass die Menschen am Einlass in Schlangen anstanden, um Hinrichtungen zu begaffen. Sie mussten für den grausamen Kick lange warten, weil sehr streng kontrolliert wurde.

Im Metallgestänge der Deckenträger konnte sie sich gut verstecken, und dort, wo die Träger auf den dicken Mauern auflagen, gab es ideale Schlafplätze. Schon vorige Nacht hatte sich Li eingeschlichen. Am Tag war ihr eine Feuertreppe aufgefallen, die an der hinteren Außenwand im luftigen Nichts endete. Man hatte sie etwa drei Meter über dem Boden abgetrennt, um keine Einbrecher einzuladen. Li warf verächtlich den Kopf zurück – für das Kätzchen blieb es eine Einladung. Ihre Ausrüstung bestand aus einem Seil und aus zwei rostigen Haken, die sie irgendwo aufgabeln konnte. Bei nächtlichen Aktionen mit Freunden hatte sie gelernt, dass man beweglich und unsichtbar sein musste. Sie kaufte sich ein schwarzes Kinder-T-Shirt, das sehr eng am Körper anlag, dazu zwei schwarze Strumpfhosen. Eine davon zog sie über, aus der anderen wurde eine Strumpfmaske. Li hatte sich bewaffnet: Das Klappmesser ihres Vaters steckte in einem Lederköcher am linken Unterarm, damit sie es sofort mit der rechten Hand greifen konnte. Als sie die beiden Wachleute unter der Straßenlampe an der Bushaltestelle schwatzen hörte, erkannte Li, dass der Aufwand nicht nötig gewesen wäre. Doch sie fühlte sich sicherer so. Innerhalb von Minuten kletterte sie auf das Flachdach und fand schon bald eine Stelle, wo sie leicht einsteigen konnte.

Die Militärverwaltung hatte das Ereignis gründlich vorbereitet. Für die 21 Todeskandidaten waren ebenso viele Holzpulte aufgestellt, über die sich die Delinquenten ein Stück vorbeugen mussten, um den Genickschuss zu erwarten. Die Pulte standen auf grob zurechtgezimmerten Podesten von etwa ein Meter Höhe, eine bühnenhafte Inszenierung, damit die Zuschauer die Hinrichtungen besser verfolgen konnten. Von oben beobachtete Li, was unten vor sich ging. Einige Soldaten hatten widerwillig ihre Uniform-Mützen abnehmen müssen und deckten die Pulte mit durchsichtigen Planen ab, wegen der Blutspritzer. Davor stellten sie Plastik-Wannen ab, die größere Blutströme aufnehmen sollten. Die Exekutions-Pulte waren auf die vordere Hälfte der Halle verteilt, in drei exakt ausgerichteten Reihen zu je sieben Stück.

Um den Zuschauerbereich abzugrenzen, schaffte man eine dicke rote Kordel heran. Nachdem sie auf Hallenbreite ausgerollt und aufgestellt worden war, hing die Kordel zwischen den goldfarbigen Holzständern schön gleichmäßig durch, was dem Abschlachten etwas Festliches verleihen sollte. Plötzlich brach Geschrei aus. Alle Soldaten mussten das Gebäude verlassen. Sie hatten sich gleich formiert und führten Li einen lächerlich überhasteten Gänsemarsch zum Ausgang vor. Die Halle war nun leer, bis auf einen Mann in Uniform und zwei Zivilisten.

„Sind auch alle Türen zu?“, fragte einer der Zivilisten. In ihrem Versteck auf der sieben bis acht Meter hohen Decke hatte sie einen Spalt gefunden. Li konnte alles sehen, und sie konnte auch mühelos alles verstehen, denn das Gespräch wurde wie gewöhnlich laut geführt, so wie es die chinesischen Männer bevorzugten, um sich wichtig zu machen.
„Stehen die beiden Transporter bereit?“
„Natürlich, meine Herren.“ Zum ersten Mal sprach der Uniformierte. Er klang arrogant. Ihm war anzumerken, dass er Zivilisten verachtete. „Vier Ärzte mit Ausrüstung, alles organisiert.“
Der andere Zivilist ging los und stellte sich vor dem Uniformierten auf: „Herr Major Shuji, ich sage Ihnen: Die Hinrichtungen in Hubei waren ein Debakel! Verurteilte haben gejammert, und alle Leute konnten es hören. So stirbt kein Chinese! Von acht reservierten Körpern waren nur sechs zu verwerten. Und warum? Weil ihre sogenannten Scharfschützen nicht einmal aus ein paar Zentimetern Entfernung richtig getroffen haben, weil sie nervös geworden sind und die Körper unbrauchbar geschossen haben – zu oft und zu blind gefeuert. Sie haben versagt, Herr Major. Ich hoffe, das klappt heute besser.“
„Drohen sie mir etwa, Herr Guangru?“, schnappte Major Shuji. „Sie vertreten die Regierung – nur der Himmel weiß, wieso. Aber was wollen Sie? Ich sage es Ihnen: Sie wollen immer nur noch mehr Geld. Geld, das auch uns zusteht. Was machen Sie mit dem Geld? Wo bleibt es? Es löst sich auf, spurlos wie Lehm im Gelben Fluss. Ich stehe hier für die Militärverwaltung, ich habe das Kommando. Wenn ich einen Finger hebe, fliegen sie raus. Treiben Sie es nicht zu weit! Uns geht es um die Ordnung, nicht um’s Geld. Wir stehen unablässig im Kampf gegen die drei großen Übel: Terrorismus, Separatismus, religiöser Extremismus – haben Sie das vergessen? Morgen werde ich bei General Wang Lequan Zongli persönlich vorsprechen. Es liegt an Ihnen, was ich ihm berichte.“

Li konnte nicht schlafen, nicht einmal dösen. Sie hatte Schreckliches gesehen. 21 Menschen hatte sie elend sterben sehen, aber nicht ihren Ehemann Wu. Unter hunderten von Menschen hätte sie ihn sofort erkannt. Die grausamen Bilder drohten sie schon wieder in einem Schwall zu überwältigen, wieder hörte sie das Flehen und Winseln der Todeskandidaten, sie hörte das Raunen der Zuschauer, wenn der nächste Körper vornüber fiel, und wieder stieg ihre der scharfe Pulvergestank der abgeschossenen Pistolen in die Nase. Die Ernüchterung kam wie mit einem Schlag. Die Wahrheit schob sich eiskalt vor ihre Gefühle. Sie machte sich keine Hoffnungen mehr: Wu war längst tot. Man hatte ihn schon vorher ermordet. Man hatte seinen Körper ausgeweidet wie ein Stück Wild. Kong Ang-Lan mit seinen Spekulationen, denen sie nicht glauben wollte: Doch, das Allerschlimmste war eingetreten.

In China fanden Hinrichtungen traditionell am Vormittag statt. Die Sonne stand noch hoch. Li musste die Nacht abwarten, um diesen entsetzlichen Ort zu verlassen. Als alle Soldaten schon abgezogen waren, trieben sich draußen noch massenhaft Leute herum. Bei der Bushaltestelle hatten sogar Garküchen aufgemacht, die regelrecht belagert wurden. Der Duft von Haoyou yajiao zog bis zu ihr unter das Dach hoch. Obwohl sie zuletzt vor zwei Tagen etwas gegessen hatte, wurde ihr fast übel bei dem Gedanken an Entenfüße in Austernsoße. Die Müdigkeit kam wie ein dumpfer, weicher Schlag. Im Einschlafen wollte Li noch einmal alle Namen wiederholen, die sie am Morgen erlauschen konnte. Sie schaffte es nicht, es war auch nicht nötig. Ihre persönlichen Todeskandidaten hatten sich in ihrem Hirn eingebrannt.

Das Kätzchen fand sich zurecht, trotz der mondlosen Nacht, trotz eines Frühjahrsregens, der nicht aufhören wollte und der sie schon völlig durchnässt hatte. Ihre Sachen lagen in einem Plastikbeutel verschnürt unter der Wurzel eines umgestürzten Baumes. Eine Höhle hatte sich gebildet – Li hoffte, dass dieses Versteck trocken genug war, um dort das Ende des Regens abzuwarten. Am Waldrand hörte sie ein Geräusch. Plötzlich wurde sie umgerissen, aber sie reagierte sofort, versuchte sich blitzschnell zu drehen, wollte das Messer ziehen: Ihr blieb keine Chance. Es mussten zwei oder drei Männer sein, die sie unerbittlich festhielten.
„Loslassen!“, fauchte sie.
„Das ist die Frau.“ Ein Mann leuchtete ihr kurz mit einer Taschenlampe ins Gesicht.
„Pass’ auf!“, sagte ein anderer. „Die Natter ist gefährlich. Haltet sie ja gut fest!“
„Am Arm steckt etwas Komisches – aha, ein Klappmesser.“ Noch ein Mann, registrierte Li, also drei. Dem Ton nach war er der Anführer. „Wir fesseln sie. Danach schauen wir sie uns in Ruhe an.“
Li’s Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden, als die Männer sie mitschleppten. Der Zug am Haar ließ sich ertragen, solange sie ihm gehorsam nachgab. Li schwieg eisern während des anstrengenden Marsches durch die Dunkelheit. Wenigstens kein Geheimdienst, auch keine Polizei: Diese Männer verhielten sich anders.

Sie stolperte in einen Raum. Eine Petroleumlampe wurde angezündet, die kümmerliches Licht gab. Immerhin war es trocken hier.
„Du musst dich umziehen, Frau“, erklärte der Anführer sachlich. „Hier, nimm deine Sachen.“ Er hielt ihren blauen Plastikbeutel in der Hand. Li merkte mit einem Blick, dass er durchwühlt worden war. „Los, hinten in die Ecke – da können wir dich nicht sehen. Und komm’ ja nicht auf falsche Gedanken!“
„Habt ihr etwas zum Abtrocknen?“, fragte Li. Sie fühlte sich alles andere als wohl, trotzdem war sie beruhigt. Brutale Banditen hätten sich längst bedient. Im nächsten Moment landete ein muffiger Jutesack an ihrem Kopf.

