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Hervorgehoben

Hier ist mein Blog – es enthält vor allem eigene Texte, aber auch Texte anderer Autoren, vorwiegend Gedichte, Kurzprosa und Storys, dazu ein paar Aufsätze. Rechts in der Sidebar sind die Themen mit den einzelnen Beiträgen aufgeführt: einfach immer weiter nach unten scrollen und dann den Titel anklicken.

Oben links finden Sie eine Liste von deutschsprachigen Lyrikern der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit. Sie enthält bis jetzt etwa 900 Einträge.

Oben rechts wird in unregelmäßigen Abständen ein Gedicht oder ein Text vorgestellt, meistens mit einigen Zusatzinformationen über den Autor, meistens…

Unter der Rubrik „Lyrik aus SPIEGEL-Online“ werden, in diesem Fall von mir ausgesuchte Gedichte angeboten – ich empfehle, sich dort nicht nur flüchtig, sondern etwas bedachter umzuschauen, weil man mit Lyrik von teilweise beachtlichem Niveau belohnt wird.

Diese Website soll ein Ort zum Lesen sein, der vielleicht dazu einlädt, sich länger in ihm aufzuhalten. Wenn Sie sich in diesem Blog näher umschauen, werden Sie bemerken, dass es hier vieles zu lesen und zu sehen gibt, neben Artikeln zu Fragen der Zeit vor allem eine ganze Menge Gedichte mehrerer Autoren, von denen ich meine, dass sie lesenswert sind – Sie laufen hier nicht Gefahr, in einer Flut von Larifari-Lyrik unterzugehen.

Auf Kommentare und Beteiligung freue ich mich. Ich wünsche gute Unterhaltung.

Wahn und Werbung

Wie empfindsam sind wir? Eine Mutter steht im Schlamm von Idomeni und hält ihr weinendes Kind den Kameras entgegen – das ist ein schlimmer Anblick, er wäre überall schlimm, zum Beispiel in der Ölschlamm-Wüste des Niger-Deltas. Das Foto von Idomeni wird zur Anklage gegen uns. Doch Fotos von weinenden Kindern aus dem Niger-Delta gibt es nicht, es gibt auch keine Fotos von den zerfetzten Kindern nach dem Bombenangriff Saudi-Arabiens auf einen belebten Marktplatz im Jemen.
Unsere Anteilnahme wird gesteuert. Das Elend wird genau dosiert, es wird noch in grellen Farben illustriert, wenn Tränen erwünscht sind. Weil wir ahnen, wie man vorgeht, unterdrücken wir die Tränen, wir legen uns ein dickes Fell zu, ohne uns darum zu kümmern, was wir in unserem Inneren damit anrichten. Viele nennen das Abhärtung, aber es ist eine Abwendung von uns selbst, von unserer natürlichen Menschlichkeit.
Wer nun darauf verweist, dass man im Leben immer Schrecklichem begegnet, der hat Recht. Nur wird nicht jeder als Notarzt, Unfallhelfer oder Feuerwehrmann geboren – der Anblick von blutüberströmten Verletzten stellt im normalen Dasein eine Ausnahme dar, ebenso die Konfrontation mit dem Tod. Aber Medien, Filme und Computerspiele vergewaltigen eine menschengerechte Wahrnehmung, sie machen uns zu gefühlsverarmten Wesen, zu Dauerkranken in einer als heil beschworenen Welt.
Die Verarmung greift schon dort in uns Raum, wo es manche nicht vermuten würden – besonders im ständigen Nebenbeinander von Realität und Werbung. Werbestrategen sind in erster Linie ebenso gnadenlose wie hemmungslose Kommerz-Psychologen, sie sezieren unsere Gefühle bis in die kleinsten Regungen, sie steuern und konkretisieren unsere angeblichen Bedürfnisse, immer nur im Hinblick auf die Kaufentscheidung. Heutzutage wird oft übersehen, dass die unkontrolliert ausgeuferte Werbebranche mindestens so fatal ist wie die gleichgeschaltete Nachrichtenpresse. Das was uns auf dem beigefügten Foto präsentiert wird, kann man als Ungeheuerlichkeit bezeichnen, wenn man einfach wie ein Mensch fühlt – oben wird die Welt des Reichtums vorgezeigt, unten des Elend haitianischer Müllsammler. Aber niemand stört sich daran, es handelt sich um ein gewöhnliches Arrangement von Überfluss und Not, es ist ein modernes Stilleben unserer Verantwortungslosigkeit.
Wie schön ist doch die Welt – und die Menschen erst. In der Werbung kommen fast nur schöne, junge Menschen vor, die immerzu fröhlich sind. Die Beispiel-Fotos sind schlecht, egal: Auf dem ersten Foto gucken sich Freund und Freundin eine Versicherungspolice an, auf dem zweiten freut sich eine Familie über den Bausparvertrag, auf dem dritten bejubelt eine Gruppe junger Leute die App des Arbeitsamtes für die Jobsuche – ganz selten kommen auch weniger schöne Menschen vor, etwa urige Kerle im Baumarkt, die über einen Schrott-Elektrohobel für 17,99 Euro in Ekstase geraten oder der dicke und dabei unerträglich alberne Tourist auf dem Foto. Brauchen wir die tägliche Penetranz dieser falschen Welt? Nein. Ist sie nicht widerlich? Ja. Wir müssen uns von diesem allumfassenden Konsumdiktat befreien. Neben dem politischen hat besonders dieses Diktat sehr gefährliche Auswirkungen auf uns und auf unseren gemeinsamen Umgang mit der Erde, deren lebensgerechte Voraussetzungen bedroht sind. Man kann leicht die Politiker zu Tätern erklären, aber beim zerstörerischen Konsumwahn sind wir selbst die Täter – aus dieser Nummer kommen wir nicht raus.

Hans-Wilhelm Precht, 2016

 

Ab in den Urlaub

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Wie soll ich heute noch Tourist sein? – ich meine unbefangen und voller Vorfreude auf den Urlaub? Das wird von Jahr zu Jahr schwieriger, es sei denn, man will den Harz erwandern oder im Kabinenkreuzer durch die Mecklenburgische Seenplatte gondeln, was nach drei Tagen langweilig wird. Selbst den lebenslustigsten Ferienfreunden fällt auf, dass sich in den Standard-Sonnenländern im Sommer zu viele Menschen drängen. Gegenwärtig machen etwa 300 Millionen jährlich Urlaub im Mittelmeer-Raum, Schätzungen gehen von über 600 Millionen im Jahr 2025 aus.

