Sei gegrüßt!

Hier ist mein Blog – leider habe ich von Blogs wenig Ahnung, aber immerhin funktioniert es, und ich kann hier meine Texte einstellen. Vielleicht findest Du manche davon interessant, vielleicht auch nicht…

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Veröffentlicht in Allgemein

Let’s do it

Bei den Startups scharren sie mit den Füßen
Bei den Joint-Ventures greifen sie um sich
Bei den Big-Deals laufen sie zur Form auf
Die fixen Entrepeneure des Money-Making
Die Virtuosen der Calls, Puts, Optionen und Futures
sie überschlagen sich im Cash-Flow, stürzen sich
über die Floating-Rates, sie schnellen in die Swaps
Die neuen Wilden, die disziplinierten Beutegreifer
im Dschungel der Kontrakte, im Lianengewirr
der Derivate, sie überflügeln sich, stählerne Flügel
heben sie mit ihrem Laptop auf den globalen Desktop
Die glattrasierten Bartgeier schweben, fliegen, spähen
nach Kadavern und Konkursen, äugen nach Aas und
nach Abschlüssen und mit einem Seitenblick
auf die Rückansicht federnder Stewardessen

Andere Orte

Wo ich mich wiederfinde
in den Fragebögen
werde ich mit einem Sternchen verziert
gebe Anlass zu einem Querverweis
auf das Kleingedruckte

Wo ich bin
unter dem Laminat des Personalausweises
werde ich reglos, gepresstes Abziehbild
durchnummeriert, maschinenlesbar
scannerkompatibel

Wo ich suche
in den digitalen Räumen
finde ich Partikel von mir, Bruchstücke
reduzierte Identität ausgelagert
mein Permalink zur Ich-Enklave

Wo ich herrsche
im Zirkus meiner Illusionen
bin ich ein clownesker Imperator
beklatscht, beweint
verlacht hinter vorgehaltener Hand

Wo ich zerstöre
in Reichweite meiner Fliegenklatsche
überzeuge ich mich von Toden
Insektenbeine, erstarrte Membranaugen
bestattet im Papierkorb

Wo ich lebe
in einer verflimmerten Versatzwelt
rücke ich meine Realitäten zurecht
Kontobewegungen, Müllabfuhr
Ich bin schon auf dem Weg

The Wörld Is Ours

Lemmy Kilmister, die Frontwarze von Motörhead, wollte nie Gott sein. Mit 1,80 wär‘ er sowieso nicht groß genug dafür, schnauzt er den Haufen Groupies an, die diesen Bullshit ablassen. Wie kann man bloß so blöde glotzen, hey? „God was never on your side“, grölte Lemmy schon vor zehn Jahren ins Mikrofon und „Piss off God, fuck you!“ Die Roadies von heute sind Schlaffis, die Groupies von heute haben keinen Schimmer, außerdem alle Bohnenstangen, Lemmy versteht die Welt nicht mehr – dabei fressen die sogar noch Knoppers, wenn man sie flachlegt. Immer diese miesen Storys, die einem angehängt werden… klar, Janis Joplin wurde von Southern Comfort gesponsort, aber Lemmy hat von Jack Daniels noch nicht eine einzige Flasche umsonst gekriegt, dass das mal klar ist.

Mittag, Lemmy macht sich noch einen Jacky-Cola und steckt sich eine ins Gesicht. Er hat aufgeräumt, sein Appartement in L.A. ist vom Feinsten, bloß zu voll mit Kram. Der ganze Mist muss weg, die Totenkopfbanner, die Nahkampfspangen, die Blech-Hakenkreuze, die Uniformmützen, alles raus. Hitler hatte was, aber er war ein bloody Megalomaniac, thats it. Es wird zu viel dummes Zeug gequatscht über Lemmy, bloß kein Schwein interessiert, dass er voll durchblickt – Pol Pot wuchs als Mönch auf und murkste zwei Millionen ab, Stalin wurde von seinem besoffenen Alten fast totgeprügelt, eine Million, und Mao hatte mehr als die beiden zusammen auf der Uhr, der ließ seine Schlitzaugen reihenweise killen, nur weil sie eine Brille trugen, so war das.