„Setz’ dich da hin!“ Der Anführer zeigte auf einen Blechstuhl. Allein er redete – ein Klotz, vielleicht dreißig Jahre alt, mit einem groben, von schlecht verheilter Akne gezeichneten Gesicht. „Frau, was wolltest du da drinnen? Was hast du hier überhaupt zu suchen? Sag’ es!“
„Ich wollte diese Hinrichtungen sehen, na und? Das wollten doch viele. Man ließ mich nicht hinein. Deshalb bin ich da eingestiegen. Kann ich jetzt gehen?“
„Nein! Ich habe deine Papiere gelesen. Du heißt Li Ai-Bao, und du kommst aus Shaanxi. Das liegt am anderen Ende von China. Beweise uns, dass Du keine Agentin bist.“
„Bist du eigentlich intelligent?“ Li’s Frage hing in der Luft. Der Anführer sprang mit einem Satz auf sie zu, stoppte aber im letzten Moment ab. Für einen Moment berührten sich ihre Nasenspitzen: „Du kleines Miststück! Ein einziger Faustschlag von mir, und du wärest…“
Li verzog keine Miene. Sie sah ihm kalt in die Augen: „Tot, das glaube ich dir sogar. Damit ist meine Frage beantwortet.“
„Moment – was? Was sagst du da?“ Die beiden anderen zogen ihn mit sanfter Gewalt zurück.

Langsam legte sich die Aufregung, aber das Misstrauen blieb. Li erzählte nur das Nötigste. Die Männer vermieden es, sich mit Namen anzureden. Einer von ihnen, nicht der Anführer, ging schon wieder hinaus. Als er zurückkam, beobachtete sie, wie er das Handy in die Brusttasche seiner Regenjacke gleiten ließ. Der Mann ging auf sie zu: „Wie sieht Wai-Tan aus?“
Li zuckte zusammen. Wai-Tan war Kong’s kleiner Hund, angeblich sein Wachhund, der nur Unsinn anstellte und jeden Fremden schwanzwedelnd begrüßte. Sie musste lächeln und sagte: „Wie ein rasendes Wuschel.“
„Die ist in Ordnung.“ Der Mann wandte sich an die beiden anderen: „Ihr Mann Wu war unter den Verurteilten.“
„War er eben nicht!“, schrie sie. Sie schrie es heraus.

Weng Chian, der Klotz, konnte auch freundlich sein. Li bekam ein winziges eigenes Zimmer, im Nebenhaus, wie er erklärte. Sie blieb misstrauisch. Wo war sie hingeraten? Ein Bauernhof möglicherweise. Er bezog ihr persönlich das Bett, er wirbelte sinnlos mit einem Laken herum und stopfte es dann irgendwie fest. Sie konnte das Bett ja später selbst richten.
„Hast du keine Frau?“, fragte Li unwillkürlich.
Er wurde wieder patzig: „Eine Frau? Du bist neugierig. Was geht es dich an, ob ich eine Frau habe?“
„Nichts.“
„Die Frauen sind zu neugierig, alle.“ Weng kratzte sich an seinem viereckigen Kopf. „Meine auch, auf andere Männer. Deshalb ist sie auch nicht da. Sag’ mal, bist du gar nicht müde?“
„Geht so. Es ist spät, ich weiß – hast du noch ein bisschen Zeit?“
Weng schaute sie argwöhnisch an.
„Die Offiziellen haben miteinander gesprochen, vor und nach den Hinrichtungen. Ich habe vieles mitbekommen, auch einige Namen. Ich kann mich an jeden genau erinnern. Vielleicht kennst du welche davon.“
„Was hast Du vor? Mein Freund hat extra noch einmal mit Shaanxi telefoniert. Gespräche mit dem Handy sind nie ohne Risiko. Man hat rätselhafte Andeutungen gemacht. Verdammt, was hast du denn vor? Willst du deinen Ehemann finden?“
„Nun bin ich doch müde. Danke für die Unterkunft. Gute Nacht!“
Er wollte gerade die Tür aufmachen, da sagte sie leise: „Ich suche nicht meinen Mann. Ich will sein Herz finden.“
Weng Chian blieb abrupt stehen. Seine Hand auf der Klinke begann zu zittern. Er drehte sich langsam um, spähte in die tiefe Dunkelheit. „Und was, wenn du es gefunden hast?“
„Ich schneide es dem Schwein heraus, für das es schlägt.“
Weng drückte die Klinke lautlos herunter und ging weg.

Als Li am nächsten Tag hinaus trat, war sie sprachlos. Die Überfülle von Pflanzen und Farben um sie herum nahm sie gefangen. Wie schön es hier war, wie es duftete! Sie schirmte mit der Hand ihre Stirn vor der Sonne ab. Das Haupthaus hatte sie sich größer vorgestellt. Es war so von Grün eingewachsen, dass man kaum die Wände erkennen konnte.
Weng kam auf sie zu: „Hast du gut geschlafen?“
„Ja. Ist das ein herrlicher Platz hier! Gehört dir dieser Hof? Was für Pflanzen sind das? Die meisten kenne ich nicht.“
„Hier an den Rankgittern wächst Passionsfrucht, drei Sorten. Ich trockne sie, danach werden sie verkauft.“ Weng freute sich über ihr Interesse, er machte begeistert weiter: „Die breiten Bäume sind Mangos, die hohen Masson-Kiefern – und da die Seifenbäume. Aber die Preise für Waschnüsse werden von Jahr zu Jahr schlechter. Siehst du das Feld mit den gelben Tupfen? Alles Mandarinenbäumchen, ein gutes Geschäft beim Frühlingsfest. Zum Frühlingsfest wollen alle ihr eigenes Mandarinenbäumchen haben. Kennst Du die Sitte?“
„Natürlich. Du bist wohl sehr wohlhabend.“
„Nein, da täuschst du dich. Viel Arbeit, wenig Geld. Richtiges Geld kann man in den großen Städten verdienen: in Guangzhou, in Shenzhen, noch besser in Hongkong oder in Macao.“
„Macht man dort die Herzoperationen?“
Die Stimmung war mit einem Schlag verdorben.
„Komm’ ins Haus“, sagte Weng Chian grob. „Wir wollen Reis essen.“

Beim Essen sagte Li: „Gestern war die Nacht ganz schwarz. Es regnete in Strömen.“
„Und?“
„Sonst hättet ihr mich niemals fangen können, auch nicht zu dritt. Ich hätte euch erstochen. Das passiert mir nicht wieder. Ihr habt mich erwartet – wie konnte das sein? Wie seid ihr auf mich gekommen?“
Weng Chian hörte mit offenem Mund zu und hatte sich dabei, ohne es zu bemerken, zu viel Soße auf den Reis geschaufelt. Er blickte betroffen auf seinen Teller, dann auf Li: „Was bist du für eine Frau? Du sagst mal eben so, dass du uns am liebsten abgestochen hättest?“
„Unsinn. Also, wie habt ihr mich gefunden?“
„Wir haben die Halle schon seit Tagen beobachtet, abwechselnd. Manchmal lohnt sich das vor solchen Veranstaltungen. Man kann unerwartet zu Informationen kommen. Du warst die einzige, die an der Endstation aus dem Bus gestiegen ist. Und du bist um die Halle herum geschlichen – zwar vom Wald aus, aber Chong Khe hat Augen wie ein Luchs. Er wollte mehr über dich erfahren. Wir wissen, wo du in Xinhui untergekommen bist, eine elende Absteige. Wir haben dich im Auge behalten, und du hast es nicht gemerkt. So viel zu deinem Instinkt.“
„Quatsch! Was hat das mit Instinkt zu tun? Ich kenne mich hier nicht aus. Alles ist so fremd.“ Li war wütend sich auf sich selbst. Weng lag genau richtig. Sie hatte sich verhalten wie eine Anfängerin.
„Stell’ dir vor, wir wären Agenten gewesen.“
„Hör’ endlich auf!“, rief Li empört. Sie ließ den Kopf hängen. „Entschuldigung, ich benehme mich unmöglich. Ich falle dir nicht weiter zur Last, ich gehe. Gibt es noch etwas, was du mir sagen willst?“

Weng Chian stand hinter ihr. Er strich ihr vorsichtig übers Haar. Sie ließ es sich gefallen.
„Du bist eine sehr mutige Frau, Li. Ich verstehe deinen Hass, denn ich hasse auch. Ich fühle mit dir, mehr als du glaubst. Aber wenn dich der Hass blind macht, bist du bald ebenso tot wie dein Mann Wu. Du wirst im Nichts verschwinden wie er. Seit wann hast du schon den Verdacht, dass es um seine Organe ging?“
„Warum haben sie ihn quer durch China geflogen, von Shaanxi hierher nach Guangdong? Die Todeskandidaten werden normalerweise dort hingerichtet, wo sie verurteilt wurden. Man hat sogar einen Exekutionsbus in Taiyuan entdeckt.“
„Sieh’ an!“ Weng Chian staunte. “Im Norden gibt’s die also auch schon. Das sind Toyotas, mit Ledersitzen, Kühlschrank und Todeszelle. Modernste Technik. Ich selbst habe auch mal einen gesehen, natürlich nur von außen. Der sah aus wie ein Reisebus, edel – pervers. Und so praktisch, allerdings… man muss ja nicht jeden gleich totspritzen.“

Li half Weng, Orangen auszupressen. Nachdem er mit den ersten paar Orangen fertig war, überließ er ihr die Arbeit und schaute nur noch zu.
„Du meinst…?“, fragte Li leise.
„Ja.“
„Vielleicht sogar auf Bestellung?“
„Wie lange war dein Mann vor der Verhandlung im Gefängnis?“
„Über zwei Monate.“
„Sein Blut wurde ihm zum Verhängnis. Blutbild und Gewebestruktur: Die haben ihm den Tod gebracht. Ein paar geklaute Heizkörper? Mitglied bei Falun-Gong? Ja, Falun-Gong ist für die Gerichte ein rotes Tuch. Trotzdem, seine Verlegung beweist es. Ich fürchte, dass bestimmte Häftlinge vor der Verhandlung gezielt untersucht werden. Ich fürchte, dass die Ergebnisse mit Listen abgeglichen werden, mit geheimen Listen, die für einen ahnungslosen Chinesen über Leben oder Tod entscheiden. Die Werte deines Mannes passten zu denen eines anderen, sehr kranken Menschen – aus den USA, aus Europa. irgendwo her. Peking wäre auch denkbar.“
„Oder Shanghai“, ergänzte Li. Sie zeigte keine Regung. „Dort gibt es Superreiche.“
„Ganz egal, wo – es ist Vorbestellung, Selektion! Sie vergreifen sich an unseren Menschen. Der Staat tötet sie für Geld. Kann man sich ein schlimmeres Verbrechen vorstellen? Der Staat verachtet sein eigenes Volk, durch das er überhaupt erst existieren kann. Wenn ein Mensch nicht zählt, woraus besteht dann eine Milliarde Menschen?“ Weng haute mit der Faust auf den Tisch. Er starrte auf die ausgehöhlten Orangenhälften.

