„Das wissenschaftliche Weltbild hat sich durchgesetzt.“ – sagte jemand in einer Fernsehdiskussion. Ich glaube das nicht.

Habe ich überhaupt ein eigenes Weltbild, dazu noch ein wissenschaftliches? Den Satz des Pythagoras kenne ich, die schwarzen Löcher, die Pyramiden in Ägypten, auch die Alterspyramide. Und sonst noch so allerhand: Das zusammen müsste doch reichen für ein Weltbild – wenn die Leute das wissenschaftlich nennen, bitte.

Meine Zweifel bleiben. Wenn ich schon ein Weltbild habe, dann kein wissenschaftliches, nicht Sinne eines Sammelsuriums von Halbwissen, das mir zu dieser ganzheitlichen Sicht verhelfen könnte. Ich glaube nämlich an die Transzendenz, sozusagen an Gott – nicht immer, je nach Tagesform: Aber ich bin sicher, dass mein Weltbild zumindest eine Form von Glauben einschließen muss – den an eine höhere Ordnung oder den an das Gute im Menschen. Die Aufklärung, der moralische Imperativ, die Charta der Vereinten Nationen: Daran ließe sich ein Weltbild leichter festmachen als etwa an der Relativitätstheorie, die niemand versteht, so Krümmung des Raums und so weiter – da lachen ja die Hühner.

Möglicherweise mache ich einen Gedankenfehler. Vielleicht ist das wissenschaftliche nur das Fundament eines übergeordneten Weltbildes, für das es noch keine richtige Bezeichnung gibt, Vorschlag: soziales Weltbild auf wissenschaftlicher Grundlage. Hört sich das gut an? Nein. Man könnte denken, die Wissenschaft wäre eine zwingende Voraussetzung für ein soziales Zusammenleben der Menschen. Außerdem ist Zusammenleben immer sozial, selbst wenn es, wie meistens, nicht den Anschein hat. Nein, das führt nicht weiter.

Also nicht sozial, und auch nicht explizit wissenschaftlich – was bleibt da noch? Solidarisch vielleicht. Nein, ‚solidarisch’ wäre eine Einengung. Ein solidarisches Weltbild hat keinen Charme, wäre zu wahrhaftig, hat zu viel Aufforderungscharakter. ‚Humanistisch’ auch nicht, denn wer möchte schon ein Weltbild, das man im Lexikon nachschlagen muss. Da fällt mir ‚human’ ein – ja, das macht zwar nicht viel her, wird aber allen gerecht. Darauf hätte ich auch vorher kommen können: Ich habe ein humanes Weltbild, sensationell.

Eigentlich kann sowieso nur der Mensch ein Weltbild haben – der betreibt schließlich Wissenschaft. Schon deshalb kann die sich niemals zu einer verselbständigten Ausgeburt des Menschen aufschwingen, der ein exklusives Weltbild zukäme. Wissenschaft ist ein riesiger Katalog von Fakten und Regeln, ein Instrumentarium, das anwendungsorientiert, aber letztlich nicht erkenntnisorientiert einzusetzen ist – weil die Grenzen ebenso offen wie starr sind. Das unendliche Kleine, das unendlich Große, das komplexe Chaos: Daraus ergibt sich noch lange kein Weltbild. Sobald die Ziele von Erkenntnis weiter gefasst werden, ist ihr weder theoretisch noch empirisch beizukommen. Das finde ich immerhin beruhigend.

Doch zufrieden bin ich nicht. Ein humanes Weltbild klingt zu allgemein und macht Schwierigkeiten in der Handhabung – es stört, wenn man auf die Verhältnisse blickt, weil sie so unmenschlich sind. Ein latent anklagendes Weltbild, das mich ständig in Widersprüche verwickelt, geht mir auf die Nerven. Dann käme eher das Gewissen infrage – das schlechte Gewissen: nicht mehr als menschlicher Reflex, sondern plötzlich im Rang einer ethischen Disposition. Nein, bringt auch nichts, mehr geeignet für Melancholiker.

Wozu braucht der Mensch überhaupt ein Weltbild, wenn er zivilisiert und nach sittlichen Maßstäben vor sich hin lebt? Eine provozierte Überforderung ist das, eine Anmaßung, die mich verrückt machen soll. Wahrscheinlich müsste ich viel weiser werden, um mir ein eigenes Weltbild zu schaffen. Obwohl es dafür vorgesehen ist, gehört ein Weltbild also nicht in die Köpfe der Menschen, sondern in Bibliotheken und in Diskurse mit kahlköpfigen Professoren. Wenn sich das so verhält, gebe ich lieber gleich auf – ich fühle mich solo auch ganz wohl.

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