Einer von diesen Journalisten-Trotteln wollte mal von Lemmy wissen: „Was ist ein Whiskeyfeinschmecker?“ Kein Problem: „Na, edle Tröpfchen aus’m Hochland, hundert Jahre in Eichenfässern von schwulen Pfarrern bewacht. Der ganze Scheiß.“ Da wusste der Kerl nicht mehr weiter. Stimmt ja, Lemmy müsste weniger saufen – sagt sich so leicht, Ozzy Ozbourne ließ sich voriges Jahr in die Betty-Ford-Entzugsklinik einweisen und fragte als erstes, wo die Bar ist, das haut doch auch nicht hin. Würzel, sein Leadgitarrist, hat gerade den Löffel abgegeben, mit 61, der hat gesünder gelebt als er. Man könnte traurig werden, Lemmy macht sich noch einen Jacky-Cola, er legt die alte Hackensack-Scheibe ein, seine Trost-Scheibe „Live the hard way“ – zu wenig Bass, kommt aber trotzdem gut, das waren noch Zeiten damals, besser als dieser Grunge, mit dem sie einem jetzt die Ohren volldröhnen. Es gibt immer Lichtblicke, bald geht‘s nach Australien, zusammen auf Tour mit Mötley Crüe, die Jungs sind klassische Metal-Schule. Lemmy weiß auch schon, was sie als Opener hinschmettern werden: “Everything louder than everything else”.

für sie

in täschchen nach dem verlorenen lächeln kramen
zwischen eyelinern, lipsticks, zwischen makeups
des downgrades, die haut zu trocken, im sinkflug
von lockvögeln zu lebensspenderinnen, hangover
die wärmewesen zittern zu oft, feen im frost
stillend, still verzweifelnd vor ihren wundern
vor der lieblosigkeit der männerträume

Bahnhofsbekanntschaften

Wenn ich zur Seite schaue, wird mein Blick erwidert. Ich bin gern zu zweit. Manchmal wird meine Einladung abgelehnt, dann bleibe ich allein. Heute Abend diese leere Bank auf dem Bahnsteig, eine einladend leere Bank. Im Sitzen warten, ihn erwarten. Ich wusste, dass er nicht widerstehen kann. Aber sein Tag war anders. Seine Begegnung mit der Frau war von rotem Blut. Sie heißt Liebmich, ein schöner Name, darüber sind wir uns einig. Rotes Blut. Mich stören die Geheimnisse, die er vor mir hat, sie machen mich melancholisch. Er könnte offener zu mir sein, niemand hört uns zu, er weiß es doch. Er hätte mir vorher sagen sollen, dass Liebmich da ist. Das verzeihe ich ihm nicht, nicht so leicht.

Liebmich steht am Ende des Bahnsteigs vor dem schwarzen Loch, vor der Unterwelt. Die Unterwelt wird den Zug entlassen, er wird sich für Sekunden den Menschen öffnen und wieder entfliehen. Ein Zug muss vieles über sich ergehen lassen. Liebmich sei über die Rolltreppe gekommen, behauptet er. Ich glaube ihm nicht. Die Rolltreppe ist ganz in der Nähe, sie führt auf die Bank zu, auf der wir sitzen. Liebmich musste mich sehen, sie hätte bestimmt gelächelt, mir zugewinkt. Wahrscheinlich wäre sie gekommen und hätte sich neben mich auf seinen Platz gesetzt.

Das sind so seine Behauptungen. Er neigt dazu, sie verletzen mich, da wo die Gedanken in den Kopf eintauchen. Angeblich wäre Liebmich schon vorher dagewesen, sie hätte schon vorher hinten am Bahnsteig gestanden vor dem schwarzen Loch, aus dem der Zug hervorschnellt. Ich wäre ihr hinterhergelaufen, das behauptet er. Ich muss mich sammeln, ich werde ihm so lange mit meinem Schweigen zusetzen, bis er verschwindet. Man kann nicht ständig Leute um sich haben, jeder braucht seine Ruhe. Doch er bleibt. Genug ist genug, ich schreie ihn an.

„Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“
Vor mir steht ein Mann in Uniform.
„Es ist nichts. Ich habe mich nur geärgert.“
„Mensch ärgere dich nicht.“ Der Mann in Uniform lacht, er beweist seinen Humor, er braucht keine Zeugen, er will mich aufheitern, das steht ihm nicht zu, dazu habe ich ihn nicht aufgefordert. Ich mag keine Anzüglichkeiten, man ist ihnen ausgesetzt, diesen Zubilligungen von Mitgefühl, Wärmekrümel, achtlos hingestreut wie Taubenfutter.
„Wann kommt der Zug?“, frage ich.
„Gleich.“

Verlassen hat er mich. Nun vermisse ich ihn. Ich hätte ihn nicht anschreien dürfen, er ist empfindlich. Er lässt sich nicht mehr blicken, es kommt vor, dass er tagelang schmollt. Der Zug wird gleich einfahren. Wenn ich zu Liebmich will, dann wird es Zeit. Mein Weg führt dicht an dem Mann in Uniform vorbei, der Mann hat sein Gesicht verloren, er sucht es. Wenigstens kann er mir nicht mehr nachblicken und mir Glück wünschen. Ständig wünschen die Menschen anderen Menschen Glück. Als ob Glück wünschbar wäre. Dem Mann in Uniform ist alles zuzutrauen, ich beschleunige meine Schritte, ich lasse ihn unendlich weit hinter mir. Der Bahnsteig ist lang. Kurz vor dem Ziel werde ich überrascht, er springt hinter einer der mächtigen Säulen hervor, die das Bahnhofsgewölbe tragen. Er ist wieder da. Wir begrüßen uns nur kurz, man kennt sich. Ich flüstere ihm zu, dass ich das rote Blut sehen will. Er wendet sich ab, er wirkt bekümmert.

Liebmich sieht blass aus neben dem schwarzen Loch, aus dem der Zug im nächsten Moment hervorschnellen wird. Kein rotes Blut. Sie streckt mir ihr Gesicht entgegen, ihr Sehnen, sie breitet ihre Arme weit aus. Seine Warnung ist unnötig, ich fühle, dass ich sie nicht umarmen darf, sie würde zu weinen anfangen, sie würde in mich hinein zerbrechen. Und dann steht er einfach daneben. Auch ich breite meine Arme aus. Wir beugen uns vor. Unsere Augen sind es, unsere Münder, sie treffen sich, zwei offene Münder, die sich aneinanderschmiegen, eine Zunge ertastet die andere, sie umschlingen sich im Speichelschaum. Liebmich schaut mir in die Augen, unsere Augen werden ein Sehen, unsere Blicke verschmelzen, ein einziger Lichtraum, in dem wir uns vereinigen.

Der Zug ist ein wütendes Ungeheuer, plötzlich steht es neben uns, es faucht, zischt, will uns überschlucken, uns fressen.
„Einsteigen!“ Vor mir steht der Mann in Uniform, er hat sein Gesicht wiedergefunden, es hat sich verbogen, es passt nicht mehr genau, es ist verkantet, gratige Risse am Kopfrand. Der Mann in Uniform verdeckt ihn, er lugt hinter dem Mann in Uniform hervor und winkt mir aufmunternd zu. Ich soll mit Liebmich alleine wegfahren. Er bleibt auf dem Bahnsteig zurück, zusammen mit dem Mann in Uniform, hier, nachts in diesem Bahnhof tief unter der Erde.
„Einsteigen!“
Liebmich ist unentschlossen, sie zögert einen Augenblick zu lange. Ich packe sie, da entgleitet sie mir, ich fühle, wie sie noch im Sturz zerfällt, wie sie aufschlägt auf dem Schotter zwischen der Bahnsteigkante und den Gleisen. Der Mann in Uniform hat mich in den Zug gestoßen, ich stolpere hinein, erschrockene Blicke von Fahrgästen, die nichts verstehen. Die Fahrgäste verstehen nichts. Ein freier Platz neben einer dicken Frau, Körperkontakt, flüchtig, voneinander abrücken. Schlecht wie nie fühle ich mich, niemand ist mehr bei mir, ich kann nur ein Wort denken: Liebmich.

