Sortenreine Mitglieder kommen an die Spitze. Einige von ihnen sind so erlaucht, dass sie die Stirn haben, sich im Umgang nahezu normal zu verhalten, in etwa wie Mitmenschen, und nur ein Eingeweihter durchschaut die Dunstschleier der allgegenwär­tigen Jovialität, mit denen sie ihre Persönlichkeit umgeben. Für untergeordnete Mitglieder ist dieser Durchblick selbstverständlich, bildet er doch die Grundlage ihrer Existenz, eröffnet er doch Perspektiven, bietet er doch die Aussicht auf höhere Sphären. 

Nur weil sonst die Papiere abrutschen würden, sind die monumentalen Schreibtischplat­ten waagerecht aufgestellt. Auch so geben sie dem Ehrgeizigen den Blick frei auf ein Meer von polierten Wurzelholzwellen. Schier unermessliche Distanz: Gegenüber waltet der Vorsitzende, die märchenhaft moderne Lichtgestalt aus zweitausendundeiner Nacht, traumhaft souverän, sagenhaft kompetent, vielleicht etwas ekelhaft. Jedes falsche Wort, das selbst dieser bedeutenden Erscheinung richtig wäre, verfängt sich atonal in den Schlundwänden, sobald es vom Stimmband schnellt. Reflex sei Dank, auch Gott, wenn’s frommt.

Einer muss vieles schlucken, wenn er halten will, was man sich von ihm verspricht. Und erst viel später, irgendwann einmal, darf er in angemessener Runde den Golfschläger halten, den Driver im idealen Winkel zum Körper – vor dem Dogleg Holz oder doch besser Eisen Sechs – und bei Gelegenheit unauffällig die Hand auf.

Schwer wiegt die Verantwortung, dem Ambitionierten ebenso behutsam wie haus­hoch auferlegt, dass sie ihm alle Knochen brechen wird, wenn er unter ihrem Druck auch nur eine einzige Nachlässigkeit sich erlaubt. So wird verständlich, warum der Erfolgsuchende sich anfallsweise aufgerieben vorkommt und seltsame Bilder gebiert: An einem Mittag in der Cafeteria verschattet der Abklatsch eines Kartoffelpuffers seine lichterfüllten Phantasien – abge­braten und dabei schmierig, sobald man ihn anfasst. Nicht zum Verzehr geeignet, nur darin liegt noch eine gewisse Befriedigung. Alles Tolle aus der Knolle, aber so unerhört anstrengend ist es für ihn, sich jeden Morgen wieder aus der erstickenden Bedeutungs­losigkeit an die Oberfläche hervorzuschaufeln, um das Erdreich des Schlafes von der harten Schale abzuspülen, für die andernorts schon die Messer gewetzt werden. Mag der auch weicher sein als immer erhofft: An seinen Kern wird er sie nicht heranlassen. Woran sich der sardonische Teamgeist seiner Vorge­setzten delektie­ren darf, ist allein sein Torso aus Stärke, der ihm im Dunkel der Nacht stets auf wunderbare Weise nachwächst.

Immerhin gibt es für diese Frustrationen gewisse Entschädigungen: Flüge zu Geschäftspartnern des Hauses, europaweit, seit einem Jahr weltweit. Dieses Mal nach Chicago, selbstverständlich First Class – Airport-Atmosphäre mit Hummerfleischhäppchen und temperiertem Cognac, Miles and more and more.

Dort, auf dem Weg zur Senator-Lounge, emanzipiert sich sein Blick auf die gemeinen Touristen zu einem Blick herab, zu einem mitleidigen Seitenblick, der die Geschäftigkeit, die versteckte Anspan­nung nur für Momente unterbricht, um sich dann wieder umzukehren, sich nach innen zu richten, wo das Gehirn Kostenbruchteile hochrechnet und von vornherein Unwägbarkeiten im Verhandlungs­ablauf zu meistern sucht.

Der souveräne Schub nach vorn setzt Glücksgefühle frei. Freiheit, das bedeutet auch großzügige Beinfreiheit. Die Stewardess, die nette, kennt ihn schon. Wieder­erkannt hat sie ihn von seinem letzten Flug, es war ihr deutlich anzumerken, und freundlich gelächelt, als ob es von Herzen käme. Vielleicht hat sie ein so großes Herz, dass alle First-Class-Gäste hineinpassen. Oder es steckt mehr dahinter: Zuneigung. Sie trägt keinen Ring, natürlich trägt sie Ringe, einen oder zwei – aber keinen Ehering.

