Warum nicht nach mal Ägypten, wenn es hier im Frühjahr so kalt ist? Land der Pharaonen. Elf Tage Fünf-Sterne-Hotel für kleines Geld ist doch nicht schlecht, dachte ich mir. Erster Pauschal-Urlaub meines Lebens – und wohl auch der letzte. Ein paar Klicks im Internet, schon sitzt man im Flugzeug nach Hurghada. Sitzen? Irgendwie brachte ich die erste halbe Stunde zu, mit angezogenen Knien, mit in den Gang ausgestreckten Beinen, stehend oder unter Quetschversuchen, die ein lautes Knacken in der Lehne vor mir auslösten. Größe 1,93 steht im Personalausweis, ist ewig her, inzwischen bin ich bestimmt schon geschrumpft. Längeren Menschen rate ich von solchen Flugreisen dringend ab. Weil ich mich nicht noch mehr lächerlich machen wollte, verweigerte ich die Beköstigung, worauf mich die Stewardess beim nächsten sinnlosen Gang zum Klo zur Seite nahm und fragte, ob sie irgendetwas für mich tun könne. So verbrachte ich die Zeit bis zur Landung hinten auf ihrem persönlichen Klappsitz, bei einem Rotwein, den ich bei dieser Fluggesellschaft nicht vermutet hätte.

Hurghada ist ein fast 80 Kilometer langes Touristen-Raumschiff, eine Aneinanderreihung von Resorts, Hotel-Paradiesen und architektonisch gnadenlos verkitschten Träumen aus tausendundeiner Nacht. Vor den Sonnenschirm-Batterien über den Liegestühlen plätschert sich das Rote Meer müde am Strand aus, als ob es vom Trubel erschöpft wäre. Die Badezonen sind abgegrenzt, alles, bis zum persönlichen Handtuchwart, ist geregelt, alles wird optimiert, um die Gäste zufriedenzustellen. Wer aus dem starr gesteckten Rahmen dieser Wohltaten ausbrechen will, kommt in Schwierigkeiten, denn was auch nur entfernt nach individuellen Aktivitäten riecht, ist praktisch ausgeschlossen: Man kann sich kein Auto mieten, außerhalb der Kleinstadt Hurghada erstreckt sich die Steinwüste, und außer peinlichen Folklore-Aufführungen in den Hotels gibt es kaum Angebote oder Unterhaltungsmöglichkeiten. Ich sehe mir also, schon mehr aus Verzweiflung, das Städtchen Hurghada an und treffe auf unüberschaubare Reihen von Läden voller Nepp. Fast alle Geschäfte haben das gleiche Angebot, etwas Authentisches sucht man vergeblich. „Du Deutschland? Deutschland schön – willst Du kaufen billig Wasserpfeife?“ In Ägypten gibt es sicher mehr Wasserpfeifen als Einwohner: Das sind immerhin 70 Millionen.

Was bleibt, sind organisierte Touren in die faszinierende Vergangenheit des Landes, die man heute noch bestaunen kann. Laut Reiseführer sind in Ägypten über 90 Prozent aller bedeutenden Kulturdenkmäler der Welt versammelt. Nach Luxor: Morgens halb sechs kommt der Bus. Hinter mir sitzt ein Berliner Rentner-Paar, nette Leute, er zuckerkrank und wohl auch schon etwas vergesslich, alle zehn Minuten sagt er zu seiner Frau: „Um Achte muss ick spritzen.“, und sie dann: „Ja, ick wees, Herbert.“ Der Reiseführer heißt Ahmed, er hat in Hamburg Elektrotechnik studiert. „Fast alle ägyptischen Männer heißen Ahmed, Mahmud oder Ali“, lacht er ins Mikrophon. Der Bus werde nun erst einmal zum Treffpunkt etwas außerhalb fahren. Wieso Treffpunkt? Die Busse sammeln sich dort, weil man nur im Konvoi nach Luxor fahren dürfe. Der Treffpunkt erinnert mich an einen verlassenen Flugplatz. Etwa hundert große Reisebusse kommen an – eine Viertelstunde Pause – ein Menschenauflauf ohnegleichen. Ich rechne mir aus, dass ungefähr fünftausend Touristen an dem gemütlichen Ausflug nach Luxor teilnehmen.

Die Fahrt dauert knapp drei Stunden, immer wieder müssen alle Busse an ‚Traffic Control Points’ halten, mit Verengungen, Schikanen und Stacheldraht-Verhauen. Überall stehen kleine Türme mit Schießscharten, aus denen die MG-Läufe ragen. Es wimmelt vor Uniformierten, die meisten von ihnen Halbwüchsige, die gelangweilt herumstehen und in der Nase bohren – überhaupt habe ich noch in keinem Land der Welt so viele Soldaten und Polizisten gesehen. Als ich unseren Reiseführer frage, was der Aufwand soll, wird er wolkig: Es gebe in der Wüste wildgewordene Beduinen, die harmlose Urlauber überfallen, und er verweist auf das Blutbad am Luxor-Tempel vor einigen Jahren. Ich glaube ihm nicht. Mit jedem Tag länger in Ägypten verfestigt sich mein Verdacht, dass die Touristenströme systematisch kanalisiert werden, um sie vor dem Land möglichst abzuschotten. Angesichts der Millionen von Besuchern pro Jahr fürchtet man wahrscheinlich um die islamische Identität der Nation.

Das Luxor der Gegenwart bietet das Bild einer unscheinbaren Stadt am Nil mit vielen bettelnden Kindern. Zum ersten Mal den Nil zu sehen, ist ein Erlebnis: der Schicksalsstrom dieses hoffnungslos überbevölkerten Landes mit einer Geschichte, die über dreitausend Jahre zurückreicht. Man vergisst sein verschmutztes Wasser, wie er so breit und erhaben dahinfließt, an beiden Seiten nur von sehr schmalen, aber sehr fruchtbaren Landstreifen gesäumt, unmittelbar dahinter die Wüste. Am Ufer liegen die Nilkreuzfahrtschiffe in Paketen vertäut – die meisten von ihnen in marodem Zustand, Rost überall, Haufen von Tauen, die nicht aufgeschossen wurden, Müll, auf den Decks die Schiffer, mit nichts anderem beschäftigt als ihrem Würfelspiel.

Alles wird an einem einzigen Tag abgehechelt: Der Hatschepsut-Tempel, die Kolosse von Memnon, das Tal der Könige, diese gewaltige Grabanlage, eingegraben in den Rand der Wüste – und zuletzt die Karnak-Tempelanlage, für die allein man zwei Tage ansetzen sollte, selbst wenn man, wie ich, nicht eben kulturbeflissen ist. Obwohl der Karnak-Tempelbezirk von Menschenmassen belagert wird, raubt er mir in seiner Imposanz und Ausdehnung den Atem, ich stehe wie verloren da. Endlich ist der Reiseführer mit der Gruppe im Gewühl verschwunden, ich will seinen Vortrag nicht anhören, sondern überlasse mich lieber meinen Eindrücken. Die Vorträge – in allen möglichen Sprachen schallen sie durch die Tempelanlage, aber ich finde an einer Seite einen Platz, wo es still wird, wo plötzlich kein Mensch mehr ist. Ich stehe allein inmitten der mächtigen Säulen, sie mögen vier Meter breit sein und zwanzig Meter hoch: ein unvergessliches Gefühl.

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