Bruno klebte Plakate im Akkord. Die großen Flächen mochte er besonders. Wenn er fertig war, ging er ein Stück zurück, um sich anzusehen, was er aus den Papierbahnen zusammengesetzt hatte. Dann wurde er meistens ein bisschen stolz – nicht immer, es kam auf das Motiv an.

Bruno blickte betroffen auf das Loch in der Aufstellwand. Vandalismus gehörte zu seinem täglichen Brot, zerfledderte oder vollgesprayte Plakte, aber soetwas wie hier hatte er vorher noch nie gesehen. Die drei mal vier Meter große Fläche war hin, nicht mehr zu reparieren. Er musste es melden.

Bruno ging näher heran. Die Silhouette der Frau war herausgeschnitten. Ein Verrückter. Viel Mühe hatte er sich nicht gemacht. Ihre Hände schienen mit Gewalt herausgebrochen worden zu sein. Eigenartig, an den Rändern klebte bläulich-rote Farbe. Ein Verrückter. Bruno schüttelte den Kopf, er suchte in seiner Jacke nach dem Handy.

*

Man hatte Gerber auf’s Abstellgleis geschoben. Vorher war er in der Mordkommission – bis die ersten Morde vorkamen. Nun übergab man ihm Ehestreitigkeiten, Diebstahl, sogar lächerliche Sachbeschädigungen. Er starrte angewidert auf die Plakatwand mit dem Loch. Der Besitzer palaverte wegen der Versicherung herum und jammerte über die verlotterten Verhältnisse.

„Was für ein Plakat ist denn das?“, fragte Gerber barsch dazwischen.
Der andere sah ihn ratlos an: „Herr Kommissar, haben Sie keine Augen im Kopf? Da steht es, in riesigen Buchstaben: AOK – die Gesundheitskasse.“
„Nicht unverschämt werden! Krankenkasse also. Und die Frau?“
„Eine Negerin.“
„Was – eine Dunkelhäutige?“
„Na und? Sie ist ja auch weg.“
„Nur auf diesem Plakat.“ Kommissar Gerber überlegte. „Ich brauche das Originalfoto.“

Der Chef hakte nach: „Haben Sie etwas gefunden bei dieser kaputten Plakatwand?“
„Weiß nicht. Ich bleib’ dran.“
Der Chef stutzte, aber er blieb ruhig: „Äh… gut.“ Wenn Gerber beschäftigt war, störte er am wenigsten.
„Ich lasse die Farbe analysieren“, sagte Gerber.
„Farbe?“
„Ja, an den Rändern. Wo die Frau ausgeschnitten wurde, war überall Farbe, rote Farbe.“
Der Vorgesetzte beugte sich schnell zu seinem Untergebenen herab: „Blut?“
„Unwahrscheinlich. Die Farbe ist komisch, so’n Blauton – hier.“ Er zeigte auf ein paar Fetzen vor sich auf dem Schreibtisch. „Ich meine… wie hätte die Frau bluten sollen? War doch nur ein Foto.“
„Ein durchgeknallter Sex-Idiot.“
„Weiß nicht – sie war angezogen. Warum malt da einer rum?“
„Bleiben Sie dran, Gerber!“

Das Telefon klingelte. Es war ein Kollege von der Streife: „Gerber, wir haben zwei Jungs aufgegriffen. Die haben sich bei der alten Molkerei rumgetrieben.“
„Na und?“
„Die sagen, sie hätten da die Frau vom Plakat gesehen.“
„Quatsch!“ Er wollte schon auflegen, da fiel ihm etwas ein: „Haben sie die Frau beschrieben?“
„Eine Schwarze – wär’ ziemlich lang, meinten sie. Wenn sie sich bewegt, soll sie ganz dünn werden, manchmal auch blau.“
„Wieso dünn, wieso blau – was soll der Scheiß? Quatsch! Gib mir mal die Adressen.“

Gerber hockte auf einer Treppenstufe neben der Rampe, wo früher die Milch angeliefert wurde. Aus den Fugen zwischen den Flachklinkern wuchsen Grasbüschel, teilweise hatten sie die Klinker schon angehoben – die Natur, hartnäckig und anspruchslos. Ihn nervte, dass es hier so still war. Der Schrott vor seinen Augen machte ihn trübselig.