Wer mit offenen Augen von Barcelona nach Süden an der Küste entlang fährt, der erkennt, dass schon jetzt die Grenzen des Erträglichen überschritten sind. Ähnliches gilt für die gesamte Adria und für den Großraum der türkischen Riviera. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind die Mittelmeerküsten proppevoll, von Haifa bis Tanger, von Gibraltar im großen Bogen bis Nizza, von Genua bis Messina – das Mittelmeer droht daran zu Grunde zu gehen. Trotz der grenzenlosen Geldgier werden in manchen Bereichen schon Obergrenzen diskutiert, hinter vorgehaltener Hand: auf Mallorca, auf Kreta, am Küstenstreifen der Cinque Terre oder in Dubrovnik. Und die Venezianer sind es längst leid, Tag für Tag schwimmende Ungetüme anstarren zu müssen, die ihre Stadt zu einer Ansammlung von Fallerhäuschen degradieren. Denn ungleich höher als das Weichbild des urbanen Kleinods schieben sich die Schiffskolosse am Canal Grande vorbei, sie verpesten mit ihren Rußschwaden die Luft, jedes von ihnen speit einen zusätzlichen, nach Tausenden zählenden Menschenschwall aus, mitten in das ohnehin schon infernalische Gedränge auf dem Markusplatz. Wie der Massentourismus allgemein ignoriert auch die Kreuzfahrt-Industrie, dass ihr Unwesen im Mittelmeer fatale Ausmaße angenommen hat, wobei die Ziele weniger werden, weil immer mehr Häfen in politisch unsicheren Ländern liegen.

Zugegeben, ich selbst habe schon Kreuzfahrten gemacht, in die Arktis und in die Antarktis, weil ich die Polgebiete unbedingt einmal besuchen wollte und weil man auf bezahlbare Weise nicht anders dorthin kommt, natürlich billigste Innenkabine. Es waren, obwohl immer noch teuer genug, Touren in Eis- und Schneelandschaften der Erde, die mich tief faszinierten. Die Schiffe sahen noch wie Schiffe aus, es gab nur ein paar hundert Passagiere an Bord, und die hatten mehr als genug Platz. Während der drei Seereisen – die letzte in die Ostsee war ein Geschenk – lernte ich das ‚gesellschaftliche‘ Leben auf einem Kreuzfahrtschiff kennen, ich fand es aufschlussreich, doch nicht attraktiv. Es ging hauptsächlich ums Blenden und ums Fressen, ganz davon zu schweigen, dass über allem eine dezente Altersheim-Atmosphäre hing. Was interessiert mich zum Beispiel der Käpitän, was geht er mich an? Nichts. Er soll den richtigen Kurs einhalten, und fertig, ich möchte nicht mit ihm zu Abend essen, ich will auch mit dem Piloten eines Airbus keinen Kaffee trinken. Man könnte mir eine Kreuzfahrt mit Balkonkabine auf einem Riesenschiff schenken, ich würde dankend verzichten, ich würde ebenso auf einen geschenkten Urlaub in Benidorm oder Antalya verzichten, was daran liegen könnte, dass ich im Grunde ein Querulant bin. Möglich wäre das, aber ich könnte ich auch zu der Minderheit gehören, die sich vom Massentourismus so abgestoßen fühlt, dass keine Urlaubsfreude aufkommt.

Der jüngere Tourist von heute ist robust, informiert und zielorientiert – wenn er etwa nach Kambodscha fliegt, dann weiß er vorher, wo in Phnom Penh das preiswerte Restaurant mit landestypischen Speisen zu finden ist, er weiß, welche „Must Sees“ er nicht auslassen sollte, er ordnet ihren jeweiligen Rang ein, nach absteigender Exotik im Verhältnis zu den Extrakosten. So kann nichts mehr schiefgehen, das Erlebnis wird bereits in der Perspektive optimiert, um danach in der Realität abgearbeitet zu werden. Nur ein gut performter Urlaub ist ein gelungener Urlaub. Der ältere Tourist von heute ist bequem, service-orientiert, und er will an jedem Ort der Erde deutsches Fernsehen gucken, vorzugsweise ‚Der Bergdoktor“ und ‚Frag-doch-mal-die-Maus‘. Diese Touristen sorgen sich um das politische Weltgeschehen nur insofern als es ihre Urlaubspläne durchkreuzen könnte. Für sie ist der Globus gesprenkelt mit Erlebnis-Höhepunkten, die Welt wird zu einem Hefekuchen, aus dem man sich die Rosinen heraus pickt, solange es noch geht. Eine verwerfliche Einstellung? Das mag jeder für sich entscheiden – zumindest beleuchtet sie auch eine globalisierte Wagenburg-Mentalität und ein Bestandsdenken, das sehr nachdenklich macht. Die eigenen Lebensverhältnisse haben Vorrang, sie werden geschützt durch die berüchtigten kognitiven Dissonanzen. Als uns kurz nach dem Ablegen in Bremerhaven eine Rotte amerikanischer Kriegsschiffe überholte, sagte ein Dame neben mir zu ihrem Mann: „Schau dir das an, wie schnell sie sind, und die sehen alle aus wie neu.“ Der Ehemann hörte nicht zu, er peilte gebannt durchs Fernglas, er hatte die Weltmacht direkt vor Augen.

Da auch ich ein Tourist bin, sollte ich mich damit in Acht nehmen, die Touristen pauschal zu kritisieren. Mit gefangen, mit gehangen in den Widersprüchen, selbst wenn sie graduell unterschiedlich ausfallen. Mir geht es unter anderem um die Bedingungen des Wohlbefindens – eine opulente Wellness-Abteilung und Wildlachs am Bufett mögen da hilfreich sein, aber sie garantieren noch lange nicht, dass man sich als Tourist in seiner Urlaubsumgebung wirklich wohlfühlt, zum Beispiel nach dem Ratschlag der Reiseleitung, die Hotelanlage auf keinen Fall alleine zu verlassen. Mir hat jemand von einem solchen Urlaub erzählt, ich war erstaunt zu hören, dass es tolle Ferien waren. Ferienstimmung setzt ein dickes Fell voraus, und vor allem wird sie zu einer Frage der Selektion: die guten Aspekte ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wahrscheinlich können viele Menschen mit dieser Art von Kritik kaum etwas anfangen: Sie wollen Sonne, sie wollen einfach ein paar Tage am Strand liegen, baden und das blaue Meer vor sich haben – dass am selben Strand tausend Touristen um sie herum das Gleiche tun, das stört sie nicht oder wenn doch ein bisschen, dann machen sie sich darüber keine Gedanken. Bis heute kann ich nicht begreifen, wie bedenkenlos, wie ungerührt und unbeeindruckt die Individuen innerhalb von Menschenmassen leben können. Vielleicht gibt es gar keine Obergrenze, ab der die Massenexistenz als furchterregend empfunden wird, und vielleicht ist das mit ein Grund dafür, dass die problematische globale Überbevölkerung kaum zu interessieren scheint. Die Reisebranche, so hörte ich, blickt trotz neuer Krisenherde zuversichtlich in das Jahr 2016.