„Bist du auch in der Gemeinschaft?“
„Nein“, antwortete Weng. „Ich hatte einen Bruder.“
„Oh… was ist mit ihm geschehen?“
„Denk’ an Wu, dann brauchst du mich nicht weiter zu fragen. Ich bin nicht religiös. Die Falun-Gong-Brüder sind freundliche Menschen, aber sie lassen sich einfach zur Schlachtbank treiben. In diesem Hongzhi haben sie keinen guten Führer. Er hat mit zu verantworten, dass die Gerichte so grausame Urteile fällen – und viel zu oft Todesurteile. Unsere Gerichtsbarkeit besteht aus Menschen, die Angst haben. Sie sind nicht unabhängig. China braucht Gesetze.“
„Was ist mit meinen Namen, Weng?“
„Heiß heute.“ Weng wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn, und es war ihm peinlich. „Sie foltern sogar, Li. Ich traue dir sehr viel zu – aber auch, dass du dich erwischen lässt. Die Agenten sind überall. Es wimmelt hier vor Denunzianten. Lass’ dich ja nicht von der schönen Landschaft täuschen. Die Leute sind bitterarm. Wenn sie irgendetwas aufschnappen, rennen sie sofort zum Gemeindeverordneten, um von ihm ein paar Yuan zu ergattern. Einem strengen Verhör wärest du nicht gewachsen – niemand wäre das.“
„Ich verstehe.“ Li war enttäuscht.
„Nein, du verstehst nicht. Meine Freunde und ich sind ständig in Lebensgefahr – da kommt es eigentlich auf dich auch nicht mehr an. Doch wir müssen wir das Risiko möglichst klein halten. Ich werde dir erzählen, was ich weiß, aber merk’ dir: Wenn du hier bleiben möchtest, dann komme und gehe nur nachts. Und wenn du…“
„Nein, Weng. Ich bleibe nicht. Keine Angst, ich verschwinde noch heute. Also?“

Weng Chian überlegte laut: „Dieser Major Shuji hat schon einige Hinrichtungen geleitet. Ein Kettenhund, er stammt aus einer schwerreichen Yao-Familie in Shantou. Der Kerl hat selbst genug Geld – in Hongkong soll er es den Weibern hinterherschmeißen. Sein Chef ist General Wang Zongli, ein ganz anderes Kaliber, er sitzt in Nanning, Hauptstadt von Guangxi. Wang Zongli hat Macht. Ihm sind die Südprovinzen unterstellt, dazu die Insel Hainan. Das ist ein Viertel von China, wirtschaftlich gesehen noch viel mehr. Er zieht die Fäden, ein Monster, mit direktem Draht zur Führung in Peking – zur Partei, nicht nur zu den Militärs. Ich weiß das zuverlässig. Aber vergiss ihn! An den ist nicht heranzukommen.“
„Kein General sitzt immer in der Kaserne“, stellte Li fest. „Der hat auch ein Privatleben. Und da macht Wang Lequan Zongli Fehler, wetten?“
„Er soll viele Kinder haben. Solche Leute dürfen das. Seine Kinder schickt er zum Studium in die USA. Man sagt, er wäre ein großer Tai-Chi-Kenner. Ich mache selbst Tai-Chi. Kraft und Harmonie – wie kommt so einer dazu? Ein kaltblütiger Mörder, und dann Tai-Chi!“
„Wieso? Tai-Chi ist auch ein Kampfsport.“
Ja, schon – die Übergänge zum Kung-Fu sind fließend. Die meisten interessieren sich weniger für die Kampfelemente. Sie suchen ihr Zentrum. Tai-Chi bringt Körper und Geist in Einklang. Es geht um die innere Ruhe. Wang Zongli muss es um etwas anderes gehen.“
„Ich habe dich beobachtet, Weng. Es wurde gerade hell – das sah wunderbar aus bei dir. Du gehst richtig darin auf… aber zurück zu diesen Leuten, zu den Zivilisten.“ Li zählte fehlerlos fünf Namen auf.

„Wir kennen nur zwei davon.“ Weng zögerte immer noch, obwohl er Li vertraute. „Männer vom sogenannten Todes-Trio: Feng Peigen, Xiao Guangru, und der dritte ist Yi Zhengliang. Wo Hinrichtungen stattfinden, tauchen sie auf – ob öffentlich oder nicht, ob in Heilongjiang im Nordosten oder hier im Süden. Das ganze Land steht ihnen offen, fliegende Todesengel, keiner Behörde unterstellt. Wir haben Leute in Regierungskreisen von Guangzhou, Nanning und Huangzhou: Bei den Provinzregierungen hat niemand ihre Namen jemals gehört. Doch die Männer wurden anhand von Fotos in Hongkong erkannt. Die sind dort regelmäßig. Xiao Guangru hat eine Penthouse-Wohnung in Kowloon, gleich vorne an der Nathan Road, nah am Perlfluss – aasig teuer, schätze ich.“

„Weißt du noch mehr, Weng?“
„Li! Was willst du denn anfangen, allein mit dem, was ich dir bisher erzählt habe?“
„Ich muss nachdenken.“
„Du hast kein Geld, keine Arbeit und keine Wohnung – darüber solltest du nachdenken. Hier bleiben willst du auch nicht. Obwohl, das könntest du. Ich hätte nichts dagegen.“ Weng ging zum Fenster, um die leichten Vorhänge zu schließen. „Die Sonne brennt, so früh im Jahr. Mit dem Wetter stimmt etwas nicht.“
„Ja, mir ist es auch zu warm.“
„Dann zieh’ dich aus“, schlug Weng beiläufig vor. Er stand vor der Spüle und wusch sich die Hände. Es dauerte. Nun musste er sich auch noch umständlich die Finger abtrocknen. Wollte er sich nicht wieder umdrehen? Li wartete schon. Plötzlich stand er vor ihr, hob sie hoch und setzte sie mit dem nackten Hintern auf den Tisch, mitten in eine Orangensaftlache.

Li Ai-Bao blieb doch noch einen weiteren Tag auf dem Hof von Weng Chian. Sie sollte das Häuschen möglichst nicht verlassen. Er hatte sein dreirädriges Last-Moped mit Plastikeimern voller Kumquats beladen, knatterte los und hinterließ eine Qualmwolke. Später tauchten seine beiden Freunde auf – die von dem nächtlichen Überfall. Sie arbeiteten offenbar für Weng, sie mieden aber den Bereich um das Nebenhäuschen. Es wurde schon dunkel, da hörte Li wieder das helle Knattern des Mopeds.
Weng rief nach Li: „Komm’ hinaus! Wir sind allein.“
Sie sah die leeren Plastikeimer: „Du hast alles verkauft.“
„Ja, an einen Händler, für den Nachtmarkt. 90 Yuan ist nicht schlecht. Ich leg’ noch 60 dazu, dann hast du 150 Yuan. Mehr habe ich im Moment nicht.“
„Ich will dein Geld nicht“, sagte Li.
„Wie selbstlos – aber du brauchst es. Ich weiß genau, wieviel Bargeld du hast: 22 Yuan und 7 Jiao. Damit kommst du nicht weit. Übrigens habe ich noch etwas anderes für dich.“

„Und was hast du für mich?“, fragte Li, als sie sich am Küchentisch gegenübersaßen.
„Ich sollte dir nicht auch noch helfen, nach Hongkong zu gehen.“
„Wir haben darüber gesprochen, Weng.“
„Du bist unglaublich naiv, Li. Mit Hongkong übernimmst du dich – viel zu gefährlich. Das ist nicht das China, wie du es gewohnt bist. Du wirst unter die Räder kommen.“
„Das hatten wir alles schon.“
„In Shaanxi nennen sie dich das Kätzchen“, bemerkte Weng trocken. „Katzen sollen sieben Leben haben. Von Hongkong hierher ist es nicht weit – meine Tür steht dir jederzeit offen, wenn du erkennst, dass es nicht mehr geht. In dem Fall sei dir sicher, dass du allein kommst! Fremde Augen bringen Verderben. Es gibt zwei tote Briefkästen in Hongkong, und ich gebe dir eine gute Adresse. Ruf’ mich nur im allergrößten Notfall an – besser, du lässt es. Die Nummer funktioniert nur ein Mal. Keine Namen, keinerlei Gefühlsausbrüche und niemals Klartext, verstanden!“
„Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Hier!“ Er legte ein Formular auf den Tisch, auf dem zwei Stempel zu erkennen waren. „Das ist ein registriertes Hukou für die Sonderverwaltungszone Hongkong“, erklärte Weng stolz. „Das Hukou wurde auf deinen Namen ausgestellt. Mit dieser Bescheinigung bist du offiziell Einwohnerin von Hongkong, mit allen Stadtrechten. Sie müssen dich sogar füttern, wenn du nichts zu essen hast, und du wirst kostenlos vom Arzt behandelt, nach modernem Standard. Ab morgen Mittag sind deine Daten im System. Du brauchst keinen Abgleich und auch keine Kontrolle zu fürchten. Für dieses Papier würden viele Chinesen alles geben.“
Li lief zu ihm hinüber und küsste ihn. Weng Chian zog sie näher zu sich heran.

