Wietse van Ammeren fliegt auf ihrem Rennrad durch das Rheiderland. Dieses Gefühl, über eine schnurgerade Straße durch die leere Landschaft fliegen, wo nichts den Blick hält, nicht denken – treten, treten, treten, den Glutball jagen, ihn verfolgen, in ihn hineinrasen wollen, bevor er versinkt. Wietse möchte das Dorf erreichen, bevor es dunkel wird. Dort gibt es eine Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern.

Auf dieser schnurgeraden Straße steht zur gleichen Zeit ein Mann, etwa zwei Kilometer entfernt. Boon Bathoorn bleibt ruhig. Er ist der Großbauer von der Hofstelle Kostverloren, ihm gehört das meiste Land hier. Ruhig bleiben – doch sie kommen. Sie kommen, die Anderen, sie sind da. So wie es der Alte vorausgesagt hat. Er hätte nicht alleine fahren sollen, er hätte einen Knecht mitnehmen sollen.

Die Grote Mandränke, das zweite große Massenertrinken in der Sturmflut von 1634, in der mörderischen Burchardi-Flut. Auch das Dorf Rungholt wurde von der Flut ausradiert, wie andere Dörfer, untergegangen im Dollart an einem einzigen Tag. Überall trieben die Leichen auf dem Wasser, man musste sie in Sammelgräbern beerdigen. Das steht in den Annalen.

Als vor sechs Jahren der Straßenverlauf begradigt wurde, kam der alte Druivenga über die Wiese angestolpert, auf die Baustelle zu. Boon Bathoorn kann so leicht nichts erschüttern, im Frühjahr schlug er einen durchgedrehten Ochsen mit dem Vorschlaghammer tot und verzog dabei keine Miene. Aber damals, beim Anblick des Alten schreckte er zusammen: Das Böse war in seinen Augen, es glühte in seinem Blick, aus einer irren Angst heraus. Er war mit einem Mal ein Fremder. Druivenga kämpfte mit sich, Boon konnte es sehen, der Alte kämpfte. Er schrie die Arbeiter an, spuckte aus, sabberte, grölte wild herum. Dann holte er mit seiner halbleeren Genever-Flasche gegen die Baumaschinen aus, schlug die Flasche auf einem Bagger kaputt, immer wieder, ganz kaputt, bis ihm das Blut hellrot aus der Hand spritzte.

Wietse van Ammeren liegt auf dem Boden. Sie kann noch nicht richtig denken, ihr Kopf, sie versucht sich klarzumachen, was passiert ist. Gestürzt, halsüberkopf vom Fahrrad gefallen, aber wenigstens funktioniert das Denken noch. Nur das Bein tut weh, das linke. Trotzdem gelingt es ihr, aufstehen. Zuerst auf die Knie, irgendwie, auf den Knien hocken und sich dann mit den Händen abstützen – Pause, mühsam rappelt sie sich wieder hoch, kommt endlich in den Stand, sie wankt ein bisschen, doch sie steht.

Sie kann sogar gehen, immer langsam einen Fuß vor den anderen setzen. Da am Straßenrand, ihre schöne Rennmaschine, das Vorderrad total verbogen, irreparabel. Was ist los? Wietse van Ammeren fühlt, dass sie nicht allein ist. Die Dämmerung nimmt zu, die Konturen beginnen schon zu verschwimmen, die grünen Wiesen sind dunkelgrau geworden. Sie schaut sich nach allen Seiten um. Niemand da, keine Menschenseele, aber da sind diese Geräusche. Ein Ächzen aus der Ferne, ein Rumoren, ein Platschen in den Entwässerungsgräben. Nichts zu erkennen, nichts. Mit einem Schlag fällt ihr wieder ein, wie es zu dem Sturz gekommen ist – sie will hier nicht bleiben, keine Sekunde länger, sie humpelt los, nein, sie humpelt nicht mehr, sie rennt.

Boon Bathoorn hat sich hinter die offene Fahrertür seines Jeeps zurückgezogen, der Schlüssel steckt. Sie kommen, die Anderen, sie sind da. Meistens kommen sie im Herbst, meistens kommen sie kurz vor Vollmond. Vor seit sechs Jahren begann es, seitdem werden im Rheiderland Menschen vermisst. Zuerst sind es nur Schatten, schwarze Quallen, die aus dem Nichts auftauchen, schemenhaft, kaum auszumachen. Langsam setzen sich ihre Silhouetten schärfer ab vor der Weite der Polder im Mondschein. Sie torkeln, sie wanken, doch sie sammeln sich. Boon sieht das Aufblitzen von Reflektionen im schwindenden Sonnenlicht, er sieht Arme hochzucken. Er hat sich auf die Unterlippe gebissen, das Blut im Mund schmeckt bitter.

Sie sind näher gekommen, Boon Bathoorn hat sich hinter das Steuer geworfen und ist mit aufheulendem Motor davongejagt. Nun rollt der Jeep auf den Platz zu, wo der Polderkanal in den Staadskanal einmündet. Die Stelle hat ihm einmal der alte Druivenga beschrieben, es ist die richtige Stelle. Als die Scheinwerfer eine Gestalt erfassen, tritt Boon hart auf die Bremse. Beinahe wäre er mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe gestoßen. Das Zittern hat sich angekündigt, in diesem Moment überfällt es ihn. Er reißt sich zusammen, er erkennt eine junge Frau – die Kupplung bleibt durchgetreten, der erste Gang ist eingelegt. Die Frau gestikuliert und läuft auf ihn zu.