Posthum von Hans-Wilhelm Precht, 2016

Trampeltier Trump

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DONALD TRUMP:

TRIUMPHALISMUS DES TRAMPELTIERS

Sich auch nur für Donald Trump zu interessieren, ist peinlich. Das wissen die auf Amerika konditionierten Pawlow-Presstitutes in den deutschen Redaktionen. Sie sind trotzdem dazu verdonnert, ihren Lesern den Kotzbrocken irgendwie als möglichen US-Präsidenten zu verkaufen, doch selbst ihnen will es nicht gelingen, die Abscheu vor diesem Mann zu verbergen. Donald Trump gegen Hillary Clinton – der Berserker gegen die Giftmischerin, Miss Piggy gegen Fozzie Bear, der vor Publikum immerzu grottenschlechte Witze erzählt, die keiner hören will. Die Schlammschlacht im typischen Format einer Polit-Telenovela geht weiter, sie könnte Höhepunkten entgegen treiben, die Journalisten mit Restanstand endgültig sprachlos macht. Wie frustrierend muss es schon sein, einen Wahlkampf journalistisch zu begleiten, der keiner ist, und wie qualvoll erst, einen Weltherrscher kommen zu sehen, der wie eine Wildsau durch die schlichten Gefilde der amerikanischen Gemüter tobt.

Trump geht gar nicht, bloß er geht nicht weg. Georg Diez, ein transatlantischer Kandelaber des SPIEGEL, versucht sich in seiner Hilflosigkeit darin, Donald Trump eine besondere Art von „autoritärer Dynamik“ anzudichten, die er ebenfalls bei der AfD zu verorten glaubt – Autorität, Stärke und Rücksichtslosigkeit als Sehnsucht des Bürgertums in Deutschland und als Rettungsring für die versinkende Mittelschicht in den USA. Der Denkfehler, bzw. das Wunschdenken von Georg Diez liegt darin, dass die amerikanische Gesellschaft traditionell und damit in ihrer Tiefenstruktur bereits durch einen Autoritarismus geprägt ist, der von Trump nur noch rhetorisch auf die Spitze getrieben werden kann. Der Kandidat bietet seine brachiale Weltsicht zwar großmäulig, aber letzten Endes auch wie Sauerbier an, weil sie bei vielen Amerikanern unerwünschte Selbstbezichtigungen auslöst. Und das sind keine guten Gefühle.

Roland Nelles, auch ein strammer Transatlantiker vor dem Herren beim SPIEGEL, bringt das amerikanische Aufbegehren gegen den Milliardär unerwartet, doch ziemlich treffend auf den Punkt, indem er den Begriff „Trumpismus“ anbietet, der als Triumphalismus des Trampeltiers gedeutet werden kann. Donald Trump gleicht einem fliegenden Bumerang, der nach seiner Kehrtwendung in der Luft nun auf die Werfer im Hintergrund einzuschlagen droht. Der Mann könnte auch wegen seiner fehlenden Weisheit zu einer Gefahr für die Fassade der Weltmacht werden. Im Vergleich zu Trump verkörpert Barack Obama den Gentleman, den eiskalten, aber dabei freundlich locker auftretenden Chef der Vereinigten Staaten – zwischen dem demokratischen Präsidenten und dem republikanischen Kandidaten liegen unterschiedliche Lebenserfahrungen: Obama denkt nicht in den Kategorien eines Geschäftsmannes, er hat keine Händlermentalität, er ist innerhalb sehr enger Grenzen noch selbst entscheidungsfähig, und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die Welt ohne diesen amerikanischen Präsidenten heute nicht noch kriegerischer wäre als sie es schon ist. Mit Trump jedoch könnten auch die letzten Dämme brechen – wenn er wirklich Präsident werden sollte, dann stünden die Berater in Washington vor dem Riesenproblem, einen nassforschen Populisten mit Krämerseele über mehrere Jahre disziplinieren zu müssen, ohne dass die Öffentlichkeit Wind davon bekäme, eine praktisch unlösbare Aufgabe.

Donald Trump wäre kein echter Präsident, sondern nur ein Strohmann, dazu noch mit Stroh im Kopf – er ist der rasende Butterscotch-Mane-Maniac (der Sahnebonbon-Mähnen-Macho), er verkörpert perfekt die Widerlegung jeglichen zivilisatorischen Niveaus – man kann sich aussuchen, was er widerlegt: Kultur, Geschmack, Lebensart, Toleranz, Großmut, Bildung, Wissen… Trump widerlegt das alles, locker, schmissig, gern auch mit Geschrei – damit würde er zum passenden Aushängeschild einer katastrophalen Welt. Zynisch formuliert hätte der Westen den Führer bekommen, den er gegen Ende seines Irrweges verdient. Das wird umso deutlicher, wenn man sich ausnahmsweise einmal die Lebensumstände von Donald Trump anschaut – das mag zwar boulevardesk und auch etwas voyeuristisch erscheinen, doch hier heiligt der Zweck die Mittel. Schließlich will man wissen, mit wem man es tun hat.

Wer als Europäer in die amerikanische Society eintaucht, der braucht starke Nerven, denn die Einblicke sind furchterregend bis monströs – diese Behauptungen gelten selbst noch unter der Voraussetzung, dass niemand von Neid frei ist, selbstverständlich auch ich nicht. Einer der Hauptwohnsitze von Donald Trump liegt im mondänen Palm Beach, Florida, es ist die „Mar-A-Lago“ Mansion, ein 10-Hektar-Anwesen am Strand mit 110 Zimmern. Weil 110 Zimmer wohl selbst für Donald Trump zu viele waren, hat er den Gebäudekomplex teilweise in einen Club umfunktioniert, zu dem unter Bedingungen Einlass gewährt wird, die mir leider nicht bekannt sind. Man kann, wenn man es denn kann, dort auch Golf spielen, gegen eine schlappe Eintrittsgebühr von einer Viertelmillion Dollar.

Trump regiert sein privates Reich wie ein König – sein ehemaliger, fast 80 Jahre alter Butler sprach in einem Interview immer nur von dem „King“, der das vielköpfige Hausgesinde schon in Panik zu versetzen pflegte, sobald es von seinem baldigen Nahen erfuhr. Hier auch die Erklärung des Butlers zu den Baseball-Caps von Trump: Die weiße Cap signalisiert einen gut gelaunten König, die rote bedeutet Ärger, und der König soll häufig die rote Cap getragen haben. Offenbar zelebriert König Donald regelrecht eine Art Hofstaat, mit protzigen Events und Versammlungen – ich habe dem Text eine Reihe von Fotos beigefügt, so dass sich jeder selbst einen kleinen Eindruck verschaffen kann, auch darüber, ob die Welt wirklich einen solchen amerikanischen Präsidenten braucht.

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Post mortem:
Vom Autor Hans-Wilhelm Precht im März 2016 verfasst.