*

Sean O’Neill blickte auf den Golf von Tonking und dann auf seine junge Frau.
„Du träumst schon wieder“, sagte er.
Li Ai-Bao träumte nicht. Sie dachte über ihre Pläne nach.
„Hast du dich eingecremt?“ Sean fragte sie das mehrmals jeden Tag. Oft kam sie sich bei dem siebzigjährigen Engländer wie ein Kind vor. Er hatte sie am liebsten unbekleidet um sich – auch Li fand das schön. Bloß seine ständige Angst vor einem Sonnenbrand ging ihr auf die Nerven.
„Sean! Ich brauche mich nicht fünf Mal am Tag einzucremen. Sagt man nicht, dass alte Leute immer das gleiche reden?“
„Ich habe dich schon charmanter erlebt, mein Kätzchen.“
O’Neill seufzte leise, er nahm ihr die Spitze nicht übel. Seine hübsche kleine Chinesin konnte erschreckend direkt sein. Sonst wäre sie ihm auch nicht aufgefallen. In den Hotel-Lobbys von Macao tummelten sich viele schöne Frauen – die meisten mit eindeutigen Absichten, was man einfach daran erkennen konnte, dass sie sich übertrieben aufdonnerten. Li war ihm durch die Zurückhaltung und durch ihre Eleganz aufgefallen. Nachdem er sie eine Zeitlang beobachtet hatte, sprach er sie an. Die krasse Abfuhr, die er erhielt, nahm Sean als Herausforderung, denn er hieß Sean Dubh O’Neill Earl of Argyll, Spross eines schottischen Adelsgeschlechts, das dafür bekannt war, niemals aufzugeben.

Sie kamen zusammen. Schon zwei Wochen später flogen sie nach Ho Chi Minh City. O’Neill hatte von Li Ai-Bao erfahren, weshalb es für sie höchste Zeit wurde. Nach einem weiteren Whisky ließ der Schock nach. Er überlegte, er sah Li vor sich sitzen, er sagte nichts – dann ging er zur Toilette und griff zum Handy, um neue Papiere für sie zu bestellen. Schon Mitte der neunziger Jahre hatte er die Villa in Vietnam erworben. Seine Firma in Hongkong brachte ihm damals viel Geld, und die Übergabe der britischen Kronkolonie an China stand bevor. O’Neill fühlte sich für neue Herausforderungen zu alt. Phan Thiet war zu der Zeit eine hässliche Stadt am Golf von Tonking, doch mit unvergleichlichen Stränden in der Umgebung. Inzwischen hatten sich Hotels angesiedelt, es gab Resorts, wo amerikanische Rentner Ferien machten, die über dreißig Jahre vorher Saigon gegen die Vietkong verteidigen sollten. Es war die letzte der sinnlosen Militäroperationen im jahrelangen blutigen Kampf der USA gegen den Kommunismus in einem weit entfernten Land. Saigon war längst umbenannt in Ho Chi Minh City, zu Ehren des Siegers.

„Nein, du träumst nicht, Li. Du bist besessen, besessen von deinen Mordplänen. Und ich bin in diesen Plänen nur eine Figur. Das passt mir nicht. Von Liebe wollen wir gar nicht reden.“
„Du weißt, dass ich dich liebe“, erwiderte Li ruhig.
„Ja, ja. In Hongkong hast du viele alte Männer geliebt.“
„Warum sagst du das, Sean? Willst du mich verletzen? Ich habe dir alles erzählt und nichts weggelassen – bevor wir nach Vietnam gegangen sind. Ich brauchte in Hongkong schnell viel Geld. Du weißt, wofür ich es verwendet habe, nicht für Schmuck oder Kleider. Ich habe dir nie etwas verheimlicht. Du kannst mich jederzeit vor die Tür setzen.“
„Komm’ mir nicht schon wieder damit. Li, ich bin ein alter Mann! Ich habe Angst um dich. Ich möchte dich nicht verlieren in den wenigen Jahren, die mir noch bleiben. Danach bist du immer noch jung, hast keine Geldsorgen mehr und kannst dir einen Jüngling suchen, der dich jeden Tag auf dem Küchentisch anspringt.“
„Das war geschmacklos.“ Trotzdem musste Li lachen. „Kommt mir aber bekannt vor. Welche Vorstellungen du so hast, also wirklich. Ich kenne dich doch, mein Brummbär.“ Sie hatte sich auf seinen Schoß gesetzt. „Du hältst etwas zurück. Was ist das?“

„Hat ja alles keinen Zweck“, murmelte O’Neill. Doch seine Augen verrieten ihn. „Li, wie ich mich manchmal nach Hongkong zurücksehne – du glaubst es nicht. Komisch, und dann bin ich wieder froh, dass diese verrückte Stadt weit weg hinter diesem Meer liegt. Übrigens hat mich vorhin ein alter Bekannter aus Macao angerufen. Ich habe ihm 20.000 Hongkong-Dollar zukommen lassen…“
„Wofür?“ fragte Li wie aus der Pistole geschossen.
„Für ein paar Informationen, die schwer zu beschaffen sind.“
„Nun rede schon! Bevor dein Gedächtnis versagt.“
„Vorsichtig! Das könnte mir glatt passieren, wenn du so weiter machst. Die Schwiegertochter meines Bekannten arbeitet als Krankenschwester im Langshen-Medicinal-Research-Center, oder einfach Lang-Med.“
„Schon davon gehört.“
„Lüg’ mich nicht an, Li – vermutlich bist du da schon herumgeschlichen. Das Lang-Med ist eine der besten Kliniken in ganz Südostasien. Genügend Kleingeld sollte man allerdings dabei haben. Nur dort können Herzoperationen durchgeführt werden. Die nächste Möglichkeit wäre die Universitäts-Klinik von Kanton, also Guangzhou.“

„Sean, sie haben meinen Mann ermordet.“
„Voriges Jahr wurden im Lang-Med insgesamt einundzwanzig Herzen verpflanzt – davon nur zwei zwischen März und April. Das war doch der entscheidende Zeitraum, oder?
„Ja!“ Li war wie elektrisiert. „Wir müssen wissen, wer von den beiden …“
„Falsch – es geht nur noch um einen Patienten. Die zweite Operation im April misslang, ein Mann arabischer Herkunft. Er starb ihnen auf dem Tisch weg. Zu alt, sagte die Schwester.“
„Wer ist der andere? Wer ist es?“
O’Neill musste überspielen, wie sehr ihn ihre Reaktion schockierte. So ein Hass in den Augen eines Menschen war ihm selten begegnet. Er dachte zurück:

Sie kannten sich erst wenige Tage. In einem lärmigen, verrauchten Dim-Sum-Restaurant sagte Li einfach so, dass sie vor kurzem zwei Menschen umgebracht hatte. Dann bedachte sie ihn mit einem zauberhaften Lächeln. In Hongkong war sie von außen in die Penthouse-Wohnung eines Hochhauses eingestiegen, um einen Mann namens Xiao Guangru zu töten, der für den Tod ihres Ehemannes mitverantwortlich war. Später reiste sie nach Nanning und überfiel im Morgengrauen den hochdekorierten General Wang Zongli, der im Park seiner Villa Tai-Chi machte. Die Wächter kamen, aber sie fanden den General nur noch tot vor. O’Neill hatte in der Zeitung einen Bericht darüber gelesen. Es hieß darin, der Täter habe über fünzig Mal auf den General eingestochen.

Nun stand sie splitternackt vor O’Neill, leicht vorgebeut, zitternd vor Spannung, ein Tier vor dem Sprung. So hatte er sich seine Gefährtin für den Lebensabend eigentlich nicht vorgestellt. Doch er liebte diese schöne Chinesin, so wie sie war. Er liebte sie, weil sie so war. O’Neill erkannte, dass sich ihr Hass auf diese Mörder-Clique auf ihn übertrug, mehr noch, er empfand zunehmend Abscheu vor China – vor diesem rätselhaften Land, das ihn geprägt hatte, das ihn zeitlebens in seinen Bann gezogen hatte.

„Bleib’ ruhig, Li! Setz’ dich hin und hör’ mir zu. Es gibt da zwei Probleme – ein technisches und ein subjektives, also ein Problem, das ich selbst habe. Erstens: Es ist enorm schwierig, die Identität dieses Patienten festzustellen, denn es existieren keine schriftlichen Aufzeichnungen. Und das zweite Problem: Dieser Mensch lebt nun mit dem Herzen deines Mannes Wu. Hat er sich schuldig gemacht? Ist das ein Grund, ihn zu töten? Vermutlich hat er keine Ahnung, von wem sein neues Herz stammt – viele Patienten wissen das nicht. Ich habe lange überlegt, Li.“
„Aha.“
O’Neill war irritiert: „Interessiert dich nicht, was ich mir überlegt habe?“
„Du weißt genau, was mich interessiert.“
„Ja, leider. Mein Bekannter wollte für die Informationen partout kein Geld annehmen, eine Frage der Ehre. Die 20.000 Hongkong-Dollar sind für einen Spezialisten bestimmt, ein Spitzenklasse-Hacker – das behauptet jedenfalls mein Bekannter. Er kommt für den Job von Shanghai angeflogen…“
„Extra mit dem Flugzeug aus Shanghai?“
„Na, und? Das muss drin sein bei dem Honorar. Die Krankenschwester wird ihm heute Nacht Zugang zum Rechenzentrum des Lang-Med verschaffen. Ich dachte immer, die könnten die Sicherheits-Software von außen knacken, aber der Mann behauptet, er müsse unbedingt direkt an den Computer heran. Die Schwester kennt sich aus, sie hat zwei Zugangscodes – vielleicht hat es damit etwas zu tun. Allerdings gibt es noch mehr Passwörter, und die kennt sie nicht.“
Li Ai-Bao blieb stumm.

