Von Lebensraum halten die Deutschen Abstand. Es gibt das nach ihnen benannte Land Deutschland, und da halten sie sich dauerhaft auf. Man könnte auch sagen, dass sie ihr Staatsgebiet bevölkern oder dass sie in ihrer Biosphäre leben, obwohl deutsche Biosphäre gleich wieder bedenklich klingt – aber auf keinen Fall darf man deutscher Lebensraum sagen, das geht gar nicht, bis heute nicht. Der Begriff hatte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in die Köpfe geschlichen, wo er mit der Zeit zu einer Obsession ausartete. Man fühlte sich beengt im Heimatland, obwohl es groß war, mehr als groß genug für alle. Doch der Drang nach räumlicher Ausweitung wurde stärker, er hatte sich der Politik bemächtigt und verbreitete sich auch im Volk, er schien einem natürlichen Bedürfnis zu entsprechen, fast so als hätte man es schon immer gewusst. Mehr Lebensraum für die Herrenrasse, bevorzugt im Osten, wurde zum politischen Programm der Nazis, zusammengefasst in einem einzigen Schlagwort. Die meisten Deutschen fanden die Idee gut, besonders wegen des verlorenen Ersten Weltkriegs und der daraus resultierenden beträchtlichen Gebietsverluste – unter anderem waren Westpreußen und das Memelland an Polen gefallen. Allerdings konnten die Gebietsverluste allein den Lebensraumwahn nicht erklären, er war, wie gesagt, schon lange vorher da, und zwar unübersehbar: In den 1914 von Reichskanzler Bethmann-Hollweg formulierten Kriegszielen drückte sich das deutsche Expansionsstreben deutlich aus. Die Gebietsverluste bildeten den Katalysator, der Deutschland in den Zweiten Weltkrieg trieb, aber das wahre Motiv für das desaströse Verlangen nach mehr Lebensraum lag tiefer – viele Experten haben sich daran versucht, es zu ergründen, ich sehe hier von solchen Versuchen ab. Es waren die Zeiten des Sendungsbewusstseins, man dachte in hegemonialen und imperialen Kategorien, belassen wir es dabei.

Kein Wunder also, dass sich der Lebensraum nur schwer wieder zu einem neutralen Begriff rehabilitieren kann, das wird dauern. Trotzdem benutze ich ihn hier unbeschwert, nachdem der historische Ballast pflichtgemäß thematisiert wurde. Unser Lebensraum ist nur acht bis neun Kilometer hoch, doch dafür erstreckt er sich rund um die ganze Erde. Die meisten Menschen leben in dem Bereich von bis zu 500 Metern über dem Meeresspiegel, er bildet die dünne Kernsphäre unserer Existenz. Über der Atmosphäre kommt die Troposphäre, danach schließt sich die Stratosphäre an, wo die Grenze zum All fließend wird. Der höchste Berg der Welt, der Mount Everest, ist 8.848 Meter hoch, eine der wenigen Zahlen, die ich im Gedächtnis behalte, weil sie so eindrücklich die Grenze unseres Lebensraumes markiert… ich habe den übrigens den Verdacht, dass der Mount Everest absichtlich so hoch ist.

An einem Freitag des Jahres 2012 erreichten 81 Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest. An dem Wochenende waren es 200 Menschen, die den alles überragenden Platz auf der Erde okkupierten, sie wollten ihre angestammte Welt überwinden, wenn auch nur für kurze Zeit und unter größten körperlichen Anstrengungen. Nicht wenige der Gipfelstürmer müssen vorher erschöpft aufgeben, sie scheitern vor dem Ziel, beziehungsweise unter ihm – das muss deprimierend sein für die durchtrainierten Sucher eines ultimativen Elebnisses. Mich dagegen deprimiert der Mount-Everest-Tourismus als Phänomen, ich empfinde ihn als Sakrileg. Tief in meinem Herzen bin ich ein Indianer auf dem Kriegspfad, der seinen heiligen Berg entehrt sieht. Dieser Berg thront über uns, er ist Geist, mit profanem Sportsgeist vergeht man sich an ihm, er wird reduziert auf eine spektakuläre Erhebung, die ihres Erhebenden beraubt wird durch Menschenmassen und Sauerstoffmasken. Der Mount Everest verkommt zum Ziel eines fortlaufenden Spezial-Marathons himmelwärts, wie beschämend – es ist sehr wahrscheinlich, dass man die Frechheit an entscheidender Stelle weiter oben übelnimmt.