Lyrik im Web

Das Netz quillt über vor Lyrik, vor Blümchengedichten und Befindlichkeitsdichtereien über die typisch deutschen reimverliebten Tiefschürfereien bis hin zu ausgefeilten Haikus und Experimental-Lyrik.
Aus der Masse ragt die Slam-Poetry heraus, wohltuend unbefangen, mit dem Image des Spontanen, außerdem zeitgemäß in ihrer Verbindung von Vortrag mit Performance. Ich habe allerdings den Eindruck, dass hier eine gewisse Effekthascherei die Qualität der Texte verwässert – der Inhalt rangiert tendenziell zu weit hinter der Kunst, ihn eindrucksvoll zu vermitteln.

Der Überfluss an Lyrik hält jedoch die Lyriker nicht davon ab, sich maßlos selbst zu überhöhen, sobald sie ein paar ihrer Werke in einem Gedichte-Forum oder in irgendeiner unbeachteten Anthologie untergebracht haben – der Hang zum Elitären ist in der Lyrik immer noch sehr ausgeprägt, man bildet exklusive Zirkel und besucht die Lesungen, bei denen man nach einer Stunde gegen die Müdigkeit ankämpfen muss. Ich bin einmal eingetaucht in den Vanity Fair der Kulturbeflissenen und Hochmögenden, nie wieder… „Was meinen Sie, worin liegt die Aussage des lyrischen Werkes von Raoul Schrott?“
Oha, eigentlich keine Ahnung, und nein, dieser Form von Fachkonversation bin ich sowieso nicht gewachsen.

Der deutschen Lyrik fehlen das Gleichgewicht, die Passion und eine größere Gelassenheit bei dem Prozess, sich ihr persönlich anzunähern. Das Ungleichgewicht äußert sich im bereits erwähnten Missverhältnis zwischen Textausstoß und Lesefreude – es gibt unter dem Wust wunderbare Gedichte, die in ihm untergehen, es ist eine Kunst, sie zu finden, aber wenn man einmal eines gefunden hat, dann ist die Freude groß. Womit man bei der Passion wäre: Wenn die Gesellschaft Dichtung nicht mehr wertschätzt und sich nicht mehr an ihr erbauen kann, dann kann man auch ihren Niedergang nicht mehr wegreden.

Lyrik ist konzentrierter literarischer Genuss, er kann wie Dope wirken, doch man muss ihn sich selbst in aller Ruhe verabreichen.

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Posthum aus Texten von Hans-Wilhelm Precht

Von der Quantenphysik zur Quantenreligion

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Aus dem Nachlass eingefügt mit einem Foto, das Hans-Wilhelm Precht in der argentinischen Hafenstadt Ushuhaia zeigt.

Seit einiger Zeit erstreckt sich der Erklärungsanspruch der Quantentheorie über die naturwissenschaftlichen Grenzen hinaus: Sie nimmt den menschlichen Geist ins Visier. Versuch einer Zeitdiagnose.

Die Quantentheorie – weiss man mittlerweile – ist paradox: Einerseits ist sie das bisher erfolgreichste Instrument zur Erklärung der Natur; andererseits ist sie unverständlich, wenn man sie aus der Sicht des gesunden Menschenverstands interpretieren möchte. In dieser Notlage riet der Physiker David Mermin seinen Kollegen: «Mund halten und rechnen!»

Es lockt das Bewusstsein

Diesen Rat schlagen die Physiker in den Wind. Sie rechnen zwar fleissig, halten den Mund aber immer weniger zu Fragen, mit denen sich traditionell eher die Philosophen abmühen. Zum Beispiel hat es ihnen das Bewusstsein angetan. Das zeigte sich kürzlich an der Tagung «Das Grosse, das Kleine und der menschliche Geist» im Verkehrshaus Luzern, organisiert von der Neuen Galerie Luzern. Anlässlich der 9. Schweizer Biennale zu Technik, Wissenschaft und Ästhetik diskutierten Physiker, Neurowissenschafter und Molekularbiologen über die Frage nach der «mysteriösen Brücke» zwischen Quantenwelt und unserer klassischen Alltagswelt.

Spezialgast war der Mathematiker und Physiker Sir Roger Penrose von der Oxford University. Penrose sorgt seit zwanzig Jahren innerhalb und ausserhalb der Fachkreise für Aufsehen mit seinen Ideen über die Entstehung von Bewusstsein aus quantenphysikalischen Prozessen. Er setzt damit eine Tradition fort, die mit den Spekulationen der Pioniere der Quantenphysik in den 1930er Jahren anhob.

Anders als die Physiker damals kann sich Penrose heute auf eine entwickelte Neurophysiologie stützen, speziell auf Studien des amerikanischen Arztes Stuart Hameroff über sogenannte Mikrotubuli. Das sind winzige Proteinröhrchen, die in allen Zellkernen vorkommen und als molekulare Computer fungieren. Das Entscheidende: Sie weisen die typische Grössenordnung für Quanteneffekte wie Kohärenz auf. Kohärenz bedeutet, dass Quantenobjekte – Elektronen, Photonen, Atome oder eben auch Mikrotubuli – auf eine Weise zusammenhängen, für die die klassische Physik keine Beschreibung hat.

Effekte, die aus einem solchen Zusammenhang – der «Verschränkung» – resultieren, sind zum Teil höchst sonderbar. Hier eine Analogie zur Veranschaulichung: Spielte man im Basler St.-Jakob-Stadion und im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt zeitgleich mit zwei identischen, quantenverschränkten Fussbällen, dann würde die Beobachtung eines Baslers, dass der Ball einen Linksdrall hat, augenblicklich den entsprechenden Drall des Zwillingsballs in Mexiko-Stadt festlegen. Ein aus klassischer Sicht völlig unverständliches, ein – wie Einstein es nannte – spukhaftes Phänomen.

Diesen «Spuk» weisen die Physiker seit den 1980er Jahren experimentell nach – bei Mikroobjekten, die man möglichst störungsfrei von ihrer Umgebung isoliert. Normalerweise verrauscht dieser verschränkte Quantenzustand bei Makroobjekten wie Fussbällen innert kürzester Zeit infolge Wechselwirkung mit der Umgebung – er «kollabiert» und ist nicht nachweisbar. In ihren Fundamenten tickt die Welt zwar quantenmechanisch, aber dieses Ticken vernehmen wir im Bereich von gewöhnlichen Dingen wie Fussbällen, Uhren und Kühlschränken nicht. Viele Physiker sehen deshalb im Kollaps von verschränkten Quantenzuständen die Ursache für das Auftreten von klassischen Eigenschaften.

Penrose und Hameroff begnügen sich nicht damit und nehmen nun das Bewusstsein ins Visier, genauer: die neurophysiologische Vorstufe bewusster Prozesse. Sie vermuten, dass sich gigantisch viele Mikrotubuli quasi zu einem einzigen selbstorchestrierten Quantenzustand verschränken können und dass dessen Kollaps dann als ein «Bing» (Hameroff) registriert wird: als ein Elementarereignis in Hirnzellen, das, mit vielen gleichen Ereignissen zusammengeschaltet, unser bewusstes Handeln steuert. Penrose ist dabei der Meinung, dass die herkömmliche Quantentheorie nicht hinreicht als Erklärung. Sie müsse mit der Gravitation in einer neuen Quantengravitationstheorie aufgehoben werden.