Er hatte den beiden Jungen wortlos zugehört, er hatte ihnen versprochen, sich wieder zu melden. Das war vorgestern. In der Innentasche seines Jacket’s steckte ein Briefumschlag mit der Laboranalyse vom LKA, dazu noch zwei Fragebögen, die er ausfüllen sollte. Gerber saß immer noch auf der Betontreppe. Irgendetwas stimmte nicht. Warum der Aufwand? Der Befund war unverständlich formuliert. Aber von Blut stand nichts drin, kein Wort. Seine Frage, ob es sich bei der Farbe um Blut handeln könnte, blieb unbeantwortet.

Er entdeckte die Frau zwischen zwei verrosteten Tanks. Mal war sie da, dann war sie wieder verschwunden, ein Zucken im Licht des Spätnachmittags. Gerber rannte hin: „Hallo?“
„Ja.“
Keine richtige Stimme, mehr ein Sirren. Doch er hatte es deutlich gehört. Plötzlich war sie neben ihm, nicht weit entfernt. Die Frau stand einfach da – so wie jemand dasteht, ähnlich wie auf dem Plakat. Sie hatte ihm ihre Seite zugewandt, sie lächelte, sie bewegte sich, wurde für einen Moment zu einem Strich, den ein schwachblaues Leuchten umgab. Gerber würde gleich das Gleichgewicht verlieren.
„Schluss mit diesen albernen Tricks!“, schrie er los. „Nicht mit mir! Die Kamera aus!“ Er musterte scharf die Umgebung.
„Hier gibt es keine Kamera“, sagte die Frau.
„Ja, ja – von wegen! Wer sind Sie? Sie sind doch gar kein Mensch!“ Er konnte nur noch krächzen.

„Ich bin aus Farbe. Es gibt mich fünftausendvierhundertfünfzig Mal.“
„Aha.“ Für Gerber war das eindeutig zu viel. Hinter ihm lag ein mächtiger Eisenträger, auf den er sich heruntersacken ließ.
„Wollen Sie mich einfangen?“, fragte sie.
„Ich – ich kann Sie schlecht verstehen.“ Er wollte sie bitten, näher heranzukommen, er ließ es. Die Angst. Gerber schwitzte. „Ob ich Sie fangen will?“
„Ja.“
War er verrückt geworden? Endlich brachte er ein Gemurmel zustande: „Keine Ahnung – das heißt nein, ich will sie bestimmt nicht fangen.“
„Kann ich bei ihnen wohnen?“, fragte sie. „Hier ist es so einsam.“
Er rappelte sich auf, stakte unbeholfen über Metallteile und Bauschutt. Weg, bloß weg hier!

Die Frau folgte ihm. Gerber wollte sich nicht umdrehen.
„Wollen Sie mich nicht mitnehmen?“ Ihre Stimme hörte sich zerbrechlich an. „Sie gehen zu schnell für mich.“
Er konnte nichts anders, er wartete, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte.
„Ich habe immer im Plakat gestanden. Da wird man völlig steif. Aber es wird langsam besser mit dem Gehen.“
„Freut mich.“ In einem Anflug von Gelassenheit beschloss Gerber, die Situation so zu nehmen, wie sie war. Gedanken konnte er sich auch später noch machen. Zum ersten Mal betrachtete er die dunkelhäutige Frau in Ruhe.
„Sie sind sehr schön.“
„Vielen Dank. Als Model muss man schön sein.“
„Woher können Sie Deutsch?“, wollte er wissen.
Sie lachte, sie lachte so befreit, dass er hysterisch mitlachen musste. Sie sagte: „Das Plakat gibt es in vielen Ländern. Überall wo es aufgestellt wird, bin ich geboren. Die Sprache ist kein Problem. Deutsch spreche ich genauso gut wie amharisch.“
„Am…?“
„Amharisch, eine Sprache in Äthiopien, in Makedas Heimat. Auch ich bin Makeda, sie selbst ist ja immer unterwegs. Diese Woche hat sie ein Foto-Shooting in Rom. Rom soll eine wunderbare Stadt sein. Waren Sie schon einmal in Rom?“
„In Rom?“ Gerber schluckte, schüttelte den Kopf. „Kommen Sie, wir fahren los.“