Licht aus, Spot an

Wir wollen es am späten Abend machen, wenn die Träume zwischen den Wänden um sich schlagen, wenn sie einbrechen in die Kabuffs zwischen den Ohren, wenn sie in den Innenwelten zwischen die Paravents mit den Fototapeten schleichen, tünchen, eilig retuschieren – dann haben wir Ruhe, dann, draußen vor dem Geheul der Illuminationen, lähmen wir die knallenden Peitschenlampen und sehen, wir knicken die Lichtstrahlen vor den Kinos, verschleudern die Displays, zürnen den Leuchtreklamen, bis sie ersterben, bis sich Millionen Glühbirnen aus den Gewinden schrauben und sich die Neonröhren ausfließen – dann sehen wir, wollen die Dunkelheit gewinnen, die Totalität der Schwärze. Wisset, ihr eklektisch funzelnden Lichtgestalten, die ihr aus den Koital-Steckdosen herausgezuckt seid und die ihr ungeerdet im Wechselstrom eurer elektrisierten Sehnsüchte Existenz halluziniert – wisset, dass ihr nur sehen könnt, wenn die Blicke nur noch suchen – wisset, ihr schwachbrüstigen Elektromagneten voller Hirngespinste, Heulanfälle und Hämorrhoiden, wisset dass ihr erst erkennt, wenn euch nichts mehr vor dem Nichts im Augenweg steht, kein Oszillieren, keine magmatischen Protuberanzen, kein Abglanz vor dem Horizont, wenn keine angeknipsten Halos mehr um eure Kakerlaken-Kosmen wabern. Erst wenn sich im tiefsten Dunkel des göttlichen Schattens die Welle mit dem Korpuskel vereint – erst dann wird euch ein Licht aufgehen.

Immer diese Anderen

Wietse van Ammeren fliegt auf ihrem Rennrad durch das Rheiderland. Dieses Gefühl, über eine schnurgerade Straße durch die leere Landschaft fliegen, wo nichts den Blick hält, nicht denken – treten, treten, treten, den Glutball jagen, ihn verfolgen, in ihn hineinrasen wollen, bevor er versinkt. Wietse möchte das Dorf erreichen, bevor es dunkel wird. Dort gibt es eine Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern.

Auf dieser schnurgeraden Straße steht zur gleichen Zeit ein Mann, etwa zwei Kilometer entfernt. Boon Bathoorn bleibt ruhig. Er ist der Großbauer von der Hofstelle Kostverloren, ihm gehört das meiste Land hier. Ruhig bleiben – doch sie kommen. Sie kommen, die Anderen, sie sind da. So wie es der Alte vorausgesagt hat. Er hätte nicht alleine fahren sollen, er hätte einen Knecht mitnehmen sollen.

Die Grote Mandränke, das zweite große Massenertrinken in der Sturmflut von 1634, in der mörderischen Burchardi-Flut. Auch das Dorf Rungholt wurde von der Flut ausradiert, wie andere Dörfer, untergegangen im Dollart an einem einzigen Tag. Überall trieben die Leichen auf dem Wasser, man musste sie in Sammelgräbern beerdigen. Das steht in den Annalen.

Als vor sechs Jahren der Straßenverlauf begradigt wurde, kam der alte Druivenga über die Wiese angestolpert, auf die Baustelle zu. Boon Bathoorn kann so leicht nichts erschüttern, im Frühjahr schlug er einen durchgedrehten Ochsen mit dem Vorschlaghammer tot und verzog dabei keine Miene. Aber damals, beim Anblick des Alten schreckte er zusammen: Das Böse war in seinen Augen, es glühte in seinem Blick, aus einer irren Angst heraus. Er war mit einem Mal ein Fremder. Druivenga kämpfte mit sich, Boon konnte es sehen, der Alte kämpfte. Er schrie die Arbeiter an, spuckte aus, sabberte, grölte wild herum. Dann holte er mit seiner halbleeren Genever-Flasche gegen die Baumaschinen aus, schlug die Flasche auf einem Bagger kaputt, immer wieder, ganz kaputt, bis ihm das Blut hellrot aus der Hand spritzte.

Wietse van Ammeren liegt auf dem Boden. Sie kann noch nicht richtig denken, ihr Kopf, sie versucht sich klarzumachen, was passiert ist. Gestürzt, halsüberkopf vom Fahrrad gefallen, aber wenigstens funktioniert das Denken noch. Nur das Bein tut weh, das linke. Trotzdem gelingt es ihr, aufstehen. Zuerst auf die Knie, irgendwie, auf den Knien hocken und sich dann mit den Händen abstützen – Pause, mühsam rappelt sie sich wieder hoch, kommt endlich in den Stand, sie wankt ein bisschen, doch sie steht.