Natürlich gibt es fachliche Kritik zuhauf: Die Physiker monieren, dass diese Theorie bis jetzt noch gar nicht existiert und dass das Kollaps-Konzept selbst strittig ist. Die Neurowissenschafter stört, dass Penrose und Hameroff die Standardmodelle der Hirnphysiologie umgehen, die mit Dendriten und Synapsen operieren.

Es gibt grundsätzlichere Einwände. Die Vermutung ist so abwegig nicht, dass eine Quantenphysik des Bewusstseins an dem vorbeisteuert, was der Philosoph David Chalmers das «harte Problem» genannt hat: Bewusste Erfahrung ist immer die Erfahrung aus jemandes Perspektive. Aber wie soll man dieses Faktum in einem physikalischen Weltbild unterbringen, das keinen Platz für solche Jemande bereithält? Gewiss, Bewusstsein hat ein physiologisches oder physikalisches Korrelat, aber dieses Korrelat ist eben gerade nicht das Bewusstsein. Vielleicht gibt es ja eine Physik, die den Geist erklären kann, allerdings wäre sie – dies als These geäussert – so beschaffen, dass wir sie nicht verstehen.

Paranormale Spinnerei

Auch wenn es sich bei der Quantentheorie des Bewusstseins um einen spekulativen Hochseilakt handelt, so bleiben Penrose und Hameroff in den Gemarkungen seriöser Wissenschaftlichkeit: Es handelt sich quasi um «normale» Spinnerei. Seit einiger Zeit schon grassiert nun freilich noch eine ganz andere Quantentheorie. Man werfe einen Blick in die Regale populärwissenschaftlicher Literatur. Es wimmelt nur so von «Quantentheoretikern». Deren Umkehrschluss ist von entwaffnender Simplizität: Quantenphysikalische Phänomene sind seltsam, also ist alles Seltsame quantenphysikalisch erklärbar. Weil eigentlich niemand diese Theorie versteht, lässt sich mit ihr alles verstehen. Das ist natürlich ein Denkfehler, aber seine Ausbeutung feiert Hochkonjunktur. Alles ist mit allem verschränkt kraft eines mysteriösen Quantenallzusammenhangs.

Begonnen hatte der ganze Zirkus im Übrigen mit den westöstlichen Weltumarmern der 1970er Jahre. Der Physiker Fritjof Capra schrieb damals das Buch «Das Tao der Physik», in dem er postulierte, dass die alte Hindumystik im Grunde Quantentheorie in metaphysischer Verpackung sei. Das Buch wurde zum Bestseller, um nicht zu sagen zur neuen Bibel all jener Hippies, die danach dürsteten, die durch wissenschaftliche Rationalität entzauberte Weltsicht wieder spirituell aufzufüllen. «Quant» liess diese Leute wie die heilige hinduistische Silbe «om» erzittern, aus deren Vibrationen das Universum entstand. Und das Wort vibriert bis heute in der Alternativ- und Esoterik-Szene.

Unisono tönt das Mantra der Quantenphilosophen, -mediziner und -magier um den ganzen Globus: Bewusstsein (Bing!) ist überall! Bewusstsein und Universum bilden ein einziges «verschränktes» Ganzes! 2008 titelte eine grosse deutsche Zeitung – wohlgemerkt im Wissen-Teil: «Die Seele existiert auch nach dem Tod.» Im Artikel heisst der Autor das Jenseits in der grossen Kohärenz willkommen und lässt dadurch den alten Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion elegant hinter sich.

Dem staunenden Publikum wird so ziemlich alles aus dem Zylinderhut der grossen Kohärenz gezaubert: Abnehmen, Homöopathie, geheimes Leben der Pflanzen, Ferien in Parallelwelten, Gespräche mit Toten, Glück, Geld, Unternehmenserfolg, Benzinsparen usw. Eine Schweizer Technikfirma beruft sich im Marketing ihrer Produkte explizit auf das Penrose-Hameroff-Modell, als ob es sich dabei bereits um rundum getestetes Wissen handelte. Wenig erstaunt stellt man dabei fest, dass die «Quantentheoretiker» immun sind gegen Kritik. Sie halten sich in ihrer Bewirtschaftung der Gutgläubigkeit schadlos an der Wissenschaft, spielen aber das Spiel Wissenschaft nicht mit. Ihre «Quantentheorie» verhält sich zur Quantentheorie – um hier Bertrand Russell zu paraphrasieren – wie Diebstahl zu ehrlicher Arbeit.

Die neue Königs-Wissenschaft

Woher diese Beschwörung der grossen Quantenkohärenz? Warum haben auf einmal alle ein tiefes Vertrauen in die Physik? Adelt es unsere Meinungen über die Welt, wenn wir sie im Namen der Quanten äussern? Ich wage mich an eine Zeitdiagnose. Hier offenbart sich ein Symptom der Post-Postmoderne: das rückfällige Bedürfnis nach einer universalen verbindlichen Weltsicht, offenkundig genug im erstarkenden religiösen Fundamentalismus. Mit ihrer Aura des Fundamentalen, Paradoxen, Mysteriösen erscheint die Quantentheorie wie geschaffen, dieses Bedürfnis auch von wissenschaftlicher Seite her zu stillen. Nachdem Vordenker der Postmoderne wie Paul Feyerabend, Jean-François Lyotard oder Richard Rorty der Wissenschaft ihre «absolutistische» Position in der Welterklärung abgesprochen hatten, hielt ein fröhlicher Markt von Weltdeutungen ohne Letztbegründungen Einzug: die Zeit des «schwachen Denkens».

Heute finden wir Evolutionsbiologie neben Kreationismus, Quantenmechanik neben Hindumystik, Biomedizin neben Ayurveda, Astrophysik neben Ufologie, Computerprognostik neben Teeblattlesen und was auch immer angeboten wird im unüberschaubaren Konsumtempel der Weltanschauungen, die alle ihre Geltungsansprüche erheben und gerade dadurch jegliche verbindliche Geltung unterhöhlen. Es mutet wie die tiefe Ironie einer Dialektik an, wenn in diesem Kuddelmuddel nun doch wieder eine «Königs»-Wissenschaft als heimliche Führerin Profil gewinnt, die Quantentheorie, die «es letztlich weiss». Die Alchemisten redeten früher vom Alkahest, von einem Elixier, das alles auflösen kann. Es scheint fast, als böte sich in der Quantentheorie ein moderner Alkahest an, ein universelles Lösungsmittel für alle Fragen.

In Memoriam

 

Hans-Wilhelm Precht, Autor aller Texte und Fotograf aller Bilder, ist am Freitag, den 6.Mai 2016 gestorben.