Boon hat das Fenster nur einen Spalt breit geöffnet. Immerhin macht sie in ihrem Sportdress einen sehr lebendigen Eindruck. Das Mädchen blutet an einem Bein.
„Unfall?“
„Endlich kommt jemand!“ Wietse van Ammeren ist sichtlich erleichtert, sie ist noch außer Atem, sie redet hektisch auf den Mann im Auto ein. „Bin gestürzt, mit meinem Rennrad, voll über den Lenker geflogen, zu abrupt gebremst. Vor mir war auf einmal irgendetwas – dachte ich, Leute oder so, aber…“
„Wir müssen hier weg“, sagt er scharf, „Du bist verletzt?“
„Nur am Oberschenkel, Schürfwunde. Ich bin ins Gras geflogen, ich konnte mich abfedern, so einigermaßen.“
„Steig’ ein!“, blafft er das Mädchen an. „Wir müssen weg hier, aber ich muss noch eben etwas erledigen, dauert nicht lange.“
Seine Augen suchen sorgfältig die Umgebung ab. Nichts, nichts außer den Linien der Gräben, die sich im Grenzenlosen treffen. Die Dämmerung geht in die in Nacht über, keine Wolke am Himmel, aber der Mond. Ganz dunkel wird es heute nicht werden.

„Mein Fahrrad muss mit“, erklärt Wietse, als sie neben ihm sitzt, „nicht ohne mein Rennrad, das war teuer.“
„Morgen.“
„Von wegen – morgen ist es geklaut. Wir holen das Rad sofort, oder ich ruf‘ die Polizei an.“
„Mach‘ was du willst.“ Auch noch frech werden, Boon ärgert sich über das vorlaute Mädchen, aber er ist im Stillen froh, nicht mehr allein zu sein, er lenkt ein. „Gut, wir holen dein Fahrrad gleich. Ich muss nur vorher noch das Schwein ausladen. Hier, nimm mal kurz das Gewehr!“
„Igitt!“ Wietse van Ammeren kann nicht fassen, was vor sich geht. Der Kerl hat ihr eine Flinte in die Hand gedrückt, er hat eine Jutedecke auf der Rückbank hochgeschlagen, und nun blickt sie mit großen Augen auf zwei Schweinehälften. „Warum willst du denn das Schwein ausgerechnet hier ausladen, hier in dieser einsamen Gegend?“
„Es wird abgeholt, ein alter Brauch.“
„Ehrlich?“

Seit drei Jahren legt Boon Bathoorn zwei Schweinehälften aus, immer im Herbst um diese Zeit, immer an diesem Platz. Am nächsten Tag sind sie weg, jedes Mal. Aber es lohnt sich. Seit drei Jahren kam kein Mensch mehr zu Schaden, und es wird auch niemand mehr vermisst. Die Staatspolitie hat längst aufgegeben, sie ist abgetaucht, er kann die blöden Witze am Telefon nicht mehr hören.
„Gib mir das Gewehr!“ Boon steht vor dem Jeep, er hat Kraft, er hat die erste Schweinehälfte mit Leichtigkeit geschultert. Die Stelle ist nur ein paar Schritte entfernt. Genau hier, am Rand des Kanals will er seine Last ablegen, da hört ein tiefes Gurgeln, ein Röcheln. Der Uferschlick vor ihm hebt sich, er hebt sich weiter, bis eine schlammbedeckte Gestalt daraus hervorkriecht, sie stöhnt, noch nie hat Boon so ein Stöhnen gehört, er lässt die Schweinehälfte fallen, er greift nach seinem Gewehr, in einem Sekundenbruchteil zielt er – die Gestalt reißt die Arme hoch, abwehrend, Knochenarme, an denen skelettierte Hände hängen. Boon will schießen, doch plötzlich erkennt er ihn.
„Druivenga! Um Gottes willen, Druivenga!“ Sein rechtes Auge hängt heraus, er hat ein klaffendes Loch in der Stirn, die halbe Nase ist abgebrochen, er starrt vor Dreck – aber Boon Bathoorn erkennt seinen alten Knecht, den er vor vier Jahren beerdigt hat. Er schießt, ein lauter Knall hallt durch die unendliche Weite des Rheiderlandes, er schießt noch einmal, dann hört er hinter sich den Schrei.

Boon Bathoorn handelt kaltblütig. Er schiebt blitzschnell zwei neue Patronen in sein Gewehr nach und läuft in einen besseren Winkel zum Jeep, um das Mädchen nicht zu gefährden. Er zielt, er zielt präzise, lädt wieder nach, schießt, lädt immer wieder nach, er schießt und schießt, bis sich die Traube um das Auto herum aufgelöst hat. Die Fahrertür ist frei, Boon rennt los, reißt die Tür auf, wird am Bein festgehalten, eine schmerzhafte Kralle, wie ein Wilder hämmert er mit dem Gewehrknauf auf die Hand ein, dann ist der Arm zertrümmert, er kann hineinspringen, die Tür zuschlagen, den Motor anlassen, Gas geben.

Sie rasen durch die Nacht. Sie rasen schon zehn Minuten lang auf der schnurgeraden Straße durch die Nacht. Schweigend. Wietse hat sich an Boon angelehnt, ihr Kopf sucht seine Halsbeuge, das Zittern nimmt langsam ab, verschwindet schließlich ganz.
„Was ist mit dem Fahrrad?“, fragt er.
„Ich will es nie wieder sehen.“

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