Das Berliner Stadtschloss hat den Deutschen noch gefehlt – Schlösser haben sie eigentlich genug, zwar nicht so viele und nicht so glanzvolle wie die Franzosen, doch immerhin imposante wie etwa Hohenzollern, Braunfels oder die Schloss-Soap Neuschwanstein, das aufgeschlagene Märchenbuch für die Welt. Nur stehen diese Schlösser bekanntlich schon länger da, sie sind Zeugen einer Vergangenheit, die zu weit zurück liegt, um sich mit ihr zu identifizieren. Was liegt da näher als ein zerstörtes Schloss mitten in der Hauptstadt neu aufzubauen, ein nationales Symbol wiedererstehen zu lassen, an dem keiner vorbeikommt? Nach langen Diskussionen konnte sich das konservative Establishment durchsetzen: Es bekommt endlich seinen Tempel der Restauration, es darf wieder zu etwas Erhebendem aufblicken.

Den Deutschen eignet das Bombastische. Nur lässt es sich heute nicht mehr auffinden, es hat sich in zwei verlorenen Weltkriegen verflüchtigt. Doch das deutsche Gemüt hat sich nicht verflüchtigt. Gefühlt wird das Stadtschloss auf dem Schutt dieser beiden Katastrophen errichtet, es versiegelt den Schutt, es verkapselt die dunkle Zeit, es verdeckt gnädig die nationalistischen Ekstasen, es macht die verheerenden Wutausbrüche, die Raserei der Deutschen im vorigen Jahrhundert zu Sondermüll der Geschichte, der nun unter royalistischem Preußen-Protz endgelagert werden soll – auf diese Weise will man an eine Kontinuität hochfahrenden Deutschtums anknüpfen, die es niemals gegeben hat.

Wenn da bloß der Mief nicht wäre, der dem Barock und damit auch dem Berliner-Barockschloss anhaftet, wenn da bloß nicht so penetrant der Kleingeist durchscheinen würde, diese Andächtigkeit vor den eigenen Werken, die notorisch epochal sein müssen. Nebenbei reüssiert damit auch Willem Zwei heimlich, er schleicht sich in die stillen monarchistischen Sehnsüchte, er bedient feudale Phantasien – der grenzdebile Kaiser des Patho-Pompösen wird hinter der neuen alten Fassade wieder herumspuken, der Militarist und Imperialist, der Schlamassel-Spezi mit dem Kasernenton, Wegbereiter für den brutalsten Rassisten aller Zeiten. Ob beabsichtigt oder nicht: Das Berliner Stadtschloss repräsentiert wilhelminisches Denken, es ist bereits verstaubt bevor es wieder steht.

Zwiespältig sind also die Assoziationen, die sich mit diesem Bauwerk aufdrängen – für die einen Mief, für die anderen das Odeur vergangener Größe, für die einen eine Augenweide, für die anderen Schnörkel. Vielleicht könnte ein Kompromiss zwischen Verehrung und Verachtung das Unbehagen abmildern: Wenn uns schon alles Großartige abhanden gekommen ist, dann muss zumindest eine angemessene Grablege her – und was wäre da besser geeignet als ein wiederauferstandenes Prunkschloss des Preußentums? Die deutschen Plattfuß-Indianer beerdigen ihre Träume in einem Mausoleum an der Biegung des Flusses Spree, sie brauchen etwas fürs Auge, einen Kristallisationspunkt für die Nostalgie, einen Platz, auf dem man die Schwermut abladen kann, ein architektonisches Vehikel zum Schwelgen in vergangenen Zeiten… man gönnt sich ja sonst nichts.

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