In letzter Abstimmung mit ihm bleibt sein Blog „deeplooker“ bestehen und man kann sich weiterhin an seiner hinter – und tiefgründigen Gedankenwelt erfreuen.

Wilhelm

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Ergänzung wegen vieler Nachfragen:

Auch seine Frau Friederike Precht, geb. Wall, ist in Folge dieser Tragödie ums Leben gekommen.

Friederike – „Riekchen“ für ihre Freunde, „Lüdde“ (plattdeutsch) für ihren Mann – war von Beruf Dipl.Volkswirtin mit einem Faible für Norddeutschland und vor allem für Leuchttürme, Zeichen eines Ziels, einer Sicherheit und einer Sehnsucht. Sie kannte von der Arktis bis zur Antarktis die Welt, aber Hamburg und der deutsche Norden waren ihr zuhause.

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 „Ich liebe das Meer wie meine Seele“ schrieb Heinrich Heine einmal auf Norderney. Es könnte auch Friederike gesagt haben, die einen großen Teil ihrer Jugend auf Sylt gelebt hat.

Wilhelm

 Zitat von Hans-Wilhem Precht:

 „Meine Freundin ist die Tastatur, sie ist geizig, will immer die schönen Sätze für sich behalten – manchmal falle ich einfach über sie her.“

Zitat über Hans-Wilhem Precht von Dirk C. Fleck:

Und diese Strukturen scheinen unumstößlich. Oder regt sich bei dem einen oder anderen angesichts der aktuellen Zustände noch Hoffnung? Mein vor kurzem verstorbener Facebook-Freund Hans-Wilhelm Precht, der einigen hier durch seine seltenen aber großartigen Veröffentlichungen vielleicht in Erinnerung ist und den ich ein halbes Jahr vor seinem Tod noch persönlich kennenlernen durfte, hat allerdings eine Hoffnung formuliert, die mir aus dem Herzen spricht und der auch ein Derrick Jensen nichts entgegenzusetzen hat:

„Er möchte seine Sinne für das Unverfälschte schärfen, er möchte zurück zu der umfassenden Natur, die zwar vor Ausscheidungen wimmelt, vor Aas und vor Millionen von Keimen, die aber nicht verdreckt ist, die keinen Unrat kennt und keine Müllberge – dann wird er die Landschaften wieder in sich aufnehmen, sie werden ihn aufnehmen, und er wird sie nicht nur wie ein Zuschauer von außen betrachten, dann wird er tief in die Natur eintauchen, bis zu dem Punkt, an dem sie sich mit ihm selbst aus allen gesetzten Spannungen und Gegensätzen löst. Dort, dort wo er nicht mehr allein ist, liegt seine wahre Existenz“.

 

Zitat über Hans-Wilhem Precht von Frank Turiaux:

Heute erst mitbekommen, dass er nicht mehr ist. Habe es befürchtet und heute die schmerzliche Bestätigung erfahren.. Einer meiner wenigen Mentoren in meinem Leben, auf die ich glücklich zurück blicken werde! Letzter direkter Kontakt am 11.11.2015, 17.55 Uhr. Stelle ihn auf eine Stufe mit Günter Gaus,  aber sehr viel freier im Denken und Leben, welches mein Leben für immer geprägt hat.

Werde Hans-Wilhelm Precht in meinem weiteren Leben sehr vermissen!

 

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Deutschland – ein Land wird entkernt

In meinem bisherigen Leben sah ich keinen Anlass, mich für Deutschland einzusetzen – ich blieb eher unbeteiligt, ich hatte unter Kopfschütteln die neuere Geschichte meiner Nation zur Kenntnis genommen und beobachte seit 20 Jahren mit Sorge den Verfall dieser Gesellschaft zu einer ökonomisch überbestimmten Zweckgemeinschaft, die andere Komponenten der Gemeinschaftlichkeit immer rigoroser verdrängt.

Die massenhafte, häufig sogar aggressive Abkehr der jüngeren Deutschen von Kollektivsymbolik ist ein Grund dafür, dass die Zuwanderungsgegner bei den Befürwortern einen anti-nationalen Hype auslösten, der sie paradox erscheinen lässt und der die Mehrheit weitgehend sprachlos macht. Selbst Soziologen und Psychologen können das Phänomen bisher nicht erklären, sie flüchten sich in seltsame Begriffsblähungen wie sozio-kognitiver Paradigmenwechsel. Ich wage zu behaupten, dass es noch nie zuvor in der Geschichte einen derartigen Hass in der Bevölkerung auf die eigene Bevölkerung gab, zumindest nicht in dieser rätselhaften Form.

Hier dominiert nicht, obwohl es mit einbezogen wird, der Hass auf das Establishment. Die Abneigung geht tiefer, sie ist auch nicht allein historisch begründet, sie ist umfassender, sie mäandert durch das gesamte Spektrum der als deutsch ausgemachten Eigenschaften, bis hin zu Gewohnheiten, die hierzulande in einem alltäglichen Sinne typisch wirken, wie etwa die Esskultur, die Einrichtungskultur oder das Freizeitverhalten. Inzwischen kann man sich nicht mehr sicher sein, was noch in und was schon out ist. Auf irgendeine Art deutsch zu sein, wird zu einem Spießrutenlauf, und bezeichnend daran ist, dass die Deutschland-Hasser gleichzeitig auf beiden Seiten vertreten sind, sie laufen bedenkenlos mit, wie moderne Derwische, die sich über unterbewusste Selbstkasteiung von der Erbsünde ihrer Herkunft befreien wollen – Derwische sind Sufis, sie gehören einer relativ kleinen islamischen Gemeinschaft an, die ihre Religionsausübung eng mit Elementen von Ekstase und Meditation verbindet. Doch bei uns machen sich bloß wenige Menschen Gedanken darüber, dass dieses Verhalten mindestens genau so irrational ist wie übertriebene Deutschtümelei.

Die Sünde wurde von den Kirchen in das christliche Selbstverständnis einbetoniert, unsere Sündhaftigkeit hat sich in der abendländischen Kultur verkrallt als quasi-anthropologisches Datum, das der Religion nicht mehr bedarf, es durchzieht die westliche Zivilisation. Wenn den Westmenschen jedoch ein unterschwelliges Gefühl von Schuld mit prägt und er sie keinem Gott mehr beichten kann, dann kommt er in ein Dauer-Dilemma, er wird in einen Spannnungszustand versetzt. Diese im Grunde dem Jenseits entstammende Spannung wird verstärkt durch die immer deutlicheren Widersprüche im Diesseits der Gegenwart, und damit verstärkt sich das Entlastungsbedürfnis. Die Gebrechen der modernen Welt sind Umweltzerstörung, Menschenüberfluss, ständige Kriege und falsch strukturierte Gesellschaften – zusammengefasst nehmen die Gefahren apokalyptische Ausmaße an. Das fühlen auch die Deutschland-Hasser, sie wollen, ohne es zu ahnen, diesen Bedrohungen etwas Handfestes entgegensetzen, indem sie die Erde in einem hysterischen Aktivismus von den Nationen befreien, worin sie eine der Wurzeln allen Übels zu erkennen glauben – und den Anfang soll natürlich die übelste aller Nationen machen: Deutschland, das Land, das ihnen ein düsteres Schicksal als Geburtsort zuwies.