„Gerber!“
„Ja, Chef?“
Montag morgen – sein Chef trabte mit langen Schritten auf ihn zu. Das bedeutete nichts Gutes.
„Verdammt, wo haben Sie diese Laboranalyse?“, herrschte er ihn an.
„Hier.“ Gerber nickte bedächtig dem dicken Briefumschlag zu, den er in der Hand hielt.
„Warum habe ich die nicht schon längst bekommen?“
„Weil Wochenende war. Kam erst Freitag nachmittag.“
Sein Vorgesetzter mäkelte weiter: „Die Polizei kennt kein Wochenende! Wie sehen Sie überhaupt aus, Gerber? Sind Sie krank?“
„Ich hab’ Besuch, äh… unerwarteten Besuch – etwas zu viel Wein getrunken, glaub’ ich.“
„Hmh.“ Der Chef grunzte und signalisierte damit ein gewisses Verständnis. Er betrachtete seinen Untergebenen verstohlen. Der hatte sich ja ganz neu eingekleidet. Eigentlich war Gerber ein Garant für grausame Geschmacksverfehlungen – erst neulich der gelb gestreifte Pullunder unter der babyblauen Popelin-Jacke. Aber heute passte bei ihm alles zusammen. Dem Chef fiel die Analyse wieder ein.

„Diese blöde Analyse! Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Ich hatte eben einen Anruf vom LKA, vom Landeskriminalamt, verstehen Sie?“
„Natürlich“, antwortete Gerber indigniert. „Und?“ Seine Augen begannen zu funkeln.
„Die kennen diese Farbe – diese Substanz nicht. Soll organisch sein, fast wie Blut, aber anders.“
„Tja.“
„Die wollen Experten schicken.“ Der Chef klang verzweifelt. „Die wollen diesen Plakat-Mist tatsächlich näher untersuchen, lachhaft. Ich kann das nicht mehr abbiegen, Gerber! Ich will keinen Ärger kriegen mit oben. Wir müssen vorbereitet sein, alles muss schriftlich festgehalten werden. Was hat die Einvernahme der beiden Jungen gebracht?“
„Nichts“, gab Gerber sofort zurück. „Ein Neunjähriger und ein Zehnjähriger. Kinder eben. Die Phantasie ist mit ihnen durchgegangen.“
„Machen sie ein Gedächtnisprotokoll. Übrigens, woher wussten die beiden überhaupt von der Frau?“
„Stand groß in dieser Reklame-Zeitung, die mittwochs in jedem Briefkasten steckt.“

Bruno konnte sich genau an das Plakat von der Krankenkasse erinnern. Eine junge Familie, die auf einer Wiese Ball spielte – die schwarze Schönheit war ihm gleich aufgefallen. Auf dem Foto warf sie ihrer kleinen Tochter den bunten Ball zu. Der Vater lachte und streckte die Arme aus.

Inzwischen hatte man die Aufstellwand erneuert. Es war schnell gegangen, denn gerade in diesem Geschäft bedeutete Zeit reines Geld. Bruno hatte die neue Wand auch schon eingeweiht, mit einem Plakat, auf dem ein Cabrio in glänzendem Metallic abgebildet war – Peugeot, mit einer Blondine am Steuer. Ihre Haare wurden vom Fahrtwind aufgewirbelt. Die Blondine wäre ihm sowieso lieber als das Cabrio: zu klein und zu teuer.

Bruno fuhr von der Arbeit zum Betrieb zurück. Gerade hatte er die Kreuzung überquert, wo die neue Plakatwand stand. Er ging voll in die Bremsen. Das wütende Hupen ignorierte er, das Stakkato der Lichthupe nahm er nicht wahr. Als die anderen Autos weg waren, wendete er.

