Ja, ich fühle mich viel wohler. Der Organspende-Ausweis steckt nun zwischen meiner Klinik-Card und der Karte vom Tierfutterladen – die geben zwei Prozent, wenn man sie vorzeigt. Sogar ein Anflug von Freude kommt auf, ich habe Verantwortung übernommen für andere. Im Eventualfall kann ich, besser mein sterblicher Überrest, Leben retten, also potentielle Resteverwertung mit ethischem Testat.

Der Mensch hat viele Organe. Gewisse Zweifel, dass in meinem Fall die wenigsten zu gebrauchen wären, sind lächerlich: Man könnte mir eine Pupille aufschneiden, die Augenflüssigkeit weggießen, die Netzhaut herausnehmen, sie nach Malaga fliegen, um sie einer spanischen Ehefrau mit drei Kindern und einem Mann, der ihr weggelaufen ist, einzusetzen. Die Frau steht kurz vor der Erblindung, bestimmt heißt sie Maria.

Ich fühle mich wohler, aber zufrieden bin ich noch nicht. Sich selbst eine Patientenverfügung auszustellen, ist nicht einfach, sechs Seiten. Mit dem Ankreuzen bin ich fast fertig, abgesehen von zwei Punkten, an denen ich mir die Zähne ausbeiße. Flüssigkeitszufuhr… was die alles von einem wissen wollen – künstliche oder natürliche, und ob sie abgebrochen werden soll. Ich muss mich entscheiden: abrechen, in beiden Fällen, wir wollen nicht zu kleinlich sein. Obwohl mir die Vorstellung zu verdursten nicht zusagt.

Fehlt noch das Sterben, der letzte Punkt. Nein – es geht nicht um das Sterben, das Sterben ist schon abgehakt, es geht nur noch um den Ort, wo ich sterben möchte: im Krankenhaus, im Hospiz oder zu Hause in vertrauter Umgebung. Mehrfachankreuzen ist möglich. Alles anzukreuzen, wäre allerdings Unsinn, denn das hieße ja, mir wäre es egal, wo ich sterbe. Krankenhaus nehme ich, weil man dort gut versorgt wird, Krankenhaus klingt neutraler im Vergleich zu Hospiz. Nein, Hospiz zieht mich irgendwie runter.

Oder doch zu Hause in vertrauter Umgebung. Was meinen die damit? Angehörige im Schlafzimmer, die ihre Tränen zurückhalten müssen? Vielleicht gibt es keine Angehörigen, oder sie kommen nicht. Nach Sterben reißt sich keiner. Vertraute Umgebung – ist damit die Einrichtung gemeint, die Möbel, der Blick aus dem Fenster in den Garten? Wenn ich todkrank daliege, kann ich nicht mehr aus dem Fenster gucken. Außerdem wird es an diesem Tag regnen, so wie ich mich kenne.

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