Gerlinde Schallhorn verkehrt in höheren Kreisen. Für Kreise hat sie ein feines Gefühl entwickelt. Es müssen mehrere sein, sie sollten miteinander harmonieren, sich am besten leicht überschneiden. In den letzten Jahren hat Gerlinde entdeckt, dass ihr die Religion etwas gibt – dafür hat sie einen Sitz im Kirchenvorstand bekommen, passt gut zum Rotary-Club und zum Tennisverein.

Gerlinde hat keine Probleme, außer dass sie ihren Hintern zu groß findet. Neuerdings lässt sie sich mit Tillman Mohlendijk sehen, einem Literaten, der seine Texte mit eigenen Holzschnitten begleitet. Vor zwei Wochen in der Fußgängerzone grübelte Tillman gerade über den Ästhetikbegriff bei Bazon Brock, als er beim Aufschauen über Gerlindes Lächeln stolperte – es war so überraschend, es war so unwiderstehlich süß, dass seine Gedanken für einen Moment aussetzten und er unwillkürlich über sie herfiel. Der kurze Nahkampf, den sie mit einem Seufzer verloren gab, verschaffte Gerlinde Zugang zu einem anderen, nämlich einem Künstlerkreis.

Auch wenn Mohlendijk sonst nicht viel hat, so hat er doch Ausstrahlung. Man trifft sich bei ihm: Maler, Schreiber, bramarbasierende Performance-Künstler – die ganze schöpferische Hautevolee aus der Provinz strömt zu Mohlendijks Vernissagen, um Existenznöte für einen Abend vergessen zu machen. Tillman hat es sogar geschafft, den Vorstand der Sparkasse für seine Werke zu begeistern sowie den ortsansässigen Milchversorgungsbetrieb, in dessen Eingangshalle die Landwirte nun an Aufstellern mit Experimental-Lyrik vorbeistiefeln.

Für das Wochenende hat Tillman Mohlendijk eine, wie er verkündet, superbe Veranstaltung im Stadtschloss angesetzt. Eingerahmt wird der Abend von Darbietungen eines avantgardistischen Theater-Workshops, der eine Butoh-Performance aufführt, untermalt von dodekaphonischen Klängen Arnold Schönbergs, Titel „Danshaku“ – nach dem Namen einer lebensspendenden japanischen Kartoffelsorte. Für Tillman geht es um die Synergie-Effekte, wenn die ländliche Kultur des Umfeldes auf eine revolutionäre Kunstform trifft.

Den Hauptteil des Abends aber wird eine Lesung einnehmen. Tillman konnte dafür eine milchgesichtige Slampoetry-Autorin gewinnen, die schon im Fernsehen auftrat, wenn auch nur kurz, außerdem einen deutsch-asiatischen Autoren, Geheimtipp, der seine freie Übersetzung eines aserbeidschanischen Hirtenlieder-Epos vortragen wird. Um die Lesungen aufzulockern, werden auch unbekannte Autoren Gelegenheit finden, aus ihren Werken zu lesen. Die Aufgabe, Texte mit Anspruch auszuwählen, hat Tillman schon im Vorfeld souverän gelöst – da wäre nur noch das Problem mit Gerlinde, die ihr poetisches Talent entdeckt hat und ihr neuestes, dazu noch einziges Gedicht dem Publikum persönlich nahebringen möchte.

Wieder brütet Tillman über dem Blatt Papier, auf dem sie ihre Verse niedergeschrieben hat:

Die Macht des Schicksals

Oh, Mond, du gelblicher Gefährte
wie sehr ich mich nach dir verzehrte
Oh, Mann, du bärenstarker Recke
wie gern ich mich bei dir verstecke
Oh, Leben, du verzücktes Sein
Du bist so groß und ich so klein

Dem Sparkassenvorsitzenden gefällt das Werk, er ist direkt begeistert. Der muss schließlich alles bezahlen. Gerlinde kommt herein, sie stellt sich vor Tillman hin und lächelt erwartungsvoll – allein dieses Lächeln, ein Gedicht.

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