Oben hatte ich eine Abkehr vieler jüngerer Deutscher von übergreifender Kollektivsymbolik als Grund für ihre Abneigung gegen das Heimatland angeführt – nun werden ansatzweise die tieferen Motive sichtbar: Nicht allein Wiedergutmachungsreflexe bestimmen hier das Verhalten, sondern vornehmlich der Wunsch, etwas heil zu machen, das erschreckend kaputt ist. Ein von Heil- und Erlösungsvorstellungen aufgestauter Druck bricht sich Bahn in Ersatzhandlungen. Hier rumort eine abwegige Variante von Sublimierung in den Köpfen. Bei der Sublimierung wird ein immanentes psychisches Problem, wie etwa dauerhaft unbefriedigtes Sexualverlangen oder Identitätsstörungen, dadurch erträglich gemacht, dass man es durch geistige Aktivitäten überdeckt und so scheinbar kompensiert – die Betonung liegt aber auf „scheinbar“ – denn diese von der Psychologie zumeist als konstruktiv eingestufte Art der Problembewältigung auf einer höhereren Ebene ist niemals ohne einen Realitätsverlust zu haben, so wie man ihn auch bei den erklärten der Feinden der Nation antrifft.

Mich erinnert das Kesseltreiben gegen die Deutschlandbewahrer an die gnadenlose Verteufelung des Rauchens – nur dass dieses Mal ein ganzes Volk zum Raucher erklärt wird, die Nation wird zum Nikotin, zu einem historisch und ethnisch verseuchten Gift-Cocktail. Mein Land hat sich innerhalb von wenigen Monaten in ein Laboratorium verwandelt. Vor meinen Augen vollzieht sich ein Großexperiment in vivo mit dem Ziel, eine Gemeinschaft von über 80 Millionen Menschen grundlegend umzugestalten. Doch selbst wenn nun alle Gutmenschen empört aufschreien, trägt ein solches Vorhaben deutliche Züge von Rassismus, warum? Weil dahinter die Phantasie einer Globalrasse mit nivellierten Eigenschaften steht, die in ihrer Gesamtheit gegenüber den Eigenschaften der vorliegenden Rassen zu bevorzugen seien – ich nenne das Zukunftseugenik über die systematische Angleichung des Menschen an eine milliardenfache Standard-Version. Vergessen wird dabei nicht nur, dass eine solche Vereinheitlichung in weiter Ferne liegen würde, sondern auch, dass diese Vereinheitlichung ein brachialer Prozess umgekehrter Selektion hin zu einer Pauschal-Menschheit wäre, die sich niemand ernsthaft wünschen kann. Es stellt sich die Frage, was hinter diesen Absichten steckt – ich gehe hier aber nicht weiter auf die Frage ein, weil die Antworten schon gegeben wurden und nachzulesen sind. Bei allem bleibt nach wie vor der böse Verdacht, dass mit Deutschland auch deshalb ein Sonderexperiment durchgeführt werden soll, um ungünstige ethnische Voraussetzungen durch Massenzufluss anderer Ethnien zu neutralisieren.

Es geht noch weiter nach unten, noch sind wir nicht bei der wahren Ursache für den Deutschland-Hass vieler Deutscher angekommen: Die Ursache des Heilungswahns ist letzten Endes Existenzangst. Die Furcht vor einer Welt aus den Fugen geht um, eine existenzielle Verzweiflung diktiert unerkannt das Geschehen. Alle die Fiebernden, die den Deutschen Angst vor Veränderungen vorwerfen, haben mehr Angst als die von ihnen Gescholtenen. Es gibt neben dem materiell-sozialen Hedonismus auch einen ideellen, der sich als sozial-romantisches Sendungsbewusstsein erdumfassend manifestiert – die narzisstische Umarmung der Schöpfung aus der Not heraus, und das Ergebnis ist fatal. Diese Pseudo-Linken mit ihren losgelassenen Schwachsinnsantifanten, die Gutmenschen, diese Claqueure der nationalen Extermination, sie sind zwar mehrheitlich nicht satt, sie sind auch nicht in der von ihnen verachteten Weise saturiert, aber sie haben es alles satt, sie haben vor allem sich selbst satt, ihr von jedem erdenklichen Konsumquatsch eutrophiertes Dasein. Die Linken wissen um ihre Nutzlosigkeit, sie erahnen beim Anschauen der Nachrichten ihre Bedeutungslosigkeit, sie hadern mit ihrer Marginalisierung unter dem Einfluss anonymer Mächte, und sie ärgern sich über ihre Feigheit, gegen die anzugehen sie in ihrem mickrigen Duckmäuser-Wohlstand nicht in der Lage sind. Durch die schier maßlose Aggressivität ihrer Parolen schimmert Entsetzen vor den Realitäten auf der Erde, anders lassen sich für mich Flüche dieser Art nicht deuten: „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ – „Nie wieder Deutschland“ – „Ich hasse Deutschland“ – „Deutschland verrecke“- „We love Volkstod“.

Von „America, you lousy piece of shit“ ist mir noch nichts zu Ohren gekommen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass man mit solchen Sprüchen in den USA schlechte Karten hätte. Ich kann mir in dieser Hinsicht auch kein anderes Land vorstellen, zum Beispiel wäre man in Frankreich über „La France, vous moche piece de merde“ bestimmt nicht begeistert. Wer als Deutscher Deutschland nicht mag, der darf das selbstverständlich offen sagen, und er darf sogar öffentlich verkünden, dass er Deutschland für ein Stück Scheiße hält – doch er darf sich nicht darüber wundern, dass die meisten Deutschen dann ihn selbst für ein Stück Scheiße halten, das ist ja nur konsequent. Einfühlungsvermögen in Bezug auf seine Bezeichnung kann sich eine Nation nicht per Dekret ausbedingen, es ist da, oder es ist nicht da. Der Landtag von Brandenburg hat als Antwort auf die Anfrage einer Abgeordneten mitgeteilt, dass der Fäkalspruch den Tatbestand der Volksverhetzung nicht erfülle – das war zwar weise, aber es wirkt unsäglich. Der Landtag hätte die Beantwortung dieser Frage aus Gründen der nationalen Ehre verweigern sollen.