Auf Fotos von der ISS-Raumstation aus, die 400 Kilometer hoch um die Erde kreist, wirkt die Atmosphäre wie ein Hauch, der Eindruck verstärkt sich je mehr man sich der tangentialen Perspektive annähert, und bei einem bestimmten Einfallswinkel des Sonnenlichtes wird die Atmosphäre zu einem glänzenden Schimmer, ein Anblick ohnegleichen. Nun erwarten Sie sicher Sentiment und weinerliche Klagen über die Verletzlichkeit unseres Lebensraumes, Sie erwarten, dass wieder einmal die Klimakrise über Sie hereinbricht – nein, verweigert, die Klimakrise müssen Sie schon allein erwarten. Ich beschäftige mich mit dem fraglosen, mit dem selbstverständlichen Lebensraum – nicht mit seiner Infragestellung, nicht mit seiner Vernachlässigung, nicht mit seiner akuten Gefährdung oder sogar mit der drohenden Vernichtung unseres Lebensraumes. Daran wage ich mich nicht heran, denn ich bin kein Zweckoptimist, außerdem verbietet mir meine unangenehme Neigung zum Zynismus, alle Einzelheiten eines möglicherweise nahenden kollektiven Suizids vor Ihnen auszubreiten.

Wer auf dem Gipfel des Mount Everest steht, der hat die Schwelle zum Weltraum betreten. Der Weltraum ist nicht weit weg, gleichzeitig liegt er uns fern, obwohl wir ihn in einer sternenklaren Nacht praktisch direkt vor uns sehen, auch ohne Berge zu besteigen. Dann blicken wir in die Weite und in die Höhe zugleich, beide unendlich, die dritte Dimension eröffnet sich vor unseren Augen, und wir kommen bis zu unserem Tod nicht aus dem Staunen heraus – sofern es uns vom Lebensalltag nicht abgewöhnt wurde, versteht sich. Da mag es überraschen, dass sich viele Menschen räumlich nicht gerne nach oben und unten orientieren, der Grund: Die dritte Dimension macht den Menschen misstrauisch, das ist ihm so angeboren, es ist eine unbewusste Scheu. Wir erfreuen uns zwar am Anblick einer Landschaft mit einem Bergmassiv in der Ferne, und wir betrachten schwelgerisch das Meer, auf dem es nichts zu sehen gibt außer der Sonne, die am wolkenlosen blauen Himmel über ihm steht – doch wenn wir auf einem zwei Meter hohen Podest ohne Geländer stehen, dann bekommen wir es mit der Angst zu tun, mit Höhenangst, mit Raumangst, mit der Furcht davor, unvermittelt ins Leere zu fallen, dann schrillen die Alarmglocken des Kleinhirns. Sobald wir uns selbst in der dritten Dimension exponiert wiederfinden, signalisiert sie uns Gefahr, sogar Lebensgefahr.

Andererseits: Millionen Menschen fliegen mit dem Flugzeug, und die meisten von ihnen haben selbst in 11.000 Meter Höhe keine Angst. Wie kann das sein? Ganz einfach, die Fluggäste tauchen nicht in dritte Dimension ein, sie sehen nur fern, das Flugzeugfenster wird zum Bildschirm. Die moderne Fliegerei ist Erleben aus zweiter Hand, eine Glaswand schützt uns vor der Realität, die in diesem Fall eine tödliche wäre. Es verhält sich im Prinzip ähnlich wie bei einer Kreuzfahrt oder wie bei einer Safari – fremde Länder gleiten vorbei, wilde Tiere streifen durch die teure Optik, aber sie können uns nicht gefährlich werden, weil wir immer außen vor bleiben.

Die Menschen sind zwischendimensionierte Wesen – mit zwei Dimensionen kommen sie offensichtlich nicht aus, weil sie zu Nichts plattgemacht würden, doch die dritte Dimension steht ihnen nur in einer reglementierten Sparausführung zur Verfügung, tatsächlich bleiben sie weitgegend vor ihr abgeschottet, und alle Versuche, die dritte Dimension umfassend zu erobern, führen letzten Endes in die Irre – wir üben uns immer wieder im Sprung von der Kreisklasse in die Bundesliga, nur daraus wird nichts. Unser Raum ist mit der Geburt abgesteckt: vorne, hinten, die beiden Seiten, meinetwegen auch die Horizonte und oben der Himmel, der großzügig auf die Dachfirste der Häuser heruntersackt und dort bleibt, um uns so lange als Abschluss nach oben zu dienen, bis wir einmal bewusst zu ihm aufschauen.