Sie duschte sich kalt ab und zog ein leichtes Kleid über. In der Bar im riesigen Salon standen seine Whiskyflaschen, eine Sorte toller als die andere – er erzählte ihr ständig etwas über das wunderbar weiche schottische Wasser, über Pure Malts, über Single Malts und über allen möglichen Whisky-Kram, mit dem sie überhaupt nichts anfangen konnte. Alkohol trank sie kaum, schon gar nicht tagsüber – nun griff sie sich wahllos eine der Flaschen und nahm mit geschlossenen Augen einen kräftigen Schluck. Es brannte wie Feuer. Li keuchte, sie würgte, sie rannte in die Küche zur Spüle.
O’Neills buschige Augenbrauen verdeckten ihm fast die Sicht, als er sie zusammenzog: „Du siehst blass aus, mein Kätzchen. Am besten, du legst dich ein bisschen hin. Und denk’ nicht mehr so viel nach. Das macht dich krank.“
„Dein verdammter Whisky macht mich krank.“
„Du hast Whisky getrunken? Welchen denn?“
„Weiß ich nicht – ich hab’ nur einen Schluck genommen. Der hat mir gereicht.“
„Wie ist das nur möglich?“, rief O’Neill aus, schaute in den Himmel und streckte theatralisch die Arme hoch. „Da trinkt meine Li ihren ersten erlesenen Whisky, und dann weiß sie nicht einmal, welcher es war. In Schottland ist das ein Straftatbestand.“
„Mir ist nicht zum Lachen. Wann kriegst du Bescheid?“
„Morgen früh, genau um halb Elf. Dazu muss ich wieder nach Phan Thiet, wieder allein. Ich nehme ein Taxi. Solche Telefongespräche führt man nicht von zu Hause aus – ist auch so noch problematisch genug. Wenigstens kann niemand meine Stimme erkennen.“

Das Taxi kam langsam die lange Auffahrt hochgefahren. Die Luft auf dem Asphalt flimmerte vor Hitze. Li musste sich zusammenreißen, um Sean nicht entgegen zu laufen. Er kam hinein und schaute sich um. „Hallo, mein Kätzchen! Puh – ist das heiß heute! Ist Duyen da?“
Duyen war die Haushaltshilfe. „Nein“, antwortete Li. „Ich hab’ sie mit den Gardinenstoffen zum Schneider geschickt. Das dauert den ganzen Tag. Möchtest du einen Whisky?“
„Nur Wasser, bitte. Es sieht nicht gut aus, Li. Ich frage mich, was ich davon halten soll.“
„Wovon? Sag’ schon!“
„Unser teurer Spitzenhacker konnte leider nicht in den Hauptrechner eindringen, unmöglich, zu viele Sperren. Aber der Chefarzt hat seinen eigenen Computer – da hat es geklappt. Die Operation fand am 8. März statt. Sie begann um zehn Uhr morgens und dauerte über sieben Stunden. Unser Freund hat alles gecheckt, was damit in Verbindung zu bringen sein könnte – doch kein Name, keine Adresse, keine Bankverbindung, nichts Konkretes. Das einzige, was er gefunden hat, ist trotzdem interessant: ein auffälliger Begriff aus einem Dateifragment, das nicht richtig gelöscht wurde und in dem es um diese Operation ging: Carmel CA.“
„Carmel CA? Was bedeutet das?“
„Ein kleiner Küstenort in den USA, in Kalifornien, deshalb CA. Den Namen habe ich schon einmal gehört – in welchem Zusammenhang bloß?“
„Ein kleiner Ort“, flüsterte Li. „Ein kleiner Ort… dann könnten wir ihn kriegen. Sean, geh’ an deinen Computer! Du kannst doch mit dem Internet umgehen.“
„Jetzt ist es mir wieder eingefallen: Clint Eastwood!“
„Was soll das nun wieder sein?“
„Ein berühmter amerikanischer Filmschauspieler, könnte ungefähr mein Alter haben. Dieser Clint Eastwood war Bürgermeister von Carmel – vielleicht ist er es ja immer noch, wer weiß. Und Carmel? Natürlich, ein Nobelort direkt am Pazifik. Da wohnen Prominente. Das passt.“

Li kam spät auf die Terrasse. Es war schon lange dunkel. Sie hatte geweint und schaute auf das Meer. Der Vollmond stand über dem Golf von Tonking, er hatte eine schnurgerade Straße aus Licht für sie gebaut, auf der ihre Gedanken weit hinaus strebten.
„Ich bin traurig. Bald ist Wu’s erster Todestag.“
O’Neill nickte.
„Sie haben Wu um acht Uhr morgens umgebracht, am 8. März.“
Er nickte wieder.
„Es ist ein ausgeklügeltes System“, begann Li. „In der Provinz Guangdong, zwischen Guzhen und Rongqi, liegt der Militärflughafen. Von dort Luftlinie nach Hongkong ist die Entfernung unter 100 Kilometer, und nach Guangzhou nicht viel weiter – eine halbe Stunde mit dem Hubschrauber. In Xinhui fanden die Hinrichtungen statt. Von da sind es nur 20 Kilometer mit dem Auto zum Militärflughafen. Sie nahmen die Leichen aus wie die Hühner, schon während der Fahrt, und dann ab in den Hubschrauber mit den frischen Organen. Weißt Du eigentlich, dass ein Herz innerhalb von vier Stunden verpflanzt sein muss?“
„Ja – danach wird es unbrauchbar. Ich hab’ einen Artikel darüber gelesen.“
„Die Hinrichtungen in Xinhui waren später, im April. Ich habe ja selbst zugesehen. Wu wurde vorher auf diesem Militärflughafen ermordet – fachmännisch, um möglichst viel aus seinem Körper herauszuholen.“
„Li, wie kannst du dir so sicher sein, dass sie sein Herz nach Hongkong gebracht haben, und nicht nach Guangzhou? Eine entscheidende Frage. Womöglich laufen wir in Hongkong einem Phantom hinterher. Es könnte sein, dass du einen Unschuldigen verfolgst.“

„Nein, schuldig sind alle, Sean! Alle diese skrupellosen Schweine, die bei diesen Verbrechen mitmachen. Auch die Nutznießer – sie bezahlen viel Geld und reden sich damit heraus, dass sie nicht wüssten, von wem das Organ kommt, mit dem sie weiterleben. Aber sie lügen. Es ist ihnen egal, von vornherein. Sie bestellen sich ein neues Herz. Für sie kommt es nur darauf an, zu leben, selbst wenn ein anderer dafür sterben muss. Solche Leute haben den Tod verdient.“
„Hast du meine Frage vergessen?“
„Nein“, sagte Li. „Ich habe in Guandong neue Freunde gefunden, die genau beobachten, was in ihrem Land vor sich geht. Auf diesem Militärflughafen werden alle Starts und Landungen protokolliert. Die Kopien der Protokolle für einen Monat konnte ich kaufen, sie kosteten mich 1000 Yuan. Ein Freund half mir dabei. Vorhin bin ich die Protokolle durchgegangen. Am Morgen des 8. März landete bis elf Uhr gar kein Flugzeug, aber drei Maschinen starteten: Ein Truppentransporter, der nach Wuhan flog, ein Hubschrauber nach Nanning und – exakt um acht Uhr achtundzwanzig ein Hubschrauber nach Hongkong.“

*

Ou Nu-Kai – ihre zweite neue Identität innerhalb von einem Jahr. Die erste hatte Li nur paar Mal benutzt. Sean hatte auf der neuen Identität bestanden. Er behauptete, ihre ersten falschen Papiere taugten nichts, außerdem sei der Status als Festlands-Chinesin für sie auf Dauer zu gefährlich. Li Ai-Bao wurde zu einer taiwanesischen Geschäftsfrau, obwohl sie Taiwan nur aus Fernsehberichten kannte, in denen China die Insel zurückforderte. Von Hoh Chi Min City gab es keine Flüge nach Taiwan, sie musste über Manila fliegen. In Manila bestieg sie einen Philippine-Airlines-Jet nach Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan.

Taipeh war eine Millionenstadt, doch mit deutlich weniger Wolkenkratzern als Hongkong. Li fand die Stadt unchinesisch, zu sauber und zu kalt. Die Leute benahmen sich merkwürdig, sie schienen noch weniger Zeit zu haben. Bevor sie weiterfliegen würde, musste sie zwei Banken besuchen und auch die Firma, die ihr Vermögen verwaltete. Das alles hatte Sean vorbereitet. Als sie vor der Bank stand, schaute Li sich noch einmal die Blätter mit den Anweisungen an. Nach einer halben Stunde kam sie wieder heraus. Sie versuchte zu begreifen. Sean war viel reicher als sie erwartet hatte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Dieser alte Mann tat alles für sie, für eine Frau, die er erst ein paar Monate kannte, der er sich nicht sicher sein konnte und die er vielleicht nie wiedersehen würde. Li durfte Sean nicht enttäuschen. Er würde es nicht überleben.

O’Neill stützte sich mit beiden Händen auf dem steinernen Geländer der Terrasse ab. Sein Whisky stand in Reichweite. Er überlegte, warum der Mensch so fasziniert auf die See starren konnte – nichts als eine blaue Fläche ohne Orientierungspunkte für das Auge. Li saß nun in einem Flugzeug, das nach Amerika flog. Beiden war der Abschied sehr schwer gefallen. Sie wussten, dass ein Abschied für immer sein konnte. Trotzdem hatte er nicht versucht, ihr diese gefährliche Reise auszureden. Es wäre zwecklos gewesen. Sein Kätzchen hätte ihn verlassen. O’Neill hoffte, dass sich ihr Hass abnutzen würde. Mehrmals hatte er auf Li eingeredet und sie vor weiteren Morden gewarnt. Sie sollte versuchen, sich in die Lage des Menschen mit dem Herzen ihres Mannes hineinzuversetzen – aber sie war immer wieder ausgewichen. Immerhin hatten sich Zweifel in ihren Gesichtsausdruck geschlichen.
„Mr. O’Neill?“ Duyen, die Haushälterin, stand hinter ihm. Er ärgerte sich. War er auch schon schwerhörig? Warum hörte er diese Vietnamesin nie kommen?
„Was denn?“, fragte er barsch. „Duyen, es ist noch zu früh. Hör’ bitte auf, mich immer mit diesen blöden Pillen zu verfolgen!“
„Nein, ein Kuvert. Ein Kurier hat es eben gebracht.“
O’Neill riss das Kuvert auf – eine Nachricht von Ian Walthrop, seinem alten Kameraden.

