Sollte eine pluralistische Gesellschaft ein Leitbild haben? Oder ist das von vornherein ein Widerspruch: Pluralismus und ein einziges Leitbild? Mehrere vielleicht, aber nicht nur eines. Immerhin gibt es solche gemeinsamen Vorstellungen: Friedfertigkeit, moralisches Handeln, Sozialstaatsgebot, demokratische Willensbildung und Gewaltenteilung. Aber können solche Prinzipien tatsächlich Leitbilder darstellen, oder sind sie nur als selbstverständlich eingeordnete Errungenschaften aus bösen Erfahrungen in der Vergangenheit?

Leitbilder sollen die Menschen leiten, hin zu gemeinsamen Zielen, die höher angesiedelt sind als Ausführungsbestimmungen für ein leidlich reibungsloses Zusammenleben. Religiosität wäre das naheliegendste Leitbild, möglicherweise das beste. Doch Glaube und Gottesfürchtigkeit befinden sich schon seit einem halben Jahrtausend, seit dem Vordringen der Naturwissenschaften, auf einer stetigen Abwärtsspirale. Mit Beginn der Aufklärung im 18. Jahrhundert nahm das Tempo des Bedeutungsverlustes noch zu – man kann es für Deutschland betrachtet sogar halbwegs an Persönlichkeiten markieren: Hegel, Feuerbach, Marx, Nietzsche.

Das 19. Jahrhundert mündete nach dem langen Vormärz in Frustration und Restauration. Die deutsche Revolution, die nie eine richtige gewesen war, zerstob. Noch in ihrem Nachhall konstituierte sich im prunkvollen Versailles ein deutsches Kaiserreich, repräsentiert durch zwei Betonköpfe mit Pickelhauben, die Europa in das 20. Jahrhundert führten, in das schlimmste und dunkelste Kriegsjahrhundert aller Zeiten.

Der Spiegelsaal von Versailles, das frühe Disneyland französischer Monarchen, wurde für Deutschland gleich zwei Mal zu einem schicksalhaften Ort: bei der Reichsgründung im Januar 1871 und im Juni 1919 beim Friedensvertrag mit den Siegermächten des 1. Welkriegs. Er war tatsächlich ein Friedensdiktat voller strenger Auflagen und Reparationsverpflichtungen für die Deutschen. Deshalb wurde es von ihnen auch das „Schanddiktat“ genannt, es wurde als „Die Schmach von Versailles“ empfunden. Ohne das damals allgegenwärtige Schlagwort von der „Schmach von Versailles“ wäre weder der Nationalsozialismus zur Staatsdoktrin geworden noch hätte ein zweiter Weltkrieg mit dem Holocaust über Europa hinwegfegen können.

Was hat dieser Ausflug in die Geschichte mit Leitbildern zu tun? Im 19. Jahrhundert schienen die Tage für Leitbilder aus den Sphären des Irrationalen endgültig gezählt – die Industrialisierung schob Fragen nach sozialer Gerechtigkeit in den Vordergrund, und damit die revolutionären Ideale des Diesseits. Erst das grob zusammengeschusterte Kaiserreich gab den Deutschen wieder mehr Raum für ihren Hang zu Mythen, zum Übermenschentum, der spätestens seit Goethe penetrante Züge angenommen hatte. 1918 dachten dann viele, der Kaiserwahn wäre in den Blutseen der Gräbenkämpfe versunken – aber er geisterte weiter durch die Kommissköpfe, und so wurde die Weimarer Republik schon wenige Jahre nach ihrer Ausrufung von Militaristen und Junkern wieder geschleift: Die Nachkommen von Armin dem Cherusker, die vor Stolz geblähten Erben des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, blickten plötzlich auf eine Realität aus Geschäftigkeit und Massenarmut, die desillusionierender nicht hätte sein können.