Bei näherem Hinsehen bietet die Erde den Menschen erschreckend begrenzte Lebensräume. Das Meer entfällt, weil wir schlicht in ihm untergehen… ich finde das eigentlich ziemlich merkwürdig, denn ursprünglich entstammen wir dem Meer. Egal, es bleibt das Land, unser natürlicher Lebensraum. Es gibt auf der Erde viel weniger Land als Meer, trotzdem sind die Landflächen riesig, sie haben auch angesichts einer Weltbevölkerung von über sieben Milliarden Menschen eine gewaltige Ausdehnung. Bloß ist darunter auch viel Unland und Ödland: die kargen Gebirge, die Wüsten, die Halbwüsten, wie der tiefe Südwesten der USA mit Nordmexiko, die Sahelzone, Patagonien, das schier unermessliche australische Outback, die unendlichen mittelasiatischen Steppen, die riesige asiatische und kanadische Tundra, die Pol-Regionen, und dazu gehört auch, obwohl man es gar nicht erwarten würde, die gesamte Küstenregion des Mittelmeeres, die fast durchgehend abgeholzt wurde. Zwar reihen sich an den Mittelmeerküsten die Städte und Touristenhochburgen aneinander, doch der Schein trügt, die meisten liegen in kaputten, erodierten Landschaften. Generell aber drängen sich die Menschen in den fruchtbaren und süßwasserreichen Gegenden, zum Beispiel im Einzugsbereich des Ganges, wo mehrere hundert Millionen Menschen leben. Als Folge des anhaltend starken Bevölkerungsdrucks werden die geeigneten Lebensräume immer voller, sie nähern sich teilweise bedenklich ihrem funktionellen Zusammenbruch, und sie lassen sich nur schwer erweitern – unser gesamter Lebensraum scheint sogar durch die zunehmende globale Erwärmung zu schwinden, es gibt immer weniger Platz.

Solche düsteren Perspektiven sind unbeliebt – wer kümmert sich schon freiwillig um überstrapazierte und chaotische Lebensräume? Selbst die Wissenschaften halten sich auf diesem Gebiet vornehm zurück, die Untersuchung von durch menschlichen Einfluss verunstalteten Lebensräumen ist nicht populär, solche Arbeiten bleiben zumeist wenig beachtet in den Schubladen liegen. Hier zeigt sich eine typische Widersprüchlichkeit im menschlichen Wesen, vornehmlich wenn es als Kollektiv in Erscheinung tritt: einerseits die Sucht nach weiteren Erkenntnissen, andererseits die Weigerung, Konsequenzen aus ihnen zu ziehen. Die Widersprüchlichkeit ist so frappant, dass ich schon an ein Missing Link bei der Gehirnentwicklung des Menschen gedacht habe, aber nein, falsch – aus der zunehmenden Diskrepanz zwischen Wissen und dem verantwortungsbewussten Umsetzen von Wissen drängt ein archaisches Selbstschutzbedürfnis hervor, es ist ein unbewusster, doch nicht nur unbewusster Zwang, alle Widerspüche rechtfertigend und beschönigend zu relativieren, er manifestiert sich am deutlichsten auf die Weise, dass die Tatsachen in ihrer öffentlichen Vermittlung systematisch verdreht werden, sobald sie unerträglich zu werden drohen.

Den Weltraum finden die meisten Menschen pauschal hochinteressant, den Erdraum weniger und wenn, dann nur sehr selektiv, man hält sich an das Ansehnliche. Die Mars-Mission ist faszinierender als der Mount Everest – und allemal interessanter als das riesige, komplett ölverseuchte Niger-Delta, als die Müllhalden in Kalkutta von der Größe einer Kleinstadt, als die regelmäßigen Smog-Rekorde über dem unsichtbar gewordenen Peking oder als die Algenpest, die sich wie ein unüberschaubarer grüner Schlammteppich hunderte Kilometer an Chinas Stränden entlangzieht. Wir nehmen unseren Lebensraum so wahr wie er schon längst nicht mehr wahr ist, wir picken uns dumm wie Federvieh die verbliebenen Rosinen heraus… die Malediven, Santorin, den Grand Canyon, den Gardasee. Doch immerhin widmet sich die Wissenschaft dem Erd-Lebensraum in einer speziellen Disziplin der Geographie, die Raumordnung heißt. Wie nicht anders zu erwarten, wird diese Wissenschaft in Deutschland mit vorbildlicher Ernsthaftigkeit betrieben, denn Ordnung muss sein, Raumordnung sowieso, ungeordnete Räume empfinden die Deutschen tendenziell als Angriffe auf ihr allgegenwärtiges Strukturierungsverlangen. Nach bestimmten Kriterien werden verschiedene Räume kategorisiert und erforscht, man begreift einen Raum nicht nur als charakteristische Gegebenheit, sondern gleichzeitig als komplexen Prozess mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, den man gezielt beeinflussen und in seiner Entwicklung zu einem gewissen Maße steuern, also auch planen kann… geplante Lebensräume, zwar regelmäßig genau durchdachte, aber im Hinblick auf den Menschen eher unbedacht konzipierte Lebensräume mit fraglichen Schwerpunkt-Setzungen. Die Steuerung erfolgt nach dem sogenannten Gegenstromprinzip, worunter eine produktive Durchdringung der einzelnen Verwaltungsebenen zu verstehen ist. Das klingt gut, geradezu beruhigend, denn im Vergleich zur wissenschaftlichen Betrachtung hat der Raum im öffentlichen Bewusstsein nur einen überraschend geringen Stellenwert, er wird kaum als solcher wahrgenommen – die meisten Leute haben zwar einmal etwas von Raumordnung gehört, doch sie haben nur verschwommene Vorstellungen davon, womit sich diese Wissenschaft beschäftigt.