Sie kann sogar gehen, immer langsam einen Fuß vor den anderen setzen. Da am Straßenrand, ihre schöne Rennmaschine, das Vorderrad total verbogen, irreparabel. Was ist los? Wietse van Ammeren fühlt, dass sie nicht allein ist. Die Dämmerung nimmt zu, die Konturen beginnen schon zu verschwimmen, die grünen Wiesen sind dunkelgrau geworden. Sie schaut sich nach allen Seiten um. Niemand da, keine Menschenseele, aber da sind diese Geräusche. Ein Ächzen aus der Ferne, ein Rumoren, ein Platschen in den Entwässerungsgräben. Nichts zu erkennen, nichts. Mit einem Schlag fällt ihr wieder ein, wie es zu dem Sturz gekommen ist – sie will hier nicht bleiben, keine Sekunde länger, sie humpelt los, nein, sie humpelt nicht mehr, sie rennt.

Boon Bathoorn hat sich hinter die offene Fahrertür seines Jeeps zurückgezogen, der Schlüssel steckt. Sie kommen, die Anderen, sie sind da. Meistens kommen sie im Herbst, meistens kommen sie kurz vor Vollmond. Vor seit sechs Jahren begann es, seitdem werden im Rheiderland Menschen vermisst. Zuerst sind es nur Schatten, schwarze Quallen, die aus dem Nichts auftauchen, schemenhaft, kaum auszumachen. Langsam setzen sich ihre Silhouetten schärfer ab vor der Weite der Polder im Mondschein. Sie torkeln, sie wanken, doch sie sammeln sich. Boon sieht das Aufblitzen von Reflektionen im schwindenden Sonnenlicht, er sieht Arme hochzucken. Er hat sich auf die Unterlippe gebissen, das Blut im Mund schmeckt bitter.

Sie sind näher gekommen, Boon Bathoorn hat sich hinter das Steuer geworfen und ist mit aufheulendem Motor davongejagt. Nun rollt der Jeep auf den Platz zu, wo der Polderkanal in den Staadskanal einmündet. Die Stelle hat ihm einmal der alte Druivenga beschrieben, es ist die richtige Stelle. Als die Scheinwerfer eine Gestalt erfassen, tritt Boon hart auf die Bremse. Beinahe wäre er mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe gestoßen. Das Zittern hat sich angekündigt, in diesem Moment überfällt es ihn. Er reißt sich zusammen, er erkennt eine junge Frau – die Kupplung bleibt durchgetreten, der erste Gang ist eingelegt. Die Frau gestikuliert und läuft auf ihn zu.

Boon hat das Fenster nur einen Spalt breit geöffnet. Immerhin macht sie in ihrem Sportdress einen sehr lebendigen Eindruck. Das Mädchen blutet an einem Bein.
„Unfall?“
„Endlich kommt jemand!“ Wietse van Ammeren ist sichtlich erleichtert, sie ist noch außer Atem, sie redet hektisch auf den Mann im Auto ein. „Bin gestürzt, mit meinem Rennrad, voll über den Lenker geflogen, zu abrupt gebremst. Vor mir war auf einmal irgendetwas – dachte ich, Leute oder so, aber…“
„Wir müssen hier weg“, sagt er scharf, „Du bist verletzt?“
„Nur am Oberschenkel, Schürfwunde. Ich bin ins Gras geflogen, ich konnte mich abfedern, so einigermaßen.“
„Steig’ ein!“, blafft er das Mädchen an. „Wir müssen weg hier, aber ich muss noch eben etwas erledigen, dauert nicht lange.“
Seine Augen suchen sorgfältig die Umgebung ab. Nichts, nichts außer den Linien der Gräben, die sich im Grenzenlosen treffen. Die Dämmerung geht in die in Nacht über, keine Wolke am Himmel, aber der Mond. Ganz dunkel wird es heute nicht werden.

„Mein Fahrrad muss mit“, erklärt Wietse, als sie neben ihm sitzt, „nicht ohne mein Rennrad, das war teuer.“
„Morgen.“
„Von wegen – morgen ist es geklaut. Wir holen das Rad sofort, oder ich ruf‘ die Polizei an.“
„Mach‘ was du willst.“ Auch noch frech werden, Boon ärgert sich über das vorlaute Mädchen, aber er ist im Stillen froh, nicht mehr allein zu sein, er lenkt ein. „Gut, wir holen dein Fahrrad gleich. Ich muss nur vorher noch das Schwein ausladen. Hier, nimm mal kurz das Gewehr!“
„Igitt!“ Wietse van Ammeren kann nicht fassen, was vor sich geht. Der Kerl hat ihr eine Flinte in die Hand gedrückt, er hat eine Jutedecke auf der Rückbank hochgeschlagen, und nun blickt sie mit großen Augen auf zwei Schweinehälften. „Warum willst du denn das Schwein ausgerechnet hier ausladen, hier in dieser einsamen Gegend?“
„Es wird abgeholt, ein alter Brauch.“
„Ehrlich?“