Mit Ian Walthrop war er in der Army gewesen, ein verrückter Bursche – Draufgänger, Lebemann, selbsternannter Philosoph und Spiritist, dazu ein Spieler, der die Pleiten in seinem Leben nicht mehr zählte. In den achtziger Jahren hatte er sich der Sanyassin-Sekte in Oregon angeschlossen. Er stieg zum Chauffeur von Bhagwan Shree Rajneesh auf, den seine Anhänger auch liebevoll Osho nannten. Walthrop durfte den Guru in einem seiner dreiundzwanzig Rolls Royce durch die Gegend fahren. Als der charismatische Bhagwan starb, starb mit ihm seine Sekte. Das weitläufige Gelände in Oregon wurde verkauft. Die Bewohner hatten wieder ihre Ruhe – aber Ian Walthrop musste sich nach einer neuen Beschäftigung umsehen. Er ging in das Spielerparadies Lake Tahoe, um aus seinem angesparten Geld ein Vermögen zu machen. Ein Hoteldirektor hatte Mitleid und machte den alternden mittellosen Phantasten zum Portier, eine Position, die Ian Walthrop immer noch bekleidete.

O’Neill schickte seinem Kameraden manchmal einen Scheck, kommentarlos. Der hatte ihn nie um Geld gebeten, er hatte sich auch nie dafür bedankt. Beide wussten, warum – damit war die Sache erledigt. Als Duyen ihm das Kuvert übergab, ahnte er schon, dass es eine Nachricht von Walthrop war. Er faltete das Blatt Papier auf: kein Text, nur ein Name, ein Geburtsdatum, eine Adresse. O’Neill hätte fast das Gleichgewicht verloren, er griff schnell mit einer Hand nach dem Geländer. Kein Mann, sondern eine Frau:
Mrs. Rachael Sara Sherwood, born December 12, 1968, P.O.Box 07/164, Ocean Front Drive, Carmel-by-the-Sea, California 93921.
Wurde das Herz von Li’s Ehemann etwa einer Frau eingepflanzt? Und wenn ja, wie hatte Ian Walthrop das überhaupt so schnell herausfinden können? O’Neill hatte ihn doch erst vor einer Woche angerufen – nachdem ihm plötzlich eingefallen war, dass sein früherer Kamerad in Kalifornien lebte. Li hatte er nichts erzählt, denn er wollte sie nicht unnötig in Rage bringen.
„Duyen!“
Sie kam auf die Terrasse. Sie ging tatsächlich lautlos, er hatte also nichts an den Ohren.
„Ja?“, fragte sie.
„Ich muss noch in die Stadt. Es kann später werden.“
„Die Medikamente…“
„Ja, ja – ich weiß. Hol’ das Zeug!“

Es war nach Mitternacht, eine ungewöhnliche Zeit für O’Neill, weil er dann normalerweise schon schlief. Das kleine Speiselokal in einer Nebenstraße von Phan Thiet hatte immer noch geöffnet. Er saß in einem Hinterraum, vor sich ein museumsreifes Telefon aus den siebziger Jahren, daneben ein komisches Gerät, das seine Stimme verfremdete. Eine Viertelstunde lang hatte er sich mit Ian Walthrop unterhalten. Der kam ihm wieder mit alten Geschichten, für die O’Neill keinen Sinn mehr hatte. Schließlich konnte er das Gespräch mit einigen freundschaftlichen Floskeln beenden. Trotzdem, Ian hatte etwas von einem Genie. Leider hatte er das in seinem Leben nie richtig umsetzen können. Aber nach wie vor beneidete O’Neill seinen erfolglosen Kameraden auf eine gewisse Art. Typisch für ihn, wie leicht er die Adresse ermitteln konnte – und das war ihm so gelungen:

Walthrop fuhr die 250 Meilen von Lake Tahoe nach Carmel-by-the-sea, dort setzte er sich einfach im Park der Gemeinde zu den Pensionären und palaverte mit ihnen. Die Lebenserfahrung sagte ihm, dass ältere Damen für seine Absichten besser geeignet waren, denn die fingen sofort Feuer, sobald auch nur das Wort Krankheit fiel. Unter den Augen einiger weißhaariger Rentnerinnen fasste sich Walthrop gelegentlich an die linke Brustseite. Sein Arzt habe ihm gesagt, dass es nicht gut für ihn aussehe – in seinem Alter dürfe er eine Herztransplantation nicht mehr aufschieben. Er musste sich durch kritische Nachfragen hindurchlavieren. Nach den Verhören hörte Walthrop den Damen mit gespielt verhaltenem Interesse zu. Als dann der Name fiel, fragte er nebenbei, wie es der Frau nach der Operation gehe. Gut also – wie schön. Er verabschiedete sich höflich und setzte seine Leidensmiene auf: das Herz.

Der Wind hatte wieder zugenommen. Dieser harte, fast heiße Wind kam häufig auf, ideal für die Surfer, doch O’Neill ging er auf die Nerven. Er ging ins Haus, um sich einen Drink zu machen – den ersten an diesem langen Tag, der eigentlich schon vorbei war. Eines stand fest: Das Herz von Wu schlug nun für Rachael Sherwood. Ian Walthrop hatte alle Flüge im März und im April geprüft. Er bekam ohne weiteres Auskunft über die Passagiere, weil er die Fluggesellschaften offiziell im Namen des Hotels anmailte, in dem er arbeitete. Das Hotel gehörte zu einer internationalen Kette, die auch in Asien vertreten war. Bei Mrs. Rachael S. Sherwood seien Kreditkarten-Probleme aufgetreten – ob man ähnliche Schwierigkeiten habe. Bei Western Airlines schaute man kurz in den Computer: nein, keine Unregelmäßigkeiten. Mrs. Rachael S. Sherwood war am 12. Oktober als First-Class-Gast von San Francisco nach Daytona Beach geflogen, und davor am 3. März, ebenfalls First-Class, von Los Angeles über Honolulu nach Hongkong, in Begleitung ihres Ehegatten.

*

Li flog zuerst nach Kanada, nicht in die USA. Sean behauptete, nach dem 11. September 2001 könnte es für sie immer noch ein Risiko darstellen, direkt in die USA einzureisen, selbst mit ihren neuen Papieren. In China stand Li Ai-Bao auf der Fahndungsliste, vermutlich weit oben. Der Anschlussflug nach Vancouver ging von Tokio aus. Ihr Eindruck von Japan beschränkte sich auf immerzu lächelnde Mädchen – sie wollten ihr im Flughafen-Transit Parfüm und edle Handtaschen andienen, die es in Hongkong viel billiger zu kaufen gab. Vancouver war das Einfallstor für Asiaten. Bei der Einreise hatte sie keine Schwierigkeiten, aber die Kälte in Britisch-Kolumbien traf sie ein Schlag. Li stand vor dem Flughafengebäude und fror. Ihr kamen die Tränen, sie dachte an Yomen, an ihr Dorf in Shaanxi, wo das Wetter zu dieser Jahreszeit ähnlich war. Dem Taxifahrer nannte sie den Namen eines teuren Hotels. Seitdem sie mit Sean zusammen war, hatte sie fast nur noch Englisch gesprochen – das kam ihr nun gut zustatten.

Li Ai-Bao musste unbemerkt in die USA kommen. Es war leichter, als sie befürchtet hatte. Am übernächsten Tag verließ sie Vancouver mit dem Bus und stieg in einem Ort aus, der direkt an den US-amerikanischen Bundesstaat Washington grenzte. Sie hatte sich eine Karte der Umgebung gekauft. Es war ein Spaziergang durch eine faszinierende Winterlandschaft, dann hatte sie ohne Schwierigkeiten die Vereinigten Staaten erreicht. Mit einem Greyhound-Bus fuhr sie weiter nach Süden, Richtung Kalifornien. In Portland, der Hauptstadt des Staates Oregon, machte sie Station. Hier war es windiger und kühl, doch längst nicht mehr so kalt. Li hatte sich für das Telefonat mit Sean an einen Tisch in der hintersten Ecke eines Hamburger-Restaurants gedrückt. Zwischen Vietnam und den USA lag die Datumsgrenze. Sie rechnete vorsichtshalber noch einmal nach: Hier war es zehn Uhr abends – also war in Ho Chi Minh City der Mittag des nächsten Tages, dreizehn Uhr.
„Hallo?”
“Hallo, meine Liebe – wie schön, von dir zu hören!”, begrüßte sie O’Neill. Seine Stimme war klar und deutlich. „Wie geht es dir?“
„Gut. Ich bin in Portland, in Oregon.“
„Aha. Hör’ mir zu! Es gibt einen neuen Geschäftspartner, der dir behilflich sein wird. Er…“
„Einen Geschäftspartner?“ Li war entsetzt. Sie konnte sich nicht vorstellen, was passiert war.
„Ich kann es dir am Telefon nicht genau erklären – zu kompliziert. Aber ich kenne den Mann schon lange. Er ist zuverlässig, er wird sich bei dir melden. Ohne ihn wird aus dem Geschäft nichts. Mach’ doch erst ein paar Tage Urlaub. Warst du schon in San Francisco?“
„Nein.“
„Eine herrliche Stadt. Du kannst in zwei Tagen bequem da sein. Fisherman’s Wharf kann ich dir empfehlen – das ist weltberühmt, unten am Hafen. Verstehst du?“
„Ja.“
„In der Dämmerung ist es dort am schönsten. Ein Sonnenuntergang an der Bucht von San Francisco – beneidenswert. Es gibt da auch ein Wachs-Museum, besser als Madame Tussaud in London. Hast du übrigens mein Geburtstagsgeschenk mitgenommen?
„Dein Geburtstagsgeschenk? Ach so – ja, natürlich.“
„Das Gespräch wird teuer – lass’ uns Schluss machen. Ich vermisse dich, Ou Nu-Kai.“
„Ich dich auch.“

Zwei Tage später schlenderte Li durch Fisherman’s Wharf. Sie fand den Ort nicht attraktiv, es war mehr ein Jahrmarkt. Bald würde es dunkel sein. Sie trug die Jade-Halskette, die ihr Sean zum Geburtstag geschenkt hatte. Vor ihr tauchte das Wachsfiguren-Kabinett auf. Als sie noch überlegte, ob sie hineingehen sollte, stand plötzlich ein Mann vor ihr: „Frau Ou Nu-Kai?“
Li Ai-Bao antwortete nicht.
„Ich war mit O’Neill in der Army. Mein Name ist Walthrop. Lassen Sie uns hier abhauen.“
Sie saßen in einem großen, verbeulten Auto – der Mann prahlte damit, dass es ein Plymouth Roadrunner sei. Er berichtete ihr ausführlich von seiner Freundschaft mit Sean, so lange, dass Li ihn schon abwürgen wollte. Andererseits wollte sie den Fremden nicht verärgern. Endlich wechselte er das Thema: „Ich arbeite für eine internationale Hotelkette.“
„Interessant.“ Li machte deutlich, dass sie von nun an auch mitreden wollte. Dieser Kamerad von Sean war ihr nicht geheuer. „Sie sollen mich bei meinen Geschäften unterstützen, sagte mir Sean am Telefon. Mir ist bloß nicht ganz klar, wie das geschehen soll, Mister Walthrop.“
„Ich gebe vorläufig nur eine Information an Sie weiter.“
Li erstarrte auf dem Beifahrersitz. Ihr Atem stockte. Sie ahnte, was ihr dieser Mann mitteilen würde.
„Wer?“, fragte sie knapp, ohne aufzuschauen.
„Eine Frau.“ Ian Walthrop zog einen Zettel aus der Brusttasche seines abgetragenen Jackets.