Die Kirchen standen noch, die Glocken läuteten nach wie vor, Gott war nicht tot, doch er siechte durch das Elend der Zeit. Der Adel existierte weiter, aber er hatte abgewirtschaftet, hatte sich selbst seines vordergründig-ästhetisierenden Glanzes beraubt. Da erschien als Lichtgestalt am Horizont, der zu der Zeit genau durch München verlief, ein Blässling mit seinen wirren Visionen von Herrschaft, Expansion und Auslese – schon war es fertig, ein neues Leitbild für die Deutschen, nach dem sie sich so sehr sehnten. Bereits nach wenigen Jahren hatte eine infektiöse Überlegenheitsideologie das Land durchseucht, ein Religionsersatz, ein Elitebewusstsein, das sich aus edlem germanischen Barbarentum speiste. Kaum jemand erwies sich als völlig immun gegen dieses tückische Fieber, auch die Intellektuellenkreise befiel es, zwar nicht flächendeckend, aber weitgehend.

In der Literatur warf beispielsweise Gottfried Benn ein grelles Licht auf das Herumlavieren der deutschen Kulturschaffenden. Nur Heinrich Mann hatte Benn es zu verdanken, dass er überhaupt in die Preußische Akademie der Künste, Sektion Dichtung, aufgenommen worden war. Aber als die Nazis Heinrich Mann und Käthe Kollwitz aus der Akademie ausschließen wollten, tauchte Benn nicht nur ab, sondern er befürwortete sogar ihren Auschluss unter Hinweis auf „die Verpflichtung zu einer loyalen Mitarbeit an den satzungsgemäß der Akademie zufallenden nationalen Aufgaben im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage (Benn 13.3.1933).“ Einer der begnadetsten deutschen Lyriker, der Arzt, der brillante Analytiker versank bis zum Hals im Blut-und-Boden-Sumpf und konnte sich erst nach mehreren Jahren, nämlich 1937, wieder daraus befreien. Selbst große Bewunderer, wie Alfred Döblin oder Joseph Roth, hatten sich von ihm distanziert, nur Klaus Mann und George Grosz hielten zögerlich zu ihm. Später wetterte Gottfried Benn umso vehementer gegen die Nazi-Ideologie – sein Ansehen bleibt bis heute schwer beschädigt.

Bloß eine kleine Minderheit von Deutschen erkannte damals, dass sich hinter der Tünche eines neuen gesellschaftlichen Leitbildes ein grobschlächtiges, lebensgefährliches Zerrbild verbarg – ein Rückfall in einen kulturellen Atavismus, den bereits Friedrich Nietzsche ziemlich unverhohlen in seinen Schriften formuliert und philosophisch propagiert hatte, zum Beispiel in „Genealogie der Moral“ oder in „Götzen-Dämmerung“, nachfolgend ein Zitat aus seinem Zentralwerk „Also sprach Zarathustra“:

„Tot sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.“

Dem Reiz dieses Übermenschen erlag nicht nur Gottfried Benn, sondern fast ein ganzes Volk. Die Deutschen wurden zu willfährigen Exekutoren einer Anti-Zivilisation, millionenfach zu quasi-religiös aufgeladenen Heloten eines Gewaltregimes ohnegleichen.

Der Zusammenbruch zerstörte diese grausame Farce eines verbindlichen gesellschaftlichen Leitbildes. Geblieben ist Leere. Und so wird trotz der Ressentiments gegenüber Gemeinsamkeiten wieder eine identifikatorische Lücke spürbar in der deutschen Befindlichkeit, eine Sinnsuche in der Orientierungslosigkeit. Das Leitbild als Vehikel für höhere kollektive Glücksgefühle hat nicht ausgedient, auch nicht in pluralen Gesellschaften, wo die Individualisierung ins Groteske getrieben wird. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, aber allein und allein mit Geld kommt kaum Beglückendes zustande, das zeigt die Erfahrung. Wahrscheinlich werden die Deutschen ihre aufragenden Perspektiven niedriger hängen: Statt Ausblicken auf Göttliches oder Übermenschliches werden Zustände idealisiert, die eher der Normalität zugeordnet werden und dennoch weit weg erscheinen: Frieden, Gerechtigkeit, das Fördern der Menschen, die Pflege ihrer Welt – oder: Die Glorifizierung des kleinsten gemeinsamen Nenners.

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