Seit drei Jahren legt Boon Bathoorn zwei Schweinehälften aus, immer im Herbst um diese Zeit, immer an diesem Platz. Am nächsten Tag sind sie weg, jedes Mal. Aber es lohnt sich. Seit drei Jahren kam kein Mensch mehr zu Schaden, und es wird auch niemand mehr vermisst. Die Staatspolitie hat längst aufgegeben, sie ist abgetaucht, er kann die blöden Witze am Telefon nicht mehr hören.
„Gib mir das Gewehr!“ Boon steht vor dem Jeep, er hat Kraft, er hat die erste Schweinehälfte mit Leichtigkeit geschultert. Die Stelle ist nur ein paar Schritte entfernt. Genau hier, am Rand des Kanals will er seine Last ablegen, da hört ein tiefes Gurgeln, ein Röcheln. Der Uferschlick vor ihm hebt sich, er hebt sich weiter, bis eine schlammbedeckte Gestalt daraus hervorkriecht, sie stöhnt, noch nie hat Boon so ein Stöhnen gehört, er lässt die Schweinehälfte fallen, er greift nach seinem Gewehr, in einem Sekundenbruchteil zielt er – die Gestalt reißt die Arme hoch, abwehrend, Knochenarme, an denen skelettierte Hände hängen. Boon will schießen, doch plötzlich erkennt er ihn.
„Druivenga! Um Gottes willen, Druivenga!“ Sein rechtes Auge hängt heraus, er hat ein klaffendes Loch in der Stirn, die halbe Nase ist abgebrochen, er starrt vor Dreck – aber Boon Bathoorn erkennt seinen alten Knecht, den er vor vier Jahren beerdigt hat. Er schießt, ein lauter Knall hallt durch die unendliche Weite des Rheiderlandes, er schießt noch einmal, dann hört er hinter sich den Schrei.

Boon Bathoorn handelt kaltblütig. Er schiebt blitzschnell zwei neue Patronen in sein Gewehr nach und läuft in einen besseren Winkel zum Jeep, um das Mädchen nicht zu gefährden. Er zielt, er zielt präzise, lädt wieder nach, schießt, lädt immer wieder nach, er schießt und schießt, bis sich die Traube um das Auto herum aufgelöst hat. Die Fahrertür ist frei, Boon rennt los, reißt die Tür auf, wird am Bein festgehalten, eine schmerzhafte Kralle, wie ein Wilder hämmert er mit dem Gewehrknauf auf die Hand ein, dann ist der Arm zertrümmert, er kann hineinspringen, die Tür zuschlagen, den Motor anlassen, Gas geben.

Sie rasen durch die Nacht. Sie rasen schon zehn Minuten lang auf der schnurgeraden Straße durch die Nacht. Schweigend. Wietse hat sich an Boon angelehnt, ihr Kopf sucht seine Halsbeuge, das Zittern nimmt langsam ab, verschwindet schließlich ganz.
„Was ist mit dem Fahrrad?“, fragt er.
„Ich will es nie wieder sehen.“

Yankee-Sugar

Er heißt Rolf, aber alle nennen ihn Yankee-Sugar oder auch einfach Sugar. Sugar ist eine internationale Größe im Affiliate-Marketing, aber leicht strange, er ernährt sich fast ausschließlich von Cookies, die er aus Amerika einfliegen lässt: Brownies, Muffins, Bagles, Donuts. Sein absoluter Renner ist “Fluff”, eine homemade Marshmallow-Creme mit Cranberry-Geschmack von einer private Bakery aus Tallahassee. In Florida hat Sugar sein Eldorado gefunden, er jettet so oft wie möglich rüber, auch wenn er dort mit seinen 280 Pfund manchmal ins Schwitzen kommt.