Walthrop fuhr Richtung Downtown zu einem bestimmten Hotel. Die Straßen waren steil und kurvig. Li hatte keinen Blick für die Lichter von San Francisco. Sie dachte nach. Rachael S. Sherwood, kein Zweifel mehr möglich, eine Frau unter vierzig Jahren, verheiratet, sehr reich, mit einer Villa direkt am Pazifik.
„Wir sind gleich da“, kündigte Walthrop an.
„Kommen Sie eigentlich aus San Franciso? Nein, Sie wohnen auch in diesem Hotel, oder?“
„Das Four Seasons ist eines der ersten Häuser am Platz… muss ja nicht sein.“
„Komisch – Sie haben es doch für mich ausgesucht. Sind sie nicht Hoteldirektor?“
“Nein“, räumte er ein.
„Sie wirken auch gar nicht wie ein Hoteldirektor.“
„Ach was – na, und? Tatsächlich bin ich nur Portier, wenn sie es genau wissen wollen. Hat Sean Ihnen das nicht schon längst erzählt?“
„Nein. Wo wohnen Sie denn?“
„In Lake Tahoe.”
“Wo?”
Walthrop ging das Gespräch auf die Nerven. Diese Chinesin sah zwar gut aus, aber sie hatte noch nie etwas von Lake Tahoe gehört: „Das ist ein weltberühmter Ort in Kalifornien.“
„Fahren Sie heute Abend dahin zurück?“
Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
„Wollen Sie nicht mitkommen in mein Hotel? Ich würde Sie gern zum Lunch einladen. Wir könnten uns dabei noch ein bisschen unterhalten.“

Sie aßen gemeinsam zu Abend. Von obersten Stockwerk hatte man einen herrlichen Ausblick auf das nächtliche San Francisco. Walthrop war wie ausgewechselt. Er musste sich vom Hotel-Service einen Anzug ausgeliehen haben. Den Besuch im Restaurant genoss er sichtlich. Er gab sich leger, aber nicht übertrieben, er fand die Atmosphäre gediegen, er lobte das gelungene Ambiente – er redete dummes Zeug. Als er sich beim Mokka über das hervorragende Essen auslassen wollte, ging Li dazwischen. Die Speisen hatten ihr nicht geschmeckt, obwohl sie sehr aufwendig dekoriert waren, bis hin zu den Teigschiffchen mit frischen Kräutern, die auf der Vorsuppe schwammen.
„Sie sagten, sie hätten diese Mrs. Sherwood beobachtet?“
„Ich hab’ es jedenfalls versucht – war nicht einfach. Die Frau wird bewacht. So ein schwarzer Edel-Jeep folgte ihr, egal ob sie zum Einkaufen fuhr oder zum Golf.“
„Sie spielt Golf?“, fragte Li. „Ich habe schon Leute Golf spielen sehen, meistens Langnasen. Sie stehen auf einer Wiese, schlagen weiße Bällchen weg und suchen sie dann.“
„Wie?“ Ian Walthrop war indigniert. „Na, ja – ganz so ist das nicht. Ich spiele nämlich auch Golf. Das kann zu einer Wissenschaft ausarten, glauben Sie mir. Mit meinem Handicap ist es allerdings nicht weit her.“
„Was fehlt Ihnen denn?“
Er nahm seine Stoffserviette und tupfte sich den Mund ab. „Äh… Handicap ist ein Fachbegriff im Golf, eine Zahl, die anzeigt, wie gut oder wie schlecht ein Spieler ist.“

Walthrop hörte sich gern reden. Li konnte in ihn regelrecht führen in seiner Geschwätzigkeit, ohne dass er es bemerkte. Er begeisterte sich für Golf, er erwähnte Rachael Sherwood und nannte mehrfach einen Golfplatz: Pebble Beach, weltberühmt. Weltberühmt, er wiederholte es schon wieder. Li hatte nebenbei erfahren, dass Rachael Sherwood immer am Donnerstag und am Sonntag Mittag Golf spielte, außerdem wusste sie nun, dass ihr Ehemann eine Größe im Filmgeschäft war und sich wegen einer Neu-Produktion im Ausland aufhielt. Immerhin hatte Ian Walthrop die Herzverpflanzung nicht erwähnt. Er musste darüber Bescheid wissen, auch über die Hintergründe. Doch Walthrop würde sie nie vertrauen können, obwohl sie ihm damit wahrscheinlich Unrecht tat. Sie wollte diesen Mann loswerden. Zwischen ihm und Sean lagen Welten.

„Mister Walthrop?“ Li redete einfach dazwischen, sie hatte nicht mehr zugehört. Man servierte ihm gerade seinen vierten Whisky.
„Ja, was denn?“
„Ich möchte mich bedanken. Ohne Sie wäre es hier für mich schwierig geworden. Durch Sie weiß ich, was ich wissen muss. Sie haben sicher aus Freundschaft zu Sean gehandelt, deshalb verstehen Sie bitte nicht falsch, was ich sage: Ich muss alleine weiter machen. Das ist allein meine Sache.“
„Genau.“ Walthrop war angetrunken.
„Sie müssen mir etwas versprechen“, forderte Li.
„Was? Was denn versprechen? Na, meinetwegen.“ Er hatte in seinem Leben schon so vielen Frauen etwas versprochen.
„Niemand darf jemals von diesem Treffen erfahren. Wir sind uns nie begegnet. Deshalb ist es auch besser, dass sie nicht in diesem Hotel übernachten. Sean hat mir vorher leider nichts von Ihnen erzählt. Vielleicht fühlen Sie sich durch einen Scheck beleidigt. Ich will Sie nicht für einen Job bezahlen. Den Scheck können Sie nehmen oder nicht. Es wäre sowieso Geld, das Sean gehört. Einen Gefallen könnten Sie mir aber noch tun: Ich brauche ein Auto – mit Papieren, die in Ordnung sind und in denen mein Name nicht auftaucht. Könnten Sie das bis morgen Abend schaffen?“
„Sie mögen mich nicht, Ou Nu-Kai, stimmt’s?“
„Ob man jemanden mag, entscheidet nicht ein flüchtiges Zusammentreffen, sondern die Zeit. Ich habe keine Zeit. Ich habe etwas zu erledigen.“
Ian Walthrop war nicht weiter beeindruckt. Er sah die schöne Chinesin den Scheck ausstellen – 30.000 US-Dollar. Er musste auch an sich selbst denken. Bald wurde er 71 Jahre alt. Er hatte kaum Rücklagen, er hatte nur den Job als Portier. Seine wallenden weißen Schläfen, auf die alle Frauen standen, wurden von Tag zu Tag lichter. Er nahm den Scheck: „Ok, ich regele das mit dem Auto. Ich weiß nicht, ob es schon morgen klappt. Bleiben Sie hier im Hotel und warten Sie, bis ein Brief für Sie ankommt. Spätestens übermorgen haben Sie den Wagen. Er ist höchstens einen Monat legal. Ich wünsche Ihnen Erfolg. Das meine ich so.“
„Und ich wünsche Ihnen alles Gute“, sagte Li Ai-Bao. Sie stand auf.

Ein Nissan-Micra – kleiner und billiger ging’s kaum, auch noch in schäbigem Mausgrau, doch mit Automatik. Das Auto schien soweit in Ordnung zu sein. Es stand gegenüber vom Hotel vor einem Geschäft. Ihr Gepäck bestand nur aus einer eleganten Sporttasche. Li fuhr gleich los und konnte die Stadt auf dem richtigen Weg verlassen, ohne sich zu verfahren. Carmel lag ungefähr 100 Meilen von San Francisco entfernt – es wurden wunderschöne 100 Meilen mit faszinierenden Ausblicken auf den pazifischen Ozean. Die Straße führte meist unmittelbar am Meer entlang nach Süden, streckenweise über Steilküsten, die so spektakulär aussahen, dass Li mehrmals anhielt, um die Szenerie zu genießen. Sie hatte sich auf eine Leitplanke gesetzt, vor sich den Abgrund mit Bäumen auf bizarren Felsvorsprüngen, dahinter die unendliche azurblaue See. Es war so friedlich hier und so majestätisch, ein Platz, an dem man am liebsten für immer bleiben würde. Ihre Gedanken wollten nach Carmel vorauseilen, sie verloren sich in einem blendenden Nichts. Li suchte nach den Gefühlen, die sie noch vor Stunden bewegt hatten – sie tauchten kurz auf wie die Schaumkronen auf den Wellen, dann verschwanden sie wieder. Was ging in ihr vor? Konnte das Licht dieser Landschaft ihren Hass überstrahlen? Als sie weiter fuhr, war sie müde.

