Newsticker – die Agenturen produzieren ununterbrochen. Was dabei herauskommt, sind die angeblichen Nachrichten, eine trübe Essenz des täglichen Weltgeschehens, die je nach Nase stinkt: verlogen, nach Blut, zum Himmel oder nach allem zusammen.

Bis vierzehn Uhr wird neun Mal davon berichtet – von dem Erdbeben, allein in einem einzigen Sender, neun Mal dreitausend Tote, macht siebenundzwanzigtausend. Die Angaben schwanken: Bei OK-Radio waren es nur zweitausendfünfhundert Tote. Noch fünfzig, noch hundert Mal kann man es an diesem Tag im Radio hören, gar nicht auszurechnen.

Im Fernsehen ist es anders: Da kann man die Toten nicht immer neu dazuzählen, nicht wenn für Sekunden eine Hand mit bläulichen Fingern aus den Trümmern ragt – lila Pause im Stakkato der Werbespots – das Nachrichtentelegramm, ein Puffer aus Hard Facts, um nicht vom letzten Misthaufen direkt in die nächste Jauchegrube voll überschäumender Lebensfreude zu fallen. Die Hand hatte etwas, nicht zu vergleichen mit dem Leichenberg für die Hauptsendung, eben eindringlicher.

Blau oder gelb? Es ging zu schnell – war es der Wüstensand, war es die schlechte Filmqualität oder bereits Verwesung? Die Finger wirkten unnatürlich dick, so als ob sie gleich platzen wollten. Sie gehörten einem Bauern, der milliardenfach seinen Todeskampf der Nachwelt anzeigte – was will er mehr? Ein spektakuläres Ende für ihn.

Ein Todeskampf muss stattgefunden haben, die Hand beweist es. Der Mann war gefangen in seiner winzigen Hölle. Er hatte noch Luft, vielleicht nur für Minuten, vielleicht für länger. Er schrie sich die Seele aus dem Hals und den Staub in die wild pumpenden Lungenflügel.

Später wird man mit einem Bagger einen Betonträger von seinen zerquetschten Beinen heben.

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