Zwischen Boca Raton und Pompano liegt das Miccosucee Coconut Grove, sein Stamm-Hotel. Als der Rezeptionist Yankee-Sugar hereinstampfen sieht, verschwindet er sofort nach hinten, um die vorbestellten Schachteln zu holen, einen Stapel Nibble-Boxes mit Cookies der Firma „Leos Gourmandizer“, alle einzeln verpackt: ein Miss Chocoholic, ein Berry Berry Lady, ein Mrs. Crumbleberry, zwei Heidi On The Alm und zwei Sugardude.
„Too warm for the cookies“, grunzt Sugar statt einer Begrüßung. Der Rezeptionist heißt Solomon, er soll die Sachen gefälligst wieder in den Kühlschrank zurückpacken.
„Back in the fridge?“
„Yeah.“

Der Flug war anstrengend, das Essen ungenießbar, damn indischer Stuff mit Zitronengras. Sugar ordert bei Solomon „Pancake Special“ mit echtem Ahornsirup, dazu ein Glas Fluff und Redbull. Für den Durst hat er sich ein eiskaltes Rootbier auf die Terrasse mitgenommen. Hier unter den Palmen sitzt es sich super-angenehm. Sugar streicht sich über seine Glatze, kaum Schweiß. Vor ihm der Highway, dahinter die Beach, auch richtig Traffic da und haufenweise hot Chicks. Sein Entschluss, nach Florida zu gehen, steht fest, es gibt keinen cooleren Platz auf der Welt.

Solomon kommt mit einem Berg Pancakes. Lecker, looks delicious – die Boys von der Hotelküche wissen, was er braucht. Nachdem Sugar alles weggeputzt hat, holt er den Kautabak aus der Hosentasche, natürlich Sweet Black Pig von Gawith Hoggarth, ein anderer kommt nicht in Frage. Das Rauchen hat er cancelled, nervt nur in den Staaten, aber Kauen mit Redbull kommt genauso gut, wenn nicht sogar besser. Gleich heute nach dem Lunch hat er ein Meeting, könnte tuff werden, das Syndikation-Business wird härter, mit dem Cookie-Tracking muss man sich immer mehr in Acht nehmen, doch wenigstens läuft es beim Keyword-Advertising, da ist noch viel Luft. Yankee-Sugar seufzt zufrieden… nicht ganz zufrieden – zu den Girls fehlt ihm noch das passende Add-on.

Der Ringer beim Pulloverkauf

Der Ringer beim Pulloverkauf beobachtet auf dem Weg ins Kaufhaus diese Vorfälle: Als eine Giraffe in der Straßenbahn stolpert, richtet sich der vierbeinige Gregorio Scarta, seines Zeichens kriminalistischer Schäferhund, auf und wird kurzweilig zum Zweibeiner, der beim Fahrkartenkontrolleur einen Bourbon ordert und vom ihm bekommt, bevor er das gefleckte Savannen-Fluchttier befragt, warum es sich seinem Wesen unentsprechend geduckt in einem überdachten öffentlichen Verkehrsmittel aufhält – die Giraffe jedoch pocht statt zu antworten mit ihrem linken Vorderhuf auf einen Eisblock mitten im Durchgang der Straßenbahn, in dem ein tiefgekühlter Mittelstürmer erstarrt verharrt, ohne im Besitz eines gültigen Fahrausweises zu sein, woraufhin der dem Fahrkartenpflichtgesetz verpflichtete Fahrkartenkontrolleur mit seinem metallenen Kleingeldabzählkasten auf den tiefgekühlten Mittelstürmer einschlägt – allerdings bleibt der Schlag auf den Schädel physikalisch bedingt wirkungslos und lässt den Mittelstürmer durch die Reflexionen des Eismantels hindurch zu einer Schönheit werden. An der nächsten Haltestelle klärt Straßenbahnrevisor Chico Pipa, der dem Schäferhund Gregorio Scarta seine vergessenen Socken bringen will, die angespannte Situation auf, er ruft seinen Chef Carlo Manzoni an, der verfügt, dass die Giraffe ab sofort zu Fuß gehen muss und dass der Mittelstürmer nach dem Auftauen den doppelten Fahrpreis zu entrichten hat.

Hinterm Mond

Ausschwärmen in den Deep Space
Die Stanislawlemminge ergießen sich
in den kelvinkalten Kosmos
Verlassen der Wüstenplanet
Sagans Sendboten und Lensmen
hyperventilieren durch das Vakuum
Die Quasare quellen aus dem Nichts
Arisier aus Castrop-Rauxel jagen
Eddorier vor dem Pferdekopfnebel
beamen sich zu den weißen Zwergen
Unter algorithmischen Zuckungen
befackeln sie die dunkle Materie
mit Laserstrahlen und Votivkerzen
Die fiebernden Synapsen setzen
Himmel und Hölle in Bewegung
Apfelbäumchen pflanzen
in den schwarzen Löchern