*

Rachael Sara Sherwood spielte nur mittelmäßig Golf – selbst dieses bescheidene Niveau hob sie aus der Menge der Mitglieder des Pebble-Beach-Golfclubs deutlich hervor. Den meisten Leuten im Club-Resort reichte es, sich selbst und ihre teuren Golf-Ausrüstungen vorzuführen. Sie konnte dem Spiel im Grunde nicht viel abgewinnen, doch für ihren Mann hatte es einen enormen Stellenwert. Golf zu spielen, wurde Rachael vom Arzt regelrecht verordnet – nach ihrer Herzoperation sei es die optimale Form der Bewegung, um die Folgen zu überwinden: nicht sehr anstrengend, sie konnte jederzeit eine Pause machen und war an der frischen Luft. So ging Rachel das Golfspielen auch an: Sie ließ Löcher aus, schlug Bälle auf’s Meer hinaus in Richtung Hawaii. Wenn sie keine Lust mehr hatte, warf sie den Schläger einfach ins Gras. Nur weil sie sich gelegentlich zusammenriss, reichte es für ein vertretbares Handicap.

An diesem Donnerstag war sie lustlos wie selten. Sie grübelte über ihre Ehe, die keine mehr war. Als ihr Mann ins Ausland ging, dachte er laut über Scheidung nach. Er hatte sich kaum die Mühe gemacht, seine neue Freundin vor ihr zu verbergen. Das Mädchen erhielt einen Job als Scriptgirl bei den Dreharbeiten in Marokko und musste ihn deshalb für die drei Monate begleiten. Sozusagen als Gegenleistung bekam Rachael plötzlich diesen Leibwächter vor die Nase gesetzt, einen Bodybuilder mit Spatzenhirn, der die meiste Zeit in seinem schwarzen Geländewagen saß, wo er mit einem Gameboy herumklickte. Rachael ging der Zustand auf die Nerven – so viel Stress, wie dieser Kerl bei ihr auslöste, konnte sie beim Golf gar nicht wieder abbauen. Noch am Morgen hatte sie zum Telefon gegriffen, um sich bei ihrem Mann darüber beschweren, aber er war ihr wieder mit der gleichen Leier gekommen. Sie brauche sich nicht aufzuregen, es gehe nur um wenige Wochen – wenn er zurückkomme, sei die Sache erledigt. Es gab ein Tabu, das Rachael auch bei diesem Telefongespräch nicht gebrochen hatte: Sie fragte nicht nach dem Grund für die Überwachung. Sie fragte auch den fetten Sheriff nicht, warum er neuerdings fast jeden Tag in der Villa vorbeischaute, um sich einen Zitronensaft bringen zu lassen und von der Terrasse aufs Meer zu glotzen.

Li hatte sich bei der Touristen-Information einen Faltplan besorgt, auf dem die 18 Grüns des Golfplatzes von Pebble-Beach eingezeichnet waren, sogar inklusive einer Relief-Darstellung mit 3D-Effekt. Eines der Grüns lag auf einem Plateau, das wie eine kleine Halbinsel ins Meer hinausragte. Das Plateau fiel steil ab, aber nicht sehr, so dass sie dort leicht hinauf klettern und sich zwischen den Felsen verstecken konnte. Der Bodyguard schien seinen Auftrag nicht besonders ernstzunehmen, er blieb in seinem Wagen, der hinten vor dem Klubhaus parkte. Es war ein bedeckter Tag – er wollte so gar nicht zu dem Klischee des sonnendurchfluteten Kalifornien passen. Rachael Sherwood spielte allein auf weiter Flur, sie spazierte mehr herum als ernsthaft zu spielen. Wenn ihr ein Schlag misslang, ließ sie den Ball manchmal einfach da liegen, wo er gelandet war, und schlug einen neuen Ball ab – Li verstand wenig vom Golf, doch sie wusste, dass diese Spielweise nicht den Regeln entsprach.

Den Schutz der Felsen zu verlassen, bedeutete ein unkalkulierbares Risiko, weil das Plateau von der Straße aus, die noch weiter oben verlief, gut einsehbar war. Wenn Rachael Sherwood die Lust am Weiterspielen verlieren würde, blieb Li keine Chance, unbemerkt an sie heran zu kommen. Sie war noch viel zu weit weg, sie versuchte gerade auf dem Grün vor dem Plateau einzulochen. Wenigstens dieses Mal hatte sie getroffen, denn sie ging zu dem Abschlagpunkt des nächsten Grüns. Bei diesem Grün musste das weiße Plastikbällchen in dem Loch versenkt werden, das eine kleine Fahne auf dem Plateau markierte – keine zehn Meter von der Stelle entfernt, wo Li auf der Lauer lag. Rachael Sherwood hatte schon drei Mal versucht, den Ball in die Nähe des Loches zu bringen, leider erfolglos. Sie warf frustriert ihren Schläger durch die Gegend, und für einen Moment hatte es schon den Anschein, dass sie aufgeben wollte. Dann fand sie in ihrem Trolley offenbar einen besseren Schläger und bereitete einen weiteren Abschlag vor.

Der Ball knallte gegen einen Felsen. Li hörte das harte Klacken ganz in ihrer Nähe. Sie hörte auch Rachael Sherwood vor sich hin schimpfen. Vielleicht würde sie den Ball verloren geben, so wie es schon bei anderen getan hatte. Die Frau kam näher, immer näher. Sie ging am Rand des Grüns entlang und schaute sich um. Nun stieg sie durch eine Enge zwischen zwei hohen Felsen hindurch. Lautlos war Li hinter ihr aufgetaucht, um den Rückweg zu versperren.
„Wie lebt es sich mit dem Herzen meines Mannes?“, fragte Li Ai-Bao laut.
Rachael Sherwood stand da wie vom Blitz getroffen.
„Wenn Sie schreien, sind Sie tot.“ Das aufspringende Klappmesser war unmissverständlich.
Aber diese Amerikanerin ließ sich nicht so leicht einschüchtern. Obwohl sie im Gesicht weiß wie eine Wand war, schien sie sich bereits von ihrem Schrecken zu erholen. Sie ging sogar einen kleinen Schritt auf Li zu: „Sie wollen mich umbringen? Bitte, tun Sie’s! Ich war schon oft kurz vor dem Tod. Ein Mal muss es ja klappen – warum nicht in dieser wunderschönen Umgebung und so spektakulär?“
Plötzlich kam sich Li mit dem Klappmesser idiotisch vor. Ihr Hass erreichte nicht die rechte Hand, die das Messer festhielt. Die Hand war kraftlos. „Mein Ehemann wurde heimtückisch ermordet. Man hat ihm sein Herz herausgeschnitten – für Sie!“
Rachael Sherwood ließ den Kopf hängen. „Entweder Sie stechen mich jetzt tot, oder ich setze mich hin. Mir ist übel.“ Sie ließ sich auf einem Stein nieder und fing leise an zu weinen.
Li fiel nichts Besseres ein, als sich auch hinzusetzen.

„Wie ist das mit ihrem Mann passiert?“, flüsterte Rachael Sherwood. „Wie soll ich denn mit so einem Herzen weiterleben? Wie kann soetwas Fürchterliches geschehen in China? Ich will es wissen, bevor ich sterbe.“
Warum sollte Li der Frau sagen, was geschehen war? Sie hatte keinen Anspruch darauf. Was ging es sie an? In ihrem Körper schlug ein neues Herz – weshalb interessierte sie sich auf einmal für das Elend, in das sie unschuldige Menschen gestürzt hatte? Die Hass war wieder da. Aber dann, von einer Sekunde auf die andere, brach alles in Li zusammen wie ein Kartenhaus. Ihr Blick konnte nichts mehr halten. Das Messer rutschte von ihrem Knie und fiel klappernd auf den Boden fiel. Li leckte die salzigen Tränen von ihren Lippen. Sie begann zu erzählen.

Irgendetwas stimmte nicht, Li hielt inne, sie fühlte sich auf eine merkwürdige Art beobachtet. Die Amerikanerin hatte nun das Klappmesser in der Hand. Warum hatte sie es aufgehoben? Li schielte mit gesenktem Kopf auf Rachael Sherwood. Für einen Sekundenbruchteil blickte sie in eiskalte Augen. Als Li sich zum Schein abwendete, bemerkte sie die Handbewegung. Die Amerikanerin verkannte die Situation, sie machte einen tödlichen Fehler: Sie hatte die Wut nicht wahrgenommen, die unter der Redseligkeit der Chinesin loderte. Sie wusste auch nichts von dem zweiten Messer. Noch bevor Rachael Sherwood zustechen konnte, zerschnitt ihr dieses Messer den vorderen Hals über dem Kehlkopf – durch die Wucht glatt wie Papier. Der Kopf sackte mit einem Schlag nach unten. Ein fingerdicker Blutstrahl spritzte heraus.

Das viele Blut machte sie fast verrückt, wie schon zuvor in China – nur dieses Mal ging es schneller vorbei. Die Amerikanerin lag tot vor ihr. Bevor sie anfing, musterte Li Ai-Bao die Umgebung. Außer zwei weit entfernten Golfspielern war kein Mensch zu sehen. Die Schnitte saßen. Sie hatte sich schon in Hongkong ein populärwissenschaftliches Buch über Anatomie gekauft. In der Hosentasche ihrer Jeans steckte die kleine Rosenschere. Zuerst wollte es nicht funktionieren, bis die Schere endlich Widerstand fand. Sie umfasste jede einzelne Rippe am unteren Ende und riss sie mit einem heftigen Ruck hoch, immer wieder, bis sie am Brustbein abknickte. Als sie die linke Brusthöhle freigelegt hatte, waren ihre weißen Latex-Handschuhe an zwei Stellen aufgeplatzt. Sie sah das Herz ihres Mannes. Es leuchtete hellrot, es fühlte sich noch warm an – es war ihr Herz. Ein Sonnenstrahl drang durch die Wolken über dem Stillen Ozean. Am Rande des Abgrunds stellte sich Li Ai-Bao vor das Meer wie vor ein imaginäres Publikum. Sie packte den bluttriefenden Fleischklumpen mit ihrer rechten Hand und streckte den Arm nach oben aus, in den Himmel. Ihre Hand wollte sich zur Faust ballen, doch das tote Herz ließ es nicht zu. Li Ai-Bao stieß einen langen Schrei aus.

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