Ein einziger Seitenblick genügte, um zu registrieren, dass mit dem neuen Plakat etwas passiert war. Sein Unterbewusstsein hatte das Bild in einem Sekundenbruchteil aufgenommen, aber verzögert weitergegeben. Bruno ließ die Seitenscheibe herunterfahren und staunte mit offenem Mund: Die Farben des Plakats mit der Blondine im Peugeot-Cabrio waren stellenweise verblasst. Schemenhaft konnte man wieder den Umriss der Frau erkennen, die jemand geklaut hatte. Unmöglich. Hier klebte nun ein ganz anderes Plakat, dazu auf einer neuen Aufstellwand. Bruno lief es kalt den Rücken runter. Seine Finger verkrampften sich im Lenkrad. Er musste telefonieren, er hatte die Nummer von diesem Kommissar – wie hieß er noch?

Gerber saß regungslos an seinem Schreibtisch. Der Chef war gegangen. An das Gespräch mit ihm verschwendete er kaum noch einen Gedanken. Er schmunzelte. Krank – genau, er würde sich krank melden. Sollten sich die Experten doch alleine austoben, am Tatort auf den Knien im Gras herumkriechen und vertrockneten Karnickeldreck einsammeln oder die kaputte Plakatwand in ihre Teile zerlegen. Wahrscheinlich war sie schon längst in der Müllpresse gelandet. Gerber musste an Makedas Töchterchen denken und an ihren Mann, an ihren weißen Ehemann. „Das ist meine Familie“, hatte sie gesagt.

Wieder nahm Gerber das Originalfoto des Plakats aus der Schublade. Er starrte darauf, nicht mehr mit dem beiläufigen Interesse eines Polizeibeamten, sondern betroffen. Seine Augen wurden feucht. Ihm wurde fast peinlich bewusst, dass er um eine einzige Abbildung von einem Menschen trauerte, die gerade quietschfidel irgendwo in der Welt herumlief. Doch da gab es noch eine andere Welt.

Als sie gestern am frühen Abend in seinem Haus ankamen, war Gerber am Ende seiner Kräfte. Makedas unterschiedliche Erscheinungsformen machten ihn fertig: Sie war real, sie glich einer Linie, die sich einmal mehr, dann wieder weniger in einen Menschen verwandeln wollte, und manchmal, wenn sie ihm ihre andere Seite zeigte, hatte er in seinem Wohnzimmer eine bläuliche Sphäre vor sich, die eine nackte Frau umgab.

Gerber saß schlapp in seinem Fernsehsessel. Er langte nach der Whiskyflasche, die in Reichweite auf dem Sideboard stand.
„Entschuldigen Sie, ich brauche einen Schnaps. Wollen Sie auch einen Schnaps? Obwohl… ist auch egal.“
„Nein, danke“, antwortete Makeda. „Ich trinke und ich esse nichts. Wenn ich mich hungrig fühle, sehe ich mir Farben aus der Nähe an. Am liebsten mag ich Rot.“
„Klar.“ Er setzte die Flasche wieder an den Mund. Dann machte er einen praktischen Vorschlag: „Können Sie es vielleicht so einrichten, dass Sie mir nur ihre – ihre eine Seite zuwenden? Sonst drehe ich nämlich durch. Ich drehe durch!“
„Meinen Sie so?“
„Ja – ja so, in etwa. Was soll nun werden?“

„Störe ich Sie denn?“ erkundigte sich Makeda höflich.
Sie wollte weiterreden, aber Gerber warf den Kopf nach hinten, verschluckte sich und lief rot an. Nachdem er sich aus dem Sessel herausgewuchtet hatte, konnte er endlich wieder Luft kriegen.„Entschuldigung, Sie müssen entschuldigen – das ist alles nicht so einfach für mich.“
„Natürlich.“ Makeda kam seitwärts ausgerichtet auf Gerber zu, langsam, und sie lächelte dabei. Sie streichelte sanft seine Wange. Er ließ es sich gefallen, er rührte sich nicht. Makeda flüsterte: „Das muss eine sehr ungewöhnliche Situation für Sie sein. Doch glauben Sie mir, für mich steht viel mehr auf dem Spiel. Es geht um meine Existenz.“