„Mit einer Farce von Springbockkeule gefüllte Krüstchen auf Johannisbrotmark“ steht als Vorspeise auf der Karte, sehr vielversprechend. Während sie serviert, kann er noch keine Einladung ausspre­chen, das wäre unpassend, wenn nicht notorisch. Neben ihm sitzt eine behängte Dame mit Argusaugen, die stört. Er ist geschäftlich unterwegs, und ja, er fliegt immer noch gerne – damit die Dame endgültig Bescheid weiß.

Seine ärgerliche Neigung zu einfacher Kost macht auch vor der Wildfarce nicht halt. Die Qualität des Champagners ist abrupt in den Hintergrund getreten angesichts der Prozedur, sich unauffällig den Mund auszuspülen und die Mixtur aus Moet, Farce und Speichel am zuckenden Kehlkopf vorbei ins Gedärm zu pressen. Doch war es nur eine kleine Portion, so dass die Stewardess ihm den Glanz in seinen Augen, der tatsächlich Erleichterung wiederspiegelt, als Ausdruck noch anhal­ten­den Genusses abnimmt. Ganz gegen seine Gewohnheiten bittet er erneut um einen Picolo.

Nicht ausgeschlossen, dass die Stewardess trotzdem einen leisen Verdacht geschöpft hat. Ihre Art, den Verschluß des Fläschchens aufzuschrauben, erinnert ihn an Verabreichungen von Lebertran durch seine Mutter. Nun wünscht sie ihm auch noch ‘Gesundheit’, obwohl er gar nicht geniest hat, ein deplazierter Wunsch, wie er befindet, der Schweiß auf seine Stirn treten läßt. Denn sich überführt zu fühlen, damit kann er nicht umgehen.

In ihrer Besorgnis, in ihrer eindrucksvoll fürsorglichen, aber verfehlten Deutung der Lage durchsucht die Stewardess die Seitentaschen ihrer Kostümjacke nach Papiertaschentüchern, um dem angeschwitzten Passagier durch Abtupfen der Kopfpartie Erleichterung zu verschaffen. Wenn man die Tempo-Packungen in die Seitentaschen stopft, trägt die Jacke auf – sie hatte es im Moment vergessen. Und er verzichtet sogar auf ihren Beistand, dieser interessante Mann mit der geschmackvollen Krawatte, dem die Weltgewandtheit ins Gesicht geschrieben steht.

Rechtzeitig warnen hätte sie ihn sollen vor dieser obskuren Pastete im Pappteig, schon weil zuvor der Kapitän dem Copiloten davon abgeraten hat, das lukullische Highlight zu verzehren. Die Sicherheit geht vor, allemal vor den Überempfind­lich­keiten einzelner Fluggäste, auch wenn sie in der ersten Klasse sitzen. Die anderen Passagiere scheinen wohlauf zu sein – beruhigend, und von Managern, von Spitzenkräften, ist bekannt, dass ihnen der Stress nicht selten auf den Magen schlägt.

Gerade will Rührung von ihr Besitz ergreifen, eine innere Wärme sich ausbreiten für den Herrn am Gang, als sie sich von ihm hinten am Jackensaum gezupft fühlt, und zwar ungehörig genug, um darüber hinwegsehen zu müssen, wie fühlbar deutlich er in seiner Handbewegung über den oberen Bereich ihres Hinterns geglitten ist. Prompt kommt seine Entschuldigung, ebenso unvermittelt aber ist auch das Miss­trauen der Stewardess geweckt, die an ähnlich gelagerten Erfahrungen mit Männern nicht arm ist. „Oh, Pardon, verzeihen Sie bitte, wie ungeschickt von mir“ – die altbekannten, im Brustton der Arglosigkeit hingestreuten Floskeln ändern gar nichts daran, dass die Hände dieser Heuchler auf den immer gleichen Körperstellen landen.

Wenn er ihr jetzt auch noch voll vergnüglicher Unschuld in die Augen blickt, ist sie fertig mit ihm, wo sich doch darin eine der typischen, verlogenen Reaktionen von Männern im Allgemeinen offenbart. Immerhin druckst er herum und redet Unsinn. Auch sei sie ihm unangenehm, seine Entgleisung – wie sympathisch, der Zorn der Stewardess in elftausend Meter Höhe be­ginnt zu verfliegen. Dass ein Mann, der Entscheidungen am laufenden Band zu fällen gewohnt ist, sich von ihr durcheinander bringen lässt, spricht für ihn und entschuldigt gewisse Reflexe. Trotzdem wendet sie sich vorerst resolut von ihm ab, um eventuelle abwegige Vorstellungen über ihren Anstand bereits im Keim zu ersticken.