Ein Tag in Ägypten

Am Nachtverhau rüstet die Dämmerung, am Nil
stampft der Morgen auf, will marschieren
Stählt sich das Licht, greift immer heller
nach dir aus, will dich umfassen, dich klein
machen vor dem Wüstentag, du kannst die Nacht
nicht bergen, nicht im Kokon des Blicklosen
deine Puppenruhe bewahren

Wiege heute nicht dein Herz, es wäre heute
zu schwer für die Feder von Maat
Dieser Tag nimmt Besitz, er zwingt dich
aus deinen verhaltenen Schatten
Suche heute nicht das Dunkel, Thot hat sich
im Schein des Mondes mit Maat vermählt, bald
wird ihre Feder dein leichtes Herz wiegen

Zwischenbilanz

Früh verzichtete er, ihm kann nicht viel genommen werden, er existiert in einer Verkleinerungsform, das Leben folgt dem Vorgang und passt sich an. Größe kann keinen Platz greifen, die Energien sammeln sich nicht, sie verströmen auf einem Glacis, wo sie leichte Ziele sind. Aus dem Dunkel wurde ihm das Leben zugeworfen, seine persönliche Wundertüte. Überall die Wundertüten, zahllos, massenhaft, die meisten ohne Wunder, dafür prall gefüllt mit allem was die Neugierde stillt. Das Dasein eröffnet sich durch einen Riss, er setzt sich fort, gibt eine Zone frei, in die gleichmütig die Zeit hinein treibt, um sich durch ihr Vergehen scheinbar abzuhandeln. Er er scheut Blicke in das Innere der Wundertüte, meidet Momentaufnahmen und Schnappschüsse, er will sich nicht unnötig bewegen in der dürftigen Möblierung seiner Gedankenwelt.

Er muss nicht sein, Anwesenheit ist kein Gebot, Leben kein Gesetz. Alles soll auf etwas zu laufen – schon so oft kam er an und lief vorbei, ging einfach weiter. Das ist kein Weg, kein Weg, der auf ein Ziel zu führt und das Ziel in sich birgt. Nullstellen bieten sich an, er besetzt sie, es sind Ruhepunkte in der Distanz zwischen dem Nichtigen, Orte seiner Einbildung vom Einklang. Im Verharren oszilliert eine kryptische Seligkeit. Er scheut Wendepunkte, will nicht von fremden Kraftschüben aus dem Verborgenen in andere Richtungen gelenkt werden. Manchmal geht er in die Stadt, um sich an der Weglosigkeit der Flächen zu berauschen – seine Ekstasen sind Menschen, die sich in der Leere drängen, er beobachtet fasziniert ihre Eile, wie sie sich im Vorbeigehen verhalten ohne zu verhalten, wie sie in jähen Blickkontakten miteinander umgehen, wenn sie sich umgehen, wie sie sich im letzten Moment unausweichlich ausweichen.

Mächtig sind die Hotelhallen, sie haben ihren eigenes Firmament – mit Bewunderung ist das Entree entrichtet. Der Concierge akzeptiert schweigend die Ehrerbietung des Besuchers vor dem hoch Aufragenden, noch fragt er nicht nach Wünschen. Fahrstühle gleiten lautlos an den Wänden auf und ab, Monstranzen mit Gebrauchswert, Devotionalien an den heiligen Algorithmus, Illusion von Schwerelosigkeit. In den Kathedralen zu beten, muss gestattet sein, der livrierte Page wird zum Messdiener, er schleicht an dem Besucher vorbei, als der seine Hände gefaltet hat. Dastehen, die Augen nach oben gerichtet – kein Gebet, ein Gefühl von Bedrückung beschleicht ihn, er kommt sich winzig vor, so wie es sein soll. Früher durften die Tempel vom Volk nicht betreten werden, sie waren den Kundigen vorbehalten, den Priestern, die den Göttern nah waren und die sich mit ihnen sogar vereinten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch heute sind die Götter für die meisten Menschen unnahbar, aber es gibt mehr Tempel – nur statt Altären sind es Rezeptionen für die Kunden, statt Steinblöcken sind es Glasfassaden, statt Säulen ist es die angemaßte Überwindung der Schwerkraft. Leichtigkeit soll sich mit Größe verbinden, welch ein Vorsatz – das moderne Pantheon strebt nach oben, nicht ins Innere.

Er findet keine Bilder von sich, nicht im Personalausweis, nicht morgens im Bad. Wie er manchmal die Frauen beneidet um ihre Spiegel, sie haben immer einen zur Hand, wie einen Schlüssel zu sich selbst, sie schauen prüfend hinein, ohne dass jemand daran Anstoß nimmt. Schönheit wird wie Gold begehrt, ein Mensch muss Wünsche haben… und seien sie noch so klein, noch so einfach, noch so profan – nichts fürchtet er mehr, als sie zu verlieren, das ist seine Angst. Die Vorstellung von einem wunschlosen Glück verwirrt ihn, Wünsche malen das Leben bunt aus, sie geben ihm Farbe, und auch wenn ihre Unerfüllbarkeit sie am Ende in Fetzen auflöst, so verdichten sich die Fetzen doch zu flüchtigen Schwärmen im Wind, der sie in Silhouetten von Sehnsucht verwandelt. Das sind Aussichten – daran kann er sich Augenblicke lang festhalten, an dem was er nicht greifen kann, an dem was er niemals begreifen will. Was dauert, das täuscht. Im Farbenspiel der Dämmerung kommt kein Fels einem Anblick gleich, der ihn bis in seine Träume begleitet. Harte Steine, Felsen, Granitblöcke aufgetürmt zu Pyramiden, sie alle sind Fallen der Zeit, mit denen sie die Menschen einfängt.

In Aufwallungen spürt er seine Verhärtung, möchte sie aufweichen, sie überwinden – er sollte zärtlicher sein, doch er findet niemanden, mit dem es ihm gelingt. Da waren Frauen, die seine Zärtlichkeit entgegennahmen, die sie absorbierten und dann nur wenig zurückgaben, da waren Kinder, die seine Zuwendung aufaßen wie ein Brötchen mit Marmelade, da waren mitfühlende Mienen, die sich auf einen Zuruf abrupt von ihm abwandten. Denken ist Gift für die Zärtlichkeit, seine Existenz verläuft von Tag zu Tag toxischer, schlimmer noch, er selbst hat sich zu einem Giftmischer entwickelt. Alles Sanfte eignet ihm nicht, ihm bleibt allein die Vision von Reinheit. Er möchte seine Sinne für das Unverfälschte schärfen, er möchte zurück zu der umfassenden Natur, die zwar vor Ausscheidungen wimmelt, vor Aas und vor Millionen von Keimen, die aber nicht verdreckt ist, die keinen Unrat kennt und keine Müllberge – dann wird er die Landschaften wieder in sich aufnehmen, sie werden ihn aufnehmen, und er wird sie nicht nur wie ein Zuschauer von außen betrachten, dann wird er tief in die Natur eintauchen, bis zu dem Punkt, an dem sie sich mit ihm selbst aus allen gesetzten Spannungen und Gegensätzen löst. Dort, dort wo er nicht mehr allein ist, liegt seine wahre Existenz.