Gerber saß wieder, war schon schwer benebelt, trotzdem griff er sich noch einmal die halb leere Whisky-Flasche.
„Was ist eigentlich mit ihrer Existenz?“ Er wurde aufsässig. „Leben Sie überhaupt richtig? Ihr Körper – der sieht so schön aus, aber er ist nur zweidimensional.“
„Falsch! Er ist ungefähr drei Millimeter stark. So tief dringt die Farbe ein. Das mag Ihnen nicht viel vorkommen, aber zweidimensional wäre Null.“
„Donnerwetter, Sie kennen ja aus!“
„Ich weiß noch mehr über mich. Ich bin hochaufgelöst – kennen Sie meine Pixeldichte pro Quadratzentimeter?“
„Nein. Mich interessiert, wie es weitergehen soll.“
„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich kehre morgen zurück, zurück in mein Plakat, zu meiner Familie.“

In Gerber wühlte es. Zwischen die Fragen, die er Makeda noch stellen wollte, mischte sich schlechtes Gewissen und Symphatie für die dunkelhäutige Schönheit. Er schwieg, er überlegte, ob er ein Wesen wie Makeda wohl lieben könnte. Bei einer so attraktiven Frau hätte er sonst keine Chance – mit ein paar Millimetern war diese allerdings zu dünn, viel zu dünn. Was sollte er mit so einer Frau anfangen?
„Ich wollte Sie nicht verletzen, Makeda“, erklärte er freundlicher. „Wir könnten Du zueinander sagen, was meinen Sie?“
„Gern. Wie ich heiße, weißt Du ja schon. Und wie ist dein Vorname?“
„Jochen.“
„Jochen – der Name gefällt mir.“
„So, so. Wirklich? Im Flunkern sind alle Frauen gleich, selbst die hochaufgelösten.“
„Ich lüge nicht.“
„Du könntest bei mir bleiben, Makeda. Warum willst Du zurück?“
Statt zu antworten lief sie schnell zum gegenüberliegenden Sessel und versuchte sich so hinzusetzen, dass er sie richtig sehen konnte.

„Du bist ein guter Mensch, Jochen. Ich bin geflohen, weil ich mich fürchtete. Das Plakat war meine Welt, eine stille, bewegungslose Welt, in die nichts eindrang. Für mich war alles da, meine Familie und ein schöner Platz in der Natur. Plötzlich war vor mir ein Geschrei, so laut, dass ich auf einmal hören konnte und auch hinaussehen. Wie das möglich war, weiß ich nicht. Leute in schwarzen Jacken verfluchten uns. Ich konnte verstehen, dass sie in der Nacht wiederkommen wollten, um uns zu verbrennen. Da konnte ich meine Finger bewegen, und als ich sie mit Gewalt herausgelöst hatte, konnte ich auch meine Hände benutzen. Ich konnte mich aus meiner Welt herauszuschälen, doch sie blutete. Nun will ich wieder zurück. Ich will nie wieder dieses Blut sehen.“
„Wie willst Du das schaffen?“, fragte Gerber leise.
„Wo ein Plakat ist, da ist auch Raum für mich und für meine Familie. Ich bin aus Farbe. Ich gehe an diese Stelle zurück, in meine Welt, zu meiner Tochter, zu meinen Mann – und dann ist da noch der bunte Ball.“
„Ich werde dich vermissen, Makeda.“

„Gerber!“
„Ja, Chef?“
Sein Vorgesetzter hatte sich in der Türöffnung aufgebaut: „Schlafen Sie neuerdings im Dienst? Ein Anruf für Sie – sehen Sie nicht, dass der Apparat die ganze Zeit blinkt? Unglaublich!“
Mit einem Knall war die Tür wieder zugeflogen. Gerber starrte böse auf das Telefon, bevor er den Hörer abnahm.