Dem von der Farce Genesenen kommt der Abgang der Flugbegleiterin insgeheim entgegen, weil er sich plötzlich nach Ruhe sehnt. Schließlich liegt ein Langstreckenflug vor ihm und damit die Gewissheit, auch noch nach einem Schläfchen der Dienstbarkeit dieser hübschen Stewardess versichert zu sein.

Als er, noch schlaftrunken und etwas verwirrt, wieder erwacht ist, glaubt er im ersten Moment weiter zu träumen, denn das Antlitz der Stewardess füllt sein Gesichtsfeld weitgehend aus. Wäre da nicht diese Zange in ihrer Hand, silbrig glänzend schwebt sie vor ihrem Haaransatz, eine Art Würstchenzange, von der ein dampfender schneeweißer Frotteelappen bis zu ihrem Lächeln herabhängt. Doch bald ist die Irritation vorbei, denn welch ein Gefühl, nach dem Aufwachen so aufmerksam umsorgt zu werden –  geradezu beglückend, auch wenn das heisse Tuch auf seinen Wangen einen Schock auslöst und ihm kurzfristig Atemnot verursacht, als er gehorsam über sein Gesicht wischt.

Aus den Augenwinkeln beobachtet er ungläubig, wie sich die ältere Dame neben ihm mit ihrem Tuch ungeniert die Nase putzt, so heftig, dass er sie fast auf ihr ungebührliches Benehmen angesprochen hätte. Das Schicksal nimmt ihm die Entscheidung ab, denn genau in diesem Augenblick stößt sie einen leisen, seltsam eindringlichen Laut aus und sinkt ruckartig in ihrem Sitz zusammen.

Mausetot, sagt ihm sein Gefühl. Er beugt sich in den Gang hinaus, um der Stewardess den Vorfall zu melden, aber sie ist im Dämmerlicht des Kabinenraumes nirgendwo auszumachen. Da, der beleuchtete Service-Knopf – andererseits handelt es sich bei der Dame neben ihm vielleicht um einen Notfall, der beherztes Eingreifen erforderlich macht. Was könnte die lebenskluge Stewardess von ihm halten, wenn sie ihn tatenlos herumsitzend anträfe? Nicht auszudenken, außerdem… bei einer Toten, bei einer vollends Verstorbenen käme ohnehin jede Hilfe zu spät, und zupackende, wenn auch mehr symbolische Wiederbelebungsversuche vor den Augen der Stewardess empfände die Dame folglich nicht mehr als störend.

Um sich zu vergewissern, will er vorsichtig an die Stelle unter ihrem Kinn greifen, wo die Halsschlagader liegen müsste. Bei dem Versuch, ihren Puls zu ertasten, stößt er unerwartet auf Schwierigkeiten, weil der Kopf der Dame auf den Brustkorb gesackt ist. Nicht nur das, die künstliche Haartracht hat sich aus ihrem Halt gelöst und wird, wie ihm erscheint, nur noch in dem Winkel gehalten, den die Nase mit der Stirn bildet.

Nein, nicht der Tod, aber die Vorstellung, dass die Perücke vom Kopf herabfallen könnte, lässt ihn zusammenzucken. Sein Schreck wächst sich zu Panik aus, als er die rechte Hand von ihrem Hals zurückziehen will: Es gelingt nicht, sein Manschettenknopf hat sich im Kollier der Bedauernswerten verhakt. Mit wiederholtem Schütteln seines Armes will er die Verkettung auflösen, doch schon nach kurzer Zeit muss er einsehen, dass es auf diese Weise zwecklos ist.

Er reißt sich zusammen: Es gibt keinen Grund, den Kopf zu verlieren, zumal nur seine Hilfsbereitschaft, sein spontaner Einsatz für ältere Mitmenschen diese unglückliche Situation heraufbeschworen hat. Die Herrschaften in der Sitzreihe auf der anderen Seite des Ganges sind mit ihren Getränken beschäftigt, auch sonst scheint in der Nachbarschaft noch niemand etwas von seinem Missgeschick bemerkt zu haben.