Deshalb fällt auch nicht auf, dass es entscheidende Fragestellungen gibt, bei denen die Wissenschaft von der Raumordnung kneift. Sie untersucht zwar eifrig Lebensräume, Wirtschaftsräume, Naturräume, sogar soziale Räume, sie versucht auch, diese mitzugestalten, und sie präsentiert so ein komplexes Miteinander verschiedenster Räume – aber sie gibt kaum handfeste Auskünfte über die grundsätzliche Lebensqualität von Lebensräumen, sie klärt uns nicht auf über die Voraussetzungen für adäquaten Lebensraum, dafür fühlt sie sich nicht zuständig. Die selbstauferlegte Beschränkung der Wissenschaften beim Umgang mit Erkenntnissen habe ich schon angesprochen, hier wird sie wieder augenfällig. Wie ist ein menschengerechter Lebensraum überhaupt beschaffen? Vielleicht so: ausreichende Infrastruktur, Arbeitsmöglichkeiten, genügend bezahlbarer Wohnraum und Rückzugsräume in der Natur. Doch so lässt sich kein menschengerechter Lebensraum beschreiben. Dazu gehört viel mehr als wissenschaftlich versierter Pragmatismus, der einem allzu gern vorgaukelt, man habe alles im Griff.

Der urbane Lebensraum kann bei zu hoher Verdichtung schnell abstoßend für den Menschen werden, zu einer grauen Tristesse für diejenigen, die ihn bewohnen, die ihn bewohnen müssen. Auch vor dem Hintergrund wuchernder Mega-Städte und städtischer Großräume muss man sich unvoreingenommen der Frage stellen, ab wann ein weiteres Verengen besonders des individuell wahrgenommenen Lebensraumes nicht mehr vertretbar erscheint. Außerhalb der großen Ballungsräume verschärfen sich die seit Jahrzehnten bekannten Probleme: anhaltende Zersiedelung, zu massive Bebauung und eine strukturelle Überbeanspruchung der Landschaft – hier versagt die Raumordnung als Wissenschaft, sie müsste Fehlentwicklungen vorausschauend korrigieren, sie müsste sich in der Gesellschaft mehr Gehör verschaffen und den Mut aufbringen, konzeptionell auch in weniger wirtschaftskonformen Alternativen zu denken – hier wäre mehr Selbstbewusstsein erforderlich, mehr interdisziplinäre Ausrichtung und energischeres Auftreten gegenüber der Verwaltung. Dieser Forschungsbereich muss die Menschen und die Umwelt deutlicher in den Mittelpunkt rücken. Ein Paradigmenwechsel würde allerdings unausweichlich dazu führen, dass einige Wissenschaftszweige ihre künstlich neutralisierten Positionen grundsätzlich zu überprüfen hätten. Bisher lassen sich Architektur, Raumordnung, Volkswirtschaft, Soziologie und Psychologie viel zu bedenkenlos von der allgegenwärtigen ökonomischen Vorherrschaft missbrauchen.

Lebensraum ist zu einem knappen Gut geworden, nicht allein aufgrund der problematischen Überbevölkerung – die Industrialisierung spielt eine große Rolle, die Aggregationsprozesse mit übermäßigen Konzentrationen von Menschen auf kleinstem Raum, das kapitalistische Wirtschaftsdiktat, die unheimliche Macht des Geldes, eine verfehlte Weltentwicklung. In Hongkong leben ungefähr 100.000 Menschen als sogenannte Cage-People, also als Käfig-Menschen, sie haben eine Art Verschlag in einer Wohnung gemietet, in dem man zumeist nur schlafen, aber nicht aufrecht stehen kann – das Ende des Lebensraums.

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