„Zweites Kommissariat, Gerber.“
„Bruno Köpke hier, von der Plakatfirma.“
„Ach ja, Herr Köpke, ich weiß. Was gibt’s denn?“
„Da stimmt was nicht mit dem neuen Aufsteller. Ich hab ein frisches Plakat geklebt, und nun ist die Frau schon wieder drauf, die sie geklaut haben. Direkt unheimlich ist das.“
„Sie haben ein frisches Plakat geklebt?“, fragte Gerber nach.
„Ein anderes Plakat, verdammt noch mal! Mit einem Auto drauf, ein Peugeot-Cabrio, wo eine Blonde drinsitzt.“
„Und die Dunkelhäutige ist wieder zu sehen?“
„Nur ihr Umriss“, hechelte Bruno, „Man kann sie schon erkennen, weil da fast die ganze Farbe fehlt. Das Loch ist genau an der gleichen Stelle wie beim alten Plakat – ist bloß kein Loch. Direkt unheimlich ist das.“
„Beruhigen Sie sich. Ich kann ihnen das erklären.“

Gerbers Gelassenheit war Schauspielerei. In Wirklichkeit überschlugen sich seine Gedanken. Das konnte fatal werden, für ihn und für Makeda. Er musste sich schnell etwas ausdenken, um diesen Bruno Köpke ruhigzustellen. Wenn der Chef oder die sogenannten Experten davon Wind bekommen sollten, wäre der Teufel los. Makeda kehrte wieder zurück zu ihrer Familie, sie hatte es angekündigt. Die Veränderungen auf dem Plakat zeigten es. Wahrscheinlich konnte man inzwischen auch schon wieder ihren Mann und das Töchterchen erkennen. Sie besetzten dieses Plakat, weil man sie aus ihrem eigenen verjagt hatte. Und Gerber würde dafür sorgen, dass es ihnen auch gelang.

„Herr Kommissar? Sind Sie noch da?“ Bruno wurde langsam ungeduldig am Telefon.
„Entschuldigen Sie, ich musste eben noch etwas klären. Herr Köpke. Jetzt hören Sie bitte zu!“
„Ja – was ist denn?“
„Sie müssen ihre Beobachtungen für sich behalten, unbedingt! Es geht um höhere Interessen des Staates. Das da an der Kreuzung ist eine neuartige Form der Verbrechensbekämpfung auf der psychologischen, äh… Ebene, verstehen Sie?“
„Nee. Aber wenn Sie das sagen, Herr Kommissar.“
„Die Methode ist noch in der Erprobung, alles streng geheim,. Sie wollen doch nicht, dass die Ergebnisse verwässert werden, oder? Sie würden sich strafbar machen.“ Gerber fing wieder an zu schwitzen.
„Nee, nee – ich sag’ bestimmt nichts weiter!“
„Gut, Köpke. Ich verlasse mich auf Sie. Wiederhören!“
Als Gerber aufgelegt hatte, zitterten seine Hände. Er bewunderte sich selbst, früher wäre ihm soetwas niemals eingefallen.

Gerber musste so schnell wie möglich zu der Kreuzung, wenn er Makeda noch einmal lebend sehen wollte. Er fühlte es. Die Kleinstadt war mit Autos verstopft, wie gewöhnlich um diese Tageszeit. Mit Blaulicht und Martinshorn kam er immerhin voran – war nur zu hoffen, dass er keinem dieser Kollegen auffiel, die nur darauf warteten, ihn anzuschwärzen.

Die Vorderreifen knallten hart gegen den Kantstein. Gerber stürzte hinaus. Im gleichen Moment nahm er den Kastenwagen wahr. Bruno Köpke stieg aus und kam auf ihn zu.
„Was wollen Sie denn hier?“, rief Gerber ihm entgegen. Er brachte es noch nicht fertig, auf das Plakat zu schauen.
„Es ist wieder da! Haben Sie schon gesehen, Herr Kommissar?“
Das alte Plakat, völlig unversehrt – die Familie versammelt. Gerber schaute flehentlich auf Makeda, die unbewegt und unentwegt aus ihrer Welt zu ihm hinaus lächelte. Hatte sie nicht gerade unmerklich mit den Mundwinkeln gezuckt? War da nicht eben ein Flackern über ihre Augen gehuscht? Ja, natürlich! Makeda sah ihn. Gerber war glücklich.

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