Seine Manschettenknöpfe, siebenhundertfünfziger Weißgold, ein Geschenk zur Konfirmation von seinem Onkel, der ihm unaufhörlich auf die Schulter klopfte, wenn er zu Besuch kam. So richtig gefallen haben sie ihm noch nie, und als grossen Verlust würde er es deshalb nicht einstufen, wenn einer davon – als erster letzter Gruß von den Lebenden – an der Dame hängenbliebe. Mit angehaltenem Atem macht er sich daran, den Manschettenknopf mit der linken Hand einfach aus dem rechten Hemdsärmel auszuklinken, als sein Ellbogen unwillkürlich gegen die Perücke stößt. Sie bewegt sich langsam, fast gleichmütig folgt sie dem Gesetz der Schwerkraft, doch dann blitzschnell, entgleitet sie seinen Blicken in die Schwärze des Fußraumes, ohne dass er noch hätte eingreifen können.

Der Service-Knopf glimmt tückisch. Durch den Hosenstoff hindurch massiert er seine Knie, um die Hände von der Möglichkeit abzulenken, sich der Ruftaste zu nähern. Er hätte auf die Augen der Toten gefasst sein müssen, auf die er erst im Herunterbeugen aufmerksam geworden ist. Vom Fernsehen glaubte er ihn zu kennen, diesen Augenausdruck von Schauspielern, die ohne weiteres eine friedliche, manchmal fast kokette Leblosigkeit in ihren Blick hineinzaubern können. Bei der älteren Dame neben ihm verhält es sich anders – eines ihrer Augen ist geschlossen und das andere nur halb geöffnet, ein Zustand, der ihm in diesem Moment äußerste Beherrschung abverlangt.

Sein Herzschlag normalisiert sich. Er wird die Stewardess hinzuziehen, natürlich. Trotzdem hat der Anblick der reglosen Dame bei ihm zwei Entscheidungen unwiderruflich gemacht: sie vorher in ihrem Sitz hochzuziehen und sie wieder mit ihrem zwar nicht echten, so jedenfalls kleidsameren Haupthaar auszustatten. Um die Perücke zu finden, schiebt er seinen Oberkörper über ihre Schenkel hinweg vorsichtig tiefer in Richtung Fußraum, wobei er für einen Moment, wohl nicht einmal für eine Sekunde, auf ihr Gesicht schielt. Es war ein Fehler: Er kann nicht weiter, er starrt wieder und wieder über den scharf hervortretenden Wangenknochen hinweg in diese Pupille, die wässrig glänzt. Bei näherem Hinsehen ist ein feines Makramee von Rissen in der Schminke um das Auge zu erkennen. Er muss sie unentwegt angucken, kann sich nicht abwenden von dem Funkeln, das ihm unter dem Wulst des Augenlides entgegenblitzt. Sie kann nicht tot sein, so tot noch nicht.

Nachdem er sich mit einem Ruck aufgerichtet und sofort unauffällig die Umgebung inspiziert hat, überlegt er – tatsächlich nicht mehr als ein Versuch zu überlegen, denn seine Gedanken ergeben keinen Zusammenhang. Alles egal, er stösst die Dame rüde an, fast überfallartig, es war schon mehr ein Schlag. Sie will sich nicht rühren. Das war zu erwarten, eine sinnlose Attacke. Er wird den Verdacht nicht los, dass sie mit Absicht in ihrer Bewegungslosigkeit verharrt.

Kerzengerade hockt er auf dem äusseren Rand seines Sitzes. Schweißtropfen kleben auf seiner Stirn. Was geht ihn diese alte Frau an? Nichts. Sie hat ihr Leben gelebt, nun ist sie tot. Ein schöner Tod – wenn er denn eingetreten ist, schnell, schmerzlos, in einem exklusiven Rahmen hoch über den Wolken.

Die Stewardess ist da. Ihre geweiteten Augen sind auf die alte Dame gerichtet. Als ihre Tränen dünne Rinnsale ausgebildet haben, als ihr Makeup nicht mehr überdecken kann, wie bleich sie innerhalb von Sekunden geworden ist – da erkennt er es. Der Mund, die Nase, die Augen, die Gesichtszüge. Er steht auf, nimmt sie in die Arme, vorsichtig, doch fest. Seine Beileidsbekundung kommt unbeholfen. Lange stehen sie beide bewegungslos mitten im Gang des großen Flugzeuges. Sie schiebt ihren Kopf unter sein Kinn, sie flüstert ihm etwas zu. Er hat es verstanden, er hat ihre Worte gehört: Chicago, sie wollen zusammen nach Chicago.

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